Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 99, 10.07.1984
       
       Wochenschau
       

GAR NICHT GENUG GEISTIGE FÜHRUNG

von der christdemokratischen Sorte können offenbar deutsche Dich- ter und andere kritische Geister kriegen, die bei Kohl immer den Geist und die Führung vermissen. Heinrich Böll hat dem neuen Bun- despräsidenten ein paar entsprechende "Empfehlungen" öffentlich mit ins Amt gegeben: "Der Bundespräsident könnte nicht nur er k a n n, gerade weil er über Parteipolitik sowohl erhoben wie erhaben ist, jene Grup- pen einladen, die in den sogenannten 'Grauzonen' leben und in Ge- fahr sind, in Unberührbarkeit abzusinken: Ausländer, Asylbewer- ber, Arbeitslose, Sinti und Roma. Der Park um sein Palais herum eignet sich gut für Empfänge größerer Gruppen... Ein Bundespräsi- dent k a n n viel tun, wenn e r ihnen beweist, daß sie g e s e l l s c h a f t s f ä h i g sind, indem er sie emp- fängt... Ein Empfang für sie beim Bundespräsidenten? das würde ihnen materiell nicht helfen, vielleicht würden sie sogar einer Einladung nicht folgen. Aber daß sie ohne jede Einschränkung zu unserer G e s e l l s c h a f t gehören, daß sie nicht 'herausfallen' - es könnte die Gefahr, sich für unberührbar zu halten oder dafür gehalten zu werden, verringern..." (Spiegel, Hervorhebung im Original) Eine feine Repräsentation hat sich die Köllsche Moralwachtel da ausgedacht. Die Opfer des Sozialstaats, die für ein normales Ar- beits- und Untertanenleben Unbrauchbaren und Nichtgebrauchten, all diejenigen, die durch die allerchristlichste und allerdemo- kratischste Politik zu 'Randgruppen' gemacht werden, sollen in der feinen politischen Gesellschaft vertreten sein beim Landesvater zu Kaffee und Kuchen. Bloß niemanden aus dem Kreis der ehrenwerten Menschen, einer guten deutschen Volksgemeinschaft ausschließen - das nutzt zwar erklärtermaßen keinem dieser zum Bodensatz einer funktionierenden Demokratie Gehörigen. Aber das wäre eine Republik mit menschlichem Gesicht, so wie Böll sie sich vorstellt. Ein Nachmittag bei Hofe, garantiert folgenlos; ein feuchter Händedruck des obersten Staatsvertreters auch für solche, die sonst nur mit Arbeitsamt und Justiz zu tun kriegen (die "Terroristen" möchte Böll der Villa Hammerschmidt allerdings ersparen) - dann wäre Heinrich schon zufrieden mit seiner sauberen Republik. Das höchste Amt im Staat, ein bißchen Silberhaar, gesetzte Worte gegen zuviel soziales Netz und Anspruchsdenken aus alter Gelehrten- und Staatsmännerfamilie statt pfälzischer Provinzler - und schon ist man für kritische Dichter die ehrwürdigste Ansprechstation für den Wunsch nach einer abgrundtief guten Politik. Damit ist der Wunsch dann aber auch schon erfüllt. Er darf sich nämlich äußern - angeblich im Unterschied zu... na, wo wohl? zurück