Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Prof. Emmerich wälzt "Das Moderne-Postmoderne-Problem":
PROBLEME GIBT'S!
Schon gehört oder gesehen? Treppen, die keine Stockwerke verbin-
den; Fenster, die keine Räume erhellen; antike Tempelfassaden,
hinter denen Hochhäuser des 20. Jahrhunderts stehen? Was das
soll? Nun, Professor Emmerich und seine studentische Zuhörer-
schaft halten das für ein "Problem", das mehr als modern ist. Ge-
nau genommen postmodern. Vorstellen darf man sich unter Postmo-
derne folgende Geisteshaltung:
"Die Postmoderne ist also die grundsätzliche Kritik an der Funk-
tion von allem. Das Funktionshafte wird kritisiert, die Freiheit
des Individuums zur Phantasie zum Maßstab erhoben... Nicht mehr
die materiellen Bedürfnisse sollen befriedigt werden, sondern das
plurale Denken, das sich davon absetzt und nicht mehr das Funk-
tionelle, die Funktion in den Vordergrund stellt." (Emmerich im
Seminar am 18.5.)
Die Kritik des Funktionellen, wie sie an kärglichen Betonwohnsi-
los mitunter laut wird, ist hier nicht gemeint: daß ein Haus
b l o ß auf die nackte Funktion des Dachs über dem Kopf hin kon-
zipiert ist und darüber hinausgehende Annehmlichkeiten in Aus-
stattung und Ansehnlichkeit nicht bietet. Postmoderne denken an-
ders. An Gebrauchsgegenstände wie Treppen, Fenster, Häuser über-
haupt den Maßstab anzulegen, ob sie einen wie auch immer gearte-
ten Nutzen erfüllen, halten diese Leute für kritikabel. Nicht die
m a n g e l h a f t e Erfüllung eines Nutzens, sondern daß es
überhaupt um einen solchen gehen soll, können sie nicht leiden.
Feine Geister, die sie als Kunstbeflissene sind, halten sie näm-
lich die Nützlichkeit einer Sache, die sich in einer eindeutigen
Funktion zu erkennen gibt, für eine Fessel ihrer frei vagabundie-
renden künstlerischen Phantasie - als würde nicht auch der blöde-
ste Künstler die Kunst jedes Menschen beherrschen, sich sein Teil
zu denken, statt sich von den Dingen Vorschriften an seine grauen
Zellen machen zu lassen. Der Nutzen, den eine Sache für das Be-
dürfnis hat, halten Postmoderne für einen Anschlag auf ihre Frei-
heit des Geistes, sich die Welt nach Maßgabe der Phantasie zu-
rechtzulegen. So sensibel sind sie. Und so eingebildet: So bilden
sie sich nämlich ein, daß sich die Freiheit des Menschen in der
Welt ausgerechnet darin realisiert, daß er jeden Gedanken auf
ihre Nützlichkeit als materialistische Knebelung seiner Freiheit
zurückweist.
Für diese Botschaft lassen Postmoderne die künstlerische Phanta-
sie in Aktion treten, und das ist in mehrfacher Hinsicht bemer-
kenswert:
Erstens wird zwischen Phantasie und Vernunft nicht mehr geschie-
den. Das freie Spiel des Geistes, das die Phantasie jenseits der
für wichtig gehaltenen Zwecke betreibt, soll als Maßstab für die
vernünftige und sachgerechte Beurteilung der Welt genommen wer-
den. Aber das kennt man ja von Kunstliebhabern: Gerade die künst-
lerische S u b j e k t i v i t ä t, die sich noch im letzten
Spleen austobt, soll das eigentlich O b j e k t i v e dieser
Welt viel besser treffen, als alles wissenschaftliche Bemühen um
selbige.
Zweitens fällt die Phantasie so phantasielos aus, wie es der ein-
tönigen Botschaft entspricht. Sie wird nämlich mit einem
A u f t r a g versehen. Die Nützlichkeit von allem und jedem ge-
danklich zu tilgen, ist i n D i e n s t g e n o m m e n e
Phantasie, die die spielerische Freiheit eines phantasierenden
Geistes gerade negiert. Entsprechend öde sehen postmoderne Phan-
tasieprodukte aus. Immerzu werden Gegenstände ins Bild gesetzt,
die gemeinhin eine n ü t z l i c h e F u n k t i o n haben, an
die erinnert wird, um sie durch die räumliche Anordnung oder
Weglassung von anderen Gegenständen ihres Nutzens zu entkleiden.
So kommen sie dann zustande, die Treppen, die im Nichts enden,
die Fenster, die kein Licht hereinlassen.
Drittens ist dieser Darstellung noch der Widersinn der ganzen Ab-
sicht anzumerken. Die e i g e n e S i c h t w e i s e, welche
sich auf die Negation von nützlichen Funktionen und Zwecken ver-
steift, wird zur E i g e n s c h a f t der Sachen erklärt, in-
dem sie einfach so ins Bild gesetzt werden. Der Widerspruch liegt
auf der Hand: Um die A b w e s e n h e i t eines Zwecks als
Wahrheit der Welt darstellen zu können (z.B. die Treppe ohne
Stockwerksebene, so daß sie ins Nichts führt), muß nämlich an
dessen A n w e s e n h e i t erinnert werden (Treppen verbinden
gewöhnlich Stockwerksebenen), um ihn negieren zu können.
Kritik
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an diesem Unsinn gibt es im Emmerich-Seminar auch noch. Bloß was
für eine:
"Kann das Erzählende eine befreiende Wirkung haben, oder sind es
alles nur scheinbare Veranstaltungen, eine weitere Spirale des
Illusionismus, der in die Welt kommt? Ein weiterer Beitrag zur
Kulturindustrie, zum Scheinhaften? Das ist die anzunehmende Fra-
gestellung." (Emmerich)
Wer die Welt vom "Scheinhaften" befreien möchte, will die Wirk-
lichkeit nicht k r i t i s i e r e n, sondern durch einen Ver-
gleich b l a m i e r e n: Sie verfehle gerade das, was der Kri-
tiker für das eigentlich Wirkliche hält. Daß die Welt nicht den
Vorstellungen des Kritikers entspricht, gerät so zur Behauptung,
darin weiche die Welt v o n s i c h s e l b s t ab, sei also
keine wirkliche Wirklichkeit, daher u n w i r k l i c h und
s c h e i n h a f t. Diesem Idealismus leuchtet dann sehr ein,
daß die künstlerischen S c h e i n produkte der Postmodernen ge-
nau die Welt t r e f f e n, wie sie eigentlich i s t - nämlich
eine von der "Herrschaft" der Funktion befreite. Künsterische
Phantasie in ihrer ödesten Form bekommt den Stempel der Wahrheit.
So weit teilt Emmerich die Gedanken der Postmoderne, dann beginnt
sein Zweifel. Nämlich der, ob die ins Bild gesetzten Imaginatio-
nen das angeblich wirklich Scheinhafte der Welt treffen, oder
selbst nur einen neuen Schein hinzufügen. Nicht dem idiotischen
Ziel und Verfahren gilt der Zweifel, sondern der Art und Weise
seiner Durchführung:
"Wie sollen Anregungen beschaffen sein? Sollen es fertige Ange-
bote sein oder sollen sie nur angedeutet werden? Wenn die Inspi-
ration zu der Anregung hinzutritt, ist es doch besser."
(Emmerich)
Die Darstellung der F u n k t i o n s l o s i g k e i t von
Gott und der Welt ins Bild zu setzen, dieses Programm hält Emme-
rich selbst schon wieder für die F e s t l e g u n g der freien
Subjektivität auf eine Funktion. Also sähe er es lieber, wenn der
A u f t r a g zum freien Spinnen zu 50 % als A n g e b o t da-
herkäme, damit es besonders frei zugeht. Prost Moderne!
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