Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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Deutsche von Contras in Nicaragua entführt
WO "TERRORISMUSBEKÄMPFUNG" GANZ VERKEHRT WÄRE
Dreieinhalb Wochen dauerte ein "Geisel-Drama" aus dem so recht
kein Drama werden wollte;
- obwohl der pure Tatbestand alles an üblichen 'Indizien' für ein
solches Szenario geboten hätte: Acht reindeutsche Staatsbürger
wurden am Pfingstsamstag auf fremdem Territorium von bewaffneten
Gegnern der dort ansässigen Regierung überfallen und verschleppt.
Um das Leben deutscher Staatsangehöriger konnte, wer wollte
durchaus begründet fürchten.
Ein echter Fall von "menschenverachtendem Terrorismus", mochte
man meinen. - Hatte nicht erst jüngst der Führer der freien Welt
getönt und bewiesen, daß jeder West-Bürger als eine kleine
US/NATO-Fahne zu betrachten sei, und ein Angriff auf diese alle-
mal ein Bombardement rechtfertigt? Und wer sich noch an Moga-
dischu erinnert, weiß, daß unsere bundesrepublikanische Staats-
macht schon früher kein Pardon gegen Menschenleben kannte, als es
galt, in ihrem Namen dem "Weltterrorismus" zu wehren.
Auf den ersten Blick eigenartig nahm sich dagegen die politische
Behandlung dieses Terrorakts gegen deutsche Zivilpersonen in Ni-
caragua aus. Eigenartig wohl gerade deshalb, weil es diesmal kei-
ner einzigen Propagandalüge bedurfte, um den Zusammenhang zwi-
schen Tätern und Hintermännern herzustellen. Die Verbindungen der
antisandinistischen Terrorgruppen reichen bekanntlich bis in
höchste amerikanische Administrationskreise, ihre Zielsetzung
wird im Prinzip auch von der deutschen Bundesregierung unter-
stützt.
Wo Terroristen "Freiheitskämpfer" sind...
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Ganz offensichtlich sollte im Fall dieses Kidnappings kein ab-
grundtief verwerflicher Zweck verwirrter Gehirne ausgemacht wer-
den; vielmehr bemühte sich der - natürlich sofort - im deutschen
Außenministerium eingerichtete Krisenstab zuerst um die richtige
Sprachregelung: Kein verachtenswerter Terrorismus mit Verästelun-
gen bis ins tiefste Reich des Bösen, sondern eine simple,
"unbegründete Entführung" stand zur Behandlung an. Tagelang wur-
den optimistische Bulletins herausgegeben: Die Verschleppten
seien "wohlauf", es gehe ihnen "den Umständen entsprechend gut".
Daß es sich diesmal bei den Tätern nicht um "räudige Hunde" han-
delte, die gejagt und zum Abschuß freigegeben gehören, konnte man
der Zeitung entnehmen. Breit grinsend abgelichtet fanden sich
dort mehrere seriös gekleidete Herren, von denen man erfuhr, daß
sie die Anführer der Kidnapper seien und daß sie sich im sonnigen
Miami gerade der verantwortungsvollen Aufgabe widmeten, ihre Ak-
tivitäten besser zu koordinieren. Natürlich wurden ihre Flugrei-
sen von keinem Abfangjäger-Geschwader gestört.
Dabei entbehrt die Tätigkeit dieser Contra-Oberste nun wirklich
keiner der Abscheulichkeiten, vor denen aufgeklärte Demokraten
ansonsten - wenn es ihnen gesagt wird - in konformen Geifer und
Schrecken ausbrechen und schon mal relevante Tourismuszweige boy-
kottieren und lahmlegen. Es wird kein Hehl daraus gemacht, daß
ihr Krieg ein "schmutziger" ist, der jede Form des Massakers aus
dem Effeff beherrscht:
"In der Phase der Auseinandersetzung war es die Strategie der
Contras, Angst und Schrecken unter der nicaraguanischen Bevölke-
rung zu verbreiten. Sie wollten die Bauern zwingen, mit ihnen zu
kollaborieren, jede Unterstützung der Sandinistas sollte blutig
erstickt werden; der Terror sollte verhindern, daß die Regierung
ihre neue, soziale Infra-Struktur auf die vernachlässigten Regio-
nen im Innern des Landes ausweiten konnte. Die Contras machten
keine Gefangenen und wenn sie eine Ortschaft kurzfristig erober-
ten, dann ermordeten sie, wie im August 1985 in Cuapa, die über-
lebenden Verteidiger." (ZEIT-Dossier, 6.6.)
Ebenso bekannt und bislang als wenig aufregend fürs öffentliche
Bewußtsein befunden ist die Tatsache, daß sich der besondere Haß
der Contras auf die ausländischen Unterstützer der sandinisti-
schen Regierung richtet. Nicht sehr vielversprechend für das Le-
ben der acht Deutschen, gab kurz nach deren Entführung ein
Contra-Sprecher folgendes in einem Telefoninterview zu Protokoll:
"Für uns sind sie nicht mehr als ein Haufen kommunistischer In-
ternationalisten, die gekommen sind, um unser Land zu besetzen
und ein totalitaristisches Regime in Nicaragua einzurichten."
(Frankfurter Rundschau, 21.5.)
Für einen im Kampf um einen amerikahörigen Totalitarismus stehen-
den und besoldeten Contra ist die Gleichung einfach: Jeder, der
die Regierung in Managua unterstützt, i s t ein Kommunist, und
der beste Kommunist ist ein toter. Diese Rechnung findet - ob
vollständig oder nicht - in den Kurzmeldungen hiesiger Tagesblät-
ter ihren Niederschlag. Im Februar dieses Jahres wurde ein
Schweizer, Mitglied einer katholischen Hilfsorganisation, samt
seinem Kleinbus in die Luft gejagt und anschließend gründlich-
keitshalber noch von Gewehrgarben durchsiebt. Die übrigen einhei-
mischen Insassen wurden als Opfer mitgezählt. Im Mai war es ein
spanischer Arzt, der die Bevölkerung im Norden Nicaraguas gegen
Kinderlähmung impfte, der samt einem Dutzend ansässiger Bauern
bei einem ähnlichen "Zwischenfall" sein Leben ließ. Im Juni ein
Belgier, der an einem EG-Entwicklungsprojekt mitarbeitete. Kuba-
nische Lehrer und Ärzte einmal gar nicht gerechnet, weil dort die
obige Contra-Gleichung - laut öffentlicher Übereinstimmung eh
nicht in Zweifel steht.
Angesichts dieses Alltags in Nicaragua nimmt sich die gebremste
Aufregung um deutschstämmiges Leben ohnehin schon fast komisch
aus. In einem Land, in dem der planmäßig von außen organisierte
Terror seine Totenbilanz unter den Einheimischen inzwischen in
Tausendern zählt, werden sowieso nur noch gekillte und verschwun-
dene Ausländern in deutschen Blättern einer Bemerkung für würdig
befunden.
Daß dem so ist, liegt nun wirklich nicht an einer irgendwie psy-
chisch gearteten Abhärtung des Publikums gegenüber den Schlech-
tigkeiten der Welt. Jeder Kratzer an einem Journalisten wird ja
ansonsten auch als Verstoß gegen westliche Grundfreiheiten breit-
getreten, wenn er nur von den Falschen angebracht wurde.
Was das Handwerk der Contras, das sich durch blankes Marodieren
und Massakrieren und sonst nichts auszeichnet, so relativ ansehn-
lich macht, ist eben die Relation zu einem guten Zweck, der den
schlichten Namen Imperialismus trägt. Da kann man sich zwar hier-
zulande immer noch mehr oder weniger privat von einzelnen Metho-
den des dort landesüblichen Terrors distanzieren (und der Angriff
auf d e u t s c h e s Leben schafft hier das Gefühl der Berech-
tigung); - was jedermann weiß, ist dennoch, der Präsident der
Vereinigten Staaten, unser unabdingbar "bester Freund", steht
fest hinter den Marodeuren, ja, er ist - nach eigenem Bekenntnis
- selbst ein Contra.
Wo Hintermänner "Freunde" sind...
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Es mag als Kuriosum vermerkt werden, daß Reagan in eben jenen Ta-
gen, da die Bonner Bundesregierung formal korrekt die Entführung
ihrer Staatsangehörigen als "Akt der Gewalt" verurteilte, den
Kongreß vehement um die Bewilligung weiterer Gelder für die Ent-
führer anging. Ein Widerspruch aber war das nicht, schon gar kein
politischer - wie SPD-Voigt unkte:
"...mit seiner neuen Forderung an den Kongreß" für die Contras
100 Millionen Dollar zu bewilligen, während noch acht entführte
Deutsche in deren Händen seien, habe Reagan die deutsche Öffent-
lichkeit unglaublich provoziert. Sie habe eher einen politischen
und finanziellen Druck der USA auf die Geiselnehmer erwarten kön-
nen, die acht freizulassen. (...) Jeder Tag, um den sich die
Freilassung verzögere, belaste die deutsch-amerikanischen Bezie-
hungen." (Süddeutsche Zeitung, 11.6.)
Mit der für einen Oppositionspolitiker allfälligen Übertreibung
reklamiert dieser Einwand methodisch nationale Feinfühligkeit ge-
gen die erklärte Absicht des keineswegs in Frage gestellten Füh-
rers der Bündnisvormacht. Die Gleichzeitigkeit der deutschen
Freilassungsbemühungen mit der Reaganschen Finanzforderung wird
als unschön ins Bild der Einigkeit passend vermerkt.
Dabei sieht die amerikanische Regierung nicht von ungefähr die
Arbeit internationaler Hilfsbrigaden für Nicaragua in genau dem-
selben Licht wie ihre Contras: Hier sind "Kombattanten" (Shultz)
einer zum Feind erklärten Staatsmacht am Werk, die sich eben als
solche behandeln lassen müssen. Und auch die "deutsche Öffent-
lichkeit" fühlte sich nur mäßig provoziert. Ihr ist nicht erst
seit jenem vertraulichen Kamingespräch Reagans mit seinen Goril-
las geläufig, daß Mister President deren leichenträchtige Arbeit
als "Freiheitskampf" und "nationales Anliegen" und die Killer
selbst als "moralisches Gegenstück unserer Gründerväter" sehr
schätzt. Es ist ja kein Geheimnis, was der Ex-Contra Chamorro als
Fazit seiner Erfahrungen preisgibt:
"Die Contras sind ein Instrument der Regierung der Vereinigten
Staaten und im besonderen der CIA; sie wurden von der CIA ge-
schaffen, ausgerüstet, ausgebildet, versorgt, überwacht und ge-
steuert.
In dem Augenblick, in dem die Unterstützung eingestellt wird,
zerfällt die ganze Organisation."
So liegt es auch ganz im amerikanischen Ermessen, wie lange noch
die "dreckigen Methoden" der von ehemaligen Mitgliedern der So-
moza-Garde angeführten Contras für tauglich befunden werden, um
das zum Vorposten Moskaus hochstilisierte Nicaragua gefügig zu
machen. Vorerst wenigstens lobt Reagan den mörderischen Einsatz
der Contras als Verhinderung eines - dann wohl "sauberen" Kriegs,
der - wie er verlautbaren läßt - nicht nur den verlustreichen
Einsatz von "our boys", sondern auch weit mehr Ausgaben mit sich
bringen würde. Das Pentagon stellt hierzu laufend neue Kosten-
Nutzen-Rechnungen an.
Auf Grundlage dieser - zumindest für die Sandinistas - trostlosen
Alternative erhebt der Präsident seine Forderung nach ausgedehn-
terer finanzieller Unterstützung seiner Contra-Banden. Jüngste
Enthüllungen über einen schwunghaften Kokainhandel seiner
"Friedenskämpfer" nach den USA können Reagan in diesem Vorhaben
wohl kaum beirren. Denn erstens ist dies so ohne weiteres kein
Ausweis von abgrundtiefer "Gesetzlosigkeit" (ganz im Gegensatz zu
der von Reagan selbst kolportierten Propagandamasche, Sandinisten
seien "tief in den Drogenhandel verstrickt"); schließlich wurden
mit dem Erlös Waffen für die korrekte Sache erworben. Und zwei-
tens fällt diese Angelegenheit ins Ressort ordentlicher amerika-
nischer Gerichte. Hier bewährt sich die Gewaltenteilung.
Angesichts dieser ganz offiziell verhandelten amerikanischen Ent-
schlossenheit, die Regierung in Managua zur Abdankung zu zwingen;
angesichts des demokratischen Streits zwischen Repräsentantenhaus
und Kongreß, der sich ausschließlich um die effektivere Variante
der Erreichung dieses Kriegsziels dreht; angesichts dessen nahm
sich die Wahlkampfidee des außenpolitischen Sprechers der SPD-
Fraktion schon recht provinziell aus. Die gekidnappten Deutschen
dienten ihm zur Formulierung von Besorgnissen made in (better)
Germany:
"Karsten Voigt forderte die Bundesregierung auf, angesichts der
Entführung bei der US-Regierung gegen die Unterstützung der anti-
sandinistischen Rebellen zu protestieren. Der Kampf gegen den in-
ternationalen Terrorismus müsse sich gegen jede Form wenden,
gleichgültig ob er von Libyen, der UdSSR oder den USA unterstützt
werde,... damit die bundesdeutsche Politik gegen den Terrorismus
glaubwürdig bleibe." (Süddeutsche Zeitung, 20.5.)
Die Neutralität dieses Herrn war durchsichtig. A u c h die USA
wollte er mit glaubwürdigem deutschen Protest versehen wissen.
Dafür führte er einen Wert ("Politik gegen den Terrorismus") ins
Feld, von dem er wußte, daß er ausschließliches NATO-Recht ist.
Wem sonst als den Herren der freien Welt steht es zu, eine ganze
Palette mißliebiger Staatswesen mit dem Etikett "Terrorismus"
auszuzeichnen und entsprechend zu behandeln? Was Voigt auch nur
meinen wollte, war: Was den Amerikanern einen Krieg - wie jüngst
gegen Libyen - wert ist, sollte einer besseren Bundesregierung
zumindest einen partnerschaftlichen Einwand entlocken. Vom Vor-
schlag der Bombardierung des Weißen Hauses hat er ja höflich Ab-
stand genommen. Das hätte der Glaubwürdigkeit der deutschen Sozi-
aldemokratie empfindlich geschadet...
Insofern ist dieser Oppositionsheini nur das konstruktiv-kriti-
sche Spiegelbild derer, die derzeit als Regierung hierzulande das
Sagen haben. Die Christliberalen, die dem amerikanischen Krieg
gegen Nicaragua schon länger mit einem kompletten Wirtschaftsboy-
kott zur Hand gehen, widmeten sich der peinlichen Angelegenheit -
deutsche Sympathisanten einer verfeindeten Regierung freizukrie-
gen, noch dazu von Entführern, die Geschöpfe Amerikas sind - ganz
realistisch. Ohne den Eindruck falscher Hast aufkommen zu lassen,
stellte sich die Bundesregierung nicht nur hinter die Vermitt-
lungsbemühungen des feisten Wischnewski (der diesmal wohlweislich
ohne GSG-9 nach Managua angereist war), sie bemühte sich auch vom
ersten Tag an um die richtige Sicht des Werts der Opfer.
Wo Opfer "Kombattanten" sind...
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Bei den Entführten handle es sich "n i c h t um Entwicklungs-
helfer, die vom Deutschen Entwicklungsdienst entsandt worden
seien", sondern um "sogenannte Brigadisten, die aus Sympathie mit
der Revolution der Sandinisten auf eigene Kosten zu einem Ar-
beitseinsatz nach Nicaragua gereist" seien.
Vor einer vorschnellen Mobilisierung der völkischen Tränendrüsen
wurde ausdrücklich mit derlei Klarstellungen gewarnt. Opfer, die
sich nicht aus dem Dienst am Staatswesen ergeben oder die für die
Propaganda feststehender, offizieller Feindbilder unbrauchbar
sind, sind eben keine "unschuldigen Opfer". Hier gehörte sich
nicht Bedauern, sondern Entlarvung. Da reichte schon ein kleiner
Hinweis auf die Reiseroute von kompetenter Stelle aus -
"Die meisten reisen mit Billigflügen über Ostberlin und Moskau in
das mittelamerikanische Land, um dort die sandinistische Revolu-
tion zu unterstützen" (Entwicklungshilfeminister Warnke) -,
um deutlich zu machen, daß hier nicht die Falschesten verschleppt
wurden. Die Frage des Vaters von einem der Entführten: "Was wäre
in der Bundesrepublik wohl los, wenn in Mexiko acht deutsche Fuß-
baller entführt würden?" machte zwar auf einen Unterschied auf-
merksam, seine Beschwerde aber ging fehl:
"Es seien engagierte Idealisten, sie würden aber von der deut-
schen Öffentlichkeit in die Nähe von Kommunisten und Abenteurern
gerückt. Statt ihnen den Rücken zu stärken, werden sie verdäch-
tigt, diskreditiert und verraten". ( Süddeutsche Zeitung, 7.6.)
Idealismus für sich ist nämlich absolut kein Gütesiegel. Ihre
Wertschätzung erhält diese Tugend der Zurückstellung materieller
Anliegen ausschließlich durch den Bezug auf die getrennt von ihr
festgestellte Brauchbarkeit. Wer meint, seine Uneigennützigkeit
in den Dienst einer NATO-einvernehmlich als Feind behandelten
Macht stellen zu können, ist nicht nur ein "unverbesserlicher
Idealist" ("D o r t ist ihr Idealismus im wahrsten Sinn des Wor-
tes am falschen Platz" - FDP-General Haussmann); er ist zudem für
alle Folgen selbst hafthar zu machen.
Infam, was sich die hiesigen Politiker samt ihrer freien Presse
dazu alles haben einfallen lassen.
- Da warnte Genscher väterlich "junge Bundesbürger vor Einsätzen
in Bürgerkriegsgebieten" und schob so die Schuld an der Entfüh-
rung den Opfern in die Schuhe. Wer sich dort, wo die Grundwerte
"Frieden in Freiheit" gerade ihre Leichen produzieren, auf die
verkehrte Seite stellt. der läßt sich nicht nur ideologisch
mißbrauchen", er "trägt auch Selbstverantwortung".
- Da blamierte man die Opfer an ihrem Schaden.
Am Resultat ihres bedrohten Lebens wurde den Internationalisten
die Abwegigkeit ihres "Idealismus" hingerieben. Wer im Ernst
meint", daß der Arbeitseinsatz von vielen Ausländern in Nicaragua
die USA von militärischer Intervention abhalten würde", kann nur
ein blind besessener "Linksradikaler" sein, über den die NATO-
Weltgeschichte mit Recht hinweggeht:
"Ob Washington seine strategischen Ziele in Mittelamerika von
solchen Überlegungen der Linksradikalen abhängig machen würde,
ist jedoch zu bezweifeln." (SZ-Kommentar, 2.6.)
- Da wurden nach demselben realistischen Muster - weil die Ameri-
kaner auf euch keine Rücksicht nehmen, habt ihr Unrecht - die Be-
troffenen an ihrem zum Scheitern verurteilten Anspruch gepackt
und so herum als Feiglinge enttarnt. Wer für die Sandinistas Par-
tei ergreift, sollte nicht auch noch am Leben hängen. Eine Lehre,
die von den Contra-Truppen tagtäglich in Nicaragua praktiziert
wird.
"Mittelamerikanische Bürgerkriege sind schließlich kein Indianer-
spiel. Aber wären die Betroffenen wirklich bereit, für den Kampf
gegen die Contras das eigene Leben einzusetzen und die Bundesre-
gierung von der Erfüllung unzumutbarer Bedingungen zu entbinden?"
(SZ-Kommentar, 2.6.)
- Die Entführten sind die eigentlichen Erpresser. Sie bringen un-
sere Staatsregierung samt SPD in eine "unzumutbare" Lage. Dieser
letzte Vorwurf machte Furore: Man kann doch nicht von den hier
Herrschenden verlangen, daß sie - bloß wegen des Lebens einiger
ihrer Bürger von der minderen, unzuverlässigen Sorte - ihre er-
klärten Kriegsabsichten in Frage stellen! Schließlich wird mit
den amerikanischen Verbündeten am gleichen Strang gezogen, auch
in Sachen Krieg gegen Nicaragua. I n s o f e r n zeugt es "von
wenig Realitätssinn, wenn man jene anklagt, die helfen können,
nämlich die Amerikaner." (ebd.) Viel interessanter ist da die
Frage, ob "die jungen Deutschen Waffen bei sich hatten" und damit
den mit deutschen Waffen ausgerüsteten - Contras Recht genug ver-
schafft hätten, sie als Kollaborateure nicht bloß zu entführen,
sondern umzulegen. - Keinem wollte angesichts dieser hetzerischen
Logik mehr einfallen, daß es ja wohl das Naheliegendste auf der
Welt wäre, sich zu verteidigen, wenn man es sich schon zur Auf-
gabe gemacht hat, "wieder aufzubauen, was die Contras zerstört
haben." Schließlich fallen die Contras ja nicht deshalb nach Ni-
caragua ein, um Waffenscheine zu überprüfen.
Wo Vermittler zu Feinden erklärt sind...
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Über die letztendliche Freilassung der Geiseln wollte so recht
keine nationale Freudenstimmung aufkommen. Keine Karikaturisten
spitzten ihre Griffel für Agitpropbildchen, die den Sieg des
Guten über das tierisch Böse feierten, wie z.B. anläßlich von Mo-
gadischu. Mochte auch "comandante Hans" Wischnewski die
"hilfreiche Unterstützung" der sandinistischen Regierung lobend
hervorheben - stolz war man allenfalls auf ihn, nicht aber auf
diese Zusammenarbeit.
Denn schon während der wochenlangen "Freilassungsbemühungen" galt
als verbindliche Sprachregelung, daß die eigentlichen Erpresser
in Managua und nicht an den Grenzen von Honduras und Costa Rica
sitzen. Den Verlautbarungen der Contras, daß es ausschließlich an
der noch andauernden Macht der Sandinistas liege, wenn sie die
Entführten nicht lebend davonkommen ließen, wurde viel mehr Plau-
sibilität eingeräumt als dem naheliegenden "Rat" der nicaraguani-
schen Regierung, man möchte sich doch bitte ans Oberkommando der
Kidnapper in Washington wenden, wenn man Druck auf die Entführer
wünsche. Wer, so wurde öffentlich weniger gefragt als geantwor-
tet, ist denn schuld an der Gefährdung deutschen Lebens? - Doch
natürlich die, welche durch ihre hartnäckige Existenz den Terror
herausfordern. Da es sich für jedermann ersichtlich bei dieser
Art von Terror um eine westliche Kreation handelte, wurde nicht
der Terror, sondern der von ihm Angegriffene zur Aufgabe auf-
gefordert.
Wie sagte doch Minister Warnke auf die reichlich naive Frage ei-
nes Journalisten, ob die Hilfe Managuas bei der Freilassung die
Bundesregierung dazu bewegen könne, "ihre stark restriktive Ent-
wicklungspolitik gegenüber Nicaragua zu ändern":
"Die Regierung von Nicaragua hat die jetzt freigelassenen Deut-
schen in einem Bürgerkriegsgebiet eingesetzt, das sie selbst
nicht unter Kontrolle hat. Es war eine Selbstverständlichkeit,
daß sie das Ihre für die Freilassung tat. Solange die nicaragua-
nische Regierung aber nicht aufhört, ihrerseits in den Nachbar-
ländern Unfrieden zu stiften, wird es keine Neuzusagen an Ent-
wicklungshilfe geben." (Abendzeitung, 12.6.)
Solange wir also von den Nachbarländern aus Nicaragua mit Krieg
überziehen lassen und der damit beabsichtigte Effekt noch nicht
eingetreten ist, gibt es weder Frieden noch Geschäfte.
Eines zumindest hat die ganze Entführungs-Affäre in diesem Sinne
gebracht. Der Bitte des Auswärtigen Amtes
"Um das Leben der Deutschen nicht zu gefährden, seien die nicara-
guanischen Behörden gebeten worden, militärische Aktionen in dem
fraglichen Gebiet zu vermeiden." (Frankfurter Rundschau, 22.5.)
wurde entsprochen.
Die Contras haben mit der Entführung also an praktischer Bewe-
gungsfreiheit für ihre Sorte "Bürgerkrieg" gewonnen. Daß das
keine zeitweilige Erscheinung bleibt, darum kümmert sich der Prä-
sident der Vereinigten Staaten.
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