Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Kulturnotiz
DIE REHABILITIERUNG UND KANONISIERUNG DES KÜNSTLERS
JOSEPH BEUYS, VORGEFÜHRT DURCH DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG
IN DER BRD UNTER ANLEITUNG DES FREIHERRN VON WEIZSÄCKER
Fett und Filz, die Werkstoffe seines künstlerischen Schaffens,
wurden ihm zu Lebzeiten von den beiden meinungsbildenden Organen
des gutbürgerlich-proletarischen Geschmacks "Bild" und "Bild am
Sonntag" immer wieder einmal als die hervorstechenden Indizien
für seinen deformierten Charakter publizistisch um die Ohren ge-
hauen. Ohne den historisch leider allzu belasteten Begriff
"entartet" anzuwenden, galt das Opus des Beuys als zeitgenössi-
sche Erscheinungsform solchen Sudelantentums unter dem scharlata-
nisch mißbrauchten Kunstanspruch. Und jetzt, kaum gab der Beuys
den Löffel ab, deuten die Experten aus der "Bild"-Redaktion, daß
für den Künstler "Fett das Sinnbild des Lebens" gewesen sein soll
(obwohl er "am liebsten fettarme Linsensuppe aß"!) und "Filz für
Wärme stand" ("Bild", 25.1.).
1972 noch traf den Aktionskünstler Beuys der Bannfluch des dama-
ligen nordrheinwestfälischen Wissenschaftsministers Johannes Rau
und verwies ihn für sechs Jahre lang vom Lehrstuhl der Düsseldor-
fer Akademie. Und bis tief ins Fortschrittslager hinein, also in
die Reihen der SPD, lautete damals der Kommentar in der Öffent-
lichkeit unisono: endlich! Seinen Wiedereinzug in die Akademie
verdankte der Beuys 1978 mitnichten einer Selbstkritik sozialde-
mokratisch-bürokratischen Banausentums, sondern dem Entscheid ei-
ner geschmacksneutralen Instanz in der Verwaltungsgerichtsbar-
keit.
Als der streitbare Professor dann als einer der ersten Prominen-
ten für die Grünen eintrat, in der Friedensbewegung gegen die Ra-
keten "Sonne statt Reagan" rockte und den obersten Freiheitsfüh-
rer bei jedem öffentlichen Auftritt als "Wahnsinnigen" interpre-
tierte, da war Beuys einem erneuten Berufsverbot zeitweilig näher
als einem Platz unter Deutschlands anerkannten Kulturrepräsentan-
ten: BRD-Botschafter schnitten demonstrativ Beuys-Ausstellungen
in New York. Und in Bayerns Museen wurde jeder Ankauf eines
Beuys-Projekts zur öffentlichen Kontroverse, bei der die künstle-
rischen Qualitäten der Werke nur die vorgeschobenen Argumentati-
onshilfen für einen politischen Meinungsstreit waren.
Beuys hat schließlich auch nichts anderes gemacht als andere Ko-
ryphäen der Zunft, die sich politisch bedeckt halten. Anderer-
seits war ihm gerade wegen seiner apokryphen Titel für Gebrauchs-
gegenstände ("Zeig mir deine Wunde" nannte er zwei Rot-Kreuz-
Rollbetten) eine Publicity zugefallen, die den Kunstmarkt kräftig
aufmischte. Nach seinem Tode blieb von ihm deshalb auf jeden Fall
eins: "Auf der Weltrangliste der 100 größten Gegenwartskünstler,
errechnet aus Museumsankäufen und Ausstellungen, stand er auf
Platz 1." Deshalb schreibt "Bild" jetzt Genie ohne und
"Scharlatan" mit Gänsefüßchen. Dabei läßt das Blatt durchaus of-
fen, ob der Mann richtig getickt hat ("Merkwürdig waren die mei-
sten Plastiken."), hält aber fest, daß sein Zeug international
anerkannt wurde. Gewissermaßen ein deutscher Künstler für den Ex-
port! Deshalb erfährt auch der Filzhut posthum eine nationale
Würdigung: Er bedeckt die Stahlplatte im Schädel eines verun-
glückten Kampffliegerpiloten aus dem Rußlandfeldzug! Der Bundes-
präsident im Deutschen Fernsehen erklärt dem Volk, warum auch
Fettflecke zum Kulturgut gehören. "Wir sind ohne ihn ärmer." Und:
Beuys und Typen wie er zählen zu den unvermeidlichen Attributen
der F r e i h e i t. Die schmückt sich nämlich unerbittlich mit
vorsätzlichen Idioten, denen alle wirklichen Interessen, Gegen-
sätze und Brutalitäten zu banal sind, solange sie sie nicht in
ein furchtbar tiefsinniges und originell gestaltetes Leiden ihrer
unverwechselbären Person verwandelt haben. Mit ihren Werken ste-
hen sie für die Botschaft ein, daß sich in der Selbstbespiegelung
des Subjekts bürgerliche Freiheit und demokratisches Engagement
vollenden. So hat sich der Künstler Joseph Beuys um das Vaterland
verdient gemacht.
Soviel zur "Freiheit der Kunst". Die K u n s t d e r
F r e i h e i t besteht u.a. darin, Beuys zu Lebzeiten wegen po-
litischer Abweichungen als K ü n s t l e r madig zu machen und
der K u n s t des Toten gerade wegen seines "politischen Enga-
gements" als besonders wertvoll nachzurufen. Spricht das nun für
die Freiheit oder die Kunst. Oder gegen beides!
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