Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Rudolf Bahros "Logik der Rettung"
Ein Moralprediger in der eingebildeten Wüste
ICH BIN DER (DRITTE) WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN
Rudolf Bahro genießt den Ruf eines radikalen Kritikers des erle-
digten realsozialistischen, aber auch des erfolgreichen kapitali-
stischen Systems. Im einen als Regimegegner verfolgt und ausge-
wiesen, im andern Oppositioneller geblieben, das macht ihn vor
allem für unzufriedene Ex-DDRler interessant. Sein Alternativan-
gebot einer radikalen Wende bat allerdings den Haken, daß es sich
erklärtermaßen um politische Machtverhältnisse, ökonomische Ge-
gensätze und die Eigenart der Systeme überhaupt nicht kümmert,
also auch keine Handreichung dafür verspricht, wie und wogegen
man vorzugehen hat, um sie mit ihren schädlichen Wirkungen außer
Kraft zu setzen. Laut Bahro geht es um etwas ganz anderes, Hö-
heres. Dafür argumentiert er weniger, als daß er wüst assoziiert,
Dichter und Glaubensstifter, Propheten und Philosophen zitiert
und sich auf das verläßt, was er unentwegt behauptet: daß eigent-
lich die Mehrheit all das, was er ihr mitzuteilen hat, zwar noch
nicht richtig eingesehen hat, aber auf jeden Fall irgendwie schon
spürt. Das ist für ihn ungefähr dasselbe.
Der Warner: 'Die Apokalypse wird immer wahrscheinlicher!'
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"Wer kann die Apokalypse aufhalten?" So fragt Bahro auf dem Buch-
deckel. Sein Problem, dem er "radikal auf den Grund" zu gehen
verspricht, ist also von der denkbar allgemeinsten und unfaßlich-
sten Art: "daß die Apokalypse höchstwahrscheinlich ist" (16). Die
will er - wie noch jeder Prediger von Jesus bis zu den Zeugen Je-
hovas - sehr realistisch verstanden wissen und bedient sich dafür
einer unter verantwortungsbewußten Zeitgenossen allgemein aner-
kannten Auffassung: Daß sich heutzutage für jedermann gleicherma-
ßen unausweichlich die Frage des "menschlichen Überlebens"
stellt.
"Wie kann es gut ausgehen, wenn immer mehr Menschen von unserer
endlichen Erde immer mehr pro Kopf verbrauchen, zerstören, ver-
giften, wie wir es vormachen?" (14)
Eine rhetorische Frage, an der alles falsch ist:
- Erstens kann sehr wohl - wenn man sich das ganze Weltgeschehen
schon bloß noch als ein Verhältnis der Menschheit zu den Naturge-
gebenheiten vorstellen will - eine wachsende Zahl von
'Erdbewohnern' die vorhandenen Mittel gebrauchen und sich immer
passendere Lebensbedingungen schaffen. Der beklagte ausschwei-
fende Umgang ist ja ein Hinweis, daß flottes Produzieren und Kon-
sumieren an der Natur an und für sich keine Schranke findet, son-
dern sich ihrer dank der Kenntnisse ihrer Gesetze zweckmäßig be-
dient. Daß die Erde rund, also endlich ist, ist nämlich ganz und
gar nicht gleichbedeutend mit der Vorstellung, daß alle denkbaren
Lebensvoraussetzungen äußerst knapp bemessen und ihrer Nutzung
als Lebensmittel allenthalben unüberwindliche Schranken gesetzt
wären. Wo die liegen sollen, darüber läßt sich Bahro wie andere
Propagandisten unverrückbarer Grenzen auch gar nicht näher aus.
Alles ist prinzipiell begrenzt, lautet die Diagnose, die jeden
Gebrauch ins Zwielicht rückt. Als ob die Knappheit oder Verfüg-
barkeit, die Erschließung und Erhaltung natürlicher Ressourcen
eine frage der Natur und nicht der Kosten wäre.
- Zweitens ist die wachsende Schar von Erdbewohnern keine Heu-
schreckenplage, die über die Erde hereinbricht und nur Verwüstung
zurückläßt. Ein bißchen was anderes als bloß zerstören, vergiften
und aufbrauchen macht die Menschheit ja auch noch; ein bißchen
kommt ja auch noch zustande, wenn sich der Naturkräfte und -vor-
aussetzungen bedient und der Globus umgemodelt wird - teils unter
Anwendung von Wissenschaft und Technik, teils mit immer noch ur-
tümlich mühseligen Produktionsverfahren. Auch einiges an Pflege,
Erhalt und Wiederherstellung natürlicher Produktions- und Lebens-
bedingungen läßt sich ja nicht übersehen, immer, wenn es für ren-
tables Produzieren und das Staatsleben nützlich erscheint. Seine
Schranken und Eigentümlichkeiten hat dieser Umgang nämlich gar
nicht an den inzwischen allseitig bekannten und beherrschten
sachlichen Voraussetzungen - "Natur" im waldursprünglichen Sinne
sind sie ohnehin so gut wie nirgends mehr -, sondern an den Ei-
gentums- und Machtverhältnissen, die sich unter anderem dadurch
auszeichnen, daß wenig Rücksicht auf die Brauchbarkeit des nähe-
ren oder weiteren Globus als Lebens- und Genußmittel für die Be-
völkerung Wert gelegt wird.
- Drittens sind die Subjekte der beklagten Zerstörung gar nicht
Du und Ich und jedermann, also die Menschen an und für sich, son-
dern diejenigen, die über die Mittel der Produktion verfügen, für
ihre Geschäftsrechnung arbeiten lassen, damit auch über die Gele-
genheiten und Schranken des Konsums entscheiden - und dem Rest
der Menschheit, der für diese Rechnung geradezustehen hat, damit
auch vorgeben, was er an Ruin von Gesundheit und Umwelt zu ertra-
gen hat.
- Viertens ist die globale Hochrechnung der registrierten Wirkun-
gen kapitalistischen (oder auch sozialistischen) Wirtschaftens in
alle Zukunft und auf eine wachsende Zahl von Menschen rein fik-
tiv. Sie geht von der haftlosen Vorstellung aus, hierzulande
würde jedermann immer ausschweifender leben und auswärts drohe
für immer mehr Menschen ein entsprechend aufwendiger Lebensstan-
dard einzureißen wie man ihn hierzulande entdeckt haben will. Als
wäre es so schwierig zu bemerken, daß die Rechnungen eines wach-
senden "Pro-KopfVerbrauchs" rein statistisch sind und die Vermeh-
rung des Reichtums in den Zentren des Weltmarkts gerade nicht mit
seinem immer massenhafteren Genuß durch jedermann einhergeht. Und
als wäre es nicht unübersehbar, daß in den Hungerregionen nicht
die Ansprüche der Massen, sondern bloß ihr Elend wächst. Der
weltweite Zugriff der Geschäftswelt kommt schließlich nicht wegen
der immer ausgreifenderen Wünsche einer nimmersatten Konsumenten-
schar zustande, sondern sorgt dafür, daß ihr Anspruchsdenken
nicht in den Himmel wächst.
AII das kümmert Bahro nicht. Er argumentiert konsequent vom
Standpunkt eines fiktiven Subjekts - der Menschheit - aus, das
nur in den Ideologien über die weltumgreifende Verantwortlichkeit
der Politiker existiert. Die Macher lassen sich zwar die Macht
keinesfalls aus der Hand nehmen, machen ihre exklusive Zuständig-
keit für das Staatsleben aber um so lieber als Dienst an einer
gemeinsamen Sache vorstellig, für die sich jeder selber verant-
wortlich fühlen soll. Vom Standpunkt einer solchen allumfassenden
Verantwortungsgemeinschaft aus stellt Bahro die widersprüchliche
Diagnose auf, daß die Menschheit - gleichermaßen Opfer und Täter
- auf dem besten Wege sei, sich selber auszurotten weil sie sich
an einem ebenso weltumspannenden Gut vergreift - der Erde selber.
Wie gesagt, kein Einfall Bahros, sondern die Quintessenz der Kri-
tiker in Sachen Umwelt und Ökologie. An die knüpft Bahro an, um
sie zielstrebig ins noch Allgemeinmenschlichere zu überführen.
"Es geht nicht mehr so weiter..." (1.3 und überall)
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Was? Da ist Bahro nicht kleinlich. Alles eben, und damit nichts
Bestimmtes:
"Es geht nicht mehr weiter mit den zu großen Städten, den zu
großen Fabriken, der chemischen Landwirtschaft, mit Betonschule
und Großkrankenhaus und mit dem ganzen Pentagon der Macht aus
Geld, Computer, Bürokratie und Militär rund um den Erdball." (13)
Was in den Städten, Fabriken, Schulen und Krankenstationen und in
der - technisierten Landwirtschaft los ist, daß sie nicht mehr so
weitergehen können, würde man ja gerne erfahren. Genauso, was das
Maß allen Reichtums, das Geld, ein technisches Hilfsmittel mecha-
nischer Rechen- und Denkvorgänge, die Staatsverwaltung und die
Kriegsmittel miteinander zu tun haben, so daß sie umstandslos un-
ter dem Stichwort "Macht" gleichgesetzt werden können; und was
das alles wiederum mit den knappen Naturressourcen zu tun haben
soll. Bei Bahro steht das alles nur für die Behauptung, daß das
moderne Leben in allem "zu groß", eine "Anmaßung", also ein Ver-
stoß gegen ein rechtes "natürliches" Maß der Dinge sei. Welches,
ist unerheblich. Bahro klagt die Menschheit gleich ganz grund-
sätzlich der "Maßlosigkeit" an, so daß der Untergang vorprogram-
miert sei.
Zwar will er damit vorstellig machen, "wir" könnten über kurz
oder kürzer zwangsläufig wegen der Naturgrenzen nicht mehr so
weitermachen wie bisher. Allerdings macht sich der Untergangspro-
phet dabei einen falschen Doppelsinn von "können" zunutze. Die
naturgesetzlich drohende Katastrophe ist nur das Bild für ein mo-
ralisches Urteil, das gebildete Sprachbenutzer ebenfalls mit dem
Hilfswort "können" ausdrücken, obwohl sie "dürfen" oder "sollen"
meinen.
Das Katastrophenszenario einer gestörten, "natürlichen" Ordnung
verdankt sich der Unsitte, die Vorschriften und Gebote für ein
Leben, wie es dem Kritiker als ordnungsgemäßes vorschwebt, so
vorzutragen, wie wenn sie eine sachliche, durch objektive Schran-
ken erzwungene Notwendigkeit darstellen, über die sich "der
Mensch" nicht"ungestraft" hinwegsetzen kann. Dabei stört den Be-
schwerdeführer in Sachen menschlicher Rücksichtslosigkeit gegen
den Globus gerade das Gegenteil, die Freiheit, die sich die
Menschheit seiner Meinung nach in der Gestaltung ihrer Lebensum-
stände herausnimmt. Wie die biblische Sintflut versinnbildlicht
der beschworene Untergang das Strafgericht für den Abfall von ei-
ner "Natur", die nichts anderes als die Inkarnation aller Verhal-
tensvorschriften darstellt, die der Menschheitskritiker seiner
Klientel ans Herz legen möchte. Und genau wie in der Bibel soll
die apokalyptische Drohung Einsicht schaffen:
"So ist die ökologische Krise eine letzte, aber auch die stärkste
Gelegenheit, zu einer neuen menschlichen Artikulation..." (90)
Der Aufklärer: 'Der Mensch kann nicht anders...'
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Um so mehr stellt sich für Bahro die Frage, warum nicht einmal
angesichts der drohenden Apokalypse, wo "die Nachricht angekom-
men" (77) ist, die Bahro zu verkünden hat, die in der Natur an-
geblich waltenden Knappheitsgebote im wirklichen Leben zum Zuge
kommen. Daß nach seiner Diagnose die Menschheit immer gerade das
Gegenteil dessen macht, was ihr gemäß wäre, liegt daran, daß alle
unterschiedslos das Opfer eines Zwangssystems sind, das sie gegen
ihre wahren Absichten daran hindert, zu lassen, was sie eigent-
lich nicht gutheißen können. Verantwortlich für die selbstzerstö-
rerische Unverantwortlichkeit ist eine alles und alle beherr-
schende Macht, für die Bahro das Bild von der "Megamaschine" -
"genauer... die moderne, die industrielle Megamaschine" (117) -
erfunden hat. Deren Zweck lautet inhalts- und zwecklos "Erfolg",
"Expansion", "nach der Olympiaformel 'höher, weiter, schneller,
besser', vor allem: 'immer mehr!'" (15), also das Gegenteil des
Maßhaltens, das nach Bahro dem Menschen gemäß ist. Deren verhee-
rende Wirkung ist durch ihr bloßes Ausmaß hinreichend als unmäßig
gekennzeichnet - "täglich 40 000 kWh/qkm". Deren Resultat heißt
schlicht "Exterminismus", also die Negation des guten Anliegens,
das Bahro jedermann ins Stammbuch schreiben möchte: Bewahren
statt Zerstören! Damit sich keiner über ihren Charakter täuscht,
bezeichnet Bahro sie des öfteren als "des Teufels", als "Dämon".
Eine erschöpfende Auskunft! Dem Rätsel, warum die wohlgemeinten
und allseits anerkannten Absichten praktisch so wenig ernst ge-
nommen werden, geht Bahro also überhaupt nicht auf den Grund. Was
die wirklich gültigen ökonomischen und politischen Zwänge sind
und welche Interessen damit durchgesetzt werden, welche umgekehrt
auf der Strecke bleiben - all das zählt bei Bahro gerade nicht
unter die Notwendigkeiten, sondern als Reich purer Willkür. Die
Notwendigkeit, auf die Bahro abzielt, ist ganz anderer Art, ein
metaphysischer Sachzwang, der jenseits all der Sachzwänge liegt,
die mit dem kapitalistischen Wirtschaften und dem demokratischen
Regieren in die Welt kommen.
So verrückt, wie die Diagnose ausfällt - die Menschheit ruiniert
sich selber -, so verrückt ist auch die Begründung, die Bahro da-
für findet. Sie ist bloß das negative Abziehbild des verantwort-
lichen Gebrauchs der Freiheit, den Bahro zum Maßstab erhoben hat.
Was gemeinhin oder in Bahros radikaler Phantasie unter die Miß-
stände und Vergehen gezählt wird, liegt an der Unfähigkeit der
Menschen, das Verwerfliche zu lassen und das eigentlich gebotene
Gegenteil zu tun. Zwar kommen all die behaupteten Übel sicher
nicht dadurch in die Welt, daß es seit Jahrtausenden - da ist
Bahro radikal - unterlassen worden ist, endlich das Wirklichkeit
werden zu lassen, was im wirklichen Leben gerade nicht gilt, nach
Meinung des Moralisten aber eigentlich gelten müßte. Aber für
Bahro steht eben die ganze Welt auf dem Kopf.
Daß das Prinzip des "Exterminismus" "nichts mit einem metaphysi-
schen Mysterium zu tun" hat, sondern das Böse immer und überall
und äußerst real ist, beweist Bahro mit der ständigen Versiche-
rung, daß alles und jedes - unbeschadet seiner Eigentümlichkeiten
- nichts weiter als ein Rädchen im "Getriebe der Todesspirale"
ist.
"Der innenpolitische Kampf der Interessenhaufen und Besitzstände
ist ja nur ein bedingter Teil dieser übergreifenden Großen Unord-
nung, als die sich das Weltsystem nun darstellt." (74) "Alles,
was über Herrschaft, Ausbeutung, Klassenkampf als Letztursache
der Expansion gesagt wird, ist falsch, obwohl diese Faktoren be-
teiligt sind." (35) "Das Kapitalverhältnis ist nicht die letzte
Ursache, sondern nur das Jüngste Mittel der Expansion." (15)
So führt Bahro die öde Kunst vor, nichts mehr unterscheiden zu
wollen. Kriege und Umweltgift, Hunger und Lohnarbeit, Atomkraft
und Bürokratie, Städte und Straßen, Landwirtschaft, Autoindu-
strie, proletarische ebenso wie die Konsumgewohnheiten der Rei-
chen, sozialistischer Wettbewerb, Kapitalismus, Mittelalter,
Steinzeit - kurz: einfach alles erklärt er zur gleichgültigen Er-
scheinung seiner Vorstellung, in allem sei pur das Prinzip der
Zerstörung zwanghaft am Werk.
Der Analytiker: '...denn der Mensch ist von Natur aus
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ein zwiespältiges Wesen'
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Kaum hat Bahro in allem die unentrinnbare Realität einer Kraft
entdeckt, die stets das Böse schafft, erklärt er umgekehrt die
ganze "Todesspirale" zu einem bloßen Ausdruck einer verkehrten
Einstellung der Menschen zu sich und der Welt. Die Krise ist
"geistig", eine "innere", "ein Gebrechen der menschlichen Seele".
"Wir müssen die Logik der Selbstausrottung zurückverfolgen bis
ins menschliche Herz" (18), heißt die überaus erhellende Aus-
kunft, mit der Bahro das, was er als die zwanghafte Wirkung der
Megamaschine dingfest gemacht hatte, nun auf die große Unordnung
im Seelenleben der Individuen zurückführt:
"Wenn wir jetzt sehen, daß unser Dasein als denkende Wesen vor
allem Störung der Weltharmonie, der Naturgleichgewichte hervor-
ruft, so kann das keine andere Ursache als die Verwirrung unseres
eigenen Geistes und Herzens haben." (19)
Der Mensch lebt mit sich, mit seiner wahren Natur im Zwiespalt.
Die ist nämlich dadurch gekennzeichnet, daß all das, was Bahro an
sittlichen Geboten der Welt als ihre Zwangsgesetze angedichtet
hat, nun umgekehrt das wahre Bedürfnis und der wahre Wille eines
freien Individuums sein soll, an dem sich dieses Individuum mit
allem, was es in seinem gar nicht so freiwilligen Alltag wirklich
will und treibt, vergeht.
Gebetsmühlenartig wiederholt Bahro als seine großartige Entdec-
kung, daß es an einem "Gebrechen der menschlichen Seele" (103),
am "menschlichen Genotyp", an der "conditio humana" (176 ff.),
kurz: an gar nichts Bestimmtem, sondern an "uns selbst" - an wem
auch sonst, möchte man fragen - liegt. Der analytischen Weisheit
letzter Schluß ist die Weigerung, noch irgendeinen bestimmten
Grund auszumachen: Die Menschen sind halt so - so nämlich, wie
sie sich der Zivilisationskritiker vorstellt: Moralbündel, die es
bloß immerzu versäumen, dieser ihrer wahren Natur in ihrem Wollen
und Handeln auch zu entsprechen:
"Wahrscheinlich ist die Wahrheit so ärgerlich einfach und immer
wieder von Weisen und Propheten, Heiligen, Dichtern ausgespro-
chen, von pessimistischen Konservativen und vom konservativen
Volksmund wiedergekäut worden, daß wir uns nicht getrauen, sie
anzunehmen... Die ökologische Krise ist vor allem eine Krankheit
des menschlichen Geistes, besser gesagt unserer gesamten Psycho-
dynamik." ( 103 f.)
Bahro traut sich, und wie! Jede Kritik, die noch irgendeinen be-
stimmten Verstoß ausgemacht haben will, wird von Bahro nicht wi-
derlegt, sondern der Halbheit, und Vordergründigkeit bezichtigt,
weil sie sich nicht genügend auf die Abstraktion - es liegt "an
den Menschen als solchen" - verlegt. Das nennt er "zum Kern vor-
dringen" er weckt die Vorstellung, er würde immer tiefer der Sa-
che "auf den Grund gehen", und macht dieses "Stufenmodell" sogar
per Bild anschaulich (108):
--------------Exterminismus-------------
! !
! -----------Industriesystem---------- !
! ! (Megamaschine) ! !
! ! ! !
! ! ---------Kapitaldynamik--------- ! !
! ! ! ! ! !
! ! ! --------Europäische--------- ! ! !
Transforma- ! ! ! ! Kosmologie ! ! ! !
tion ! ! ! ! ! ! ! !
! ! ! ! ! ------Patriarchat------ ! ! ! !
! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !
-----------------------Genotyp------------------
conditio humanae
Zum Beispiel das Geld
Als Attribut der Megamaschine -" Die Megamaschine ist kapitalge-
trieben" - ohnehin nicht mehr mit dem Maß und der Materiatur des
Reichtums einer kapitalistischen Gesellschaft oder dem politöko-
nomischen Hebel für realsozialistischen Staatsreichtum zu ver-
wechseln erfährt das Geld eine zweite Verwandlung. Erstens ist es
als Resultat einer fehlgeleiteten Psyche streng tautologisch nur
das Resultat der menschlichen Gier nach ihm, auch wenn es für den
"Raffke" in uns allen eigentlich das Geld ja erst einmal geben
und alles vom Geld abhängen muß, damit jedermann nach ihm strebt
mit unterschiedlichem Erfolg als Geldbesitzer oder Geldverdiener.
Zweitens ist es laut Bahro aber bloß "Ersatzmagie", ein gleich-
gültiger Gegenstand der Gier als solcher, die eigentlich gar kein
bestimmtes Objekt kennt, sondern alles und nichts, nämlich
"eigentlich die ganze Erde für sich jeweils allein" (193) will.
Drittens will jedermann so etwas Verrücktes, weil er eigentlich
etwas ganz anderes will. Das Geld ist wie vieles andere auch -
bloß Ausdruck eines "in der menschlichen Natur selbst angelegten
Widerspruchs" (138), die "Ausgeburt des kompensationsbedürftigen
subalternen Ichs" (147). Das Individuum kommt nämlich nicht zu
seiner wahren Befriedigung: Die läge nach Auskunft Bahros in so
anheimelnden Sachen wie dem "wahren Horizont menschlicher
Selbstentfaltung auf diesem Planeten", oder darin, zum "Urquell
des Lebens...zurückzufinden", also darin daß der Mensch die ihm
gesetzten (man weiß schon: vom Leben, der Schöpfung) Grenzen ein-
hält. Warum die Einbildung, daß der Mensch nur in demütiger Ein-
und Unterordnung unter ein großes Ganzes bei sich selber ist, so
wenig Erfolg beschieden ist, wenn sich in ihr schon der tiefste
Herzenswunsch aller Menschen zusammenfaßt, ist zwar nicht ganz
erfindlich. Jedenfalls kompensiert eine auf solch Höheres gerich-
tete Seele diesen "Mangel an innerer Souveränität" ausgerechnet
dadurch, daß sie wg. der ihr verweigerten Selbstverwirklichung
hemmungslos auf eine Selbstverwirklichung aus ist, die gar keine
ist auf die "Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse", die
prompt zerstörerisch wirkt:
"Das Geld ist das abstrakte Blut des Dämons, der uns in einem
psychologisch sehr realen Sinne besessen hält und uns die Mord-
und Selbstmordinstrumente führen läßt und führen macht." (142)
Es ist das "...allgemeine Suchtmittel, mit dem wir unsere ohnehin
gegebene Tendenz, das Naturgleichgewicht umzustürzen, potenzie-
ren". (135)
In seinem Eifer macht es Bahro auch nichts aus, das Geld - eben
noch "Ausgeburt", also Erscheinung menschlicher Seelenverirrung
umgekehrt wiederum zur Ursache des menschlichen Fehlverhaltens zu
erklären, dessen Produkt es angeblich sein soll. Zu diesem logi-
schen Zirkel kann man auch "Teufelskreis" sagen und damit das
Rätsel für beantwortet halten, warum die Menschheit nicht
schlicht und ergreifend ihr moralisches Glück ergreift und sich
statt dessen lauter materielle "Ersatzbefriedigungen" zulegt.
Sei's drum. Ist das Geld erst einmal als loßes Symbol einer sitt-
lichen Entgleisung dingfest gemacht, leuchtet es ja wohl auch
ein, daß modernes Denken "geldbestimmt", nämlich "abstraktio-
nistisch" veranlagt ist:
"Die Geldabstraktion scheint ausschlaggebend für die ganze Art
unserer Rationalität und Wissenschaft, ihres objektbeherrschenden
und - manipulierenden Charakters zu sein. Münzen, bits, Begriffe,
Individuen, Arbeitskräfte, Atome, Quanten aller Art - all unsere
Welt- und Verhaltensmodelle stehen unter der Vorherrschaft dieser
abstrakten Einheiten, die sich alle bis ins schlecht Unendliche
massieren lassen." (134)
Diese Gleichsetzung von Dingen aller Art ist von Bahro natürlich
nicht "abstraktionistisch" gedacht, sondern bebildert sehr tref-
fend den Grundgedanken, den er als fundamentale Analyse anbietet:
Der Mensch ist zugleich Täter und Opfer seiner "geistigen Verwir-
rung":
"Ausgezogen in der Rolle des Top-Parasiten, der seinen Nutzen
verfolgt, finden wir unsere Psyche nun als Anhängsel der Megama-
schine vor, die uns in dieser verlorenen Position festzuhalten
sucht." (307)
Kein Wunder, daß neben dem Geld auch noch "Geld und Freiheit",
"Macht, Sicherheit, Bequemlichkeit, Rüstung" aber auch "Ausbeu-
tung, Kapital und Staat, einschließlich Militär und Mas-
senmedien", "unser Industriesystem, unsere industrielle Lebens-
weise selbst", "Beton", "das Männliche", "der Mercedes" und man-
ches andere mehr den Sündenfall des Menschen symbolisieren kann.
Alles ist eben nach Bahros Vorstellung eigentlich ein Höheres, so
daß sich alles, was Kapitalisten und Lohnarbeiter, Politiker und
Volk in ihren Verhältnissen zu machen pflegen, gehörig blamiert.
Es ist natürlich nur ein schlechter Ersatz der geistigen Speise,
die Bahro verabreichen möchte:
"Es liegt letztlich nicht am Geld, es liegt an uns. Wären wir
alle in der Lage so zu empfinden wie Christus, als er meinte, wir
sollten so unbesorgt um Nahrung und Kleidung sein wie die Vöglein
unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde, dann wäre die Auf-
hebung der Geldwirtschaft nahe, und es wäre auch die Existenz al-
ler menschlichen Wesen in einem annähernden Gleichgewicht mit der
übrigen Natur gesichert." (147)
Eine Gesellschaft, in der das Geld, seine Mehrung herrschender
Zweck der Ökonomie ist, in der daher das Bedürfnis nur als zah-
lungsfähiges zum Zuge kommt, also sich als Mittel eines Geschäfts
bewährt; eine Gesellschaft, in der Arbeit gegen Lohn als Kost
zählt, in der daher der Lohn knapp bemessen ist und manches Be-
dürfnis wegen des Dienstes am Geschäft auf der Strecke bleibt -
diese Gesellschaft kritisiert Bahro dafür, daß in ihr die schnöde
Befriedigung immer maßloserer materieller Bedürfnisse oberster
Zweck sei. Er vertritt allen Ernstes die Auffassung, daß "der
Nutzen das Produkt der Ausbeutung sei". Die Geschichte mit der
Kompensation" möchte er nämlich gerne umgedreht sehen, und zwar
so, wie sie in einer Welt in der das wirkliche Bedürfnis nur be-
dingt zählt, wirklich vorkommt. Zum Maßstab seiner Kritik erhebt
er eine in der bürgerlichen Geistes- und Religionswelt ziemlich
lebendige kompensatorische Idee: daß nämlich "die menschliche
Selbstentfaltung", die "Emanzipation" dort anfängt, wo das Indi-
viduum es geschafft hat, seinen Bedürfnissen abzuschwören und
jenseits seiner materiellen Sorgen im Reich der sittlichen Ein-
bildungen sein Glück sucht. Für diese Sorte "Emanzipation", eben
die vom überall entdeckten "Materialismus", ergreift Bahro Partei
- und macht den Stachel der Versuchung und Abirrung deshalb schon
im Produzieren und Konsumieren, im Denken und Wollen als solchem
dingfest:
"Der 'materielle Lebensprozeß' als Praxis des Sachenmachens, dies
Trümmerhäufen, von dem wir unser Dasein immer abhängiger rückge-
stimmt sein lassen, ist die Todesspirale. Dieser Mensch, 'wie er
nun einmal ist'- mit dieser 'materiellen Interessiertheit'als
Mitte seiner empirischen Existenz -, er ist verloren." (103)
Fundamental ist sie also schon, Bahros Analyse, fundamental jen-
seits.
Der Helfer und sein einfaches Rezept: Umdenken
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So apokalyptisch Bahro die Lage ausmalt, die die Menschheit zur
Selbstrettung vor dem drohenden Weltende verpflichten soll, so
einfach ist andererseits das Rezept für den Ausbruch aus dem
jahrtausendealten Teufelskreis von Megamaschine und psychologi-
scher Mißgeburt, in dem der Mensch eben noch rettungslos verfan-
gen war. Es besteht in der Umkehrung seiner Diagnose: "Umdenken"
lautet es, wahlweise auch: "Schluß mit unseren Gewohnheiten und
Ängsten, der Trägheit unseres Geistes und Herzens" "Du mußt Dein
Leben ändern." (83) Die Errettung der Welt soll durch einen will-
kürlichen Beschluß der Menschen gelingen, sich und die Welt wie
Bahro rigoros vom Standpunkt eines antimaterialistischen Auftrags
aus zu sehen. Der pure "Wille zur Umkehr" (14), also genau das
Gegenteil zu wollen und zu machen wie bisher, soll wieder einmal
Berge versetzen:
"Wenn wir es wirklich wagten, sie zu wollen, bekämen wir ziemlich
schnell eine Regierung oder besser eine Ordnung des sozialen Gan-
zen, mit der wir uns retten könnten." (14)
Das ökologische Glaubensbekenntnis zur großen verpflichtenden
Schöpfungsordnung stellt Bahro wahlweise als Welt- oder
Selbst"erkenntnis" vor, "Welt" und "Mensch" sind ja nach demsel-
ben sittlichen Muster gestrickt, so daß ihr "Einssein", die
"Wiederannäherung an den Logos als das natürliche (göttliche) Be-
wußtsein, das mit dem menschlichen Bios gegeben ist" (204), sich
ganz von selbst als die wahre Bestimmung aufdrängt. Das entspre-
chende Paradies, wo noch "ganzheitliches Denken" (176) mit der
"rechten Hirnhälfte" (92), bzw. aus "der Körpermitte" (94) ge-
pflegt wurde, liegt diesmal nicht ganz soweit zurück wie in der
Bibel, nämlich in den bekanntlich überaus gesitteten Lebens- und
Denkweisen kurz nach der Erfindung des Feuers der Höhlenmalereien
und der Bärenfelle:
"Wir brauchen wieder Zugang zu den ältesten Weisheiten der
Menschheit, die bis auf die Altsteinzeit zurückgehen, wo die Men-
schen die Urtatsachen ihrer Existenz und Einordnung in den Kosmos
noch weitgehend frei von dem deformierenden Ballast ihrer späte-
ren kulturellen Spezialisierung und Entfremdung gelebt und gefei-
ert haben." (23)
Der Glaube an die sittliche Kraft vorzeitlichen Überlebens-
kampfes! - eine anheimelnde Utopie und ein radikales Sinnbild
"ökologischer Vernunft" in einer von allseitiger Naturbeherr-
schung, aber keineswegs von allgemeinem Wohlstand gekennzeichne-
ten Welt!
Mit Jesus, Goethe, Meister Eckhardt, New-Age-Philosophen und
Laotse - "befallen werde ich von großen übeln, weil ich ein
selbst besitze, wäre ich frei vom selbst, welches übel gäbe es
für mich?" - verkündet Bahro seine antimaterialistische Bot-
schaft, die nun wirklich jeder halbdebile Kirchgänger herbeten
kann, in der sorgsam kopierten Figur eines Endzeit-Propheten. Er
wirft sich in die Pose des einsamen Missionars, auf dessen Bot-
schaft der Rest der Menschheit gewartet hat, und schlachtet dabei
aus, daß alle Welt seine moralischen Weisheiten schon lange auf-
sagen kann und dennoch keine Sau damit ernst macht. Schließlich
kommen die Lügen der Sonntags- und anderen philosophischen und
politischen Schönredner zwar wie geltende Lebensmaximen daher;
und sie sind ja auch die durchaus passenden Umdeutungen der prak-
tisch gültigen ebenso wie der geschädigten Interessen in lauter
Dienste am Ganzen und Höheren. Aber darin sind sie eben nur die
Verhimmelungen der wirklich gültigen Rechte und Pflichten und der
sie garantierenden öffentlichen Gewalt, zu denen die teils aner-
kannten und teils beschränkten Privatinteressen ein instrumentel-
les Verhältnis einnehmen. Die Differenz zwischen den allseits an-
erkannten Verantwortungstitel, in die jeder mit einem ver-
pflichtenden "wir" eingeschlossen wird, und der wirklichen Ge-
stalt politischer, geschäftlicher und sonstiger Verantwortung in-
terpretiert Bahro als mangelnde Konsequenz im Zuendedenken und
Ernstnehmen der anerkannten Gebote. Diesen unerträglichen Gegen-
satz, der nur in seinem sittlichen Wahn existiert, will er auflö-
sen, und zwar radikal zugunsten des Wertehimmels, der endlich
real werden soll auf Erden.
Damit auch jeder sieht, wie und vor allem daß das Umdenken geht,
bietet Bahro auch noch ausführliche Handreichungen zur sittlichen
Lebensgestaltung. Allerdings geraten sie mehr zu Dokumenten, wie
verrückt ein realistisch gemeintes Weltmodell aus dem Geiste der
ökologischen Vernunft ausfällt.
Der Retter empfiehlt: Die Technik
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der religiösen Selbstbespiegelung...
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Zur "Ich-Findung" und "Selbsterkenntnis" des Individuums emp-
fiehlt Bahro die "östliche Weisheit" der Meditation. Das Indivi-
duum soll an sich selber die Interpretation wahrmachen, daß al-
les, was man so tut und denkt, will und nicht bekommt, der ei-
gentliche Wille nicht sein kann. Es soll sich die eingebildete
Aufgabe seiner Individualität als deren höchste Erfüllung vorgau-
keln:
"In erleuchteten Momenten ist unser Denken nicht von ausgedachten
Zwecken erfüllt, sondern vom Logos des Lebens."
Der Mensch soll sich in seinen Gedanken ganz auf die religiöse
Botschaft von der Alleinigkeit verlegen - "Denn in uns ist alles
und wir sind in allem" (23) -, als wäre sie nicht bloß dafür da,
zu erheben, sondern gelebt zu werden. Die Kunst, sich nur noch
auf das unmittelbare Fühlen der moralischen Einbildungen zu kon-
zentrieren und alle praktischen Verhältnisse, in die man gestellt
ist, für gleichgültig und damit verzichtbar zu erklären - von we-
gen " Rückkehr" zu irgendeiner natürlichen Einheit! -, erhebt
Bahro in den Rang eines revolutionären Verbesserungskonzepts.
... und eine Erziehungsdiktatur für den heilsamen Zwang zum Guten
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Aus diesem Geist möchte Bahro nicht bloß das Individuum, sondern
auch die Welt 'neu gestalten'. Er phantasiert sich eine Weltord-
nung zurecht, in der "das Spirituelle gesellschaftlich gültig"
(206) gemacht wird und sich die Politik nur noch als Anwalt sei-
ner ökologischen Moral betätigt. Was das ureigenste Bedürfnis der
Menschheit sein soll, wird jetzt vorgestellt als Werk politischen
Zwangs - einer durch und durch "heilsamen Tyrannis" natürlich,
die deshalb auch nicht als Gewalt gilt, sondern als "kreatives
Potential" und bloßes "Symbol der verinnerlichten Souveränitä-
ten". Der Widerspruch daß die Moral, die angeblich die Herrschaft
konstituiert, erst durch Gewalt wirklich gemacht werden soll,
stört Bahro also wenig. Bahro verwechselt Politik mit der Reali-
sierung eines geistigen Weltmodells und vermißt prompt die Konse-
quenz bei der Durchsetzung seines Sittengesetzes. Deshalb wirft
er - angeblich herrscht ja allenthalben "Materialismus" den demo-
kratischen Machern ausgerechnet die Bedienung der "egoistischen"
Interessen des Volkes vor und fordert, daß die politische Macht
mit ihrer Verpflichtung auf das Ganze endlich gegen jedermann
ernst machen müßte, als würde sie es ausgerechnet auf dem Feld
des staatlich definierten Allgemeinwohls an Entschlossenheit ge-
genüber Ansprüchen der Masse fehlen lassen:
"Die Lebensinteressen müssen absoluten Vorrang (vor Sonderinter-
essen und ihrem Verteilungskampf) haben und dies muß durch eine
institutionelle Erneuerung gesichert werden." (312)
Bahro beläßt es auch hier nicht bei dem programmatischen Verlan-
gen, die Politik sollte ihre Berufungstitel - die Verantwortung
für den Menschen, für den Globus, für die Verhinderung der dro-
henden Katastrophen, die immerzu aus den Wirkungen von Politik
und Geschäft hochgerechnet und ihr zu bedenken gegeben werden -
zur wirklichen Leitlinie der Machtausübung erheben. Er malt es
wie ein realistisches Staatsprogramm aus - das Regiment der
"ORDINE NUOVO", in der sich Eros, Logos und Arbeit versöhnen und
überhöhen lassen", z.B. durch kleinindustrielle Selbstversorgung
"Transportradius von 25-30 Kilometern" und "Anrecht auf den Nieß-
brauch von 1000qm landwirtschaftlicher Nutzfläche für jedermann";
mit einem "Fürsten der ökologischen Wende" (325 ff.) ("Gott, Kai-
ser, Tribun, Meister, usw.") an der Spitze, der "mit sehr ent-
schiedenen Eingriffen auf die exterministischen Symptome, Mecha-
nismen und Antriebe reagiert" (219), im Namen eines Allgemein-
wohls, das diesmal ganz echt, ganz fundamental und wirklich glo-
bal sein soll; mit einem "Oberhaus", in dem "Erde, Wasser, Luft
und Feuer, Steine, Planzen und Tiere Sitz und Stimme haben"
(492), und das durch "ein gewisses weibliches Übergewicht" als
"Stimme der Gottheit" funktioniert; mit einer "unsichtbaren Kir-
che" als Basis und anderen "spirituell-politischen Instanzen"...
So entwirft Bahro das Modell eines "Gottesstaates", der nichts
als eine Karikatur demokratischer Herrschaft ist, nämlich ihre
Neukonstruktion aus den allerabstraktesten Rechtfertigungstiteln
demokratischer Machtausübung: Regieren heißt den Bestand von al-
lem stellvertretend für und gegen jeden Einzelnen sichern.
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Die Botschaft kommt an
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Daß Bahro die Welt so konsequent auf den Kopf stellt, wie das
mißratene Abbild ihrer gängigen Ideologien auffaßt und daran bla-
miert, hat ihm den Ruf eingebracht, eine brauchbare politische
"Orientierung" zu bieten. Seine Phantastereien von einem puren
Moral-Regime, das Schluß macht mit dem menschlichen
"Materialismus" und die "Rückkehr zur Natur" erzwingt, finden ge-
wendete Ost-Intellektuelle interessant. Wo die praktischen Ver-
hältnisse klargestellt sind, scheinen sie prompt gelernt zu ha-
ben, nach alternativen politischen Sinnstiftungen zu suchen, und
Kritik für umso bedenkenswerter zu halten, je weniger sie sich um
das kümmert, was politisch zählt. Deswegen gefällt das Gestammel
von jemandem, der über der Differenz der allgemein anerkannten
moralischen Begründungen für die demokratische Gewaltausübung zu
den geltenden Machtinteressen ziemlich verrückt geworden ist.
Eine letzte Erbschaft sozialistischer Moralerziehung - oder der
zögernde Eintritt ins demokratische Geistesleben? Auf jeden Fall
an der Humboldt-Universität interdisziplinär geschätzt.
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