Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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US-Kriegsstrategien in Nicaragua
DER SANDINISMUS: ZUM SCHEITERN VERURTEILT - VON DER FREIEN WELT
Vor der UNO-Vollversammlung forderte Staatspräsident Daniel Or-
tega die USA auf, entweder ihre "terroristischen Aktivitäten" ge-
gen sein Land einzustellen oder Nicaragua "offiziell" den Krieg
zu erklären. Zur Zeit plant Reagan keines von beidem. Er will
mehr: Die totale Niederlage der nicaraguanischen Revolution, mi-
litärisch, politisch und moralisch.
Die Vereinigten Staaten von Amerika unterhalten ein Heer von
Söldnern, das sie ausbilden, ausrüsten und ins Gefecht geschickt
haben, um die Regierung Nicaraguas zu stürzen. Die alte National-
garde des Diktators Somoza marschiert wieder mit allen ihren ein-
schlägigen Erfahrungen, aber diesmal nicht auf Befehl e i n e r
Familie, sondern im Geiste der gesamten d e m o k r a-
t i s c h e n V ö l k e r f a m i l i e. Die Regierung der USA
hat die Frontstaaten Honduras und Costa Rica in Militärlager
verwandelt und einen Wirtschaftsboykott gegen Nicaragua verhängt.
Die Führungsmacht der Freien Welt versucht systematisch, die
Kapitulation der sandinistischen Regierung zu erzwingen. Für
diesen Zweck ruiniert sie das Land, terrorisiert die Bevölkerung
und sorgt für jede Menge Not und Elend.
Soweit die hinlänglich bekannte Lage auf dem Kriegsschauplatz.
Der öffentlichen Meinung in den großen Demokratien Europas reicht
dies allerdings nicht aus zur Beurteilung der "Lage" in Mittel-
amerika. Bis hin zu den "Freunden Nicaraguas" in linken und grü-
nen Kreisen diskutiert man Nicaragua als P r o b l e m, das die
USA und der Freie Westen mit dem Sandinismus hätten, und proble-
matisiert mit. Die heiße Frage nämlich, ob man als guter Demo-
krat, Christ, Menschenrechtler und Deutscher überhaupt reinen Ge-
wissens f ü r d i e S a n d i n i s t e n sein kann.
Diese F r a g e s t e l l u n g ist bereits der ganze Hammer.
Sie unterstellt nämlich, daß schon viel Sympathie für ein Regie-
rungsprogramm vonnöten sei, um den mörderischen Zugriff der
Freien Welt auf ein ganzes Volk zu kritisieren. Jeder Fehler, den
man an der Sandinisten-Regierung entdeckt, liefert umgekehrt ei-
nem so problembewußten Menschen ein Stückchen Rechtfertigung des
Terrors, den die USA mit ihren Wirtschaftsboykotts, Sabotage-
trupps und "Freiheitskämpfern" über das Land verhängt haben. So
enthält die Fragestellung schon das Prinzip aller
A n t w o r t e n: Im sandinistischen Nicaragua möchte man als
freiheitsbewußter Mitteleuropäer auch nicht gerade zu Hause sein
- a l s o ist das Opfer des Kriegs in Mittelamerika selber
n i c h t f r e i z u s p r e c h e n.
So stellt sich - bei allen deutschen Vorbehalten - ein gewisses
kritisches Verständnis für die US-Politik ein, die Militäraktio-
nen durch Söldner und viel Elend als S t r a f e für Nicaragua
festgelegt hat. Und dieses Verständnis kann nur wachsen, je län-
ger der Krieg dauert und je mehr die Opfer zunehmen. Denn um so
weniger kann ein gesitteter Mensch der regierenden Partei Recht
geben, die t r o t z d e m stur an ihrem Selbstbehauptungswil-
len festhält - gegen die vom Westen hergestellte "Lage".
Da ist zum Beispiel der Wirtschaftskrieg gegen Nicaragua, der vom
Handelsboykott bis zur Sabotage vornehme wie weniger vornehme Ab-
teilungen umfaßt. Hier handelt es sich ganz offensichtlich um
eine sehr wirkungsvolle Waffe zur Schädigung eines Staates, des-
sen Regierung w a h r h e i t s g e m ä ß als ihr Ziel angibt,
daß sie die Wirtschaft dafür einsetzen will, die Lebensbedingun-
gen und die sozialen Verhältnisse ihrer Bürger zu verbessern.
Nicht bloß die Finanzmittel der Regierung werden geschädigt und
damit die Verwirklichung ihres Programms verhindert; auch die
Hoffnungen werden ganz handfest "widerlegt", die das Volk auf
seine neuen Regenten gesetzt hat! und nach wie vor setzen soll.
"Der Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung schwindet", notiert
der aufgeklärte Beobachter, sagt vielleicht sogar noch den Grund
dazu - und findet es gar nicht zynisch, wenn er zusammenfassend
die Diagnose "gescheitert!" stellt. Klar, andere Regime, die die
Freie Welt mit viel Sympathie behandelt, können nicht so leicht
"scheitern", schon gar nicht am überhandnehmenden Elend ihrer Un-
tertanen, weil sie erst gar keine Abhilfe versprechen und schon
gar nichts von der Erfüllung dieses Versprechens abhängig machen
- deswegen fangen sie sich ja auch keinen westlichen Handelskrieg
ein. Der würde ja eine nützliche Herrschaft treffen - also, im
Unterschied zum Fall Nicaragua, ein u n s c h u l d i g e s Op-
fer.
Da ist zum anderen die Verwandlung weiter Teile des Landes in
Schlachtfelder, vorgenommen durch die Kampftruppen der Contras,
gelegentlich auch Militär der Nachbarländer unter US-amerikani-
scher Beratung. Das hat angefangen an der Nordgrenze, wo die
seither bekannten und beliebten Miskito-Indianer siedeln. Sie
wurden von den Sandinisten evakuiert - und geben damit den Stoff
ab für die erste große Menschenrechtskritik an der neuen Regie-
rung, die auch auf die hiesigen Solidaritätskomitees voll durch-
geschlagen hat. Denn erstens waren die Mittel zur Neuansiedlung
der Miskitos spärlich bemessen; zweitens wurden auf diese Weise
zwar Menschenleben geschont, dafür aber die K u l t u r d e r
M i s k i t o s geschädigt, die nur in den Sümpfen Nordnicara-
guas authentisch gedeiht. Noch dazu blieb die Absicht der Sandi-
nisten, die Bevölkerung im Norden vor dem Krieg zu bewahren und
ihn selber besser führen zu können, ohne Erfolg, weil der Impe-
rialismus mittlerweile g a n z Nicaragua zum Kampfgebiet ge-
macht hat. Deswegen interessiert sich angesichts der Fortschritte
des Krieges auch niemand mehr für die paar Indianer - und erst
recht nicht für die anderen Konsequenzen des Contra-Terrors. Zum
Beispiel bewirken die Kämpfe auf dem Lande eine massenhafte
Flucht der Campesinos. Diesmal handelt es sich nicht um eine or-
ganisierte Evakuierung durch die Regierung, sondern um eine Ver-
treibung durch ihre Gegner. Denn der Auftrag für die Söldner lau-
tet, die Häuser der Bauern zu verbrennen, ihre Felder anzuzünden
und die Überlebenden aus den Dörfern zu vertreiben: "Geht nach
Managua und schaut, ob euch eure Comandantes etwas zum Fressen
geben!" So wird der Ring des finstersten Elends um die Hauptstadt
mit jedem Tag breiter. Hier lagern Leute, die ohne alles gekommen
sind in eine Stadt, in der es an allem mangelt, weil der Krieg
alles verschlingt. Selbstverständlich interessieren solche ein-
deutigen K r i e g s e r g e b n i s s e in den Hauptstädten
der Freien Welt niemanden - oder wenn, dann als erneuter Beweis,
daß der Sandinismus "nicht überlebens f ä h i g" ist.
Daß er auch nicht überlebenswürdig ist, darüber läßt die Freie
Welt sich gerne durch die Notstandsmaßnahmen "aufklären", mit
denen die Regierung den Kriegszustand zu bewältigen versucht. Da
entdecken die alleroffiziellsten "Freunde" Nicaraguas im Westen,
Mitterrand in Paris und Wischnewski in Bonn, sogleich einen viel
gravierenderen Mangel in Nicaragua als Brot oder ein Dach über
dem Kopf fürs Volk. In Managua sind jetzt wieder einmal die
M e n s c h e n r e c h t e schwer gefährdet, weil die Regierung
einige Bürgerrechte aufgehoben hat. Das jüngste Verbrechen der
Sandinisten: Sie lehnen es - noch immer! - ab, aus dem ökonomi-
schen Zusammenbruch und der Ausweitung des Kriegsgeschehens auf
das ganze Land die richtige Konsequenz zu ziehen und in
K a p i t u l a t i o n s v e r h a n d l u n g e n mit einer
"Opposition" einzutreten, die mit einer Abteilung bewaffnete
Überfälle ausführt, mit einer zweiten zwischen Washington und Ma-
nagua hin- und herpendelt und die in Gestalt der katholischen Bi-
schofshierarchie ihren vorgeschobenen legalen Kopf hat, der un-
verfrore und ganz öffentlich die Subversion betreibt. Statt also
aufzugeben, "entlarvt sich das Regime" wieder einmal: Es wird
"endgültig diktatorisch" (FAZ), ist "dem Totalitarismus gefähr-
lich nahegekommen" (Christ Geißler).
Das also ist der aktuelle Stand des amerikanischen Nicaragua-
Kriegs. Die noch zu Beginn des Jahres erörterte Frage: 'W a n n
erledigen die USA den Sandinismus durch eine großangelegte mili-
tärische Operation?' heißt heute: 'W i e l a n g e können sich
die Sandinisten noch halten?' Die Eroberung Managuas durch die
Marines bleibt eine Lösung; eine andere ist die interne
"Opposition", die - mit Unterstützung von Kongreß und Präsident
der Vereinigten Staaten unter dem Beifall der Christdemokrati-
schen und Liberalen Internationale, gegen die kritischen Beden-
ken der Sozialistischen, mit dem Segen des Papstes und mit dem
Bischof von Managua als Galionsfigur - exakt das Gleiche fordert
wie die bewaffneten Truppen der CIA und der Somozisten. Der We-
sten verfügt über eine Alternative zum Sandinismus, die dem US-
Kongreß K r i e g s k o s t e n einsparen kann und der freien
NATO-Welt Bauchschmerzen über ein US-"Abenteuer", das etwas län-
ger dauern würde als der Grenada-"Spaziergang": eine
"Opposition", die in Nicaragua von den Kanzeln der Kirchen herab
ein "Ende des Krieges" fordert - so als läge die Entscheidung
darüber überhaupt noch in den Händen der Regierung Nicaraguas.
Der christlich verlangte "Friede" ist nichts als der Ehrentitel
für die Rückkehr der alten Schlächterprinzipien an die Macht -
deren Anwälte im Land und auswärts vermissen deswegen immerzu
schmerzlich die "Freiheiten" und "Menschenrechte".
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