Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Der Frankfurter "Antisemitismus"-Streit
EIN NATIONAL-THEATER
Darf man, oder darf man nicht: das Faßbinder-Stück "Die Stadt,
der Müll und der Tod" aufführen bzw. die Aufführung durch Prote-
ste verhindern? Das war die heißeste Streitfrage, vier Wochen
lang, für die gebildeten Stände der Republik.
Da hatte man einen Streitpunkt, von dem nichts, aber auch gar
nichts abhängt - bei dem man aber mit der tiefsten moralischen
Berechtigung so tun konnte, als ob das Allerheiligste auf dem
Spiel stände: die moralische Würde der Nation zum mindesten. Da
hatte man einen Streit, bei dem jeder völlig frei nach Geschmack
einen von zwei problembewußten Standpunkten wählen durfte, weil
die ganze Aufregung sich sowieso in den Sphären des moralischen
Luxus abspielte - bei dem es andererseits keine Seite unter der
Beschwörung unglaublichster tragischer Spannungen und ohne noch-
malige "Bewältigung" der "unseligen NS-Vergangenheit" abmachte.
Die einen
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zogen gegen den angeblichen "Antisemitismus" des Theaterstücks zu
Felde. Beweis: Die Hauptfigur, ein Bauspekulant, ist "der reiche
Jude". Mehr braucht man über das Stück nicht zu wissen; mehr er-
fuhr man auch nicht. Die Kennzeichnung der Hauptperson zeugt von
einer rassistischen Tendenz des Stückes - da waren die Gegner der
Aufführung sich ganz sicher. Mit melodramatischem Nachdruck und
der alten antifaschistischen Parole "Wehret den Anfängen! " war-
fen sie sich leibhaftig dazwischen, um eine beginnende
"Volksverhetzung" am Frankfurter Schauspielhaus in letzter Minute
abzuwenden.
Ob die Protestanten wirklich gemeint haben, der Haß gegen
"Volksfeinde" nähme, heute zumal, seine "Anfänge" bei einem eher
esoterischen Stück Literatur? Ob ihnen wirklich entgangen ist,
daß der "Sumpf" des staatsbürgerlichen Rassismus in den ganz nor-
malen Selbstverständlichkeiten einer "nationalen Identität" be-
steht? Die Verachtung von Menschen fremder Volkszugehörigkeit,
das Mißtrauen gegen ihre Machenschaften, die Sicherheit über die
Verwerflichkeit ihres Erfolgs, das alles gehört so sicher wie das
Amen in der Kirche zu dem Stolz auf ein nationales "Wir", in das
der Mensch als moralische Persönlichkeit durch Geburt eingereiht
sein soll, und zum Aberglauben an einen irgendwie verpflichtenden
ehrenwerten "Volkskörper". Ist das den Opfern von 12 Jahren hem-
mungslosen großdeutschen Nationalstolzes wirklich nicht klar ge-
worden?
Es wird wohl so sein. Sonst würden sie sich vor ganz anderen
"Anfängen" fürchten als einer krampfhaften literarischen Provoka-
tion. Sonst wäre ihnen vor allem längst aufgegangen, wie prächtig
die billige Distanzierung vom nationalsozialistischen Judenhaß
zum hemmungslosen guten nationalen Gewissen der neuen deutschen
Republik paßt - sie ist ja d a s Gütesiegel ihres Nationalismus
und d i e Rechtfertigung dafür, andere "Erbschaften" des ver-
flossenen Reiches als ehrenwerten Auftrag der Geschichte weiter-
zupflegen, den Antikommunismus nämlich und Verachtung und Feind-
schaft gegen die Russen und ihren Bolschewismus.
Genau diese extra widerliche Ecke des bundesdeutschen Patriotis-
mus: den selbstgerechten Vergleich mit den bösen Nazis, den phi-
losemitischen Persilschein für einen demokratisch runderneuerten
Nationalismus, nutzt die protestierende Gemeinde aus. Kaum fällt
das Stichwort "Jude", bleibt auf der einen Seite vom Bundesbür-
ger, ob er nun in Frankfurt zur Miete wohnt oder im Westend Woh-
nungen vermietet, gar nichts anderes mehr übrig als seine morali-
sche Identität mit den Machenschaften seiner Staatsgewalt - was
guten Patrioten einerseits zwar recht geschieht, sie wollen ja
nichts als Produkt und Charaktermaske ihrer nationalen Geschichte
sein; andererseits ist die "kritische", vorwurfsvolle Bezugnahme
auf diese Idiotie allerdings alles andere als eine Kritik daran,
treibt vielmehr den Schwindel mit der "nationalen Identität" des
Individuums auf die Spitze. Auf der anderen Seite bleibt vom Ju-
den erst recht nichts anderes übrig als, ausgerechnet, sein jüdi-
sches "Volkstum", ganz gleich, ob es sich um einen respektablen
Immobilienspekulanten handelt, der für andere Leute das Wohnen
unerschwinglich macht, oder um einen beschnittenen Nachbarn, der
sich solche marktwirtschaftlich ermittelten Mietpreise gleich-
falls nicht mehr leisten kann. "Jude" soll gleichbedeutend sein
mit "deutsche Schuld" - eine Schuld, von der die BRD sich ande-
rerseits stolz freisprechen kann: Sie läßt die Juden ja leben!
In dieser Rolle von Gewissenswürmern, die den Deutschen einen -
furchtbar "problembewußten", also ganz extra großartigen - Pa-
triotismus anerziehen helfen, sind die Juden von der bundesdeut-
schen Obrigkeit gut und gern gelitten. Und für dieses Recht auf
einen Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen werden ordnungslie-
bende "jüdische Mitbürger" und ihre gesitteten westdeutschen Ge-
sinnungsgenossen sogar einmal radikal und verhindern glatt - eine
Theatervorstellung...
Die andern
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haben für diese Sorte Protest zunächst einmal viel Verständnis.
Natürlich versteht die hiesige Kulturszene und auch der demokra-
tische Blätterwald, wenn Juden empfindlich reagieren.
Diese Heuchelei gehört schließlich nach wie vor zur Pflege des
deutsch-nationalen Gewissens, das sie von Berufs wegen betreuen.
Aber haben die Protestler mit der Sprengung ihrerseits nicht ge-
gen eine heilige Kuh verstoßen: gegen die Freiheit der Meinung
und - was fast noch schwerer wiegt - gegen die Freiheit der
Kunst? Die höflichste Zurückweisung, die sich "unsere jüdischen
Mitbürger" und ihre Fürsprecher quer durch alle Parteien ange-
sichts dieses "Verbrechens" haben gefallen lassen müssen: Damit
hätten sie selbst ihrer Sache einen schlechten Dienst erwiesen.
Die härtere: Wer die Kunst an ihrer freien Entfaltung hindert,
untergräbt unsere demokratische Zivilisation - mit
"Bücherverbrennungen" hat edlen Freigeistern zufolge ja damals
alles angefangen... Die Verteidiger der Aufführung sind keines-
wegs Liebhaber von Faßbinders Epos, sondern nur unbedingt dafür,
daß es gespielt werden darf - und im Namen dieses Prinzips werden
auch sie ziemlich radikal: Einmal Theater ausgefallen - und schon
ist die Gewaltfrage auf dem Tisch plus der düsteren Prophezeiung,
daß das kulturelle und politische Leben in der Republik der
"Gewalt" wird weichen müssen, wenn solcher Vandalismus nicht
rechtzeitig gebremst wird. Und dieses "Wehret den Anfängen!", das
sie der gleichlautenden Parole ihrer Widersacher entgegenschleu-
dern, kommt ihnen überhaupt nicht lächerlich vor. Ein demokrati-
scher Staatsbürger, ein gebildeter zumal, läßt sich viel gefal-
len, z.B. eine waffenstarrende demokratische Republik mit allem
Drum und Dran - aber wo die Geistesfreiheit, für ihn der Inbe-
griff der Freiheit, beeinträchtigt wird, und zwar von unbefugten
Leuten, da hört für ihn der Spaß auf. Die Sphäre des Räsonnierens
und Phantasierens - welche die demokratische Staatsgewalt großzü-
gig erlaubt, sofern sie sich ausdrücklich auf Folgenlosigkeit
verpflichtet - die läßt er sich nicht nehmen. Auch von "unseren
jüdischen Mitbürgern" nicht.
Fazit:
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Der Kulturkampf zwischen zwei Momenten der bundesdeutschen Natio-
nalideologie, die im Prinzip nahtlos zusammenpassen, wurde salo-
monisch geschlichtet: Das Schauspiel wurde aus freiheitlichem Er-
messen des Theaterdirektors vom Spielplan abgesetzt. Die Türken
dürfen aufatmen. - ?? -
Ach nein, die gehören ja in ein ganz anderes Stück.
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