Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 78, 14.06.1983
Ausstellung im Überseemuseum
"MODERNE ZEITEN IN DEN ANDEN"
Zur Zeit läuft im Bremer Überseemuseum eine vielbesuchte Ausstel-
lung, die sich als Kritik am Umgang westlicher Staaten mit den
sog. Entwicklungsländern versteht und dem Besucher diese Kritik
in Form von kommentierten Fototafeln vorführt.
1. Bild: Als Diener gekleidete braune Menschen tragen an einem
Palmenstrand dem Betrachter auf silbernen Tabletts Ananas, Bana-
nen und andere südländische Produkte entgegen.
Kommentar: "In den reichen Ländern profitieren wir alle vom
Reichtum der armen Länder. In den armen Ländern profitieren nur
wenige vom Reichtum der reichen Länder."
Einfallen k ö n n t e einem bei dem Bild, daß einem bundesdeut-
schen Normalverbraucher nur in Werbespots oder Träumen vom Schla-
raffenland Südfrüchte auf dem Silbertablett geschenkt werden, die
er ansonsten z a h l e n (können) muß. Einfallen könnte einem
auch, daß Bananen, Ananas u.a. in der sog. III. Welt auf riesigen
Monokulturen von einheimischen, meistens aber von westlichen
Agrarkapitalisten für den Weltmarkt produziert werden; daß damit
der dortigen Bevölkerung alle Grundlagen ihrer ehemaligen Überle-
benswirtschaft zerstört wurden, so daß sie entweder gleich ver-
hungern oder für einen Hungerlohn auf diesen Plantagen Saisonar-
beit verrichten müssen. Einfallen könnte einem also, daß der
Reichtum von L ä n d e r n hier wie dort herzlich wenig damit
zu tun hat, daß die Leute von ihm "profitieren". Er ist vielmehr
Geschäftsmittel, noch ungeachtet dessen, wer wo welches Geschäft
mit ihm macht und wer wie für dieses Geschäft eingespannt wird:
der braune Lohnsklave steht für lateinamerikanische oder multina-
tional tätige westliche Agrarindustrielle für die Billigkeit ih-
rer Ware gerade, die die bundesdeutsche Hausfrau umso gewinnbrin-
gender zu versilbern hat. Einfallen s o l l einem aber etwas
anderes: Es "profitieren" angeblich nicht Geschäftleute und
Staatssäckel, sondern "wir alle"! Warum? Weil wir Ananas und Ba-
nanen essen wollen und beides bei der EDEKA kaufen können - falls
das Geld reicht? Zwar hat noch keine Hausfrau bei EDEKA bestimmt,
daß und wie irgendwo auf der Welt Südfrüchte produziert werden,
geschweige denn, daß die Erntearbeiter dort einen Hungerlohn ver-
dienen. Aber so denken soll der zum König ernannte Kunde schon.
Auf daß er seine Maßlosigkeit als Grund des Elends von Indios an-
sieht und zumindest für den weiteren Gang durch die Ausstellung
ein schlechtes Gewissen hat.
2. Bild: Ein Marktstand in einem peruanischen Dorf mit westlichen
Transistorenradios; ein zerlumpter Indianer in einem Berg leerer
Cola-Dosen.
Kommentar: "Modernisierung des Elends" und "Fortschritt in Do-
sen".
Einfallen k ö n n t e einem bei diesen Bildern, daß der zer-
lumpte Indianer sicher nie an ein Transistorradio kommen wird und
daß Coca-Cola sicher nicht häufig seinen mageren Speiseplan er-
gänzen wird, weil er beide Waren nicht zahlen kann, mit ihm also
kein Geschäft zu machen ist. Einfallen s o l l einem aber die
gar nicht ironische, sondern zynische Botschaft: Coca-Cola und
Transistorradios sind ohnehin unangemessene P r o d u k t e für
das Elend, das so unter der Hand zur E i g e n a r t der Anden,
ihrer Bewohner und ihrer Bedürfnisse gemacht und anerkannt ist,
obwohl die westlichen Geschäftsmittel auf den Bildern das Lügen
straft.
Ganz viele Bilder, die zeigen, wie Indios auf selbstgebastelten
Holzwebstühlen bunte Decken weben; Frauen mit pflanzengefärbter
Wolle (Anleitung liegt bei!), die Pullover für Dritte-Welt-Läden
stricken; Stromerzeugung mit handgeschnitzten Holzturbinen etc.
Kommentar: "Entwicklung durch angepaßte Technologie".
Bebildert wird hier eine Sorte "Hilfe" für die Lateinamerikaner,
die die Aussteller als "angepaßt" loben - angepaßt an was eigent-
lich? An die längst zerstörten bornierten Überlebenstechniken von
Indios, die jeden Naturzufall zu einer Katastrophe für ganze
Stämme werden ließen? Oder an das Elend heutiger Andenbewohner,
das durch die Ausbeutung der Reichtümer dieser Landstriche er-
zeugt wird, Reichtümer, die deshalb "natürlich" heißen, weil sie
nur in den imperialistischen Metropolen als Reichtum gehandelt
werden und das als "natürlich" gilt? So o d e r so ist Anpas-
sung das gemeine Gegenteil einer Hilfe dazu, das Elend zu besei-
tigen. Geholfen wird damit ausschließlich dem grundverkehrten
schlechten Gewissen hiesiger Bürger, die sich anstelle von Chi-
quitabananen mit Handgemachtem aus Alpaka behängen und mit sol-
cher "Solidarität" ihren gewählten Herrschaften garantiert nicht
in die Quere kommen, wenn diese Lateinamerika nicht mehr nur als
Anlagesphäre für westliches Kapital zurichten, sondern zu treuen
Stützpunkten ihres Sicherheitsinteresses umpflügen.
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