Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       "United Chauvinists" unshamedly presents:
       

EIN HEIMATDICHTER SIEHT ROT

Starring: Peter Handke is Austria Kurt Waldheim is Dracula Scene One: Peace ---------------- Die Welt ist in Ordnung. Der Dichter Pet sitzt am Schreibtisch und dichtet. die Regierung regiert und läßt ihn dichten. Scene Two: The Evil ------------------- Der Bösewicht tritt auf: "eine Spottgeburt, ein Wiedergänger aus Transsylvanien" (148) namens Kurt W. bewirbt sich um das höchste Amt im Staat. Eine Schreckensvision erfaßt das poetische Ich H.'s: "ein Sprachunfähiger, welcher das amtliche Sagen hat", noch dazu "in den Schulzimmern und Polizeirevieren ausgestellt als das Höchste im Staat" (148)!! Was werden sich Schüler und Arrestanten da denken? Werden sie Un- terricht und Knast weiterhin für Österreich auf sich nehmen? Scene Three: The Struggle ------------------------- Der Dichter findet keine Ruhe mehr. Ein wilder Kampf tobt in sei- ner Brust. Soll er, kann er, ja darf er länger schweigen? Sicher- lich, "der Gegenstand (ist) ein derart unpoetischer, d.h. Worte abstoßender" (149). Aber schließlich, am 13. Mai 1986, bricht es aus ihm heraus: "Ich w i l l sprechen - und nicht als Schriftsteller oder Bür- ger, sondern im Namen Volkes, des wirklichen, so oft an den ge- drängten, kaum je gefragten, fast schon verstummten Österreichi- schen Volkes. Dieses österreichische Volk hat nämlich einen falschen Ruf. Es sei, so sagt man, opportunistisch, genußsüchtig, vergeßlich, un- ernst,... (etc.) Das mag zutreffen auf die Mengen, Gruppen und überhaupt Mehrheiten... Aber gerade in Österreich erscheinen diese Gruppierungen seltsam sprach-, gestalt- und kraftlos. Die Kraft eines Volkes geht viel- mehr aus von den erstaunlich vielen Einzelnen, ja Vereinzelten, die schwierig sind, kindlich, unbestechlich, bedächtigt,... (etc.) Und dieses Volk, das einzige, das Dauer hat, soll nun ein Ober- haupt bekommen, das ihm nicht entspricht. 'Nicht entspricht' - das liest sich vielleicht harmlos, meint aber das Äußerste, Schlechtestmögliche." (148) Bis in seine letzte Faser spürt er: Das österreichische Volkstum lebt! Im und durch den Dichter! Oft verdeckt und verschüttet in den dumpfen Massen, schreit es in Wahlzeiten nach seiner Inkarna- tion durch das "Volksoberhaupt" - und er - Peter H. - ist auser- sehen, ihm als Megaphon zu dienen: Ein Volk, ein Reich und wenig- stens ein geistiger Führer! Scene Four: The Dead -------------------- Entschlossen setzt sich der Dichterfürst an den Schreibtisch. Mit seiner Worte Macht will er die Volksgenossen aufrütteln, sie war- nen vor Kurt Waldheim, der gespaltenen Zunge. "Waldheims Wesen, das unbekannte, sowohl dem Herzen als auch dem Verstand sich nicht Mitteilende, verrät sich allein in seinen wechselnden Mund-Arten. ... Dieser Mann ist die Fleisch, Sehne und Knochen gewordene Sprache, starre... Und eine solche Mehrsprachigkeit, eine ungute, ja schändliche... soll nun die eines österreichischen Volksoberhauptes werden?" (149f.) Verzweifelt wendet er sich an die proles, die, wenn schon nicht Dichter, so doch immerhin edlen österreichischen Geblüts sind, das ihnen ein "Mal des Dracula an (ihrem) dösenden Volkskörper" (151) unerträglich machen müßte. Es lebe die dichterische Führer- auslese! "Viele Liebt es im Staat Österreich wie ihn, ohne einen Hauch von Persönlichkeit, ohne die letztverbindende Sprachkraft,... (etc.) Sie leben unter uns in Frieden, haben ihre Zirkel und ihren Platz (der ihnen gegönnt wird)... Und kaum je war solch ein Mensch an- maßend genug, einem Volk, einem edlen Volk, vorstehen zu wollen." (150 f.) Scene Five: Satisfaction ------------------------ Das Werk ist getan. Das wahre Österreich hat sich in des Dichters Pamphlet materialisiert. Der Poet kann mit Zuversicht in die Zu- kunft blicken: "Mag demnach der Wahlwerber Kurt Waldheim ruhig zum Kanzlervor- stand im Büro für Geistesverhütung... bestellt werden - in Franz Grillparzers (Vorgänger Peter H.s als begnadeter Volksschrift- tumsleiter, schon damals überaus kritischer Beobachter der Iden- tität von Volk und Herrscher. Letzterem hat er eine so schöne Nachred verpaßt, daß inzwischen nicht nur jedes Nationalboulevard damit wirbt - Anm. d. Red.) Lager, nur in seinem, ist Öster- reich!" (152) Ermattet, doch voller Genugtuung, gibt sich der Poet dem wohlver- dienten Schlummer hin. Im Traum erscheint ihm Kurt W. Vor laufen- der Kamera wird er interviewt und siehe da! - er erkennt seine eigene Monstrosität und bricht in Tränen aus. "Dieser, nachdem er sich beruhigt hatte, atmet tief durch und hob zu sprechen an. Zur Wahrheit zu finden,..., das erlöste sichtlich nicht ihn allein, sondern griff auch als Appell auf die Zuschauer im Land. Aus der Horde der Versteckten dort, den Ausredenmeistern gleich ihm, den Verkehrern der Tatsachen, wurden Mitweinende, und diese erst, o Neuigkeit, durften 'Volk' heißen." (153 f.) Ein Lächeln umspielt des schlafenden Dichters Antlitz. Es ertönt die Bundeshymne. The End Zitate aus: Peter HANDKE, Die gespaltene Zunge ist sein Wappen- tier. In: Cohen/Rosenzweig, Der Waldheim-Komplex, SS. 147-154. zurück