Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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Franz Alt, Günter Grass und Johano Strasser in Nicaragua
DAS BESSERE DEUTSCHLAND ZU BESUCH
"Das altmodische, wie man meinen möchte, im neunzehnten Jahrhun-
dert begrabene Wort Solidarität tritt auf wie auferstanden. Ich
bin ihm in Polen und Nicaragua begegnet. Im Vorfeld, im Hinterhof
der Großmächte, lebt es auf. Es sollte auch bei uns wieder hei-
misch werden." (Grass)
Mit unfehlbarer Sicherheit in der Wahl seiner Gäste hat der Mini-
ster für Kultur in Nicaragua - selbst Poet und katholischer Prie-
ster ausgerechnet einen kritischen Katholiken, einen SPD-Dichter
und einen Alt-Juso aus Deutschland-West zur Besichtigung der
Fortschritte der sandinistischen Revolution eingeladen. Und ein-
hellig haben die drei selbsternannten ideellen IWF-Prüfer die
Feinfühligkeit seiner Wahl durch ihre Reiseberichte bestätigt:
Die sandinistische Revolution - endlich einmal so gesehen, wie
sie jeder bessere Deutsche sehen sollte, nämlich als eine Hoff-
nung nicht nur für die "dritte", sondern zugleich für die gesamte
freie Welt.
Das geht dann so: Die selbsternannte Kontrollkommission tritt die
Reise an mit allen Maßstäben westlicher Demokratie und sozialer
Marktwirtschaft, die bekanntlich das Leben bei uns so frei und
gemütlich gestalten, ergänzt durch einen hohen
m o r a l i s c h e n Anspruch an die Sauberkeit von Macht über
die und ökonomische Benutzung der Menschen, und stellt
"überrascht" fest, daß es sich bei Nicaragua um eine zwar etwas
exotische, weil mittelamerikanische, Variante des "Modell
Deutschland" handelt, wie sie es schon immer gerne gehabt hätten.
Resultat dieser ebenso lächerlichen wie unverschämten Optik ist
das Dementi, daß es sich bei der "sandinistischen Revolution"
überhaupt um eine Revolution gehandelt hat. Der CIA und die bür-
gerliche Presse der Böswilligkeit überführt, kehrt die Delegation
zurück und präsentiert ihr Nicaragua-Bild der bundesdeutschen Öf-
fentlichkeit nicht nur als Forderung nach einem anderen Umgang
mit dem Regime, sondern auch noch als überaus menschliches Vor-
bild, von dem sich die Bonner Republik eine Scheibe abschneiden
könnte. Dahingestellt, inwieweit die sandinistische Ordnung der
Verhältnisse in Nicaragua dieser Delegation des besseren Deutsch-
land noch das Material für demokratisch-moralischen Revolutions-
tourismus geliefert hat, bleibt dennoch die Frage offen, wie es
diese gewaltfreien, humanen, marktwirtschaftlich orientierten
christlichen Sozialdemokraten dahinten jemals geschafft haben,
mit dem Somozismus fertigzuwerden, noch dazu, wo sie damals über
den Beistand von Alt, Grass und Strasser nicht verfügen konnten?
Für die Beweisführung, daß in Managua endlich das "Ahlener Pro-
gramm" verwirklicht wird, führt das Gutachtertrio folgende
"eigene Erfahrungen" an:
Beweisstück Nr. 1: Die Revolution ist human
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was alle drei sinnigerweise durch ein ausführliches Lob des mo-
dernen Strafvollzugs belegen,
"wie er in keinem Land der Dritten Welt bekannt ist und allen-
falls (!) in Westeuropa versuchsweise (!) Schule gemacht hat."
Intimbesuch am Wochende für ehemalige somozistische Totschläger
und Musik am Gefängnisarbeitsplatz, so konnten die Reisenden zu-
frieden vermerken. Der Einfall, die "Humanität" eines Regimes an
den Formen seiner G e w a l t a n w e n d u n g gegen Menschen
zu messen, ist kein origineller Gedanke von Alt und Co., sondern
ein durchaus gängiger Hinweis darauf, was unter H u m a n i-
t ä t in der Welt der Staaten zu verstehen ist: das Maß der
Rücksichtnahme beim Durchsetzen des Staatsinteresses gegen die
Leute. Legt man diesen Maßstab allerdings an eine R e v o-
l u t i o n wie die sandinistische an, die ja allen Grund hat,
sich vor den Schergen des Somoza-Regimes zu schützen, so lauert
dahinter die alte Denunziation des bourgeoisen Kopfes, jede
Revolution sei der Auftakt zur allgemeinen Menschenschlächterei
und den Revolutionären ginge es im Letzten um die Rache des
Siegers an den Besiegten. Die Perfidie des, amnesty-Hilfstrios
besteht darin, gerade im Dementi für die begutachtete Ausnahme
dem allgemeinen Ressentiment rechtzugeben. Das merkt man u.a.
auch daran, daß eine solche Optik beim Besuch polnischer Inter-
nierungslager zu ganz andere n Schlüssen gerät: Da "wirkt" ein
gutgenährter Walesa "aufgedunsen" und "vollgemästet", und daß Ja-
ruzelski seine Gegner nicht liquidieren läßt, gerät ihm nicht zum
moralischen Ausweis, sondern wird als besonders raffinierte Per-
fidie geführt.
Beweisstück Nr. 2: Das sandinistische Wirtschaftskonzept
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Was könnte den - wenn auch selbstverständlich kritisch distan-
zierten - westdeutschen Parteigängern der Verteidigung der freien
Welt im Zusammenhang mit Nicaragua mehr beruhigen als die Nach-
richt, daß die Zeichen dort keineswegs auf Sozialismus stehen,
daß nicht sämtlicher Grund und Boden verstaatlicht wird, sondern
daß die Sandinisten geradezu ängstlich darauf bedacht sind, jeden
Eindruck in diese Richtung zu vermeiden und dieser Absicht auch
eine mögliche Effektivitätssteigerung ihrer Landwirtschaft op-
fern. Erleichtert soll man zusammen mit Alt, Grass und Strasser
feststellen, daß die zuständigen Minister das sandinistische Pro-
gramm der "gemischten Wirtschaft" vertreten, nach dem auch in Zu-
kunft nur 20% des Landes staatlich bewirtschaftet werden sollen.
Weshalb man auch noch erleichterter sein darf darüber, daß die
vormals besitzlosen Bauern nach einer Landverteilung aus ehemali-
gem Somozabesitz zu Protokoll geben:
"Vorher hatten wir nichts und mußten viel arbeiten. Heute arbei-
ten wir auf eigenem Land mehr und wissen wofür."
Also auch in diesem Punkt alles in Ordnung: Ein Wirtschaftskon-
zept, das sich ärmlich aber redlich auf die dank ihres neuen Ei-
gentums gegen jegliches kollektive Gedankengut gefeite Bauern
stützt. Spätestens aber dann muß jeder Zweifel zerstreut sein,
wenn Grass die genossenschaftliche Wirtschaftsweise lobt als
"Einladung an unsere (!) Raiffeisenbank, dort etwas (!) mit
Geld... zu tun." Dieser Mann stellt sich vorsätzlich blöd gegen
den Geschäftszweck der Raiffeisenbank, weiß nichts von den Ab-
sichten der BRD-Politik, denen auch eine landwirtschaftliche Ge-
nossenschaftskasse unterliegt, und hält anscheinend den Imperia-
lismus für ein verfehltes System nicht wahrgenommener humaner In-
vestitionsmöglichkeiten!
Beweisstück Nr. 3: Die Entfaltung des Pluralismus
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Die Reisenden, bei aller Sympathie für die Revolution unbestech-
lich, scheuen selbstverständlich die Kritik an ihr nicht. Jawohl,
mit dem öffentlich-politischen Leben in Nicaragua steht noch
nicht alles zum Besten. Jawohl, es gibt eine Pressezensur, das
darf nicht geleugnet werden. Aber man muß doch, wie Franz Alt,
den rechten Maßstab anlegen:
"Das Nicaragua des Ausnahmezustands ist keine westliche Demokra-
tie, aber ein Hort der Freiheit ist es immer noch, gemessen an
der Somozazeit, an osteuropäischen Ländern oder am kommunisti-
schen China."
Und in Anbetracht dieses schönen Vergleichs können die drei den
USA und dem gesamten Westen den ebenso herben wie haltlosen Vor-
wurf nicht ersparen, in ihrer Kritik an Nicaragua nicht nur unge-
recht, sondern blind für ihre eigenen Chancen zu sein. Mit hart-
näckiger Ignoranz gegenüber dem Tatbestand, daß Friede, Freude
und Menschenrechte eben nicht die Kriterien von auf- und wieder
zugemachten Freundschaften zwischen Staaten sind, tun die drei
Aufrechten so, als wäre das, was den Staatsmännern in West und
Ost (und ausgerechnet auch noch den Bürgern, die über "ihre" Völ-
kerfreundschaften eh nichts zu sagen haben) fehlt, die Erinnerung
an ihre eigenen hehren Prinzipien, um sie vor weltpolitischen
Dummheiten zu bewahren:
"Wer wie ich im Vorjahr in Polen gewesen ist und jetzt aus Nica-
ragua kommt, der hat zum einen und zum anderen Mal erfahren, wie
bedrohlich und dumm die beiden Großmächte dort ihren Hinterhof,
hier ihr Vorfeld zu beherrschen versuchen. Doch diesmal ist der
Widerstand nicht zu brechen. Er ist von neuer, den Großmächten
unbekannter Qualität."
Bei solchen Leuten ist es eigentlich ganz gleich, wo sie hinfah-
ren, sie bringen immer dieselbe Botschaft mit: Alt zur
"Bildzeitung":
"Solidarität ist für Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit. Gleich-
heit: daran hält sie trotz Verfolgung und Verbotes fest. Ihr Vor-
sitzender Walesa hat den Nobelpreis verdient."
Getreu der Parole, daß das Gute sich letztlich immer durchsetzt,
stellt Grass seinem Publikum einen rechten Genuß in Aussicht: Es
darf gespannt sein, wie die Sandinisten die Amis fertigmachen und
sie den wahren Geist des persuit of happiness lehren, und hämisch
soll es verfolgen dürfen, wie Polen den Ostblock aufrollt.
Aber nicht nur Dummheit der Supermächte im Umgang mit Nicaragua
bereitet den Betrachtern Sorge. Schlimmeres macht sich breit:
Peinlichkeit.
"...erst in Nicaragua wurde mir bis zum Schamgefühl deutlich, mit
wem ich als Deutscher verbündet zu sein habe. Soweit es einer
einzelnen Person möglich ist, will ich für mich dieses Bündnis
aufkündigen: weil es seinen Auftrag, die westlichen Demokratien
zu schützen, schon lange nicht mehr erfüllt..."
Ja, wenn es das täte (was es ohnehin täglich tut), ja dann...!
Was, wenn nun die Einbildung von der Erfolglosigkeit eines oben-
drein auch noch unmoralischen westlichen Bündnisses um sich
greift? Wer weiß, ob außer H.D. Genscher überhaupt noch jemand an
dem Bündnis teilnimmt! Der Außenminister selbst ist freilich mit-
samt allen gewesenen und zukünftigen Regierungen von Grass groß-
zügig exkulpiert,
"...weil dieses Bündnis dem Zwang unterliegt, die Verbrechen der
verbündeten Großmacht stillschweigend zu tolerieren oder gar
gutzuheißen."
Wem da nicht die Mitleidstränen kommen für die in ein solch wi-
derwärtiges Unternehmen gezwungene BRD. Und unschuldig, wie sie
in Sachen Imperialismus nun einmal ist, sieht Grass sie zusammen
mit einigen ebensolchen Unschuldslämmern zu der hehren Aufgabe
bestimmt, Nicaragua in den Kreis der Guten auf dieser Welt einzu-
führen:
"Sollten nicht Holländer, Deutsche und Skandinavier, erfahren und
leiderfahren im wechselvollen Alltag der Demokratie, nach ihren
Kenntnissen behilflich sein, wenn es darum geht, einem kleinen,
revolutionären, im Umgang mit der Demokratie noch unerfahrenen
Land eine ihm gemäße Verfassung zu geben?"
Und für Leute, denen die Verpflichtung der eigenen Regierung, die
Bevölkerung mit den Segnungen eines demokratisch abgesegneten Ge-
waltapparates bekanntzumachen, nicht unmittelbar einleuchtet, für
die gibt es auch noch ein praktisches Argument: Es soll sich da-
bei nämlich zufällig auch noch um ein gutes Geschäft handeln. Und
während Grass droht: "Das (die demokratische Unterweisung) kostet
nicht viel. Aber ausbleibende Hilfe könnte teuer zu stehen kom-
men.", nennt Strasser freimütig, die eine Hälfte des Preises für
unterlassne Hilfeleistung beim Namen:
"Nicaragua hat ungleich günstige Voraussetzungen. Es ist ein
agrarisch ungeheuer reiches Land... Jeder Dollar, der hier inve-
stiert wird, kann reiche Früchte bringen. Nicaragua ist kein Faß
ohne Boden."
In der Benennung der anderen Hälfte der drohenden Kosten gesteht
Grass, daß er trotz allem in seinem Herzen doch noch beträchtli-
chen Raum für die Amerikaner hat, indem er sie inbrünstig davor
warnt, "einen horrenden Fehler zu machen, dieses Land zu isolie-
ren und es damit in die Abhängigkeit von Kuba und der Sowjetunion
zu bringen". Was wäre denn daran eigentlich so schlimm, wo die
Amis den Poeten gerade eben noch so angeekelt haben?
Eins ginge dann natürlich flöten: Nicaragua als Stecken und Stab,
der quer durch alle Parteien vertretenen moralischen Saubermänner
des Imperialismus. Sie verlören den derzeitigen Lieblingsgegen-
stand ihrer Empörung über ach so ungerechte wie kulturlose Be-
gleitumstände des Imperialismus, die dessen Erfolg doch bittesehr
nicht mit sich bringen sollte. Und weder könnte ein Franz Alt Ni-
caragua als Beweis für die Durchführbarkeit seines Ideals von
Staatsräson mißbrauchen, indem er behauptet,
"Der Sandinismus (sei) heute für Nicaragua, was 1948 das Ahlener
Programm für die CDU war: der Versuch, Christentum und Sozialis-
mus zu vereinigen."
Noch könnte ein Günter Grass mit dem Facit seines Reiseberichts
die Parole, mit der Helmut Kohl die Bürger für die ihnen angekün-
digten Zumutungen agitiert, als Botschaft der sandinistischen Re-
volution an "uns" ausgeben:
"Als wir heimkehrten, bot die Bundesrepublik den zwar erwarteten,
aber mit seiner äußeren Härte und inneren Banalität doch überra-
schenden Kontrast. Ein reiches, auf den ersten Blick übermäßig
ausgestattetes Land, dessen Gesellschaft, obgleich sie vorgibt,
eine 'Solidargemeinschaft' zu sein, vor allem eines fehlt: Soli-
darität."
Alle Zitate aus den Reiseberichten in:
"Die Welt", 8.9.82
"Die Zeit", 1.10.82
"Süddeutsche Zeitung", 25./26.9.82
"Spiegel" Nr. 37, 13.9.82
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