Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Buchhandelspreis für Cardenal
       

DIE KULTUR FÜR ALLE - ALLE FÜR DIE KULTUR

I. Der Preis. ------------- Den "Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels" bekommen in schöner Regelmäßigkeit Persönlichkeiten verliehen, die in sich das Ideal einer Verbindung von Politik und Kultur verkörpern. Nach Leopold Sedar Senghor, der Ende der 60er Jahre schon dafür ausgezeichnet wurde, daß er die bornierte Verwurzelt- heit des Afrikaners in Stamm und Kral als Negritude feierte und die Negernatur als "jene Hefe" pries, "derer das weiße Mehl be- darf" (aus einem Senghor-Poem), damit der Negerseele eine Kultur verlieh und zugleich den Umgang der westlichen Welt mit den Schwarzen als geistige Symbiose sanktionierte, ist in diesem Jahr der "zwischen Metaphysik und Politik schwankende Autor" Ernesto Cardenal an der Reihe. Damit bestätigt sich der Börsenverein nicht nur, daß er mit seiner Lateinamerikaliteraturshow vom Herbst 78 goldrichtig lag (dem Absatz der ollen Suhrkamp-Kamellen von damals wird es auch nicht schaden), sondern setzt seine durchaus politisch gemeinte Anerkennung für Leute fort, die in ihren, hier als "unterentwickelt" bezeichneten, Ländern durch ihre Betätigung als Künstler die universelle Gültigkeit abendlän- discher Humanitätsideale zum Ausdruck bringen ("Friedenspreis" heißt es nicht umsonst). Nicht nur, daß auch unter den alles an- dere als kulturell verheißungsvollen Verhältnissen der "3. Welt" Kunst produziert wird, die Kunstproduzenten setzen sich selber für eine Politik ein, die sich ihren Menschheitsidealen ver- pflichtet weiß. II. Der Autor. -------------- Geehrt werden also nur solche Leute, die das hier vertretene I d e a l von Politik, für dortige Verhältnisse hergerichtet, darstellen. Daß Ernesto Cardenal d i e s e n Preis verdient hat, daran kann nun wirklich kein Zweifel bestehen: Er p r a k t i z i e r t in Nicaragua seine hier allenfalls als un- verbindliche Vorstellung geduldete Auffassung, daß die Kunst einen politischen Auftrag habe, der danach schreit, in die Tat umgesetzt zu werden, und daß dort Zustände existieren, die danach schreien, in Dichtung gesetzt zu werden. In Nicaragua sitzt die Kunst in der Regierung - wobei Cardenal nicht einmal die "Ausnahme in diesem Land ist: Eine ganze Armada, von Künstler-Politikern, unter ihnen Junta-Mitglied Sergio Rami- rez, steuert seine Geschicke, was natürlich die Anteilnahme eines BRD-Intellektuellen an diesem Land nur erhöhen kann. Die Frank- furter Rundschau kann deshalb folgende Laudatio loswerden: "Nicht nur, daß Guerilleros und Bürgertum ein bislang krisen- festes Bündnis eingegangen sind, um eine Demokratie des freiheit- lichen Sozialismus nach fast einem halben Jahrhundert brutaler Familiendiktatur zu errichten. Nicht nur, daß die Revolution auch im Namen des leidenden Jesus Christus geführt worden ist und die lateinamerikanische Theologie der Befreiung damit einen maßstäb- lichen politischen Ausdruck gefunden hat. Die Geschicke der Revo- lution in Nicaragua bestimmen an wichtigen Positionen auch Dich- ter mit... Schriftsteller schreiben - welch utopisches Verhältnis - die Poesie des Anfangs einer Wirklichkeit mit, für die ein neuer Mensch gefordert ist." (Frankfurter Rundschau, 3.5.80) Wer sich als idealistischer Künstler, nun im Amt des Kultusmini- sters, für eine Veränderung der sozialen Verhältnisse in dem von Somoza und den USA ausgepowerten Land mit seinen künstlerischen Mitteln einsetzt, hat kein Problem damit, ob und wie es denn den Leuten wirklich besser gehen kann unter den Sandinistas. Er p r o p a g i e r t nach wie vor, nur jetzt ganz offen und unge- hindert, bzw. mit staatlicher Rückendeckung, die Werte, auf die es ihm schon immer ankam, während er unter Somoza ständig damit rechnen mußte, daß seine Projekte einer "urchristlichen Gemein- schaft, in der Poesie und Mystik sich mit dem Leben und den ein- fachen Bedürfnissen indianischer Bauern und Fischer- aufs inten- sivste durchdrangen", zerschlagen wurden. Der "neue Mensch" in Nicaragua, der ein selbständiger und gebildeter sein soll, darf nun als erstes Lesen und Schreiben lernen, um dem Ideal gerecht zu werden, das der Dichter von ihm im Kopf hat. "Damit die Kultur in Nicaragua wirklich Wurzeln schlagen kann, findet jetzt die Alphabetisierungskampagne statt." (Interview mit Cardenal in der Süddeutschen Zeitung, 10./11.5.80) Denn genaugenommen handelt es sich in Nicaragua um eine K u l t u r revolution: "Im ganzen Land gab es eine kulturelle Wiedergeburt in der Folk- lore, in der Musik, dem Tanz, dem Lied der Poesie, dem Theater, der Bildhauerei. Und zum erstenmal gibt es jetzt auch nicaragua- nische Filme. Überall ist so etwas wie ein enormer kultureller Durst entstanden. Vorher hat unser Volk das Wort Kultur nie aus- gesprochen und wußte auch oft nicht, was es bedeutet. Seit dem Sieg der Revolution gibt es überall Kulturhäuser, Kulturkomitees, Delegierte für Kultur, Veranstaltungen, jeden Tag und überall im ganzen Land." Das wird den Massen den neuen, revolutionären Alltag so richtig schmackhaft machen. Die Gefahr, daß die Kulturrevolutionäre wie die Neue Zürcher Zeitung meint "Hoffnungen und Erwartungen wec- ken, die kurzfristig kaum zu erfüllen sein werden" (NZZ, 7.5.80), ist dabei aus zwei Gründen nicht gegeben: Erstens haben die San- dinisten für die unter "wachsendem Druck von der Basis und stei- gender Unkontrollierbarkeit der eigenen Bewegung" vorgekommenen "Übergriffe" bereits den Ausdruck der "inmadurez" (Unreife) ge- prägt - gegen "revolutionäre Ungeduld" wird also unter Fortset- zung der Kulturpolitik mit anderen Mitteln entschieden vorgegan- gen. Zweitens ist "die ganze Revolution" ja eh nur "Kultur" (Cardenal) - weil ohne Kunst kein Leben, vor allem kein menschen- würdiges. "Für uns ist alles, was die Revolution hervorgebracht hat, Kul- tur. Und Kultur heißt für uns Revolution... Dies ist die Etappe des kulturellen Aufstandes. Für uns kommt jetzt alles auf eine nationale Kultur an, hinzu kommt das Universelle." Das Volk in Nicaragua darf sich also nicht nur an (originär nica- raguensischer) Lyrik ergötzen und die von Cardenal überall einge- richteten "Dichterschulen" besuchen, direkt proportional zum Wei- terbestehen des Massenelends verstärkt sich die Propaganda für ein N a t i o n a l bewußtsein. Cardenal hat bereits 1972 mit seinem "Nationallied für Nicaragua" vorgesorgt: "Auf einer Kaffeepflanzung die kakaobraune Bäuerin gab ihm köstliches Wasser in einem ausgehöhlten Kürbis und er sah auf dem Kürbis Wappen, Vögel, Palmetten, Mäander, Buchstaben..." Daß unter der neuen Ordnung so ziemlich alles beim alten bleibt, wenn nur der angeblich neue Indio-Mensch seine kümmerliche Exi- stenz jetzt g e n i e ß e n darf, indem er sich einbilden soll, er sei ein Teil der "nationalen Identität" - fürwahr eine Kunst, die hier einen Preis verdient hat! III. Das Publikum. ------------------ Der schriftstellernde Jesuitenpater Cardenal schreibt seinem Volk (un)verblümt vor, wie es sich in Zukunft mit wenig Brot und Was- ser, aber viel Kultur im Kopf selbstzuverwirklichen hat. Mit die- ser Repräsentation einer Kulturvolksrepublik setzt der Minister seinen schon in der vorrevolutionären Zeit als Künstler gepfleg- ten Idealismus nun offiziell fort. Wobei man sich sicher sein kann, daß seine lyrischen Ergüsse ebenfalls den Nerv des hiesigen Publikums treffen: "Sie sagten mir, daß du mit einem anderen gehst, da ging ich in mein Zimmer und schrieb den Artikel gegen die Regierung, für den ich jetzt im Gefängnis bin." Daß solche Gedichte, die Cardenal in der Absicht schreibt, der "suggestiven Melodik und dem schwelgenden Erlesenheitskult seines Landsmannes Dario zu entgehen", von unseren Intellektuellen be- gierig aufgegriffen werden, ist klar: Erstens handelt es sich ja schließlich um äußerst "konzise Texte, in denen fernöstliche Bildpoesie mit Catullscher Epigrammatik eine fruchtbare und sehr moderne Verbindung eingegangen ist" (Süddeutsche Zeitung). Die Botschaft ist tatsächlich sehr knapp und sehr modern: Es handelt sich um die gar nicht exotische, gleichwohl suggestiv vorgetra- gene Bestätigung des gängigen Vorurteils, warum einer zum Gesell- schaftsgegner wird. Zweitens ist es nur lobenswert, wenn Dichter ihre Ideen - die man sehr schätzt als I d e e n - einmal in staatlichem Auftrag an den Mann bringen dürfen und damit der Kunst ihre Realität und dem Staat seine lauteren Absichten bestä- tigt werden. Drittens erkennen fortschrittliche europäische Men- schen in einem Mann wie Cardenal ihren alten Traum des Zusammen- fallens von Politik und Kultur wieder (das wird den Lateinameri- kasolidaritätsfeten enormen Aufschwung geben!). Viertens zollt ihm die breitere Öffentlichkeit Anerkennung zu einem Zeitpunkt, zu dem Cardenal in allseits, selbst von den USA respektiertem staatlichen Auftrag agiert: Sein Eintreten gegen die Herrschaft in Nicaragua ist jetzt passe und - gerade als Minister - ist er jetzt wieder das, was er schon immer war - der "Priester-Poet" Ernesto Cardenal, SJ, jetzt durch und durch preiswert. *** Fiktives Elend -------------- "Frage: Merkwürdig: Ihr Roman schildert viel Elend und Mißlingen von Widerstand. Er beschreibt Opfer, aber er ist für mich auch sehr komisch und grotesk. Er zeigt das immer Gleiche, keinen Fortschritt. Und jetzt hat die Wirklichkeit dieses Buch überholt. Ramirez: So war eben die Realität in Nicaragua. In dem Buch fin- det sich tatsächlich etwas Groteskes, Ironisches - in der Figur des Diktators etwas Komisches. Aber die Diktaturen in Lateiname- rika sind tatsächlich so; ihre Handlungen sind bis zu einem ge- wissen Grad irreal. Sogar die Gesetze, die sie erlassen, erschei- nen oft eher wie eine Fiktion." (Aus einem Interview mit Sergio Ramirez, Junta-Mitglied in Nicaragua, in der Frankfurter Rund- schau vom 3.5.80) *** Kulturimperialismus kritisch ---------------------------- "Der moderne Rassismus anerkennt mit der nützlichen politischen Herrschaft, zu der mehr oder minder studierte Neger fähig sind, auch den Menschenschlag, dessen 'Natur' sich da äußert. Hatte die alte Lehre darauf bestanden, Untermenschen auch als Vieh zu be- handeln. so ist mit überwundenem Kolonialismus das Zugeständnis fällig, daß die Barbarei in all ihren Ausgestaltungen der für sie zuständigen Rasse zu überlassen sei, weil die werden schon wis- sen, welche Lebensgewohnheiten für sie passen." (RESULTATE, Impe- rialismus 1) *** Afrikanische Kinder als Spielzeug-Konstrukteure ----------------------------------------------- "Wie einfallsreich und schöpferisch Kinder in Elendsvierteln der Dritten Welt, für die es keinen 'Spielzeug-Fachhandel' gibt, sein können, zeigt eine Wanderausstellung, die vom Übersee-Museum in Bremen und dem Lübecker Museum für Kunst und Kulturgeschichte ge- meinsam gestaltet wurde und seit über einem Jahr auf 'Tournee' durch Deutschland und Frankreich Ist. Auf Einladung der Münchner Arbeitsgruppe von 'Terre des Hommes Deutschland' wird die Schau 'Afrikanische Kinder als Konstrukteure' während des Münchner Theaterfestivals vom 23. Mal bis zum 8. Juni auf der Spielstraße im Olympiapark Süd gezeigt. Die in den Slums von Nairobi gesammelten Spielfahrzeuge aus Draht, leeren Konservendosen und sonstigem Wohlstandsmüll, deren kleine Erfinder zum Teil sogar komplizierte technische Probleme bewältigt haben, sollen die Münchner Kinder nicht nur zum Mitma- chen und Mitspielen anregen, sondern ihnen auch die Augen für die eienden Lebensumstände afrikanischer Kinder öffnen. Zu diesem Zweck hat 'Terre des Hommes' die in einem fahrbaren Großcontainer untergebrachte Ausstellung um Phototafeln und eine Ton-Dia-Schau bereichert, mit denen das Dasein in Entwicklungs- ländern wenigstens andeutungsweise und für Kinder nachvollziehbar skizziert wird." (Süddeutsche Zeitung, 23. Mai 1980) "ÜBERSEEMUSEUM, städtischer Glaskasten für - koloniale Beute und exotische Souvenirs Bremer Kaut- und Geldsäcke aus vergangenen Tagen. Heute von den Trophäen vom Negerschlachten weitgehend ent- rümpelt und als Versteckspielplatz für Bremer Stöpkes nahezu un- brauchbar geworden. Wird aber öffentlich gerechtfertigt durch den hohen Anspruch der Entrümpelung: 'Die erklärende Aufgabe der Völ- kerkunde wird in erster Linie im Abbau der üblichen ethnozentri- schen Einstellung gesehen, das heißt der selbstverständiich scheinenden Meinung, die Ideen, Werte, Normen und Verhaltenswei- sen der eigenen Gesellschaft seien die natürlichen und besten.' Wirklich spektakulär an die Öffentlichkeit getreten mit dem fah- renden Container. Sein Inhalt, aus Müll und Abfall von Negerkin- dern aus Nairobis Armutsvierteln in höherem Auftrag zusammenge- schustertes Edelspielzeug, wird durch Deutschland kutschiert, da- mit der mitreisende Pädagoge M. Michaelis seine Botschaft fürs einfache Volk ablassen kann: 'Die Sachen beweisen, daß die afri- kanischen Kinder trotz (!) dunkler Hautfarbe sehr helle sind.' ("Bremer Hochschulzeitung" der MARXISTISCHEN GRUPPE vom 22. Ja- nuar 1980) zurück