Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern
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Lateinamerika-Woche in Nürnberg
DIE PATEN UND IHRE HOFFNUNGSTRÄGER
Wenn im Karstadt eine "kreolische Woche" mit Hochglanzplakaten,
Probierhäppchen und Kongarassabum über die Bühne geht oder der
österreichische Fremdenverkehrsverband "unser Land" vorstellt,
dann ist die Liebeserklänng an irgendeinen Flecken auf der Land-
karte Verkaufs- bzw. Tourismuswerbung und sonst gar nichts. Wenn
hingegen ein nach dieser Weltgegend benanntes Komitee und die
Studentenabteilungen beider Staatsreligionen eine "Lateinamerika-
Woche" abhalten, alljährlich zur Faschingszeit mit Vorträgen,
"Kulturprogramm", Götzendienst und Schwof, dann ist die Liebeser-
klärung ein politisches Programm, welches auf jeder Seite dieser
Veranstaltung stattfindet. Das ist nicht abzustreiten - schließ-
lich wird der bunte Reigen von öffentlichen Behörden, wie dem
Bildungszentnm und dem Amt für kulturelle Freizeitgestaltung der
Stadt Nürnberg unterstützt. Aber w a s f ü r e i n
politisches Programm!
Die Sympathie für einen Erdteil oder, auch nicht besser, seine
Bewohner, ist diesbezüglich schon merkwürdig: sie enthält ja ge-
rade k e i n Urteil darüber, w a s d o r t w a r u m l o s
ist. Im Gegenteil, wo es auf das p o l i t i s c h e
U r t e i l über die Verhältnisse in Lateinamerika ankommt,
b l a m i e r t sich jede Sympathie für einen Erdteil: Der Impe-
rialismus, der die dortigen Länder zu Quellen seines Reichtums
erklärt, sie als Rohstofflieferanten, Billigproduzenten, Schul-
dentilger, Stützpunkt behandelt und zurichtet, kennt schließlich
k e i n e B e s c h r ä n k u n g a u f e i n e
W e l t g e g e n d. Als ob die Herrschaft des Kapitals und sei-
ner Gewaltmaschine Staat in Afrika und Asien nicht dieselben Re-
sultate zeitigte und das Elend dort nicht genauso groß wäre. Als
ob an den Bewohnern der imperialistischen Mutterländer nicht
ebendieselben Maßstäbe der Brauchbarkeit und Billigkeit exeku-
tiert würden mit Folgen, die n u r v e r g l e i c h s-
w e i s e weniger brutal sind. Wer gegen den Imperialismus
hetzen will, für den ist Lateinamerika eben ein B e i s p i e l
dessen Wirkens; und zu bekämpfen ist er von denen, die mit Armut,
Gesundheit und Leben die M i t t e l dieses Wirkens sind
Exquisite Maßstäbe
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Lateinamerika als Gegenstand einer politischen Liebeserklärung
hat mit Antiimperialismus jedenfalls nichts zu tun. Das Latein-
amerika Komitee und seine kirchlichen Mitveranstalter übernehmen
vielmehr die P a t e n s c h a f t für diesen Kontinent - und
das ist in jeder Hinsicht so falsch wie dreist.
Was ist es denn, das Lateinamerika zum Objekt "unserer Solidari-
tät" macht?
"Dabei versteht sich das Komitee durchaus als parteiisch im In-
teresse unterdrückter Volksmehrheiten, gegen Menschenrechtsver-
letzungen und für Befreiungsbewegungen." (NN 16.1.86)
1. U n t e r d r ü c k u n g, also die A b w e s e n h e i t
d e m o k r a t i s c h e r V e r h ä l t n i s s e: Daß Mili-
tärs in Mittel- und Südamerika nicht aus "Machtgelüsten" oder Sa-
dismus das Regiment führen, sondern um den Staat und seine Mittel
vor den damit unverträglichen Ansprüchen der Massen zu retten;
daß es mithin um d e r s e l b e n H ö c h s t w e r t e wil-
len geschieht, an deren volksarmutsmäßiger Ausgestaltung man
hierzulande demokratisch per Wahlzettel beteiligt wird, bringt
Lateinamerika-Fans nicht gegen diese Maßstäbe und ihre demokrati-
sche Durchführungsprozedur auf. Im Gegenteil, nichts wünschen sie
den Latinos sehnlicher an den Hals, als daß ihnen erlaubt werde,
sich demokratisch zu den "Staatsnotwendigkeiten" zu bequemen.
Zwar haben beispielsweise die Portugiesen und Bewohner anderer
"europäischer Armenhäuser" - etwas näher vor der Tür und fest im
Griff der EG - 30% Arbeitslose, und auch der Rest kann sich
durchaus mit Paras und Urus vergleichen - aber sie sind lupenrein
demokratisch. Und kaum ist das gegeben, fällt den Solidaritäts-
hängern schon nichts mehr ein noch auf!
2. "Unterdrückung" allein reicht für eine Patenschaft keineswegs
aus. Da müssen die Drittweltbewohner schon mehr bieten, nämlich
W i d e r s t a n d. Kongoneger sind daher ziemlich ungeeignet
als Patenkinder. Sie bringen es wohl zu Not und Tod, aber nicht
zu einer respektablen, einheitlichen Befreiungsbewegung. Das
spricht gegen sie! Klar, daß auch Uganda, Nigeria und der Rest
nicht zum Favoritenkreis für Solidarität gehören können: für wel-
chen Volksstamm, der gerade den Aufstand probt, soll man sich da
erklären!
3. Das Patenkind soll brav sein, d.h. Befreiungsbewegungen sol-
len, wenn sie im Kampf um die Beseitigung der alten Herrschaft
stehen, "möglichst" g e w a l t f r e i agieren. Zwar läßt der
Fan auch mal "fünfe grade sein" und e n t s c h u l d i g t die
Sandinisten für "unentschuldbare" Erschießungen und für die Pres-
sezensur, aber als Lateinamerika-Komitee sammelt man nur für
"soziale Projekte", bittet "um Kleiderspenden für die Bewohner
der Elendsviertel, denen das Nötigste zum Kampf gegen die Dikta-
tur fehlt" - Mäntel gegen Gewehrkugeln? - und unterstützt Blei-
stiftsendungen nach San Carlos. Damit kann jedenfalls nichts
"Falsches" angefangen werden. Schließlich ist man für einen aner-
kannten Wert wie "Freiheit von Unterdrückung" und will sich nicht
dumm anreden lassen müssen, wenn sich die Sandinisten nicht so
verhalten, wie es die SPD vorschreibt.
Ein exquisites politisches Programm ist da aufgetischt: Nach ge-
wissenhaftem Durchsieben der Welt sieht sich das Lateinamerika-
Komitee in der Lage, den Bewohnern des dortigen Erdteils fol-
gende, speziell ihnen zukommende Gefälligkeit zu erweisen - sie
dürfen "unsere Hoffnung" tragen. Das haben sie sich
v e r d i e n t!
Wem nützt das? Sicherlich nicht den Hoffnungsträgern: Von ihrem
prächtigen Ehrentitel erfahren sie nicht einmal was! Und daß sich
mit den rübergeschickten Zwanzigern oder gar Kleiderspenden gegen
die militärische und ökonomische Zurichtung durch die USA und BRD
anstinken ließe - das gehört schon mehr zu den selbstbewußten Lü-
gen von Leuten, die damit s i c h die Gediegenheit ihrer Soli-
darität beweisen wollen.
Geleistet ist mit der Patenschaft freilich eines: Von Armut und
Gewalt auf der Welt läßt sich ein Lateinamerikafan nicht irritie-
ren; sie verken sich nicht dem Wirken der Demokratie, sondern um-
gekehrt ihrem Fehlen. Und daß es unsere freiheitliche Demokratie
ist, die der Menschen höchstes Glück wäre - woran beweist sich
das besser als an denen, die dafür kämpfen und sterben.
Eine Woche lang: Wir brauchen unsere Solidarität
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Entsprechend eintönig gestaltet sich das Wochenprogramm: Überall
finden sich Belege, daß die Patenschaft zu Recht besteht! Pro-
grammatischer Auftakt: "Guatemala Unterdrückung und Widerstand".
Trotz Wahlen: das Militär hat immer noch den Fuß in der Tür. Also
wie gehabt: Unterdrückung und Widerstand.
Einen Tag später: "Daniel Viglietti. Seine Lieder zeugen vom Lei-
den und der Unterdrückung, aber auch vom Kampfeswillen der la-
teinamerikanischen Völker." Das ganze in musikalischer Form.
Dasselbe für "frau": "Frauen und Bevölkerungspolitik in Amerika"
Am Heiligen Sonntag: "Lateinamerika Gottesdienst. Woraus schöpfen
wir unsere Hoffnung hier und woher die Menschen dort? Auf der Su-
che nach möglichen Schritten der Hoffung". Für den Freund des re-
ligiösen Kultus.
"Befreiungskrieg in El Salvador - und wir?" Obwohl (!) sich un-
sere "Hoffnungen auf baldige Befreiung nicht erfüllt" haben, darf
man die Hoffnung nicht aufgeben: "Sein Bericht ist ein Bericht
gegen das Vergessen"! Hoffen darf man auch der
"Verschuldungskrise" wegen. Die muß doch die Herzen der westli-
chen Länder für "gerechte Kreditbeziehungen" öffnen. Vorerst sind
die allerdings noch recht verstockt, so daß die "Demokratisierung
in Südamerika" in Schwierigkeiten steckt. Die vielen Schulden ma-
chen weitere soziale Einschnitte nötig. Aber gerade da ist Demo-
kratie um so wichtiger - für das Bewußtsein der Selbstbestimmt-
heit. Ein Vorbild könnte da "Kuba - 26 Jahre Revolution" sein:
Die sind nämlich gar nicht so kommunistisch wie befürchtet. Wenn
nur die Amis nicht so verbohrt wären. Aber die hintertreiben ja
sogar "Contadora - ein Friedensplan für Mittelamerika?", wo der
doch zwischen den Contras und den Sandinisten Harmonie stiften
wollte. Umso mehr braucht der Kontinent unsere Solidarität. Das
sagt auch Pablo Neruda in reimloser Poesie. Was bietet das
"Litaraturcafe" sonst: viel "Unterdrückungsgeschichte des südame-
rikanischen Kontinents poetisch verdichtet". Aber gerade dies
fördert den Ausbruch tiefmenschlicher Fröhlichkeit bei den dorti-
gen Völkerscharen: "Carneval mit salsa" - das ist schon was an-
deres als ein Faschingsball. Na dann viel Spaß heim politischen
Schwof.
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