Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Über den  "Skandal" den  ein Interview des Ex-Bochumer Theaterre-
       gisseurs Claus Peymann ins Rollen gebracht hat, entnehmen wir der
       Wiener Hochschulzeitung  - den  Kollegen Genossen  sei Dank - die
       folgende Theaterkritik und Hintergrundinformation.
       

PEYMANN ZURÜCK NACH BOCHUM?

Wer die öffentlichen Aufführungen des Burgtheaterdirektors, Claus Peymann, des Ensembles und Nur-Berufener verfolgt hat, wird nicht umhin können, den Proponenten für ihre Professionalität und Dar- stellungskunst Beifall zu zollen. Und wer bisher gemeint hat, Künstler und Kunstinteressierte spielten nur Rollen auf den Bret- tern, die die Welt bedeuten, wurde eines besseren belehrt: Sie sind das, was sie auf den Brettern spielen: Lassen wir deshalb einige Akte und die bisherigen Höhepunkte Revue passieren. Erster Akt, Erster Auftritt: Der Aufschrei des Geistes ------------------------------------------------------ Peymann verkörperte in seiner Anfangsarie die Unzufriedenheit des ewig suchenden und strebenden faustischen Typs, der sich der schnöden Welt mit umso mehr Verve entgegenstellt, als sie sich in frecher Manier in die Sphären des Wahren und MenscHichen ein- mischt: "Dieses Land ist ein Irrenhaus. Das einzige Problem ist, daß man in diesem Haus, bevor ich kam, nie ernsthaft geprobt hat. Die Be- gegnung mit dem Geist, dem Regisseur fand nicht statt." (Interview in der "Zeit") Stattdessen ist es schon so weit gekommen, daß sich der Ungeist an den Geist in hinterhältiger Weise heranschleicht. Nicht die Muse ist es, von der wahres Schöpfertum hierzulande geküßt wird: "Der Bundespräsident hat sich von hinten an mich herangeschlichen und küßte mich." (Zeit-Interview) In gewöhnlichen Gaststätten offenbart es sich Peymann ebenso un- widerleglich: Das Grauen befällt ihn - dumpfe Kreaturen versu- chen, auch nur ein Stück des Zipfelchens dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, zu erhaschen. Und was machen sie: Sie gieren in ihrer ganzen Kunstlosigkeit nach des Meisters Unter- schrift: "Ach, ich kann doch als Burgchef in kein Lokal gehen, ohne daß im nächsten Augenblick das goldene Buch auf dem Tisch liegt. Eine solche Subordinationsmentalität - grauenvoll..." Kein Zweifel: Pymann versteht es, dem Genialischen eine tragische Note zu verleihen, indem er, unbeirrt von seiner Sendung erfüllt, voll Bitterkeit die Kunstlosigkeit geißelt. Seiner tiefen Qual verleiht er bisweilen grelle, bis zur Ausfälligkeit reichende, pittoreske Töne. Freilich, auch über dumpfe Verbitterung und Ver- zweiflung, die er so gekonnt ins Bild setzte, ist er erhaben. Er krönt seine Rolle mit jener über den Wassern schwebenden Mensch- lichkeit, die Verzeihung kennt - und zugleich in allen als geist- los Geschmähten den Menschen. Diesem teilt er sich schriftlich und mündlich mit, beklagt seine "Schwatzhaftigkeit" auf deren Fortsetzung das Stück aufgebaut ist. Zweiter Akt: Der Chor der Geschmähten ------------------------------------- dominiert völlig den zweiten Auftritt. Er verleiht dem Stück da- durch einen spannungsgeladenen Aufschwung, daß er akkurat Peymann einige Schnürboden tief unter sich sinken läßt. Kein Zweifel: Er gehört nicht zu jenen, die Peymann das Gästebuch hinhalten - auch er mag es nicht mehr aushalten in der von Peymann erzeugten Dumpfheit. Er nimmt den Getreuen alles, woran sie hängen. Denn unter ihm verschwindet das Glänzen der Glatzen und Wölben der Bäuche, aller Liebreiz und alle nationale Anmut der Muse wird von ihm verdorben: "Der Prozeß der Entösterreicherung schreitet fort. Die Leute ge- hen in Pension oder in Karenz. Die Besonderheiten, die Schrullig- keit der alten Schauspieler sind wichtig für das Theater. Ihre Schrullen, ihre Glatzen und ihre Bäuche und natürlich auch die Aufführung sind das, was das Publikum heimträgt." Ganz ersichtlich möchte der Vertreter der Geschmähten nicht auf die Unterstreichung der Bedeutung der Kunst durch eine nationale Komponente verzichten. Er entdeckt an Peymann schlicht die Unter- wanderung des Musentempels und Feigheit vor dem Genius Grillpar- zer. "Herr Peymann hat sich bis jetzt noch nicht Grillparzer ge- stellt." (Monik, Pressekonferenz) Einen weisen Barden und Meister der Worte hat der ausländische Ungeist besonders tief getroffen. Hans Weigl spielt die belei- digte Dichtermajestät so ergreifend, daß man ihm einfach glauben muß: Er stößt den ins Reich der Dichtung eingedrungenen Schnösel mit 6 Phonemen dorthin, wo er hingehört: "Wer Chance dauernd als Schangse ausspricht, der gehört zurück nach Bochum und hat am Wiener Burgtheater nichts verloren... Die Deutschen haben am Burgtheater einen Feldzug gegen uns begonnen und sich einen Staat im Staat geschaffen. Vorläufig ist er zwar auf das Areal des Burgtheater begrenzt aber man weiß nie, was kommen wird und was kommen soll!" Dritter Akt: Der Riß -------------------- Nein, dieses Stück ist kein Stegreiftheater. Es kommt aus dem Le- ben von Kunstbeflissenen. Dieses Leben bringt dramaturgische Raf- finessen und eine gekonnte Climax nach der anderen zustande. Wäh- rend die Geschmähten Peymanns Entschuldigung verschmähen, ver- fällt Peymann in die Rolle des gereiften Verfolgten, der wohl weiß, daß hinter diesem Unbill nur Laienschauspieler stecken. Man beachte die zarten Übergänge von Prosa zur modernen Lyrik, die unversehens eine konkrete gesellschaftskritische Dimension an- nimmt: "Diese Risse müssen immer tiefer werden. Das wollen sie. Die Risse waren längst zu. Die Risse werden geschürt. Das Theater ist ins Schußfeld der Politiker geraten. Die ÖVP meint, daß das Burg- theater nur ein anderer Schauplatz für Amateurschauspieler ist. Ich meine damit Herrn Mock und Herrn Lichal." Kein Wunder, daß diese Amateure den Profi immer hinterrücks mit Küssen umgarnen wollen. Man kann gespannt sein, wieviele Akte die dramatis personae noch aus ihrem begnadeten Ärmel schütteln wer- den... das Publikum ist offenbar bei Stimmung. P.S.: Der künstlerische Beitrag der Liebhaber aus den Redaktions- stuben fällt abgesehen von der nationalen Verbreitung des Werkes äußert kläglich aus. Ja es kommt bisweilen sogar zu haarsträuben- den Fehlurteilen, von welchen wir nur eines zitieren: "Nicht eine seiner Inszenierungen am Wiener Burgtheater hat ein solches Aufsehen erregt, wie sein letztes Zeitungsinterview. Hat der Mann vielleicht seinen Beruf verfehlt?" Von wegen! zurück