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Kultur
WIR TRAUERN UM FRANZ XAVER KROETZ
Er ist durchgedreht. Die Bauern, der Lattensepp und die CSU haben
ihn endgültig fertiggemacht.
Das hätte der gute Franz Xaver doch wissen müssen, daß das, was
er sich vorgenommen hat, kein Schwein aushält, schon gar nicht
ein "engagierter Gewerkschaftler" und "christlicher Kommunist"
wie der Franz, der obendrein noch Künstler ist. Da hat sich die
eigentlich gesunde Psyche des Franz Xaver zweifellos übernommen.
Der macht sich glatt an die Bauern ran - schon eine heikle Sache,
wenn man weiß, daß die nicht fressen, was sie nicht kennen. Also
er will aus den Bauern Kunst machen, dramatische Kunst, und über-
fordert dabei eindeutig das bodenständig gewachsene, gediegene
Kunstverständnis des ländlichen Stands. Nichts von dessen natür-
licher, aber tiefer Mettaforrik: "Wenns zweng der Kälten nix dua
kunst, jeds Fruahling kummt allweil die Brunst." Statt dessen
eine Hintergründigkeit in Xavers Drama, daß einem der Schädel
brummt. Da will der Künstler den Bauern auch noch mit dem gekreu-
zigten Christus in eine Verbindung bringen, obwohl doch ein ge-
standener Bauer auf seinen Lattensepp nichts kommen läßt.
Schließlich versteigt sich Kroetz dazu, die Alpen, die Heimat,
den Lymphdrüsenkrebs und den Jesus in den völlig unbekannten Bau-
ern "Sümbollick" zusammenzupanschen, der über sieben Umwege, mit
lauter Figuren, die überhaupt nicht brüllkomisch sind (nicht eine
haut der Magd eine auf den Arsch), den knochentrockenen Vorgang
"Bauern sterben" darstellen soll. Natürlich stirbt der Bauer,
wenn er seine Mistgabel weglegt. Das weiß der doch längst. Das
ist doch kein Drama nicht.
Aber der Dramaturg, der Franz Xaver Kroetz, der weiß ob seines
Bauerntheaters nicht mehr, wo die Glocken hängen. Der verheddert
sich nachgerade in ein unmögliches Gesamtkunstwerk (und zieht die
ihn ausfragende Dramaturgin Anke Roeder, Dozentin am Institut für
Theaterwissenschaft in München, noch mit hinein, so daß sie ange-
sichts des gutaussehenden Burschen Franz Xaver ganz durcheinander
wird).
"In "Bauern sterben " werden Heimat und Christus parallel behan-
delt. Das Heimatbild am Anfang ist ein Todesbild. "Heimat in der
Kuchl." Die Wände sind rissig, der Ofen ist aus, Essen wird nicht
mehr gekocht. Der Vater streckt seine Arme zur Seite. Es ist ein
Kreuzeszeichen. Er blutet. Ist das Stigmablut?
Nein, eigentlich hat er Lymphdrüsenkrebs. Ich finde, vernünftige
Symbole schaffen sich ihren Weg in die Transzendenz, indem man
sie real macht Also, das Numinose läßt sich nicht herstellen in-
dem ich einen Lampenschirm aufhänge, den ich dann bengalisch be-
leuchte. Deswegen gehe ich ganz real vor. Natürlich, der Vater
steht da in einer Haltung wie Jesus, aber im Prinzip ist es ein
Zeichen dafür: er blutet aus, es blutet die Tradition des Bäuer-
lichen. Er ist ein blutender, aber nicht sterbender Überrest die-
ser Zeit. Erst wenn die Kinder das Land verlassen, sterben die
Eltern. solange sie da sind, sterben sie nicht. Da kann er blu-
ten, soviel er will. Wenn die Kinder den Hof verlassen, stirbt
die Landwirtschaft. Es verödet auch viel in der Dritten Welt,
weil niemand mehr bebaut.
Heimat im zweiten Bild, in dem die Eltern sterben und die Kinder
mit dem Christus auf dem Traktor fliehen, ist in Ihrer Inszenie-
rung simulierte Heimat. Die Alpenlandschaft erscheint als Diapro-
jektion. Später, in der Stadtwohnung der Kinder, wird ein Heimat-
bild als Phototapete aufgehängt. Das heißt Heimat wird zitiert
von Anfang an. Nun ist auch die Christusfigur nicht Christus sel-
ber, sondern bezeichnet den Christus. Sind diese Umsetzungen als
Zeichen der Entfremdung bewußt vorgenommen?
Es sind Zeichen für Heimatverlust. Sie sind zitiert, und das für
mich einzige Wohlbefinden für Heimat ist Jesus. Die letzte funk-
tionierende Heimat ist Jesus, denn Jesus funktioniert zumindest
so, daß die Geschwister mit sich versöhnt sterben können. Jesus
gibt ihnen die Möglichkeit der Katastrophe, des Erlebens der Ka-
tastrophe, und das ist ja Leben. Man kann natürlich sagen, Jesus
nützt nichts, weil die Katastrophe so groß ist, daß man stirbt,
aber der Widerspruch hat mich interessiert. Die Geschwister kön-
nen sich noch artikulieren, mit Gott im Gespräch können sie komi-
scherweise am meisten sagen. Und damit hat Gott eine wunderhare
Funktion, er löst die Zunge. Als Erlöser "funktioniert" er. Er
ist selber ja auch in der Katastrophe erlöst worden.
Im Stück "funktioniert" er nur, weil die Menschen ihn erlösen.
Ja, aber das ist für mich das gleiche.
Es ist für mich eine Umkehrung.
Ja, aber eine logische.
Wie ist denn das im Schlußbild, wenn die Tochter den Christus ans
Kreuz nagelt?
Das ist der Vorgang: sie hat ihn auf dem Rücken..." (Süddeutsche
Zeitung, 23.12.1985 )
"Grunz, rülps - verstehst mi!" oder wie der wortkarge Bauer dazu
sagen würde: "Der Kroetz hat ja nicht mehr alle auf die Latten."
Die Landwirtschaft stirbt doch nicht an Lymphdrüsenkrebs oder
weil der Ofen aus ist. Und dann noch dem Lattensepp mit Utopie
und Dimension kommen. A Schand is des, deppert!
"In diesem Stück ist Christus Heimat. Er macht sie erkennbar. Es
ist nicht so, wie man mir vorwirft, ich hätte die Realitätsebene
verlassen, denn es ist ganz genau nachvollziehbar, wenn man nach-
denkt. Jeder Satz hat einen Zustand.
Früher, finde ich, hatten Ihre Stücke konkretere Utopien.
Finde ich nicht richtig gesagt. Der Einstieg in eine bessere Ge-
sellschaft ist nirgends beschrieben...
...Seit den letzten fünf Jahren interessiert mich mehr das Numi-
nose als das Gewerkschaftliche, auch die Blasphemie, die immer
einen numinosen Charakter haben muß bei einem, der Katholik ist.
Ich sehe das sowieso wie eine Spirale...
Ist diese neue Dimension der Grund gewesen, ein Stück wie "Bauern
sterben" zu schreiben...?
Das hat sich während der Proben ergeben. Das ist ja im Stück so
nicht drin... an sich beginnt es ja damit, daß dieser Christus -
wie auch immer - in die Stadt kommt, erst dort zur Persönlichkeit
wird. ...
Wir erlauben uns keinen Spaß. Deswegen habe ich mich auch geär-
gert über die pharisäerhaften Berufskatholiken. Denn wir haben
wirklich gläubig gehandelt. Es gibt nicht eine einzige Sünde, die
wir uns mit Jesus geleistet haben. Das ging nicht von der Situa-
tion der beiden Menschen aus, die wir dargestellt haben. Die kön-
nen nicht an Jesus sündigen. Er ist ihr Leben, ihr Sein.
Sie setzen ein Erkenntnisvermögen des Zuschauers voraus.
Ich glaube, die Leute sind grundsätzlich enttäuscht. Jedenfalls
die einfacheren Menschen, die in meiner Umgebung leben und die in
meine Theater gehen, stehen wie der Ochs vorm Scheunentor... "
(ebd.)
Brunzdumm, dieser Bauerndichter. Wahrscheinlicher aber, daß er
durchgedreht ist. Über die Bauern ist er dumpfdödelich geworden,
der Lattensepp hat ihn irre gemacht, und wegen des Einschreitens
des Münchner CSU-Stadtrats, der das Stück absetzen will, ausge-
rechnet wegen Verletzung religiöser Gefühle, weiß Franz Xaver
überhaupt nicht mehr, wo er geht und steht.
Hätte er das bißchen Bauernlyrik, das auf dem Land längst urtüm-
lich gewachsen ist -
Im Lattensepp, da ist der Wuarm,
der Bauer sitzt in seiner Stuam.
Der Ofen ist aus,
die Kinder - fort,
der Krebs muß raus,
der Hund - noch dort.
Von den Alpen, da wehet der Föhn ins Haus,
der Bauer holt den Obstler raus
und kippt ihn gänzlich runter.
Schon ist er wieder putzmunter.
auf der Bühne in ein wenig Handlung umgeformt, er wäre nicht so
daneben wie jetzt. So aber redet er wirr durcheinander, verwech-
selt alles und landet unversehens in Kalkutta.
"Mir steht das Theater zur Schaffung von Kunstwerken am ehesten
offen. ... In einer Kirche hätten wir das Stück hier nicht machen
können, aber in Kalkutta habe ich mir zum Beispiel Kirchen ange-
schaut. Da die Kirche für mich ein Theater ist, wäre die Rückfüh-
rung, dort ein Kunstwerk aufzuführen, ein interessanter Vorgang."
(ebd.)
So a fescher Bursch! Allmächt!
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