Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 87, 17.01.1984
       
       Arbeitsbrigaden in Nicaragua:
       

DAS BESSERE DEUTSCHLAND IM MENSCHEN

150 Bundesdeutsche haben Weihnachten und Neujahr als "Frei- willige" in Nicaragua zugebracht. Um "mit ihrer Anwesenheit im von einer Intervention und permanenten Aggressionen bedrohten Nicaragua ein deutliches Zeichen ihrer Solidarität zu setzen", hielten sie es für richtig, "durch persönlichen Einsatz zu hel- fen": als friedliche "Arbeitsbrigaden" bei Kaffeeernte und Kar- toffelsetzen. Mit dabei z. B. Bremens Sozialsenator Scherf und Theologe Greinacher, die sich von der "Promi-Blockade" in Mutlan- gen kennen. Hilfe? ------ Daß 150 Dilettanten mit Sicherheit mehr Durcheinander und Unko- sten als landwirtschaftliche Erfolge zustandebringen, wäre der geringste Vorwurf gegen das Freiwilligenbataillon - bestände denn die Notlage Nicaraguas in einem Mangel an Landarbeitern. Dem ist nicht so. Nicaragua ist Opfer eines von den USA unter ausdrückli- chem diplomatischen Flankenschutz durch die BRD geführten Krieges. Und seine Wirtschaft ist Ziel eines offen proklamierten paramilitärischen Einsatzes aller ökonomischen Hebel zur Ruinie- rung eines Landes, über die westliche Weltwirtschaftsherren wie der bundesdeutsche Entwicklungsminister Warnke verfügen. Da wird auf der fristgemäßen Bedienung westlicher Kredite an den Schläch- ter Somoza durch die Sandinistas bestanden. Zugleich wird dafür gesorgt, daß die wenigen exportfähigen Produkte dieses jahrzehn- telang für ein paar Weltmarktbedürfnisse zugerichteten Land- strichs im freien, d.h. westlich kontrollierten Welthandel gar nicht oder nur zu Schleuderpreisen abgesetzt werden können. Und der christliche Warnke streicht die schon von Henning Scherfs So- zialdemokraten eingefrorenen Entwicklungshilfekredite endgültig, wohl wissend, daß er damit gerade die Sandinistas erpressen kann, weil diese sich dem Ziel einer Existenzsicherung des Volkes ver- pflichtet haben. Ein Ziel, zu dem ein bundesdeutscher Entwick- lungshilfeminister seine Kredite nicht zweckentfremden läßt. Nicht daß die "Arbeitsbrigadisten" davon nichts wußten. Sie reden von "Intervention" und "Aggressionen". Sie wissen selbst noch zu berichten, daß der vergebliche Landarbeitermangel in Nicaragua daher rührt, daß ehemalige Wanderarbeiter aus Honduras und Gua- temala heute unter amerikanischem Oberkommando zu Kämpfern gegen Nicaragua gedrillt und zum Einsatz gebracht werden und deshalb Nicaraguaner ebenfalls an die Front müssen. Bloß, diesen Krieg seinen westlichen Befehlshabern zur Last legen, um gegen sie eine Front aufzumachen, das wollen sie offenbar nicht. Stattdessen fahren sie zu den Opfern. Was ist eigentlich zu halten von der Aktion dieser Bundesbürger, die selbst noch wissen, daß ihre po- litischen Herrschaften überhaupt erst die blutige Notlage in Ni- caragua produzieren, vor deren Hintergrund sich ihr Ausflug erst als Hilfe definiert? Was unterscheidet sie vom staatlich organi- sierten Zynismus rotbekreuzter "Engel der Schlachtfelder", die an den auf staatlichen Befehl massakrierten Volksgenossen die Huma- nität des Feldscherers praktizieren? Soweit nur das: Sie ist freiwillig und die Erfolge des "persönlichen Einsatzes" besten- falls "symbolisch". Nochmal: Hilfe? --------------- Schon eine seltsame Hilfeleistung bundesdeutscher Bürger für Ni- caragua, die es den Sandinistas geraten erscheinen läßt, sich durch eine Erklärung abzusichern, die die Arbeitsbrigadisten zu unterschreiben haben: "Ich werde weder das nicaraguanische Volk oder die Regierung, noch eine andere nicaraguanische Organisation in der BRD mora- lisch oder rechtlich verantwortlich machen für Schwierigkeiten, die durch die Teilnahme an den Brigaden entstehen könnten. Außer- dem erkläre ich, daß keine Regierung das Recht hat, Nicaragua un- ter dem Vorwand meines persönlichen Schutzes anszugreifen." Die Sandinisten sind offenbar klug genug, damit zu kalkulieren, daß ihr Besuch aus Staatsbürgern eines maßgeblichen Feindstaates besteht. Sie rechnen damit, daß diese Polittouristen mit der Wucht des deutschen Staates ausgestattete Rechtsansprüche gegen Nicaragua geltend machen könnten. Und auch, daß sie von ihrem Staat als leibhaftiges deutsches Rechtsgut zum Material und sei es nur einer nachträglichen Rechtfertigung seiner Feindschaft ge- gen Nicaragua gemacht werden könnten. Den Sandinistas ist also eine Wahrheit über die bundesdeutsche Nation geläufig: Sie rech- nen mit diesem Staat als Potentem Feind Nicaraguas. Und damit, daß seine deutschen Staatsbürger als Material der Feindschaften und Kriege benutzt werden, die die BRD weltweit (mit)abwickelt. Nur wollen deutsche Staatsbürger, eben auch die "Arbeitsbriga- disten", daraus noch lange nicht den Schluß ziehen, sich gegen die Nation auszusprechen und ihr die Freiheit streitig zu machen, weltweit Elend und Leichen zu produzieren. Im Gegenteil. Sie schätzen ihre deutsche Nationalität als eine Berufungsinstanz, die ihrer Gesinnung in Sachen Nicaragua über- haupt erst Gültigkeit und Gewicht verleihen soll. Einige von ih- nen haben ihren durch den Umgang deutscher Regierungsdemokraten mit der Friedensbewegung offenbar unerschütterlichen Idealismus von Friedensfreunden höchtpersönlich nach Nicaragua exportiert: "Menschenketten an der honduranischen Grenze", und zwar aus deut- schen, am besten gleich US-amerikanischen Leibern wollen sie bil- den. Auf die hätten nach ihrem guten Glauben die Kriegsherrren im Statedepartement und Pentagon doch eigentlich Rücksicht zu nehmen. Grad so, als ob ausgerechnet der Nationalismus westlicher Weltpolitiker und -strategen dem Schutz des Lebens ihrer Unterta- nen verpflichtet wäre. Das glatte Gegenteil ist die Wahrheit: Für die nationalen Ziele kommandieren sie ihre Untertanen als Truppen in aller Herren Länder an die Front und herrschen auch an der Heimatfront nicht nur Hungernden in Detroit die Kosten imperiali- stischer Weltherrschaft auf. Wie jeder gute Glaube lebt auch der von den friedensbewegten Polittouristen vom Zweifel: 'Dann müssen sie ihre CIA-Söldner und US-Invasionstrupppen auf ihre eigenen Staatsgenossen schießen lassen. Das treibt die politischen Kosten in die Höhe!' So oder so ähnlich wird in diesen Kreisen gedacht. Kaum dementiert man seine gute Meinung über die westlichen Herr- schaften, sie hielten sich an den Schutz des Lebens ihrer Unter- tanen, und traut ihnen auch die Produktion westlicher Leichen zu, entsteht die gute Meinung aufs neue. Als Demokraten sollen sie sich nicht leisten können, was man ihnen als Politikern lässig unterstellt. Als würden sich diese Herrschaften nicht regelmäßig als Oberbefehlshaber ermächtigen lassen. Kein Problem für ge- schulte Demokratieidealisten: Es sind ja nicht nur gewöhnliche Untertanen nach Nicaragua gejettet, sondern auch prominente Deut- sche, darunter autorisierte Mitmacher am politischen Geschäft. Und denen gegenüber werden ihre Amtskollegen doch wohl nicht die gleiche Rücksichtslosigkeit an den Tag legen können, die einem bei den gemeinen geläufig ist. Und was ist, wenn ein Henning Scherf einfach auf der anderen Seite mitmischt?! (Siehe Seite 4: "Scherf als Arbeitsbrigadist") Man kann natürlich auch noch die letzte idealistische Version ei- nes praktischen Einspruchs gegen die westliche Kriegspolitik fah- ren lassen: "Es ist eine s e h r p e r s ö n l i c h e E n t s c h e i- d u n g gewesen. Die hauptsächliche Motivation für mich, in dieser Form aktiv zu werden, ist meine WUT über die mit keinem Superlativ mehr zu beschreibende politische und menschliche Grausamkeit und Unverfrorenheit, mit der der US-Imperialismus seine Wirtschaftsinteressen und sein politisches Interesse, den Kommunismus auszurotten, verfolgt und meine VERZWEIFLUNG über die viel zu geringe Wirkung von großen Demonstrationen, politische Entscheidungen zu beeinflussen." (Treibsand 21, S. 20) So zieht man genau die verkehrteste Konsequenz aus der Enttäu- schung seiner Illusionen über die bundesdeutsche Demokratie und ihre "politischen Entscheidungen". Statt alle guten Meinungen endgültig über sie fahren zu lassen und mal ihre "Wirt- schaftsinteressen" und ihr "politisches Interesse, den Kom- munismus auszurotten" anzugehen, macht die Lydia vom TREIBSAND ihre enttäuschten Ideale zu ihrer ganz "persönlichen" Sache. Wenn man an der Politik und ihren Machern keinen Anhaltspunkt für die eigenen Vorstellungen einer besseren deutschen Demokratie mehr entdecken kann, dann macht man eben sein eigenes Selbst zu ihrer Verkörperung, der man die Treue halten kann. Irgendwo muß es das bessere Deutschland doch geben! Das tut zwar niemandem mehr weh, aber hält die "WUT" im Bauch warm. Fazit ----- Was bringen also die friedlichen Solidaritätsbrigaden? An prakti- schen Beiträgen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Versor- gung glauben sie selbst nicht. Die militärische Lage könnten sie gar nicht verbessern, selbst wenn sie sich das vorgenommen hät- ten. Den Sandinistas brocken sie ein zusätzliches diplomatisches Risiko ein, mit dem diese wegen der westlichen Feindschaft kalku- lieren müssen. Aber der moralische Ertrag für einen selbst ist ein ungeheuerlicher. zurück