Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Bremer Schulzeitung, 08.02.1982
ARD, 27. Januar, 22 Uhr: "Der Kanzler und die Kunst"
EIN "VERHÄLTNIS"
I.
Es war einmal ein Maler, der wurde Führer in Deutschland. Das
konnte nicht gutgehen. Denn 1. mangelte es diesem zu Höherem be-
rufenen Dilettanten am rechten Kunstverstand - wie sonst hätte er
den Staat für das Schönste halten und daher in der Kunst die Ver-
künderin der Idee des wahren Deutschtums sehen können?
2. verstand er eben deshalb nix vom Führen. Anstatt seine künst-
lerischen Ambitionen neben den Regierungsgeschäften zu pflegen,
schien ihm das Führen eine Kunst - wie sonst hätte er seiner Ver-
herrlichung als Architekt eines unzerstörbaren Reiches solchen
Wert beigemessen?
3. hatte diese unzulässige Verschmelzung von Kunst und Führen die
fatalsten Folgen für Künstler und andere Verführte:
- Was "das allgemeine Steuerzahlerpublikum" angeht, so war es mit
dieser "allzu massiven Erziehung" in Sachen Ästhetik überfordert
- es fand nun in Stahlgewittern wie sein Führer den wahren Genuß
im Bombenkrieg, sah die Schützengräben als die höchste Form der
Kultur an: So konnte sich ja sein Geschmack nur zu einer äußerst
romantischen, das Ende nicht voraussehenden Betrachtung des
Krieges bilden!
- Fast noch bedenklicher die durch den Kunstusurpator bewirkte
Entfremdung des nicht zum Publikum zählen wollenden Volksteils
vom Staat: Daß die Liebe zur deutschen Kultur zur Pflicht wurde,
vermieste ihnen nun allen Spaß beim Dichten. Als Repräsentanten
deutscher Kunst fanden zwar auch sie Gefallen an der Idee eines
Deutschlands der Dichter und Denker: Aber daß der Staat sich aus-
gerechnet für ihr Geschäft zuständig erklärte, ihnen Direktiven
erteilte, wie das Höhere des höheren Ganzen auszumalen sei - dies
Vergehen gegen die im Grundgesetz eines jeden Staates zu respek-
tierende Freiheit seiner Künstler, ihn zu verherrlichen, war eine
unverzeihliche Überschreitung seiner Kompetenzen!
Was also ein guter Führer sein will, der nimmt sich vor seiner
Kunstliebe in acht: Auf daß die Kunst keinen Schaden leide, ver-
hindert er den Staatsruin dadurch, daß er sich in seinen Bevor-
mundungen ganz auf das Wesentliche konzentriert.
II.
Heute haben wir einen Kanzler, der nie Konzertpianist werden
wollte. Zum Architekten des Modell Deutschland hätte er es nie
gebracht, wenn er zu seiner künstlerischen Ader nicht das rich-
tige Verhältnis gefunden hätte:
1. bewies er wahren Kunstverstand, indem er sich von vornherein
auf die schwierigste aller Künste, das Regieren, konzentrierte.
Als gebildete Persönlichkeit beschränkte er sich meisterlich auf
die Pflege seiner Schnauze nämlich. Für seine Könnerschaft, die
Deutschen so rumzukommandieren, daß Deutschland die Vormachtstel-
lung in der EG einnahm, erhielt er 1979 den "Europapreis für
Staatskunst" von der Stiftung F.V.S. e.V. in Hamburg.
2. versteht er deshalb als Regierungskünstler was von der Kunst.
Als musischer Mensch weiß er, daß er die Künstler mit seinem Ge-
klimpere nicht für sich einnehmen kann; das Schöne an der Kunst
ist schließlich der Respekt und die Anerkennung, die ihr von
Staats wegen gezollt werden. Also schmeichelt er ab und an den
Kunstsinnigen im Lande, indem er bekennt, welche Gefahr dem
Staatswesen drohte, wenn er sich nicht der Problematik eines
kunstbesessenen Machthabers, der seine private Leidenschaft nicht
von seiner öffentlichen Verantwortung zu trennen versteht, bewußt
wäre. Da ihm aber nichts ferner liegt, als die Freiheit des
künstlerischen Publikums zu vergewaltigen, er also außer Verdacht
steht, sich "die Arroganz eines Kunsterziehers" anmaßen zu wol-
len, verübelt ihm niemand sein ganz privates und völlig unmaßgeb-
lich zur Schau gestelltes Kunstverständnis. Hier handelt es sich
um "echte Ergriffenheit" voll Barlachs Racheengel, der Hitler
symbolisch eins über die Rübe gibt, und um eine "tiefe Bindung"
an den von Hitler unverstandenen Parteigenossen Nolde, die sie
als ganz "persönliche" und "unmittelbare" Leidenschaft schon des-
halb nicht mit dem vom Führer mißbrauchten Kunstbegriff zu ver-
wechseln sind, weil der Kanzler sie dem Fernsehpublikum mitteilt,
ohne sie ihm aufzuzwingen. Die Kunst, die große, versteht sich --
"Goya, den ich außerordentlich bewundere...", "in der Met, da
gehe ich dann immer auf einen ganz bestimmten
Greco los..." - gibt ihm ungeheuer viel, weil der Inbegriff der
Nation nirgends überwältigender zur Anschauung kommt. Heimatliebe
- wie man sich von der durchrieseln lassen kann, da sollten un-
sere jungen Menschen sich mal ein Beispiel am Kanzler nehmen:
"Modersohn-Becker zumal -, das waren Menschen, eine Malerei, die
mich unmittelbar anzog. Daß sie erste europäische Klasse war, das
hab ich damals schon begriffen. Vor allem aber war es die Bin-
dung, die Bindung an die Landschaft, die mich unmittelbar anzog."
Und wie danken wir Deutschen das unserer Kunst? Wo ist in Bonn
das Nationalmuseum, in dem der ausländische Staatsgast Deutsch-
lands Stärke neidlos anerkennen müßte, indem er hier bewundern
könnte,
"welche großen Beiträge die deutsche Kunst für die europäische
Kultur geliefert hat"?
Können wir als Deutsche uns länger den "unwürdigen" Zustand lei-
sten, unsere Nation ohne nationale Kunsthalle dastehen zu lassen,
in der "eine im besten Sinne repräsentative Ausstellung dessen
zusammengestellt ist, was wir hervorgebracht haben im deutschen
Leben"?
3. hat solches Lob einer von sich aus je schon die Nation reprä-
sentierenden Kunst (da hat Schmidt recht!) allseitige Zufrieden-
heit zur Folge:
- "Die Masse der Steuerzahler", die eine moderne Plastik "nicht
zu schätzen weiß", geht das Gerede sowieso nichts an. Sie werden
also nicht verführt, sondern demokratisch in den nächsten Krieg
geführt. Wenn sie Glück haben, verwirklichen sie mit ihrem Steu-
eraufkommen vorher noch dem Kanzler seine "Lieblingsidee":
die Aufstellung eines Denkmals für alle Opfer der Gewaltherr-
schaft.
- Die Künstler sind froh, daß sie von ihrem Kanzler geschätzt
werden - auch wenn der "bekennen muß", daß er sich "Staecks Pla-
kate nicht unbedingt ins Wohnzimmer hängen würde". Sie geben das
Kompliment zurück, daß sie nicht entartet sind, und gratulieren
der Nation zu einem Machthaber, der über eine Antenne für seine
freischaffenden Künstler verfügt, die sie mit allem versöhnt:
"Man hat zumindest das Gefühl, daß an der ersten Stelle des Staa-
tes nicht eine ganz amusische Erscheinung steht. Ich muß sagen,
das reicht mir eigentlich. Es hat keinen Sinn, große Forderungen
zu stellen, wenn man weiß, daß dem Kanzler aufgrund der Verfas-
sung bestimmte Sachen einfach verwehrt sind." (Staeck)
Und weil er ihnen den kleinen Finger gereicht hat, die Macht als
eine Frage des Verhältnisses zur Kunst zu sehen, ist ihnen die
Freiheit der Kritik dabei unbenommen.
Unbescheidenere Zunftgenossen wollen immerhin bemerkt haben, daß
ihnen der Kanzler auch als Regierungskünstler nie und nimmer als
Konkurrent gefährlich werden kann:
"In Bezug auf das Kunstwerk Gesellschaftliche Umgestaltung spre-
che ich ihm jede Kunstfähigkeit ab. Z.B. die Frage der atomaren
Nachrüstung weist ihn aus als absoluten Nichtkünstler." (Beuys)
Wenn das kein Machtwort ist!
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