Quelle: Archiv MG - ASIEN SUEDKOREA - Noch eine geteilte Nation
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Internationale Heimatkunde: Südkorea
NOCH EINE GETEILTE NATION, DIE NICHT ALLEINE LEIDET
Im Unterschied zum gelobten W i r t s c h a f t s w u n d e r
am Han ist die üble Nachrede, die Republik Südkorea wäre eine Mi-
litärdiktatur und ein Polizeistaat, zur Zeit etwas aus der Mode
gekommen. Augenblicklich zählt mehr der hoffnungsvolle Blick auf
die erreichte Demokratisierung. Die ist leicht daran zu erkennen,
daß das koreanische Volk seinen Generälen im politischen Amt eine
nicht vorgesehene Wahl abgetrotzt haben soll. Auch hier wurde das
urdemokratische Vertrauen ins Volk nicht enttäuscht. Mit Mehrheit
und mit kleinerer Wahlbetrugs-Nachhilfe haben die Südkoreaner den
vom bisher regierenden Präsidenten zum Nachfolger ausersehenen
Roh Tae Woo im neuen Amt bestätigt.
Jetzt sprechen die fortgesetzten Tränengaseinsätze der Polizei
und die weiteren Verhaftungen der Studenten, die ihre Enttäu-
schung über den Wahlausgang gewaltsam demonstrieren, nicht mehr
gegen eine D i k t a t u r, sondern f ü r demokratische
S t a b i l i t ä t. Und die ist vor allem gut für die Olympi-
schen Spiele, die dieses Jahr in Seoul stattfinden.
Friedlicher Treffpunkt der Jugend
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Dieser um Zentimeter und mit Dopingnachweisen geführte
"friedliche Wettstreit" soll sich nur in einem "unpolitischen
Klima" so völkerversöhnend entfalten können, wie es den Hütern
und Liebhabern der nationalen Konkurrenz, Abteilung Sport, vor-
schwebt. Sehr einleuchtend, daß die Wahl des IOC da auf einen
Staat fiel, der für ein imperialistisches Programm steht: ein
Stück "Dritte Welt", das keine Militärdiktatur scheut, um seine
Aufgabe als Vorposten der Freien Welt zu erfüllen. Ein Extremfall
von "Entwicklungsstrategie" wurde da - ganz "unpolitisch" - olym-
pisch ausgezeichnet. Obendrein bot die Wahl dieses Austragungs-
orts nach den Querelen um Moskau und Los Angeles die Gelegenheit,
den Osten erneut auf seine Sportsgesinnung zu überprüfen. Liegt
den Funktionären mehr an ehrlicher Völkerfreundschaft oder an den
Empfindlichkeiten ihres Verbündeten Nordkorea?
Die Generalprobe des nationalen Ereignisses, die 1987 abgehalte-
nen Asienspiele, haben die Veranstalter nach einhelliger Meinung
aller Experten mit Glanz bestanden. Um deren friedlichen Ablauf
zu gewährleisten, wurde vorsorglich eine Viertelmillion Menschen
in Haft genommen und vor den neuen Stadien für deren Bau Slums
abgerissen und deren Bewohner vertrieben wurden - sorgte ein mar-
tialisches Polizeiaufgebot für die rechte Stimmung. Jedenfalls
brauchte die verstärkt präsente US-Flotte in den Häfen Südkoreas
nicht ins Spielgeschehen einzugreifen.
Wie sollten Funktionäre der olympischen Idee, denen das Herz
übergeht, wenn der Präsident des Landes bei den Eröffnungsfeier-
lichkeiten sein Militär in Reih und Glied aufmarschieren läßt,
daran auch etwas Anstößiges finden? Dennoch wollten sie noch im
Sommer, als es in Südkorea zu den mächtigsten Demonstrationen
seit langem und zu landesweiten Streiks kam, darin eine Gefahr
für den Wettstreit Marke 'Deutschland vor, noch ein Tor!' ausge-
macht haben.
Das sonderbare Bedürfnis nach Demokratie
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Auch koreanische Politiker wissen keinen besseren Grund zu benen-
nen, warum die bisher durch Militärcoups und diktatorische Voll-
machten bestimmte Entwicklung ihres Landes jetzt auf demokrati-
sche Beine gestellt werden mußte, zumal sie dabei gleich noch den
übergreifenden Zweck von Militärdiktatur und demokratischem Re-
gieren aussprechen:
"Die nächste Regierung darf keine Übergangslösung sein, weil sie
mit dem strahlenden Ruhm eines friedlichen Machtwechsels die
Olympiade über die Bühne bringen soll." (der neue Präsident Roh
Tae Woo, Far Eastern Economic Review, 4.6.87)
und etwas genauer am Thema der Oppositionspolitiker Kim Young
Sam:
"Politische Stabilität ist lebensnotwendig für eine erfolgreiche
Olympiade. Der Extremismus wird verschwinden, wenn erst demokra-
tische Verhältnisse wieder eingerichtet sind." (FEER, 10.7.87)
Lassen wir einmal die alten Sprüche über einen Zusammenhang von
Demokratie und "Stabilität" beiseite - in Südkorea stimmen sie
noch weniger als anderswo. Da wird schon eher das Argument vom
Ansehen des Staates in der Welt stimmen - bei einem Staat, der
bei aller selbstverständlichen Anerkennung allemal auf die Maß-
stäbe achten muß, an denen auswärtige Politiker ihn messen. Das
demokratische Wunder, als der designierte Nachfolger und Freund
des bisherigen Präsidenten im Juni ankündigte, sich dem Volk in
freier Wahl zu stellen, ereignete sich zwar anläßlich der Unruhen
in Seoul, verdankte sich aber der Botschaft eines für südkoreani-
sche Politiker glaubwürdigeren Absenders:
"Für die Zukunft der Republik Korea und unserer beidseitigen Be-
ziehungen ist es entscheidend, daß jede neue Verfassung und ihre
Gesetze zu einer repräsentativen Regierung führen und ein offe-
neres und legitimeres politisches System schaffen." (Sigur, Osta-
sienexperte der US-Regierung, FEER, 12.3.87)
"Unser Rat lautet, den Dialog zwischen Regierung und Opposition
wiederaufzunehmen, damit eine Methode gefunden werden kann, eine
demokratische Tradition einzurichten, mit der beide Seiten zu-
frieden sind." (US-Außenminister Shultz, Times 29.7.87)
Während Präsident Chun vorher den studentischen Massen den ge-
wohnten Umgang angedroht hatte - natürlich wegen der Rettung der
Olympiade -:
"Ich werde mit aller Gewalt die gesellschaftliche Ordnung wieder-
herstellen, die in jeder Übergangsperiode verlorenzugehen droht.
Ich kündige allen, die versuchen wollen, ein soziales Chaos zu
erzeugen, harte Behandlung an." (FEER, 23.4.81),
verspürte er etwas später
"den dringlichen Wunsch, die ständigen Übergriffe, die unsere
bisherige politische Geschichte verunziert haben, zu beenden. Ich
habe den antiquierten politischen 'modus operandi' satt, den
Wortbruch unserer Führer und den zur Gewohnheit gewordenen Be-
trug, nur um für sich selbst und die eigenen Anhänger Vorteile
herauszuschlagen." (FEER, 23.8.87)
So bekam die politisch-parlamentarische Opposition wieder eine
Aufgabe, für die der "radikalere" Kim aus seinem Hausarrest ent-
lassen wurde. Da traf es sich gut, daß die Amerikaner dem Präsi-
denten Chun nicht erlaubt hatten, das Todesurteil an diesem Poli-
tiker zu vollziehen, den der südkoreanische Geheimdienst einst
aus dem japanischen Exil nach Hause verschleppt hatte. Jetzt kann
man die versöhnende Kraft der Demokratie bewundern, wenn die ein-
stigen Todfeinde nach absolviertem Wahlgang die Regeln der künf-
tigen Demokratie ausmauscheln; z.B. die Größe des neuen Parla-
ments - eine wichtige Frage, weil der Verkauf der Mandate eine
übliche Finanzierungsquelle der Parteien ist.
Im Wahlkampf waren sich beide Seiten in der Ausmalung der Segnun-
gen, die das neue demokratische Gesicht Südkoreas prägen sollten,
bis zur offenen Unglaubwürdigkeit einig. Den beiden Oppositions-
Kims fiel es nur zu, ihre Anhänger, die offiziell ernannte Oppo-
sitionspolitiker mit einem alternativen Programm verwechselten,
vor Mißverständnissen zu warnen. Den Wahlbonus, prominentestes
Opfer der Militärregierung zu sein, hat Kim Dae Jung einmal als
glaubwürdigen Aufruf zur nationalen Versöhnung, das andere Mal
als Nachweis, daß "die Diktatur längst abgewirtschaftet" habe,
ausgereizt - und sich dabei auf einen ortsüblichen Heiligen beru-
fen:
"Sogar Buddhas Predigten waren je nach den Zuhörern verschieden."
(FAZ, 13.11.87)
So hielten allein die Kommißköpfe des Militärs den alten Kurs:
"Etwas Unangenehmes wird passieren, wenn Kim Dae Jung an die
Macht kommt." (FEER, 6.8.87)
Daß das Militär in Südkorea die letzte ordnungsstiftende Kraft
ist, bleibt ja auch nach den Wahlen unangetastet. Daß in Korea
Stabilität und Demokratie nicht einfach zusammenfallen, wußten
auch die Börsenmakler, die nach dem Wahlsieg Rohs mit einer
Hausse in Seoul nachzogen.
Während die oppositionellen Studenten einer "verlorenen Chance"
nachtrauern und dabei immer noch an eine gemeinsame Aufgabe glau-
ben, die beide Kims hätte zusammengehen lassen müssen, gibt es
auch eine nüchternere Betrachtung der augenblicklich installier-
ten Demokratisierung:
"Wir wollten lernen, das politische Geschäft etwas einfühlsamer
zu betreiben. Das nennt mabn jetzt Demokratie, aber mir erscheint
das alles ziemlich primitiv." (Ex-Außenminister Park, FEER,
31.12.87)
Das mag schon sein, dennoch sollte man die Frage, für wie ge-
schickt oder ungeschickt sie technische Änderungen des Regierens
halten, den Politikern überlassen. Die "Echtheit" der Demokratie
hängt weder in Südkorea noch sonstwo von der Glaubwürdigkeit der
Politiker, noch vom Glauben der Untertanen ab, sondern vom Erfolg
der Politik, ihr Volk für die staatsdienlichen Ziele zu benutzen.
Den haben die Regierungen in Südkorea und deshalb kommen sie
durchaus auch ohne demokratisches Procedere zurecht. Die Einheit
von Volk und Staat bekommen sie allemal zustande: durch ein Mili-
tär, das über die Einheit wacht und sich dafür durchaus auch ein
paar demokratische Umgangsformen vorstellen kann, wenn schon in
der Weltpolitik soviel Aufhebens darüber gemacht wird.
Der Koreakrieg - die Gründung einer Nation
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Auch in Ostasien bezogen die USA ihren Kriegskameraden Stalin in
die fällige Neuaufteilung der Welt nach beendetem Krieg ein. Der
damaligen US-Regierung schien es passend, die endgültige Kapitu-
lation der Japaner auf dem asiatischen Kontinent durch russische
Truppen erzwingen zu lassen. Dafür sollte die UdSSR die Mandschu-
rei, die Kurilen und den Nordteil Koreas bis zum 38. Breitengrad
besetzen dürfen. So kam die in Jalta versprochene Unabhängigkeit
Koreas als Teilung des Landes zum Tragen. Und diese Teilung war,
kaum vollzogen, in den USA Gegenstand heftigster Bedenken. Immer-
hin waren dem Lager der nun als Feind definierten Sowjetunion
schon wieder ein paar Breitengrade zugefallen, und - in der Nach-
barschaft war eine V o l k s r e p u b l i k China entstanden:
"Wenn wir Korea verteidigen wollen, dann hätten wir unsere Trup-
pen dort lassen sollen... Die gegenwärtige Krise wurde durch die
stümperhafte und inkonsequente Politik der Regierung verursacht.
Erstens stimmten wir der Teilung des Landes zu. Das stand im En-
klang mit der sehr idiotischen Politik, Rußland für die Hilfe ge-
gen Japan zu bezahlen, die wir gar nicht brauchten... Das Tei-
lungsabkommen ergab sich aus dem verständnisvollen Hinnehmen des
Kommunismus als friedfertiger Philosophie, wodurch Rußland eine
Bedrohung der Existenz der Welt geworden ist." (Senator Taft,
5.7.1950)
An der Aufhebung dieses Fehlers machten die USA sich zu schaffen,
indem sie auch Südkorea als Frontstaat aus der Taufe hoben. Dafür
war der vorhandene koreanische Nationalismus allerdings weit un-
brauchbarer als das Wiederaufbauethos de BRD, für das der Fa-
schismus sowohl die Staatsbürgertugenden, die auch für die neue
demokratische Lebensweise gut zu gebrauchen waren, wie auch den
Antikommunismus hinterlassen hatte. In einem Land, das Japan zur
billigen Reiskammer für sein heimisches Arbeitsvolk und zum Roh-
stofflieferanten für die Bedürfnisse der japanischen Industrie
gemacht hatte, gab es nur den Antikolonialismus, der sich gegen
Japan richtete. Während der aktive Widerstand von China aus gegen
Japan gekämpft hatte und nach dem Ende des Weltkriegs die politi-
sche Leitung Nordkoreas übernahm, fanden die USA bei sich Syngman
Rhee als passenden politisch Verantwortlichen für Südkorea. Der
stellte die nationale Einheit her, indem er alle mit ihm konkur-
rierenden Politiker umbringen oder verhaften ließ.
So wurde das geteilte Korea ein weiteres Beispiel für den Kampf
zwischen Freiheit und Unterdrückung:
"Korea ist ein Testfall geworden, an dem die Gültigkeit und der
praktische Wert der demokratischen Ideale und Prinzipien, die die
Republik verwirklicht, mit den kommunistischen Praktiken konfron-
tiert werden, die dem nordkoreanischen Volk auferlegt sind...
Darüber hinaus wird die Koreanische Republik, indem sie den Er-
folg und die Stärke der Demokratie im Widerstand gegen den Kommu-
nismus demonstriert, den Völkern des nördlichen Asiens beim Wi-
derstand gegen die Kräfte des Kommunismus, die sie überrannt ha-
ben, wie ein Leuchtfeuer leuchten." (US-Präsident Harry Truman,
Kongreß-Botschaft vom 7.6.1949)
Trotz dieser Kampfansage mußte sich Präsident Truman vorwerfen
lassen, vom Koreakrieg überrascht worden zu sein. Zu sehr be-
schäftigt mit der elementaren Voraussetzung der Herstellung inne-
rer Stabilität -, habe er es zu verantworten, daß die nur als
Bürgerkriegstruppe gedachten 98.000 Mann der südkoreanischen Ar-
mee bereits in den ersten Kriegstagen überrollt wurden. Die ame-
rikanische Besatzung war 1949 aus Südkorea abgezogen und so dem
früheren Beispiel der sowjetischen Truppen gefolgt.
Den überfälligen Lernprozeß, Korea zu einem Testfall für die Be-
schränkung und Einkreisung des Kommunismus in seinen Heimatlän-
dern zu machen, hat die US-Regierung in kürzester Zeit nach-
vollzogen. Sie ließ sich ihr militärisches Eingreifen von der UN-
Staatenwelt beglaubigen. Damit war aus dem Koreakrieg, diploma-
tisch gesehen, ein Weltkrieg geworden: eine Bestrafungsaktion ge-
gen kommunistische Aggressoren, ausgeführt von GIs und Hilfskrie-
gern aus 16 Nationen und gerichtet gegen die Sowjetunion, die an
dem Krieg gar nicht teilnahm.
Auf Korea "begrenzt" blieben nur die Kampfhandlungen, bei denen
die westlichen Truppen Nordkorea bis zur chinesischen Grenze ero-
bert und verwüsteten. Eine weitergehende Lösung lag in der Luft,
wurde aber nicht in Angriff genommen. Der oberste militärische
Befehlshaber, General MacArthur, der China mit Atombomben angrei-
fen wollte, wurde seines Amtes enthoben. Nach dem Eingreifen chi-
nesischer Freiwilligenheere tobte der Stellungskrieg um den 38.
Breitengrad noch zwei weitere Jahre, bis 1953 ein Friedensschluß
vereinbart wurde.
Der bestätigte zwar die alte Grenzziehung, die jetzt zum
"undurchdringlichsten eisernen Vorhang der Welt" wurde, war aber
ansonsten ein Sieg des Westens. Erstens wurde vereinbart, daß
nordkoreanische Kriegsgefangene nicht einfach nach Hause ge-
schickt werden mußten, sondern auch zum Bleiben im Süden überre-
det werden durften - ein begeistert ausgeschlachteter Propagan-
daerfolg. Zweitens holten sich die USA von Nordkorea die Zustim-
mung zu bleibender GI-Präsenz im Süden, also die Anerkennung der
Frontstaatsfunktion. Zu dieser Einsicht hatten die USA ihren Geg-
ner genötigt, indem sie Nordkorea in die Steinzeit zurückbombten
und dabei zum erstenmal Napalm erprobten, so daß von den vier
Millionen Kriegstoten zwei Drittel auf der feindlichen Seite an-
fielen.
Gemessen am Zweck und Ergebnis des Koreakriegs ist die Schuld-
frage, welches Korea zuerst seine Truppen über die Grenze mar-
schieren ließ, ziemlich belanglos: Ob es Syngman Rhee war, der
seinen glühenden Wunsch nach einem "march north" mit einem welt-
politisch höheren Auftrag versehen glaubte - oder ob Kim Il Sung,
der den antijapanischen Nationalismus mit einer Begeisterung für
sein sozialistisches Modell verwechselte, auf Aufstände im Süden
hoffte und den "unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus" durch den
Sieg Maos 1949 in China verbürgt sah.
Militarismus als Staatsauftrag
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Mit dem Ende des Koreakriegs bekam Südkorea seinen bis heute gül-
tigen S t a a t s a u f t r a g. Gefragt war ein schlagkräfti-
ger Frontstaat im Rahmen der beschränkten ökonomischen und poli-
tischen Potenzen dieses neuen Bündnispartners. Der südliche Lan-
desteil Koreas war ein reines Agrargebiet, eingerichtet nach den
Bedürfnissen des ehemaligen Kolonialherren Japan. Sämtliche Roh-
stoffe und die Anfänge einer verarbeitenden Industrie lagen im
Norden.
So war in den Augen der amerikanischen Entwicklungshelfer gar
nicht abzusehen, daß sich die freiwillig übernommene Verantwor-
tung für Südkorea irgendwann auch wieder einmal gänzlich über-
flüssig machen könnte. Es stand nicht, wie in Mitteleuropa, der
Wiederaufbau einer Nation an, die durch ihre ökonomische Wucht
den Weltmarkt belebt und als machtvoller NATO-Partner das Ihre
zur Entlastung der militärischen Aufgaben der USA beiträgt. Dau-
erhafte Unterstützung des Frontstaates war geboten, und das al-
lein wegen der strategischen Rolle, die die USA diesem Frontab-
schnitt zumaßen; und ohne Hoffnung, daß Südkorea wenigstens die
daraus erwachsenden begrenzten militärischen Aufgaben je selb-
ständig und allein übernehmen könnte.
Die seitherige Geschichte Südkoreas - von einem militärisch ge-
stützten Regierungswechsel zum anderen, mit kleineren
"demokratischen" Zwischenspielen - ergibt sich folgerichtig aus
dieser strategisch bestimmten Sicht des Landes und seinen dazu
ins Verhältnis gesetzten Möglichkeiten.
Der letzte Garant der politischen Verhältnisse ist und bleibt der
Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Land. Er hat
die oberste Befehlsgewalt über die südkoreanische Armee, die in-
zwischen auf 600.000 Soldaten angewachsen ist. Ohne seine Mit-
sprache kommt die politische Auswechslung des Herrschaftsperso-
nals und ihrer Regierungsgewohnheiten nicht zustande; und auch
nicht die Massaker, mit denen die Armee Südkoreas verschiedent-
lich die staatliche Ordnung wiederherstellt. Für den asiatischen
Ernstfall ist dieser Frontstaat mit militärischen Anlagen und mit
Waffen, bis hin zu Atomraketen, bestens ausgestattet.
Die politische Ermutigung, die das Weiße Haus für Südkoreas Poli-
tiker bereit hat, verfolgt eine Leitlinie:
"Gemäß der für die USA gültigen Position, den eigenen Wunsch nach
einer repräsentativeren Regierung Südkoreas abzuwägen gegen die
Sicherheit der Halbinsel und die eigenen strategischen Interes-
sen" (FEER, 12.3.87),
kommen im Zweifelsfall eindeutige Entscheidungen heraus:
"Ich betrachte die nationale Sicherheit für wichtiger als demo-
kratische Reformen." (US-Botschafter Lilley)
Dieses unbedingte Sicherheitsversprechen hat in Südkorea nie
einen offiziellen oder inoffiziellen Anti-Amerikanismus ausgelöst
- von verfolgten Dissidentengruppen abgesehen.
"Die Mittelklasse Südkoreas" (ein Geistersubjekt, das die Meinung
der westlichen Presse, wie gut es den Koreanern heute geht, aus-
drücken soll) "ist mit der Anwesenheit der USA zufrieden. Sie
scheint deren Botschafter wie einen Pro-Konsul zu betrachten,
versehen mit oberster Autorität, ohne daß dadurch nationale Ge-
fühle verletzt würden." (FEER, 12.3.87)
Ob ein anreisender amerikanischer Politiker einen Oppositions-Kim
empfängt oder schmoren läßt, ist für Südkoreas Politiker allemal
ein Signal von größter politischer Tragweite. Der wichtigste Ein-
druck, den Präsident Chun bei seinem Besuch in der BRD 1986 mit-
nahm, war
"sein Interesse daran, Nachrichten über die Entscheidung des US-
Botschafters Walker zu erfahren, mit seiner bisherigen Praxis zu
brechen und für Kim Young Sam ein Essen zu geben." (FEER, 1.5.86)
Koreanische Politiker an der Macht haben da ihre Erfahrungen. Die
Volksproteste gegen die Diktatur Syngman Rhees bekamen deshalb
recht, weil dieser erste Präsident den Amerikanern mißliebig ge-
worden war. Er hatte den strategischen Ausbau des Landes mit sei-
nem bornierten nationalen Wunsch, doch noch eine innerkoreanische
Rechnung begleichen zu wollen, verwechselt; und er beharrte
starrköpfig auf seiner Feindschaft zu Japan, obwohl im Sinne hö-
herer Bündnisüberlegungen inzwischen Versöhnung angesagt war.
Die demokratische Arbeitsteilung zwischen den unterschiedlichen
staatlichen Institutionen gilt in Südkorea seit den Gründungsan-
fängen. Mit einer Ausnahme: Den südkoreanischen Militärs ist die
Wahrung von Disziplin und Ordnung der Gesellschaft übertragen,
und diese Pflicht bringen sie ab und zu auch gegen Regierungen
zur Geltung. Als dieser überparteiliche Schiedsrichter, der über
ein ordentliches Volk wie ein ordentliches Regieren wacht, exi-
stiert die Armee doppelt: als militärischer Arm und als Geheim-
dienst, der sich gleich nach amerikanischem Vorbild CIA nannte.
Die erfolgreiche Karriere in diesen Institutionen gilt als d i e
Qualifikation für ein führendes politisches Amt in der Regierung.
Da wurde auch manchmal ein interner Linienstreit gleich intern
geregelt, so, als der Chef des Geheimdienstes eigenhändig den
vorletzten Diktator erschoß.
Aber noch jeder an die Macht gelangte General legte im Amt seine
Uniform ab, ließ sich durch nachträgliche Wahlen bestätigen und
sein Mandat verlängern. Auf ein Parlament samt Oppositionsbänken
wird nicht verzichtet. Diese "legale" Opposition darf mit der Re-
gierungsmannschaft die für fällig erachteten politischen Ent-
scheidungen aushandeln und die Sitzverteilung ausmachen. Neben
und in Anlehnung an die erlaubte Opposition gibt es den ungewöhn-
lichen Beruf des "illegalen Politikers". Über dessen Verwendungs-
zweck wird von Fall zu Fall entschieden, die Spannbreite reicht
von Todesstrafe über jahrelange Haft und Hausarrest bis zum aner-
kannten Wahlkandidaten, der sein Scheitern als Wahlbetrug feiern
kann. Irgendwie hat auch dieser Umgang etwas mit wechselnden Kon-
junkturen beim großen Bruder zu tun.
Der hat die Symbolfigur des Widerstands gegen die eine Seite des
südkoreanischen Regierens - die Militärherrschaft - immer wieder
mal ins Spiel gebracht, dem überzeugten Freund der USA, Kim Dae
Jung, Exil gewährt, ihn aber auch wieder in die heimatliche Haft
ausreisen lassen und ihn nach seiner Verschleppung aus Japan vor
dem gefällten Todesurteil bewahrt. Seinen Glauben an die Güte ei-
ner wirklich freien kapitalistischen Wirtschaft und an eine in
sich gefestigte Demokratie ohne ständige militärische Zwischen-
spiele, haben ihm von seinen inländischen Gegnern den Vorwurf
eingebracht, ein heimlicher Anhänger Nordkoreas zu sein. Das hat
die USA nicht daran gehindert, in ihm weiterhin einen möglichen
Wunschkandidaten für alternative Staatsverwendung zu sehen und
ihn im Hausarrest für eine eventuelle spätere Wiederverwendung
gut aufgehoben zu wissen. Kims Traum von einem neuen Korea hat
ein Vorbild:
"Seine Freunde und er wünschten sich Korea als zweites Deutsch-
land hier in Asien." (Süddeutsche Zeitung, 21.7.86)
Dieses Geständnis bei einem Besuch Heiner Geißlers hat dem deut-
schen Freund aller anständigen Oppositionellen in aller Welt gut
gefallen.
Mit ihrem V o l k weiß sich die koreanische Herrschaft durch
ein nationales Erziehungsprogramm verbunden, das sich auf die
beiden sich ergänzenden Tugenden Befehl und Gehorsam gründet. Das
nationale Erweckungsprogramm ("Yushin"), das der eigentliche
Gründer des neuen Südkorea, General Park, verkündete, macht den
Stolz auf die Nation zur einzig berechtigten Lebensregung:
"Geboren in diesem Land, sind wir mit der historischen Aufgabe
betraut, die Nation zu regenerieren... mit aufrechtem Geist und
starkem Körper... als ein arbeitsames Volk... der Zukunft entge-
gensehend, in der wir das ehrenhafte Vaterland vereinigt haben...
Wir werden das öffentliche Wohl und die Ordnung an die erste
Stelle setzen, auf Nutzen und Qualität oberstes Augenmerk richten
und den Geist ernster und ehrlicher Zusammenarbeit fördern, die
sich auf die traditionelle gegenseitige Hilfe beruft und sich auf
Liebe, Respekt und Vertrauen gründet." (Charta der nationalen Er-
ziehung)
Diese Ideale einer Volksgemeinschaft berufen sich erst gar nicht
auf handfeste Lebensverhältnisse, aus denen sich der normale Na-
tionalismus wie von selbst ergibt, sondern setzen die Gewalt des
Staates in eins mit der Schaffung einer Nation. Das nationale Le-
ben erfüllt sich als innerer Kriegszustand, der seine reinigende
Wucht aus einem Feindbild erhält:
"Der Antikommunismus soll der Kardinalpunkt der nationalen
Politik sein. Die Haltung der Nation gegenüber dem Kommunismus,
die bis jetzt nichts anderes mehr gewesen ist als eine Konvention
und ein bloßer Slogan, wird neugeordnet und verstärkt werden"
(Park in einem "Öffentlichen Revolutionsversprechen" bei seinem
Machtantritt).
Alle auszurottenden Übel der Nation, bis hin zu jedem Flugzeugab-
sturz einer südkoreanischen Maschine, haben ihre Urheber in den
Untermenschen, die in Nordkorea sitzen. Dagegen hilft nur die na-
tionale Einheit, zu deren Rettung Militär und Polizei jeden De-
monstranten und Abweichler als Kommunisten verprügelt und ver-
folgt. In den U-Bahnen Seouls werden die Fahrgäste per Lautspre-
cher aufgefordert, jeden ihnen Verdächtigen als Spion aus dem
Norden zu melden. Die nationale Hauptaufgabe "Wiedervereinigung"
ist so weniger ein beschlossenes außenpolitisches Programm als
das Mittel der innenpolitischen Disziplinierung. Den "Marsch nach
Norden" haben südkoreanische Politiker nicht in der Hand, aber
falsche Interpretationen des Wiedervereinigungsgebots wissen sie
als unnationales Versöhnlertum zu behandeln - und das könnte ei-
nem auch in der BRD bekannt vorkommen.
Noch jede oppositionelle Regung von unten kann sich des Verdachts
und der Behandlung als nationaler Feind gewiß sein. Jeder studen-
tische Protest - und sei er noch so bescheiden - kann nur in der
Militanz der Straße öffentlich werden. Auf der wird ihm einge-
bleut, kommunistisch und verboten zu sein. Ob es bei Tränengas
und Verhaftungen bleibt oder ob es zu Massakern mit einigen tau-
send Toten kommt wie 1980 in Kwangju -, entscheidet sich von Fall
zu Fall.
Dabei können die Dissidenten mit dem nordkoreanischen Partei- und
Staatsführer Kim Il Sung nichts anfangen. Ihr nationales Gefühl
empört sich über südkoreanische Politiker, die ihr braves Volk
von großen Konzernen und vom Ausland ausbeuten lassen, und die
Unabhängigkeit der nationalen Politik den Militärs und japani-
schen und amerikanischen Interessen zum Opfer bringen. Das Le-
bensrecht ihres Frontstaates ist ihnen nicht fremd, aber
"die Bedrohung durch Nordkorea wird von den USA und der Militär-
diktatur mißbraucht",
während der Glaube an die nationale Güte alle sophistischen Un-
terschiede zwischen politischen Systemen erledigt:
"Die Nordkoreaner gehören unserem eigenen Volk an und würden uns
deshalb nichts antun." (FEER, 6.8.87).
Ein Wunder gibt Rätsel auf
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Mögen die politischen Verhältnisse in Südkorea auch manchmal ein
menschenrechtliches Naserümpfen hervorrufen, vom Faktum eines
"Wirtschaftswunders", das für die Lenker dieses Staatswesens
spricht, zeigt sich die westliche Öffentlichkeit begeistert. Wie
das bei Wundern so ist, gibt dieses sagenhafte Geschehen nach-
denklichen Menschen einige Rätsel auf.
In den begriffslosen Erfolgsziffern einer nationalen Überschußbi-
lanz wird dem "Land der Morgenstille" erst einmal Anerkennung ge-
zollt, wenn auch mit dem leisen Unterton von einer zweiten
"gelben Gefahr". 1987 war das Jahr des koreanischen Booms: ein
wirtschaftliches Wachstum von 15% und ein Handelsbilanzüberschuß
von 10 Mrd. Dollar - gegenüber den USA allein 8,5 Mrd. - und das,
obwohl westliche Beobachter bei der letztjährigen Streikwelle die
Stirne runzelten und schon die Zukunft dieses Handelspartners
vergeigt sahen. Vom aggressiven Weltmarkteroberungsstil koreani-
scher Unternehmen wird berichtet - und zwar auf allen Sektoren,
auf denen auch hier die Zukunftshoffnungen der Nation ruhen. Von
der Eroberung von Weltmarktanteilen auf dem Gebiet der Stahl-,
Auto-, Video-, Computer- und Chipproduktion ist die Rede, erfolg-
reich abgeschlossen durch Billigangebote, die schon einmal den
Verdacht des Dumpings nahelegen. Selbst auf heimischem Kapitalbo-
den ziehen neuerdings koreanische Firmen eigene Produktionsstät-
ten hoch.
Das alles erregt in Liebhabern des heimischen Geschäfts aber auch
den Verdacht der "Unsolidität":
"Goldstar wie die meisten südkoreanischen Firmen hat sich weit
tüchtiger darin erwiesen, den Umsatz zu steigern und marode Fir-
men zu übernehmen als Profite zu machen." (FEER, 19.11.87)
"Südkoreanische Firmen kümmern sich überhaupt nicht um Profite.
Sie setzen nur auf Größe. Jeder Konzern will die Nummer 1 sein."
(FEER, 21.8.86)
Dieses Urteil können sie sich gleich vom obersten Wirtschaftsma-
nager des Fernoststaates bestätigen lassen:
"Der einzige Grund, warum Südkorea finanziell nicht zunammen-
bricht, liegt darin, daß wir so schnell wachsen." (Kim Mahn Je,
FEER, 21.8.86)
Dieses Geschäftsdenken leuchtet den Kennern der Materie und den
Wachstumsfanatikern einerseits schwer als Erfolgsgeheimnis ein,
andererseits wollen sie auf einmal einen Unterschied zwischen
echtem Profit und unehrlichem Wachstum entdeckt haben, während
sie den Signalen der Börsenspekulation lauschen. Während Mercedes
sich seine Aufkäufe vom sauer verdienten Profit mühsam abspart,
deutet das zur Diskussion stehende Wachstum auf einen verdeckten
Zusammenbruch der koreanischen Wirtschaft hin. Für den wirt-
schaftlichen Boom Südkoreas in den letzten beiden Jahren wird die
Erklärung ausgegeben, er beruhe nur auf niedrigen Ölpreisen,
weltweit niedrigen Zinsen und Währungsgewinnen gegenüber dem ge-
stiegenen Yen - sei also ziemlich unecht. Das teilen Wirschafts-
sachverständige mit, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wel-
chen Dollarkurs die deutsche Wirtschaft verträgt.
Gegen den offensichtlichen Erfolg einer Konkurrenznation anzu-
stinken, ist in diesen Kreisen freilich auch nicht das Wahre.
Deshalb gibt es auch eine positive Erklärung: Südkorea verdanke
seinen wirtschaftlichen Aufschwung dem besonderen Geschick einer
E x p o r t n a t i o n. Dieses spezielle Glück teilt das Land
allerdings mit den allermeisten Staaten auf dem Globus. Dem süßen
Angebot, alles Verkäufliche aus dem Land zu schaffen, damit es
anderswo seinen Anteil zur Stärkung des Weltmarkts beiträgt,
konnten sich gerade die zahlreichen Hungerstaaten nicht ver-
schließen. Die meisten davon bringen es dabei nicht einmal zu ei-
nem Handels ü b e r s c h u ß, während einige "Schwellenländer"
sehen dürfen, wie und ob sie mit ihrer positiven Handelsbilanz
die Zinsen ihrer Verschuldung bezahlen können.
Die hat Südkorea auch zu bieten: das Land ist mit 47 Mrd. Dollar
(1985) beim IWF in der Kreide. Ob der 1986 begonnene Abbau der
Schulden mehr für die Stärke der dortigen Wirtschaftskraft
spricht oder eher die Warnung vor einem riskanten Spiel mit dem
komplizierten Geflecht weltweiter Abhängigkeiten angebracht ist,
kann der offizielle Wirtschaftsverstand hin und her wälzen.
Die Wahrheit kommt so nicht auf den Tisch: Der Erfolg wie die
Nöte des "Wirtschaftsriesen" sprechen von der Lage eines Entwick-
lungslands mit besonderen Konditionen, die es selbst nicht setzt
und über die es sich schon gar nicht hinwegsetzen kann, um einmal
etwas mehr als einer der "fernöstlichen Drachen" wie Taiwan und
Hongkong zu werden.
Ein politischer Kredit macht sich bezahlt
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Südkorea, dessen hauptsächliche Ressource nach dem Koreakrieg der
Reisanbau war, ist das Schicksal erspart geblieben, sich mit den
vorhandenen heimischen Mitteln erst auf den Weltmarkt beziehen zu
müssen. Sein wirtschaftlicher Aufbau wurde gleich als Teil des
Weltmarkts geplant, an der Seite und als Dependance von Staaten,
die sich zurecht als Hüter dieses gebrechlichen Gebildes betrach-
ten. Der unverwüstliche Optimismus der Amerikaner, daß ihr leb-
haftes strategisches Interesse an einer Weltecke ein Stück Wirt-
schaftspotential ist und so zur Geltung kommen soll, an dem sich
bloße Kalkulationen mit landesüblichen Handelsprodukten blamie-
ren, hat sich für Südkorea glänzend bestätigt.
Der neue Staat erhielt bis 1971 4,6 Mrd. Dollar unentgeltliche
Starthilfe geschenkt, der Staatshaushalt wurde bis dahin zum
großen Teil von der amerikanischen Verwaltung getragen, 35% der
Importe kamen kostenlos aus den USA und bis heute trägt der Bünd-
nispartner den Hauptanteil der Kosten, die aus der militärischen
Verantwortung Südkoreas entstehen.
Den Charakter "echter" Hilfe erhielten diese Geschenke durch ihre
geschäftsmäßige Kalkulation. Die Lebensmittel-Care-Pakete kamen
mit der Auflage ins Land, sie zu gerechten Won-Preisen zu verkau-
fen. Das, wie die Dollarguthaben, trugen zum Staatsschatz bei,
auf dessen Grundlage Südkorea die Geldnotenpresse anwarf. Damit
diese Hilfe, die Südkorea als Unterposten des amerikanischen
Staatshaushalts behandelte, auch wieder überflüssig werden
konnte, wurde dem Land der Weg zur Industrienation gewiesen:
durch joint ventures, zu denen sich amerikanische Kapitale, die
sich in Südkorea fast wie zu Hause vorkamen, nicht erst drängen
lassen mußten. So wußte der amerikanische Botschafter schon 1970
stolz zu berichten:
"Die Liste der US-Gesellschaften, die in Korea Geschäfte machen,
liest sich wie ein Who's Who der amerikanischen Industrie."
Auf breitere Grundlage gestellt wurde das Wirtschaftsprojekt Süd-
korea durch den koreanisch-japanischen Freundschaftsvertrag von
1965, der die guten alten kolonialen Beziehungen zeitgemäß erneu-
erte. Seitdem tragen die meisten ausländischen Investitionen ja-
panische Firmennamen. Verkauft wurde bis in die letzten Jahre
fast ausschließlich in die USA und nach Japan - das ist eben der
'natürliche' Weltmarkt Südkoreas. Die zur Produktion notwendigen
Halbfabrikate und das technische Wissen werden aus dem gleichen
Wirtschaftsraum importiert - noch heute hängen koreanische Unter-
nehmen in der Produktentwicklung nach und dokumentieren so, daß
sie nach- und ausgelagerte Produktionsstätten z.B. der japani-
schen Konzerne sind. Die dabei entstehenden Kosten haben Südkorea
zu einem flotten Schuldner des IWF gemacht. Als Subjekt seiner
nationalen Ökonomie darf der koreanische Staat - nicht seine aus-
ländischen Investoren sehen, wie er mit seinen Schulden fertig
wird.
Die regierenden Militärs - mit Ausnahme des ersten Präsidenten
Rhee, der sich gegen die neue Freundschaft zu Japan wehrte - ka-
men aus eigener Einsicht auf den engen Zusammenhang von zugedach-
ter, gern übernommener Frontstaatrolle und der ebenso erwünschten
ökonomischen Bedeutung:
"Alle Kräfte sollen auf den Wiederaufbau der nationalen Wirt-
schaft konzentriert werden. Um den langgehegten Wunsch nach Wie-
dervereinigung... zu verwirklichen, sollen alle Kräfte auf den
Wiederaufbau einer nationalen Macht, die dem Kommunismus entge-
gentreten kann, konzentriert werden." ("Öffentliches Revolutions-
versprechen" von Park 1961 )
Das hätte von Adenauer und Erhard stammen können!
Da diese aufgeklärten Generäle nicht auf ein im Land existieren-
des Kapital zurückgreifen konnten, ernannten sie die Staatsgewalt
zum unmittelbaren Motor einer "Korea Inc." und den Staatshaushalt
und dessen Verschuldungsvermögen zur Quelle des modernen Ge-
schäftslebens. Die abstoßenden Praktiken eines östlichen
"Staatskapitalismus" mit Fünf-Jahresplänen, staatlich festgeleg-
ter Kreditvergabe und Zinshöhe, vorgeschriebenen Produktionszie-
len und -proportionen bis hin zu Arbeitermassen-Appellen haben
südkoreanischen Politikern den guten Ruf eingetragen, Politiker
und Manager in einer Person zu sein. Wer dem Angebot folgte, hei-
mischer Kapitalist zu werden, der bezog sein Startkapital unmit-
telbar aus einem von den staatlichen Banken gewährten Geschäfts-
kredit ohne den vorherigen Umweg über eine erfolgreich gelaufene
Produktion. An diese Kreditwürdigkeit war allerdings ein staatli-
ches Interesse geknüpft: Ausgegeben und verdient werden sollte
dieser Kredit durch den Verkauf exportfähiger Ware im Ausland.
Diese staatliche Förderung machte den Export zu einem mehrfachen
Geschäft, weil jeder Devisengewinn die Geschäftsgrundlage in
vielfacher Hinsicht vergrößerte. Einmal war er schon im voraus
subventioniert. Zweitens war er der anerkannte Ausweis, an weite-
ren und besonders begünstigten staatlichen Kredit heranzukommen.
Drittens sicherte er dem Beglückten das Importprivileg: Nur Ex-
porteure dürfen importieren, und hohe Inlandspreise machen oft
den Löwenanteil der Gewinne von Exportfirmen aus. Viertens werden
Exportgewinne nur zu 50% versteuert. Fünftens sind Kredite für
Auslandsinvestitionen nur bei eintretendem Erfolg des Geschäfts
zurückzuzahlen.
Das so erzeugte Geschäftsinteresse lautete: "Alles unter einem
Dach", denn je mehr "strategische" - vom Staat bevorzugt ge-
wünschte Produktionszweige ein Unternehmen betrieb, desto pro-
blemloser gestaltete sich sein Zugang zu sicheren Vorzugskrediten
und desto größer wurde sein Anteil am Inlandsgeschäft. Diese
langsame Sortierung der heimischen Wirtschaft beschleunigte der
Staat, indem er 1975 vierzig Firmenkonglomerate - von Bauunter-
nehmen bis hin zu Handelshäusern - zu "General Trading Companies"
ernannte, ihnen den nationalen Auftrag des Exports ziemlich aus-
schießlich übertrug und eine bevorzugte Rolle bei der staatlichen
Kreditvergabe zuwies.
Das war die Geburtsstunde der sogenannten "c h a e b o l s",
deren Namen wie Samsung, Hyundai Daewoo und Lucky-Goldstar das
koreanische Wirtschaftswunder verkörpern. Auf deren Bedürfnisse
ist das Geschäftsgebaren der Banken abgestimmt.
"Banken treffen Kreditvergabe-Entscheidungen nicht auf der Grund-
lage finanzieller Prüfung." (FEER, 21.8.86)
Sie folgen bei größeren Kreditentscheidungen den Anweisungen des
Finanzministeriums, das die erste Anlaufstelle der "chaebols"
ist, selbst wenn die Banken heute keine Staatsunternehmen mehr
sind. Die privaten Großkonzerne und die Bankenwelt wissen sich
schon von selbst der ihnen gestellten nationalen Aufgabe ver-
pflichtet; sie ist die bleibende Grundlage ihres Geschäfts.
Die inneren Erfolge eines Wunders
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Mit diesem Wirtschaftsprogramm hat der Staat seine Gesellschaft
gründlich und bleibend in ein Innen und ein Außen sortiert.
Kleine Betriebe sind von den staatlichen Privilegien und Subven-
tionen des Exportgeschäfts ausgeschlossen. Wenn sie überhaupt
staatlichen Kredit bekommen, dann fällt er teurer und geringer
aus. Der staatlich fixierte Unterschied zwischen Billigzinsen für
die "chaebols" und hohen Zinssätzen für den Rest der Wirtschaft
ist als Entlastung der Banken für ihre Hauptaufgabe der Exportfi-
nanzierung geplant. Wer auf dieser Basis produziert, ist auf den
Binnenmarkt verwiesen, obwohl er natürlich auch da nicht gegen
die Großkonzerne konkurrenzfähig ist.
Neben den "chaebols" und in deren Produktionsnischen entstand so
ein Bereich mehr oder weniger abenteuerlicher Klitschen, die in
Seoul eine Art (vor)industriellen Basar bilden ein ganzes Viertel
mit einem Block der Metallhändler, einer Gummipassage, einer
Straße der Gasbrennerhändler, wo sich Handwerksgeschick öffent-
lich bewundern läßt. Eine den Großkonzernen untergeordnete und
ihnen zuarbeitende Zulieferindustrie gibt es nicht; die
"chaebols" setzen da auf ihre ausländischen Partner.
Den Bauern, die heute nur noch ein Drittel der arbeitenden Bevöl-
kerung ausmachen, kommt mit staatlich festgelegten Produktions-
preisen die Aufgabe zu für die entsprechend billige , Ernährungs-
grundlage des koreanischen Arbeitsfleißes zu sorgen. Deshalb gibt
die der Boden zwar her, aber noch lange kein ausreichendes Ein-
kommen für die Landbevölkerung, weshalb immer mehr Bauern in die
Slums von Seoul ziehen, wo sie sich ein besseres Leben ausrech-
nen. Dort können sie vom "Glück" träumen, bei Daewoo oder Hyundai
arbeiten zu dürfen. Dafür sind sie gebildet genug. Eine nationale
(Schul-)Erziehung hat der Staat für sein ganzes Volk vorgesehen.
Wer in Südkorea nicht "chaebol" heißt, ist bei seinen Geldnöten
auf den "kerb-market", den schwarzen Kreditmarkt mit Wucherzin-
sen, angewiesen. Der erregt einesteils immerzu staatlichen Ärger,
da allzu oft der für Exportgeschäfte vergebene Kredit in diesem
Kanal verschwindet. Andererseits wissen ihn die Konzerne wie Ban-
ken und Staat als Geldsammelstelle für ihr Interesse zu nutzen.
So fällt innen und außen doch nicht ganz auseinander, und die
"Sparwut" der koreanischen Bevölkerung - die auf keine größeren
sozialstaatlichen Segnungen rechnen kann - trägt etwas zur natio-
nalen Hauptaufgabe bei.
Kein Wunder ohne Schattenseiten
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Der so erreichte Erfolg, Südkorea zu einem Industriestaat gemacht
zu haben, stellt seinen Urheber auch vor einige Probleme, die an-
ders aussehen als die Neuverschuldung Stoltenbergs. Das Geschäft,
auf das Korea setzt, macht das nationale Wirtschaftsprojekt mit
den regelmäßigen Konjunkturen des Weltmarkts vertraut, die Südko-
rea mit einem Won, der sich nie so recht zu einem internationalen
Zahlungsmittel entwickelt, lebhaft zu spüren bekommt. So hat der
industrielle Sprung nach vorne einiges an Investitionsruinen hin-
terlassen. Weil vier amerikanische Reeder die Lust am Schiffsver-
kehr verloren, fiel in Südkorea eine gesamte Branche, der natio-
nale Schiffsbau unter die pflegliche Obhut der Banken, die ihre
Schuldtitel streichen durften.
Und nicht nur das, auch der Erfolg gibt zu denken. Ob der Devi-
sengewinn einer "chaebol" auch für den staatlichen Kreditgeber
ein Geschäft wird, ist erstens kaum zu entscheiden und zweitens
ungewiß: Nur er hat es ja, schon bevor etwas gelaufen ist, zum
Geschäft gemacht. Die positive Unternehmerbilanz hat allemal ihre
feste Grundlage im hoheitlich aufgeblähten Kredit, und so sieht
sich der Staat mit laufender Geldentwertung konfrontiert. Daß die
nicht, wie in anderen "Schwellenländern", astronomische Höhen er-
reicht, liegt wiederum am politischen Kredit, den dieser staatli-
che Inflationär im freien Westen genießt und der exportfähige
ausländische Investitionen nicht erlahmen läßt.
Daß Südkoreas Banken selbst nach ihren eigenen Kriterien illiquid
sind, mag einem Auslandsbanker auffallen, das braucht ihn jedoch
nicht zu hindern, sein Geld weiterhin in Südkorea anzulegen:
"Ich halte die südkoreanischen Banken möglicherweise, sogar wahr-
scheinlich, für zahlungsunfähig, was aber nichts macht, da das
Risiko die Regierung trägt." (ein amerikanischer Banker, FEER,
7.5.87)
Dem Überleihen entspricht das Überschulden auf der anderen Seite.
Am Auf und Ab des Konjunkturgeschehens erfahren die Planer Südko-
reas, in welchem Maß ihr Staatskredit zur Bedienung uneinbringli-
cher Schulden gefordert ist, weil sonst eine ganze Sphäre der na-
tionalen Produktion verschwinden würde. Freilich ist das staatli-
che Projekt einer aufstrebenden Wirtschaftsnation nicht dasselbe
wie das Interesse der südkoreanischen Konzerne. In Krisenjahren
wie 1985 wird die staatliche Kreditvergabe an die 30 größten Kon-
zerne auch einmal völlig eingestellt, auch wenn das zum Zusammen-
bruch eines Wirtschaftsgiganten, des Kukje-Konzerns führt. Da
diese Absicht, nur noch zu entwickeln, wo Wirtschaftlichkeit
schon erreicht ist, einen Widerspruch enthält, folgte bald, im
April 1985, ein zweites Signal: die offizielle Ankündigung, daß
die Exportfinanzierung und Kredite für joint ventures wieder er-
leichtert würden. Wirtschaftliche Signale erreichen Seoul auf dem
Umweg über die Geschäftskalkulationen in Amerika und Japan. Dort
liegen die 'natürlichen' Absatzmärkte Südkoreas und dort haben
die Firmen ihren Sitz, die in Korea über die Investitionsbranchen
mitentscheiden, die sich in der Konkurrenz mit Dollar und Yen be-
zahlt machen sollen.
Da muß es dem koreanischen Staat ja auffallen, daß es ein Vorteil
wäre, seine entschieden eingegangene Abhängigkeit zu verbreitern.
Inzwischen sind bundesdeutsche Firmen in breiter joint-venture-
Front in diesem Land vertreten - nicht nur die neulich in Verruf
gekommene Textilfabrik Adler -, ohne daß sich an der Außenstruk-
tur der Wirtschaftsbeziehungen Südkoreas grundsätzlich etwas ge-
ändert hätte. Die Kalkulationen, die hinter den Investitionen
südkoreanischer Unternehmen in den USA und in der EG stehen, ha-
ben weniger mit einer hier beschworenen aggressiven Offensive des
Won zu tun, sondern mehr mit dem Unterlaufen und Vermeiden pro-
tektionistischer Maßnahmen, die die USA und die EG androhen und
teilweise schon vollzogen haben.
"Das größte Problem der Planer Südkoreas besteht augenblicklich
darin, den Handelsbilanzüberschuß gegenüber den USA abzubauen. "
(FEER, 19.11.87)
Spätestens so werden koreanische Politiker darauf aufmerksam ge-
macht, daß sie auch über einen Binnenmarkt verfügen, dessen Öff-
nung gebieterisch verlangt wird. Seit einigen Jahren schon sind
heimische und ausländische Banken angewiesen worden, 30% ihrer
Kredite an Klein- und Mittelbetriebe zu geben. Das hebt zwar die
eingerichtete Teilung der koreanischen Ökonomie nicht auf, weist
aber der Verschuldungsfähigkeit des Staates ein neues Aufgabenge-
biet zu.
Das Ideal des von den USA eingerichteten Frontstaates - mit sei-
nem politischen Kredit ein nicht vorhandenes Geschäftsinteresse
erst zu ersetzen, um es zu schaffen, damit er künftig eine von
seiner Unterstützung getrennt existierende Wirtschaftskraft der
Nation verwalten und fördern kann - bleibt ein widersprüchliches
Unternehmen. Jeder Fortschritt zu dieser erwünschten Normalität
fordert ökonomische Opfer des Staats, von denen er durch das
Wachstum seiner Wirtschaft programmatisch loskommen will.
Weil die Großunternehmen die geld- und kreditpolitischen Leistun-
gen ihres Staats nicht nur für ihr Geschäft brauchen, sondern
auch die damit verbundenen Beschränkungen zu spüren bekommen,
gibt es freilich auch Beschwerden über staatliche Gängelung. Das
Ideal einer unbehinderten Freiheit des Kapitals kommt da auch
schon in Korea auf und findet Eingang in die Wahlversprechen. Der
Regierung fällt bei Freiheit des Kapitals ein, daß sie eigentlich
die ständige gewaltsame Klärung der Lohnfrage leid ist und diese
gerne von der Wirtschaft selbständig abmachen lassen würde:
"Roh plädierte auf einer Zeitungskonferenz im August für eine
neutralere Rolle der Regierung, die bisher bei Arbeitskämpfen im-
mer als Streikbrecher tätig geworden ist. 'In der Vergangenheit
hat die Regierung auf Arbeiterforderungen so reagiert, daß sie
die Forderung nach höheren Löhnen unterdrückt hat', sagte er.
'Wenn wir diese Gewohnheit ändern und Arbeit und Kapital dazu er-
muntern, ohne staatliches Eingreifen miteinander zu verhandeln,
dann hätten die Arbeiter eine bessere Chance'." (FEER, 31.12.87)
Letzteres mag glauben, wer will.
Die einzige heimische Wirtschaftspotenz
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Für das anspruchsvolle Vorhaben, aus dem Süden der koreanischen
Halbinsel eine moderne Gesellschaft zu machen, hat der Staat auf
eine Volkseigenschaft zurückgegriffen, die für asiatisch gilt,
aber welt-weit verbreitet ist. Daraus ist schon zu ersehen, daß
die Erklärung des koreanischen Wirtschaftswunders "Billiglohn"
nichts taugt. Zu den zu jedem Preis arbeitswilligen Massen gehört
schon noch ein potentes Interesse, aus ihnen etwas zu machen, und
eine Staatsgewalt, die ihr Volk nicht einfach vor sich hinvege-
tieren läßt, sondern ihm einen Arbeitsauftrag erteilt. Das war
den südkoreanischen Politikern eine süße Pflicht:
"Vor allem arbeiten muß die Nation" (Park, "Fünf Regeln der Na-
tion")
Vor allem Lohn, der entsprechend ausfällt, ist die Arbeitspflicht
eine nationale Ehre und eine politische Aufgabe. Die betriebli-
chen Schlägertrupps, die die hauseigene Gewerkschaft ergänzen
oder ersetzen, heißen "Love the Company" und der Fanatismus einer
industriellen A r m e e findet die passenden Betriebsparolen:
"Das Gesicht der Firma und des Landes sind auf dem Produkt, das
ich herstelle" (Samsung-Parole)
Das koreanische Proletariat arbeitet im Durchschnitt 59 Stunden
die Woche. Japanische Arbeiter gelten in Südkorea als faul. Alle
Löhne sind so bemessen, daß ein Arbeiter nur die Hälfte des offi-
ziellen Existenzminimums verdienen kann, so daß der Sippenzusam-
menhalt auch am Arbeitsplatz erhalten bleibt, weil die ganze Fa-
milie arbeiten muß.
Die neue Klasse, der inzwischen etwa 70% der arbeitenden Bevölke-
rung angehören, hat sich entsprechend den Differenzierungen des
südkoreanischen Geschäftslebens gebildet. Ein Drittel übt nur
eine vorübergehende Tätigkeit aus, so daß auch Geschäftskalkula-
tionen aufgehen, die sich am gehobenen Standard einer Exportna-
tion nicht messen können. Wer wöchentlich länger als eine Stunde
arbeitet, fällt aus der Arbeitslosenstatistik heraus - ein moder-
ner Staat wie Südkorea zählt auch das nach. Glück hat die Sippe,
die einen Daewoo-Arbeiter in ihren Reihen hat, der mit viel Über-
stunden der Schwester eine Aussteuer und dem Bruder eine Hochzeit
ermöglichen kann.
Von Anfang an haben die südkoreanischen Herren ihre Proleten als
Klasse behandelt, die, weil nötig für die nationale Akkumulation,
diese auch behindern kann. Parks gesetzlichem Streikverbot hat
Chun 1981 die schöne Rechtsform der Streikerlaubnis gegeben, die
dann in Kraft tritt, wenn die Regierung den Streik vorher bil-
ligt. Es gibt nur Betriebsgewerkschaften, die bei Verhandlungen
mit der Unternehmensleitung keine "dritte Partei" zuziehen, also
keine betriebsübergreifende Organisation bilden dürfen. Das hat
illegale Streiks, vor allem in den großen Konzernen, nicht ver-
hindert. Die nahmen in der Regel einen straßenkampfmäßigen Ver-
lauf und endeten mit Erfolgen für beide Seiten: geringfügige Loh-
nerhöhungen und Prügel für vom Management bezahlte Schläger auf
der einen, Polizeieinsätze und ein paar Jahre Haft oder Schlim-
meres für die "Rädelsführer" auf der anderen Seite.
Die neue Behandlung, die der landesweite Streik des vergangenen
Jahres erfahren hat, verdankt sich höheren Überlegungen. Er fiel
in einen von oben angesetzten Wahlkampf, und seine Hauptforderung
nach einer unabhängigen Gewerkschaft überlegen sich die Politiker
Südkoreas inzwischen selbst. Mit der Lohnerhöhung von 15% bleibt
koreanische Arbeit so billig wie eh und je; den betroffenen Fir-
men hat der Staat den Streikausfall bezahlt.
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