Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Dichter betrachten den Regierungswechsel
KAMPF UM DIE GEISTIGE FÜHRUNG
"Das gewöhnliche Kompliment ist Dutzendware, mechanisches Geplap-
per ohne Sinn und Verstand und Feinheit. Die Speichelleckerei als
Kunst betrieben, schafft originelle, charakteristische, tief emp-
fundene Formulierungen: sie gestaltet." (B. Brecht, Die Kunst des
Speichelleckens)
Der Regierungswechsel war noch nicht vollständig abgewickelt, da
schwärmte das Feuilleton der "Zeit" schon aus, um den Künstlern,
die "1969 die leidenschaftlichen Sympathisanten es politischen
Neubeginns" waren, am Ende der "sozialliberalen Ära" folgende
aufschlußreiche Fragen vorzulegen:
"Welches Gefühl bewegt Sie in diesem Augenblick? Trauer, Erleich-
terung oder Gleichgültigkeit? Und macht ihnen der Gedanke an die
Regierung, die kommen wird, Mut zur Zukunft oder nicht?"
Zielsicher spricht die "Zeit" die zehn Künstler in dem Organ an,
mit dem diese Spezies zu urteilen pflegt: dem Gefühl. Und das An-
sinnen besteht in nichts Geringerem, als daß diese sensiblen Na-
turen b e t r o f f e n sein sollen nicht von der Macht, son-
dern vom Macht w e c h s e l. Nicht gefragt sind hier Urteile
über so kleinliche Fragen wie die von der alten Regierung for-
cierte Aufrüstung, die großzügige Bedienung am "Sozialen Netz"
sowie deren konsequente Fortsetzung durch den neuen Helmut. Ge-
fragt ist vielmehr das Interesse an der Konkurrenz um die Macht
und deren gepflegter Inszenierung durch die Politiker, persönli-
che Anteilnahme an den (Geschicken der Herrscherfiguren. Die
"Zeit" kennt ihre Pappenheimer offenbar gut genug um zu wissen,
daß das Ansinnen, das trickreiche Gerangel um die Macht auch noch
als Sternstunde der Republik zu bestaunen, bei diesen nicht als
Unverschämtheit zurückgewiesen, sondern als Chance begrüßt wird,
die Verantwortlichkeit des künstlerischen Gefühlsapparates unter
Beweis zu stellen.
"Ein kompaktes Stimmungsbild vom Rand der Republik"
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Ob ein Filmer namens Flimm, der Betrachtungsweise seines Berufes
folgend, den Regierungswechsel als Inszenierung, die nicht auf
seinem Mist gewachsen ist, behandelt und entsprechend herablas-
send würdigt, dabei aber nicht vergißt, Schmidt den Filmpreis zu
verleihen -
"Schmidt war klar der bessere Schauspieler, Kohl ist ja kaum zu
besetzen. Welcher Manierisaius. Die leere Hülse des Wortes. Der
uneigentliche Gestus."
- ob ein Alexander Kluge über Helmut Schmidt, der noch bis kurz
vor dem "Königsmord" uninteressiert als 'prosaischer Macher' ab-
getan wurde, und seine "klare Stirn" gleich "euphorisch" wird -
"Trauer war mein Gefühl beim Rücktritt von Willy Brandt. Bei den
jetzigen Ereignissen habe ich das euphorische Gefühl von Hochach-
tung und Stolz: daß diejenigen Politiker, denen ich noch am ehe-
sten trauen könnte, bei ihrem Abgang eine Haltung zeigen, die
ihre Gegner nicht besitzen. Scheinbar ist eine solche Frage der
Haltung - wie einer redet oder steht, klare Stirn oder sechzehn
Falten und so fort - das Unpolitische daran, für mich ist es po-
litisch."
- ob der Schauspieler Bernhard Minetti die Staatsbürgeridiotie
vorführt, die Politikerfiguren, unter denen er lebt, ausgerechnet
nach seinem Vertrauen in sie zu unterscheiden:
"Ich bin sehr traurig. Unter Schmidt fühlte ich mich sicher. Für
die Zukunft bin ich skeptisch," (Die Schlichtheit dieses Zweizei-
lers macht hier seine Bedeutsamkeit aus) -
oder ob Martin Walser die schreckliche, die kanzlerlose Zeit
dräuen sieht:
"Ich sag halt: schade. Jetzt hätten wir endlich mal einen Bundes-
kanzler gehabt, und nun haben wir Aussicht auf keinen."
- stets sind in dieser eintönigen Vielfalt die wunderlichen
Freunde der Innenseite der Außenseite der Macht am Werk.
Als Kunstrichter der Darstellung von Politik belieben sie diese
auf den Kopf gestellt zu sehen, - als sei "die Zeit der
Schaukämpfe, der Verstellungen, der alibihaften politischen
Schauläufe" (Lenz) um die Macht bloßes Theater und nicht Mittel
des politischen Erfolgs. Klar, daß dann Geschmackskriterien genü-
gen, wie gelungen Politiker die Attribute der Arroganz der Macht
an sich als Person zur Darstellung bringen. Wo Herrschaft zur
Stilfrage ihrer Repräsentation wird, da kommen Inhalte der Poli-
tik nicht vor, ist ihr also alles erlaubt, wenn sie sich nur an
die gefälligen und geziemenden Gesichtspunkte hält, an denen die
Politiker sich selbst gemessen sehen wollen.
Nur wollen diese in der Feier ihres politischen Selbstverständ-
nisses den Erfolg. Bleibt der im "historischen Augenblick" der
"Wende" aus, so spendet die Verklärung Schmidts zum würdigen
Herrscher diesem nur vor der Geschichte - allerdings reichlichen
- Trost
"In Bonn hat am 17. September 1982 der alte Kanzler eine glän-
zende, eine zugleich wütende und würdige Rede. gehalten. Die ihn
stürzen wollen (Genscher und Kohl), wirkten danach wie nervöse
überforderte Prokuristen, sprachlos ausgerechnet im historischen
Augenblick. Es ist ja auch eher ein Handel, den sie miteinander
vorhaben als eine geschichtliche Tat - das machte ihre Sprache
hohl ihre Gesichter leer. Schmidt hatte wie ein Herrscher gespro-
chen, dann sprachen zwei Angestellte der Macht." (Benjamin Hen-
richs, ein höherer Angestellter der Macht)
Noch erdenferner gedenkt Franz Xaver Kroetz der Mächtigen, unter
denen er sich einst tummelte, bis er seinen DKP-Austrit beschloß:
"Ich bin kein Leitartikler und will's nie mehr versuchen." Genau
deshalb läutet die "Zeit" bei ihm an und 'nötigt' ihn, in aller
Öffentlichkeit "privat zu reagieren", obwohl er doch so viel lie-
ber weite Holz gehackt und "auf diese Art von Theater und auf
diese Art 'Theater heute'" geschissen hätte, was er dank seines
Ringens um die Möglichkeit seiner Stellungnahme in drei vollen
Spalten damit also auch noch angebracht hätte. Und an einen
"Sinn" glaubt er bei der Politik der Bonner Parteien schon gleich
gar nicht. So illusionslos ist der Franz Xaver, daß er - Gipfel
ästhetischer Verirrung - an der deutschen Politik rein gar keinen
Gefallen mehr finden kann - außer dem, sie als Moloch zu verge-
heimnissen
"Nein" das Ende der Koalition tut mir nicht weh und macht mir
nicht mehr Angst als nötig und entmutigt mich gar nicht. Und
trotzdem, ich will nicht lügen, der letzte Gedanke, der mir noch
(!) plötzlich (!) einfällt, der paßt nicht zu dem Bild, denn er
heißt: Ich denk dran, ich hab noch nie einen Krieg erlebt, obwohl
ich bald 37 werde. Und ich denk plötzlich: Ob das so bleibt? Und
hab Angst." (Schön hast das gsagt!)
Als Schmarotzer der Macht und ihrer Wechselfälle brauchen Künst-
ler kein Parteibuch und keinen Auftrag - sie stehen zu ihr in
F r e u d u n d L e i d gleichermaßen, auf ihren ehrfürchtigen
Genuß bedacht.
Denk' ich an Deutschland...
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Stolz auf solchen geistigen Anstand ist Walter Jens in seinem
Aufsatz "Die Blütenträume ausgeträumt":
"Als ob man sich, so mir nichts dir nichts, ein 'geistiges Pro-
fil' geben könnte! Als ob es darauf ankäme, 'interessant' zu wer-
den! Als ob Moral - das Einigungsband von 'Geist' und 'Macht'-
ein Maßanzug sei, in den einer hineinschlüpfen könne: Partner-
schaft als Resultat des entsprechenden s t y l i n g auf Seiten
der politisch Handelnden - d a s e b e n g e r a d e
n i c h t."
Jens hat's nämlich mit der groß - und gesamtdeutschen Ehre, die
über alle Grenzen bis Polen und weiter ausgreift:
"Dieser Kniefall in Warschau vor dem Mahnmal für die Opfer des
deutschen Faschismus, es war eine Geste, die ich nicht ver-
gesse... Ein deutscher Kanzler, der die Größe besaß, die Souverä-
nität und Freiheit, stellvertretend für sein Volk - er, einer der
wenigen Gerechten! - in die Knie zu sinken. Ein Zeichen war das,
daß Macht und Geist, Politik und Moral, Handel und Humanität zu
vereinigen seien."
Wie geistvoll, daß heute die Zuständigkeit für die polnische Öko-
nomie in der Vorstandsetage der Dresdner Bank human geregelt
wird. Daß neben feinsinnigen Bedenklichkeiten à la Kroetz offene,
parteiliche Lobhudeleien für die Männer deutscher Erfolgspolitik
ganz auf der Linie eines ü b e r p a r t e i l i c h verstan-
denen Auftrags der Künste liegen, haben Politiker im übrigen
schon immer zu schätzen gewußt: Weniger zur handfesten
"Verteidigung der Republik", wie Künstler sich dies einmal zu-
rechtgesponnen haben, als zur nationalen Selbstdarstellung ist es
Brauch, stets ein paar dieser Exemplare im Tornister mitzuführen
- von Karl-Heinz Rummenigge bis Günter Grass. Der tat sich mit
folgendem Spruch zu seinem raschen Eintritt in die jetzt
oppositionelle SPD hervor:
"Wenn wir nicht verzichten lernen, geben wir uns auf..."
Daß ihn dieser Satz nicht zum Eintritt in die CDU bewegte, der
das sozialliberale Sparprogramm auch nicht weit genug ging,
zeigt, daß Grass zusammen mit Eppler der geistigen Führerschaft
der Nation zu Ehren verhelfen will, die einen Kohl alt aussehen
läßt. Denn das soll Schmidts Fehler gewesen sein:
"(Er) lehnte es ab, etwa im Bereich der Kultur oder in dem Be-
reich, den man so schön Grundwerte nennt, Entscheidungen zu tref-
fen und von sich aus Wege aufzuzeigen." (Spiegel)
Welche Konjunktur des Geistes! Da jubelt auch der Walter aus
Tübingen, der bis jetzt immer nicht zu Worte kommen konnte:
"Dem Gefühl der Bedrängnis gesellt sich Aufatmen, ja ein gerüt-
telt Maß von Sich-befreit-fühlen zu. Endlich dürfen auch die ent-
schiedensten Verteidiger des kleineren Übels... die Dinge ohne
falsche Rücksichtnahme auf zu verteidigende Machtpositionen beim
Namen nennen: Radikalen-Erlaß! Anti-Terror-Gesetzgebung!... und
das Schlimmste: das Festhalten am Nachrüstungsbeschluß in einem
Moment, wo..."
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