Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Biermann
       

DIE RACHE DES DICHTERS

Kaum war die Mauer gefallen und der Sozialismus endgültig für tot erklärt, präsentierte der vor Jahren aus der DDR ausgebürgerte Sänger, der schon immer Kommunismus mit Humanismus verwechselte, s e i n e Abrechnung mit dem System drüben. Mit solchen Tönen war er dem hiesigen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten einen ganzen Liederabend wert. Die Gelegenheit war insofern günstig, als in der verbreiteten Volkslaune drüben ein Bedarf nach Kritik und einsichtigen Gründen, weswegen man womit abzurechnen habe, nicht angemeldet wurde. Lynchanträge dafür aber schon und nicht zu knapp, so daß der gesamtdeutsche Biermann sich ganz gut ein- bilden konnte, daß sein lyrischer Erguß so richtig nach dem Ge- schmack des Publikums ausfiel - ist ja auch nicht unwichtig für einen Dichter anzukommen. Also kommt vom System gleich gar nichts vor, wenn Biermann sich als Opfer und Kronzeuge der Unmenschlich- keit in Szene setzt und seinen Abgesang auf die ehemaligen Macht- haber anstimmt. Wolf Biermann Ballade von den verdorbenen Greisen Hey Krenz, du fröhlicher kalter Krieger Ich glaube dir nichts, kein einziges Wort Du hast ja die Panzer in Peking bejubelt Ich sah dein Gebiß beim Massenmord Dein falsches Lachen. Aus dir macht Fritz Cremer Ein Monument für die Heuchelei Du bis unsre Stasi-Metastase Am kranken Körper der Staatspartei Wir wollen dich nicht ins Verderben stürzen du bist schon verdorben genug Nicht Rache, nein Rente! im Wandlitzer Ghetto und Friede deinem letztem Atemzug Hey Hager, Professor Tapeten-Kutte Ich glaube dir nichts, du verdorbener Greis Jetzt nimmst du uns flott das Wort aus dem Munde Mit neuen Phrasen der alte Scheiß Du bist ja selber nicht mehr zu retten Und rettest auch nicht dieses kranke Land Du hast deine Jungendträume verraten Das Menetekel brennt an der Wand Wir wollen dich nicht ins Verderben stürzen ... ... Hey Honney, du gingst aus Gesundheitsgründen Ich glaub dir nichts und auch nicht dies Die schlimmste Krankheit hattest du immer: Die stalinistische Syphilis Ich hab dich verachtet und hab dich gefürchtet Und trotzdem bleibt da ein Rest von Respekt Es haben dich die verfluchten Faschisten Elf Jahre in Brandenburg eingesteckt Wir wolln dich doch nicht ins Verderben stürzen. Ein "krankes Land" - so die Diagnose - haben die Angesprochenen hinterlassen. Das sagt schon alles, jedenfalls einem Dichter, der keine Einsichten in den Laden drüben, sondern seine gefühlige Sicht verkünden will und auch noch für die oberste Gewalt, für die Nation, die allermenschlichste Regung des Mitleids empfinden kann. Für die Macher dafür um so weniger. Die haben bei ihm jede Glaubwürdigkeit verspielt. Eine Haltung, die der Volksbefreier Biermann seinen Herrschern gegenüber durchaus für angemessen hielte, hätte sie sein grundloses Vertrauen bloß verdient. Haben d i e aber nicht. "Ich glaube dir nichts" - "Ich" beglaubigt da zur Genüge, wie sehr der Dichter im Recht ist, und wie wenig man sich bei solchen Führern gut aufgehoben fühlen konnte. Ihr Mißer- folg spätestens offenbart ihre S c h u l d an dem irgendwie un- gesunden, aber vergleichsweise auch wieder belanglosen Zustand der Nation. Viel belangvoller ist da der Blick auf die Charaktere an ihrer Spitze. Bei Dichtern dreht sich eben alles um den Men- schen und die Menschlichkeit, in die sich die ganze Politik auf- löst. Die Anklage lautet also auf Charakterlosigkeit beim Regie- ren. Und wieder beglaubigt der Dichter als personifizierte In- stanz der Moral durch s e i n e Anklage das ganze Ausmaß der Verfehlung der Maßstäbe, die jeder rechtschaffene Mensch auch und gerade gegenüber seinen Herren geltend machen darf. Noch im Nach- hinein überschüttet er also die Menschen oben mit aller Kritik, zu der ein enttäuschter Moralist überhaupt nur in der Lage ist: Die abgesetzten Figuren an der Staatsspitze soll der gerechte Haß und tiefempfundene Abscheu treffen, zu dem eben nur wahrhaft gute Menschen fähig sind. Wer da was davon hat, darf sich keiner fra- gen. Es liegt ja auch auf der Hand. Ein guter Mensch fühlt sich abgrundtief berechtigt - und diesem Recht wird Genüge getan -, die einstigen Führer mit dem Schlimmsten zu bedenken, was seine hochmoralische Phantasie hergibt. Und die gibt ihm vor allem das bewährte Muster zur - nein, nicht Be-, sondern Verurteilung ein, bei dem keine einzige Maßnahme der Staatsmacher mehr eben dies bleibt. Ein Humanist bastelt einfach ein negatives Abziehbild seiner Geschmacksvorstellung von guten Führern, indem er deren Verletzung feststellt, und fertig sind die U n-Menschen. Solche lachen falsch und bei Gelegenheiten, wo Weinen die pas- sende Heuchelei gewesen wäre. Solche bejubeln einen "Massenmord", ein pures Verbrechen um seiner selbst willen, sind also selber Verbrecher. Solche nehmen Worte in den Mund, die dann plötzlich "Phrasen" heißen, weil auf die bloß gute Menschen ein Urheber- recht haben. Die können sagen, was sie wollen, Biermann merkt gleich: "der alte Scheiß". Denen kann man keine "Rettung" des Va- terlandes zutrauen, weil die nämlich in die richtigen Hände ge- hört. Solche verraten sogar ihre Jugendträume, man muß ihnen also jede gute Absicht bestreiten, d.h. böse Absichten unterstellen. Solche sind einfach unheilbar verseucht. Indizien der Verdorben- heit gibt's nach Bedarf, und sei es das Alter, das mit den Jahren unweigerlich zunimmt. Nur Honecker, der ist dem Dichter eine Extranummer bei der "antistalinistischen Abrechnung" wert. Erst behandelt er ihn wie alle anderen als krankhaften Geist und Körper, der damit den Volkskörper infiziert hat. Und dann hebt er ein bißchen den Hut vor ihm - weil er von den "verfluchten Faschisten" wegen dessel- ben Vorwurfs eingebuchtet wurde. Friede kann erst einkehren, wenn die alle im Grab sind, bis wohin Biermann sie mit seiner durch und durch humanistischen Hetze ver- folgt. Erst wenn die ein für alle Mal ihren letzten Schnaufer ge- tan haben, kann Ruhe einkehren ins Gemüt. Daß er einen einzigen Aufruf zur Verfolgung ausstößt, weiß der Dichter selber am be- sten. Deswegen schickt er im Refrain jedesmal die Gnadengeste hinterher: "Wir wollen die nicht ins Verderben stürzen..." Die sind alle eh erledigt, die Rache der guten Menschen haben sie nicht verdient. Selbst das wäre noch zu viel der Ehre. zurück