Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA CHILE - Freiheit statt Sozialismus


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       Geißler in Chile
       

EIN CHRIST WIRD KRITISCH

Das Präsidium der Christdemokratischen Internationale tagte vor kurzem in Santiago. Heiner Geißler ist der Vizepräsident dieses Vereins zur weltweiten Förderung des C-Parteien(un)wesens. Als solcher macht er Propaganda für die Christenparteien daheim und anderswo. Die Stabilität ist in Gefahr ---------------------------- Nach dem Vorbild Willy Brandts und seiner Sozialistischen Inter- nationale machte er sich in Chile zum Anwalt der Unterdrückten. "Eine große Schande ist das, daß hier gefoltert wird." (Spiegel, 49/87) Bloß, das kann es ja wohl nicht sein, was den Geißler am Regime Pinochets so stört. Da hätten die christlichen Menschenfreunde was zu tun, wollten sie Praktiken eines Staates im Umgang mit seinen Gegnern zum Maßstab ihrer auswärtigen Politik machen. Daß man als demokratischer Politiker so gut wie nirgendwo hinfahren könnte, wollte man die Pflege der Menschenrechte bei jedem zur Bedingung für partnerschaftliches Treiben machen, hat vor nicht allzu langer Zeit erst "unser" Kanzler Kohl zu Tibet verkündet. Oder: Ist es etwa für einen bundesdeutschen Politiker verwerf- lich, sich nach einem Treffen konservativer Parteien mit dem Obertürken Özal, der bekanntlich eine Folterdemokratie leitet und die Endlösung der Kurdenfrage betreibt, ablichten zu lassen? Zählt nicht der salvadorianische Menschenrechtsexperte Napoleon Duarte als anerkanntes Mitglied in der Gemeinde der christlichen Internationale? Nein, wenn deutsche Politiker die Menschenrechts- frage bei Diktaturen in "unserer" Hemisphäre aufmachen, geht es um etwas anderes: "Ein Sieg des Präsidenten General Augusto Pinochet bei der für das kommende Jahr erwarteten Volksbefragung würde über kurz oder lang zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in dem südamerikanischen Land führen." (Frankfurter Rundschau, 27.11.) Wenn die Globetrotter "unseres Einflusses" zur Mißbilligung von Unterdrückung schreiten und - das auch noch zur diplomatischen Botschaft machen, dann haben sie nur eines festgestellt: Die Re- gierung des Landes entspricht nicht mehr dem Interesse, das "wir" am entsprechenden Staat haben. Geißler beherzigt dabei eine Lo- gik, die er Fußballkommentatoren abgeschaut hat: die Theorie der überflüssigen Fouls. Für ihn entscheidet sich die Frage nach der Notwendigkeit staatlicher Härte eben am Kräfteverhältnis. Jah- relang war die Diktatur Pinochets nach dem Sturz der demokratisch gewählten, sozialistischen Regierung Allendes gerade recht, um mit "kommunistischen Umtrieben" in Chile aufzuräumen. Zu KZs ver- wandelte Fußballstadien wurden lässig als Kosten des Programms "Freiheit statt Sozialismus" in Chile verbucht. Seit das Militär- regime selbst die Frage der Modalitäten seiner Kontinuität auf die Tagesordnung gesetzt hat, diskutiert alle Welt mit: "Das Risiko für die Junta, daß ihr Kandidat durchfällt, ist groß. Die chilenischen Christdemokraten müßten zusammen mit anderen Parteien ein Alternativprogramm entwickeln. Nach Meinung Geißlers wäre eine Art Große Koalition denkbar. Er forderte die chileni- sche Schwesterpartei zur Entwicklung eines wirtschaftspolitischen Programms auf." (Süddeutsche Zeitung, 27.11.) Eine gemutmaßte Wende im Andenstaat läßt Geißler kritisch werden. Seine Parteinahme für die Gebeutelten in Chile und sein Wiederho- len der Unterdrückungsklage der Opposition gelten so nichts an- derem als der Sorge um eine unnötig aufs Spiel gesetzte Ordnung in Chile. "Mutige, gute junge Leute" könnten sich "enttäuscht den Extremisten zuwenden", und das, wo doch die christliche Alterna- tive Gewehr bei Fuß steht. Das Volk verelendet ------------------- Der kritische Heiner wußte noch ein anderes Indiz dafür, daß die dortige Regierungsmannschaft abgelöst gehört: "Was für ein schönes Land. Aber richtig zornig wird man, wenn ein paar Militärs die kleinen Leute ausbeuten und dem Land den Frie- den nehmen." (Spiegel) (Geißler bei einer Fahrt mit dem Gelände- wagen durch die Anden) "90% sind hier arbeitslos." (Spiegel) (Beim Schlendern durch die Elendsquartiere Santiagos) "Für 93% der Arbeitnehmer hat es seit 1981 keine Erhöhung der Re- allöhne gegeben." (Spiegel) (Vor Parteifreunden im O-Ton spa- nisch) Als Beleg für die Untauglichkeit einer auswärtigen regierungsma- fia fallen einem Politiker wie Geißler sogar einmal so unfeine Sachen wie Ausbeutung, Arbeitslose und Lohnsenkung ein. Die hei- mische Untertanenschaft darf heimlich mitvergleichen, wie gut sie es doch mit ihrer Regierung getroffen hat. "Ausbeutung" gibt's in deutschen Fabriken selbstredend nicht. Eine Frage nach der Her- kunftsquelle deutscher Panzer etc. verbietet sich sowieso. Er, der zu Hause ständig die "Marktwirtschaft" lobt, die mittlerweile ein stattliches Arbeitslosenheer von immerhin auch schon 10% zu- stande gebracht hat, und der gegen gewerkschaftliche Lohnforde- rungen in der BRD hetzt, entdeckt dort unten fehlende Reallohner- höhungen! "Plump eingemischt" (Pinochet) ------------------------------ Das alles war der chilenischen Regierung dann doch zuviel: "Die chilenische Wirtschaft gehorcht streng den Gesetzen der Marktwirtschaft," ließ Pinochet Geißler nach dessen Abreise entgegnen. Da mag der General in seiner Antwort zwar den kleinen Unterschied zwischen einer kapitalistischen Führungsnation und einem Staat, bei dem auch nach der letzte Granny-Smith-Apfel zwecks Devisenbewirt- schaftung im Ausland verschwindet, übersehen haben, eines kann man ihm aber nicht nehmen: Wer ist es denn, der die von deutschen Firmen wie Bayer so hochgelobten Investitionsbedingungen schafft? Wer ist es denn, dem eine Dresdner Bank gerne immer mal wieder Kredit gibt? Daß "unser" Einfluß in aller Welt eine Diktatur à la Chile mit ihrem Elend und ihrer Gewalt am Leben hält, will niemandem auf- fallen. Also auch nicht, daß Menschenrechtsphrasen aus dem Munde von Geißler der h e u c h l e r i s c h e Zusatz zu einer poli- tischen wie wirtschaftlichen Einmischung sind, die auf der halben Welt so ungemütliche Zustände wie in Chile schafft. Vom Abbruch der Beziehungen zwischen der BRD und Chile war ja nun wirklich nicht die Rede. Und wenn demnächst in Chile vielleicht Geißlers Christen-Freunde das Sagen haben, geht ein bißchen Polizeistaat doch sicher in Ordnung. Oder nicht? zurück