Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Der Westen ruiniert eine Revolution
       

10 JAHRE NICARAGUA - EINE BILANZ

Nicaragua ist aus den Schlagzeilen geraten. Die systematische Ruinierung der sandinistischen Revolution geht ihren ebenso er- folgreichen wie blutigen Gang, der inzwischen zur festen Weltta- gesordnung gehört. Ein US-Krieg Marke "Lower Intensity Warfare", dazu ökonomische Erpressung und politische Hetze des vereinten freien Westens haben ihre Wirkung getan. Nicaragua ist ökonomisch am Ende. Ortega muß zum Bittgang nach Europa und führt im Gepäck die politische Kapitulationserklärung mit sich, von der er selbst redet, als seien westliche Demokratie oder - wie es heißt - "Glasnost und Perestroika" schon immer sandinistische Angelegen- heiten gewesen. Was bleibt ihm anderes übrig. Auf jeden Fall kön- nen die Geschichtsbuchschreiber langsam die Feder spitzen: Ein neues Kapitel des modernen Imperialismus kann geschrieben werden. Die Überschrift ist immer die gleiche: "Wer sich der Benutzung durch den versammelten Imperialismus entziehen will, der zieht sich die Todfeindschaft des freien Westens zu." Somoza, ein Diktator von US-amerikanischen Gnaden ------------------------------------------------- wurde 1979 von den Sandinisten vertrieben. Ziel der Rebellen von der FSLN war es, den, für den Westen sehr bequemen, für die nica- raguanische Bevölkerung äußerst unbekömmlichen Zustand zu been- den, daß Nicaragua als eine Art amerikanischer Plantage, eine Art US-Kolonie und Militärbasis mit geordneten Herrschaftsverhältnis- sen, einschließlich der berüchtigten Mordkommandos von der Natio- nalgarde, funktionierte. Der "Fehler" Nr. 1 der Sandinisten: Für dieses Vorhaben hatten sie sich nicht vorher die Erlaubnis der USA eingeholt. Das Ziel der Sandinisten: Verbesserung der Volksversorgung ---------------------------------------------------------- war ihr "Fehler" Nr. 2. Die Ökonomie, die sie von Somoza "geerbt" hatten, bestand aus 1,4 Mrd. Dollar Schulden, einer leeren Staatskasse, einer Plantagenwirtschaft, die in den USA ihre er- sten Abnehmer hatte und einer Infrastruktur, welche aus den USA importiert worden war. Keine günstigen Voraussetzungen für ein Programm, das unter der Maxime stand, daß nun für die auf den Plantagen Beschäftigten und das restliche Volk auch etwas heraus- springen sollte. Neben staatlich festgelegten Mindestlöhnen, Ver- sicherungsschutz usw. kümmerte sich die Regierung um die Versor- gung mit Grundnahrungsmitteln und um ein kostenloses Gesundheits- wesen. Dieses Programm wurde von einer landesweiten Alphabe- tisierungskampagne begleitet, was den "Fehler" Nr. 3 ausmachte. Denn nun war sich auch der aufgeklärte westliche, sprich europäische Beobachter der Revolution sicher, daß hier ein Volk "ideologisch indoktriniert" werden sollte. Die Feindschaftserklärung der USA --------------------------------- war denn auch sehr prinzipiell. Die Existenz eines Staates, der so etwas wie einen eigenen Weg beanspruchte, reichte ihnen zur Begründung der Feindschaft; zumal, wenn dieser Staat vor Amerikas "Haustür" lag, also damit bereits als strategische Bedrohung de- finiert war, gleichgültig, was nun die außenpolitischen Ziele der Sandinisten waren. Unter Reagan wurde den Sandinisten der offene Krieg erklärt. Das US-Außenministerium forderte: "Den Krieg nach Nicaragua tragen". Dazu wurden die Contras, eine Mischung aus al- ten Somozisten, Oppositionellen und Söldnern mit Waffen ausge- rüstet und auf einen Bürgerkrieg vorbereitet. Ökonomisch wurde der Feldzug durch eine Kreditsperre durch die kommerziellen Ban- ken, ein Importverbot für Kaffee und andere Güter der Landwirt- schaft Nicaraguas, ein Exportverbot für Waren aller Art nach Ni- caragua und durch die Einstellung von Entwicklungshilfezahlungen durch westeuropäische Länder komplettiert. Der Contra-Krieg ---------------- war von Anfang an nicht auf einen militärischen Sieg gegen die sandinistische Volksarmee angelegt, so daß er jetzt übrigens auch nicht einfach durch einen Waffenstillstand und einen Friedensver- trag beendet werden kann. Die Terroristengruppen hatten nie den Auftrag, Managua zu erobern. Ihre Funktion bestand darin, Leute umzubringen, Dörfer zu verwüsten, Produktionsanlagen, Schulen und Krankenhäuser unbrauchbar zu machen, Felder abzubrennen und Stra- ßen oder Häfen zu vermienen. Es ging um die Sabotage der Revolu- tion, damit für die nicaraguanischen Massen keines der volks- freundlichen Programme wirkliche Erfolge brachte und für sie San- dinismus gleichbedeutend war mit Bürgerkrieg. Dem Volk sollte mit westlich gesponserter Gewalt beigebracht werden, daß es sich nicht lohnt, sogar lebensgefährlich ist, Führern zu folgen, die nicht von den USA autorisiert sind. Obwohl es die Contra nicht geschafft hat, die Massen gegen die Sandinisten aufzubringen, kann sich ihr Erfolg durchaus sehen lassen: Die Regierung Nicaraguas ist so dringend auf Frieden angewiesen, daß sie sogar die Schergen einer feindlichen Macht - nach langer Weigerung - als Verhandlungspartner anerkennen und sich mit ihnen über die Zukunft Nicaraguas einigen muß. Hier sind denn auch die "Verdienste" der versammelten Sozialdemokraten der Welt anzusiedeln: Von den Contras mit Bürgerkrieg überzogen, bleibt den Sandinisten nur der Verhandlungsweg, für den sich die friedliebenden Sozis unter Führung von "Commandante Hans" Wischnewski dann sofort für zuständig erklären. So parasitieren die Sozis an der US-Drecksarbeit und vollenden sie, immer ein we- nig distanziert, auf ihre Weise. Nicaraguas Abwehrkampf, ----------------------- für den es sich Waffen beschaffen mußte, wurde von den USA und Teilen der Weltöffentlichkeit mit einem eindeutigen Verdikt be- legt: Ein Unrechtsstaat wie Nicaragua, der sich Waffen besorgt, weil er angegriffen wird, beweist damit nur, daß er keine Exi- stenzberechtigung hat. So schufen sich die Amis die Belege in Ni- caragua, die ihr militärisches Vorgehen so besonders dringlich machte: Das "Gleichgewicht" Mittelamerikas war prompt bedroht, ein neues Cuba und ein weiterer Vorposten der UdSSR im "Vorhof" der USA drohte. Die Sandinisten waren ab sofort Teil der US-mäßi- gen Behandlung des Ost-West-Gegensatzes. Die auftretenden Versorgungsmängel, Resultat des Bürgerkrieges, die Isolierung vom oder die Bestrafung durch den Weltmarkt, waren ab sofort nach demselben Schema zu deuten: Sie standen für die notwendigen Mißerfolge einer "marxistischen Planwirtschaft". So wurde und wird die Armut, die drastisch das erfolgreiche Fort- kommen der imperialistischen Zersetzungsarbeit dokumentiert, in der westlichen Welt locker unter die Gründe eingereiht, warum die USA ganz zu recht einem "unmenschlichen System" den Kampf ange- sagt haben. Auch der kritische Westeuropäer wußte sehr bald, daß die Sandinisten auch viel "falsch gemacht" oder sich "zuviel vor- genommen" hätten. Auf jeden Fall steht auch für ihn die welt- politische Zuständigkeit des Westens für Nicaragua nicht in Frage. Aus angeblichen Fehlern der Sandinisten wurden und werden so lauter Rechtfertigungsgründe für den imperialistischen Terror und seine Komplettierung durch den Verhandlungsdruck verfertigt. Demonstrationen des guten Willens der Sandinisten ------------------------------------------------- häuften sich und blieben wirkungslos. Während die Contras An- griffe auf den Flughafen von Managua flogen, im Hafen von Bremens Patenstadt Corinto Tankanlagen und Schiffe explodierten, der CIA nicaraguanische Häfen verminte, legte die Contadora-Gruppe (Mexiko, Panama, Venezuela und Kolumbien) einen Friedensplan für Mittelamerika vor, der indirekt das politische Abdanken der San- dinisten vorsah. Die Europäer sorgten sich um Demokratie und freie Meinungsäußerung - mitten im Bürgerkrieg, den ihr Nato- Oberhaupt angezettelt hatte - und zwangen die Sandinisten dazu, freie Wahlen zuzulassen. Die fanden statt, aber ohne die Opposi- tion, die sich angesichts einer drohenden vernichtenden Wahlnie- derlage rechtzeitig zurückgezogen hatte. So daß auch diese Wahl die Freiheitsvorbeter des Westens nicht befriedigen konnte. Nach und nach ließen die Sandinisten unter der Anleitung unseres Friedensnobelpreisträgers Arias der rechten Opposition, d.h. der politischen Abteilung der Contras, öffentlichen Raum, ließen die Kirche salbadern und sagten sogar die Entwicklung einer neuen Verfassung zu. Selbst eine Amnestie für politische Gefangene wurde durchgeführt und ehemalige Nationalgardisten freigelassen. Die Lage ist aussichtslos ------------------------- Alle Anstrengungen der Sandinisten, sich militärisch zu behaupten und die Contras zu besiegen, werden mit der Eskalation des mili- tärischen Drucks beantwortet. Bush setzt dabei fort, was Reagan angefangen hatte. Eine Entwaffnung der Contras findet nicht statt. Alle Versuche, auf diplomatischem Wege wenigstens einen Waffenstillstand zu erreichen, stoßen auf die Forderung der Ge- genseite, dem Feind nicht bloß freie Betätigung im Lande zu ge- währen, sondern ihn gleich mitregieren zu lassen. Jedes Zuge- ständnis der innenpolitischen Mitsprache des Gegners setzt die Sandinisten wieder neuen Forderungen aus. Inzwischen deklarieren die Sandinisten ihre Wirtschaft selbst als "Ökonomie des Überlebens" und der Spiegel der letzten Woche kann sich darin gefallen, für "Soforthilfe aus dem Ausland" zu werben. Das ist die Chance für Europa, sich in Mittelamerika wirkungsvol- ler zu plazieren. Dafür darf Ortega einen Bittgang antreten. zurück