Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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Der Aufstand. Ein Film von Peter Lilienthal
NICARAGUA - EIN SPONTIMÄRCHEN
"Dieser Film 'Der Aufstand' ist ein Handbuch der Zärtlichkeit,
ist ein Lied an die Liebe,
an die Freiheit und den Frieden des Volkes von Nicaragua.
Und um diese Sachen zu singen,
muß man sie mit dem Gefühl ergreifen,
sonst verrät man sie.
'Der Aufstand' hat die Revolution in Nicaragua verstanden."
(Ernesto Cardenal, Kulturminister und Friedenspreisträger)
Was Westdeutschlands spontaneistische Linke einst propagierte und
als politische Praxis längst in den Wärmestuben eines "alter-
nativen Lebens" zu den Akten gelegt hat, flimmert zur Zeit als
exotischer Bilderbogen einer erfolgreichen Revolte durch die
Kinos: die Feier des Kampfes als eigentliche Möglichkeit zur Ver-
wirklichung unmittelbarster menschlicher Bedürfnisse wie Zärt-
lichkeit und Liebe, das Schlachten als Betätigungsfeld höchster
Werte und Tugenden.
1. Die Familientragödie
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Ein arbeitsloser Vater in seinem Haus in Leon, dessen Armut durch
tropischen Blumenreichtum kompensiert wird, pflegt seinen Famili-
envaterstolz. Er spricht nicht mit seinem Sohn, der den Haushalt
mit seinem Sold als Nationalgardist bestreitet. Die Mißachtung
durch die mit den Sandinistas sympathisierende Familie plus der
hemdsärmeligen Moralität des Gemeindepfarrers treiben den Sohn zu
einem ersten Desertionsversuch. Doch die Armee zwingt ihren ent-
laufenen Spezialisten mit der Androhung eines Terroraktes zurück.
Ein zweites Mal desertiert Agustin, als er ein Massaker seiner
Einheit in der Kirche miterlebt, womit sein letztes Argument ent-
kräftet ist, er persönlich sei nicht an den Grausamkeiten betei-
ligt, er sozusagen nackt mit seinem Wehrsold dasteht und die alte
Weisheit bestätigt, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt.
Fortan kämpft er auf seiten der Sandinistas. Als der Kampf seiner
Entscheidung zustrebt, nimmt die Soldateska Vater und Onkel als
Geiseln, um sich den Rückzug zum Hafen zu sichern. Agustin tritt
ihnen entgegen und opfert sich für Vater und Onkel, seine wahre
Familie, während Hauptmann Flores, ein schurkischer Ersatzvater,
die erzwungene Schandbeziehung (schwul?) mit Agustin ebenfalls
mit dem Leben bezahlt.
Die Peinlichkeit bildet die Perspektive des Privaten in diesem
politischen Film, der voraussetzt, daß ein guter Mensch gegen So-
moza ist und, falls nicht, über den Entzug der familiären Liebe
zum rechten Tun agitiert wird (worauf sich dann auch sogleich ein
Mädchen einstellt!). Die Zerstörungen, die der Imperialismus in
einem Land wie Nicaragua anrichtet, erscheinen in der verwandel-
ten alltäglichen Form verunmöglichten Familienglücks, und so uns
wie es sich so ein Filmfritze für die 'einfachen Menschen' dort
ausmalt, so daß als einziger Grund für die Revolution die Bruta-
lität derer übrigbleibt, die sie und damit besagtes Glück unter-
drückt. Innerhalb des moralischen Hin und Her von Gut und Böse
feiert sich der Heldenmut als Tugend um ihrer selbst willen, und
im Tod triumphiert die vermißte Zärtlichkeit, wenn alle noch ein-
mal ihren Agustin bestreicheln. Aus der Tautologie, Revolution,
weil brutale Gegenrevolution, ergibt sich zugleich Peinlichkeit
Nummer 2:
2. "Die Revolution ist kein Deckchensticken" (Mao),
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sondern vor allem die Gelegenheit, wo sich der Mensch so recht
bewähren und zu sich finden kann. Wie in den bekannten alliierten
Kriegsfilmen, nur dilettantischer, stehen auf der einen Seite die
pfiffigen und edelmütigen Sandinistas, auf der anderen die dummen
und brutalen Nationalgardisten. In diesem Gegensatz kann sich die
filmische Schnittechnik so recht austoben: Während letztere trotz
(oder wegen) eines überlegenen Waffenarsenals ständig ausge-
trickst werden, weil sie ansonsten nur Drill und das Brüllen an-
tikommunistischer Parolen gelernt haben - die richtige Seite in
ihrer hochstehenden Moral hat dagegen in diesem Film keinen ein-
zigen politischen Satz nötig -, benützen erstere jedes Päuschen
zwischen dem Blutvergießen, um sich anzufassen, weshalb sie auch
den Gegner, wenn besiegt, möglichst verschonen. Der Kontrast von
Gut und Böse genügt dem Filmer, plausibel zu machen, wer hier
siegen m u ß t e, wenn sich das Gefühl nur mit einer gewissen
Schläue paart; und das haben die Nicaraguaner vom amerikanischen
Film gelernt: Eine Anleitungsstunde zum Bombenbasteln verwandelt
sich durch das Umdrehen einer Tafel flugs in eine fromme Gebets-
stunde - cineastisch gesprochen handelt es sich um ein Zitat aus
"Sieben gegen Chikago", woraus man lernen kann, daß sich der Im-
perialismus letztlich selbst die Grube gräbt! So korrespondiert
die Pfadfindermanier dieses gerechten Sieges mit der Verharmlo-
sung imperialistischer Gewalt, und das alles in den langweilig-
schönen Bildern und Szenen eines deutschen Jungfilmers, der schon
immer aus seiner psycho-politischen Botschaft kunstvolle Film-
genüsse für den Intellektuellengeschmack zu machen verstand.
Die Lüge vom heiteren, menschenfreundlichen Guerillakrieg gipfelt
in einem Schlußbild, das die Gründe für die Revolution in Nicara-
gua ebenso verschleiert, wie es eine Wahrheit über sie verrät:
Nach dem Sieg lehrt einer der Helden die Kinder das Tanzen. So
wird das "Königreich Gottes auf Erden" ( Cardenal) erbaut, indem
dem Elend für Staat und Gott nach der Revolution ein fröhliches
Gepränge verliehen wird, nachzulesen in der MSZ 4/80, Nicaragua,
"Mann, wie menschlich", die wir statt dieses Films empfehlen wol-
len. Den sollte man den verbliebenen Spontiresten zur Erwärmung
ihres schlechten politischen Gewissens durch zwei schöne Stunden
überlassen!
(Dieser Film wurde ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis 1980,
Prädikat: besonders wertvoll und als "Film des Monats Oktober
1980" der Jury der Evangelischen Filmarbeit)
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