Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Bremer Hochschulzzeitung Nr. 55, 17.05.1982
Nekrolog auf Peter Weiss:
PETER WEISS - EINE DEUTSCHE LEICHE
An demselben Tag, zu dem gleichen Ereignis, dem Tod von Peter
Weiss, kamen Reich-Ranicki in der FAZ und Wolfram Schütte in der
FR, wie alle anderen Grabredner ganz frei und unabhängig zu dem
Ergebnis: Obwohl die politische Linie dieses Autors nicht zu den
derzeitigen deutschen Aufgaben paßt, ist ein großer Deutscher ge-
storben, wobei aus dem "obwohl" in der Argumentation ein "weil"
wurde. Ein Dichter ist gestorben, der als Kommunist oder Marxist
Erfahrungen machen mußte, die ihn derart läuterten, daß er den
rechten Weg fand und deshalb zu Deutschland gehören wird.
Erstens wird festgestellt, daß die Literatur von Peter Weiss im
Grunde überhaupt nichts taugt: Entweder sie hat keinen Inhalt wie
der "Marat" (FAZ), dann ist sie immerhin als Kunst gut. Oder aber
alles ist simple Propaganda (nämlich die falsche), dann ist das
Werk mißraten wie die "Ermittlung", der "Vietnamdiskurs" oder
"Trotzki":
"Der Dramatiker Weiss - an dem gerade das Offene, Ambiguöse, Ar-
tifizielle gerühmt worden war - schien durch Parteinahme ausge-
trocknet, künstlerisch verfallen: politisch hatte er eine Heimat
gefunden und dabei die Transparenz seiner Kunst verloren." (FR)
So wird - sogar mit direktem Bezug zu Brecht, aber mit dem Hin-
weis, daß im Gegensatz zu Brecht Weiss von dieser Verirrung zu-
rückfand - das alte antikommunistische Urteil wieder ausgegraben:
Als Künstler gut, als Kommunist schlecht. Und da Weiss ja zum
Künstler bestimmt war dank seiner Fähigkeiten, wie sein "Marat"
verriet, verhinderte sein Kommunismus sein wahres Talent und da-
mit sein Glück. Ohne daß dabei gegen den Osten ein offenes Hetz-
wort fallen müßte, entziffert jeder Leser z.B. in der FAZ damit
im gewünschten Sinne das "Kollektiv der Gleichgesinnten" oder je-
nes gelobte Land einer Fata Morgana als die gründliche Verirrung
eines großen Künstlers, der verfällt, wer für die falsche Seite
Propaganda macht.
Zweitens wird aber aus diesem Dichter, dem ständig sein eigener
Inhalt in die Quere kommt, ein wahrer, international anerkannter
deutscher Dichter. Denn gerade an ihm, einem aus Deutschland Ver-
triebenen, der sich mal mehr nach dem östlichen mal mehr nach dem
westlichen Deutschland orientierte, zeigt sich mit seiner
H e i m a t l o s i g k e i t, was ein Mensch braucht: Heimat,
so daß in dem Scheitern des Künstlers sich das Gleichnis vom ver-
lorenen Sohn auftat:
"Es ist die Geschichte des Mannes, der ein Leben lang auf der Su-
che nach einer Heimat war - und der sie schließlich gefunden hat.
Aber seine Heimat war nicht ein Land und nicht etwa eine Ideolo-
gie (!), es war vielmehr die Kultur, die ihm schließlich Schutz
bot." (FAZ)
In seinem Leiden war er groß und deswegen ein Kronzeuge deutscher
Kultur, hat er sich doch entgegen allen Widrigkeiten - schließ-
lich wollte "Deutschland" ihn in Auschwitz verbrennen - doch für
die deutsche Kultur entschieden. Für die "Sprache seiner Mörder"
(FR), als gäbe er, eine Identität zwischen denen, die ihn nach
Auschwitz als Juden vorgesehen hatten und ihm, bloß weil sie in
deutscher Sprache ihre Gedanken fassen! Noch als schwedischer
Staatsbürger schrieb er, obwohl er perfekt Schwedisch konnte, in
Deutsch, was die "Kraft" der Sprache als Bindemittel der Nation
beweisen soll - als würde die in ihm denken!
Seine Größe bestand also darin, sich freiwillig dazu bekannt zu
haben, was den Leuten sonst durch den Zufall ihrer Geburt als be-
sonderer Vorteil vorstellig gemacht wird: d e u t s c h sein zu
wollen.
Ob Weiss diesen Nekrolog verdient oder zurecht bekommt, beantwor-
ten wir in der MSZ 3/1982, die nächste Woche erscheint (siehe An-
zeige) mit einer Rezension seiner "Ästhetik des Widerstands".
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