Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Wochenschau
KULTURNOTIZEN
Nach einhelliger Meinung der Kulturwelt hat Heinar Kipphardt mit
seinem Stück "Bruder Eichmann" die deutsche Vergangenheit miß-
bräuchlich verwendet. Statt nämlich - wie der Titel es suggeriert
- einen verdienstvollen Beitrag für die Bewältigungsreihe "Nie
wieder...!" abzuliefern, verdarb er den Interessenten am Genuß
"menschlicher Abgründe" ihre verantwortungsbeflissene Erbauung:
Sie mußten entdecken, daß Kipphardt sich bei seinem Anprangern
staatlicher Gewalt eines unerlaubten moralischen Rigorismus be-
diente und die Qualität einer Gewalt im Faschismus auch an den
Opfern von Demokratie und Imperialismus nach 1945 wiederzuent-
decken vermeinte. Die Gleichsetzung von Israels Kriegsminister
Sharon mit dem Unmenschen Eichmann, der Judenvergasung mit den
US-Massakern in Vietnam und andernorts, wurde hinsichtlich ihres
künstlerischen Wertes für nachgerade entartet befunden, weil ein
staatstreuer Genuß nur an einem Theater Erbauung findet, in dem
Faschismus als die Perversion der sauberen Demokratie vorgestellt
wird. Zu retten wäre das Kunstwerk allenfalls, wenn es - gemäß
dem Vorschlag der FAZ vom 24.1.83 - der Bekämpfung des Un-
menschentums in Gestalt von 'Eichmann' eine ordentliche politi-
sche Zukunftsperspektive gewiesen hätte: "...in den politisch
mißbrauchten Kliniken, im Archipel Gulag, ... in Afghanistan."
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