Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Afghanistan, Nicaragua:
       

VON WEGEN FRIEDEN!

Zumindest für zwei der vielen Kriege mit dem Namen "Regionalkonflikt" soll eine "Lösung" in Sicht oder gar schon zu- standegekommen sein. In Nicaragua haben die Sandinisten und die Contra einen Waffenstillstand vereinbart, und die Amis sollen schön blöd danebenstehen. Andernorts, in Afghanistan, verabschie- det sich die Rote Armee und überlaßt den Mudschahedin das Feld. Was ist da los? Sind die beiden Weltmächte plötzlich bescheiden geworden und geben "dem Frieden eine Chance"? Machen sie einander Höflichkeitsgeschenke anläßlich des Moskauer Gipfels? Oder sind doch bloß wieder Fortschritte bei der Aufteilung der Welt zu ver- melden, die Land und Leuten nichts Gutes verheißen?! Afghanistan: Ein "Modellfall" der neuen Gorbatschow-Doktrin"... --------------------------------------------------------------- Im neunten Jahr des Krieges in Afghanistan hat sich die So- wjetunion eine eigentümliche Wunderwaffe zugelegt: "Der 'afghanische Knoten' läßt sich mit Hilfe des wirksamsten In- struments unserer Zeit entwirren, das wir neues politisches Den- ken nennen." Bei diesem handelt es sich um den von "Michail Gor- batschow verkündeten Kurs unseres Landes, die Lösung akuter in- ternationaler Probleme ausschließlich mit Mitteln der Politik zu betreiben." (Außenminister Schewardnadse, 14.4. in Genf; zit. nach APN-Dokumente 23/88) Mit den skeptisch-begeisterten westlichen Spekulationen, ob die Sowjetunion nun sämtliche Positionen kampflos dem Westen über- läßt, weil sie sich das "Great Power Game" nicht mehr leisten kann und will, hat dieses "neue politische Denken" nichts zu tun. Die sowjetische Führung betrachtet vielmehr die Unterschrift Rea- gans unter den INF-Vertrag als Auftakt zu einer neuen Weltlage, die mit dem damaligen "Kurswechsel der amerikanischen Außenpoli- tik", der der UdSSR den Einmarsch nach Kabul ratsam erscheinen ließ, Schluß macht. Sie will den amerikanischen Gegner zu ihrer Sicht des Vertrags drängen, dieser sei ein erster wirklicher Entspannungsschritt hin zu einer weltfriedlichen Koexistanz, dem weitere folgen sollen. Gemäß dieser Logik hat Gorbatschow auch Afghanistan in den "Entspannungsprozeß" eingebracht, bei dem eine Verzichtsleistung der UdSSR den Friedenswillen der anderen Seite anstacheln soll. Mit dieser vorbildlichen Gesinnung einer Weltfriedensmacht will die Sowjetunion ihren Gegner als Verhandlungs- und Vertragspart- ner für alle weltpolitischen Angelegenheiten gewinnen - und im Fall Afghanistans bereits gewonnen haben. Das Afghanistan-Ver- tragswerk gilt ihr als Erfolg, weil Pakistan und Afghanistan - und vor allem die UdSSR und USA als "Garantiemächte" - folgendes unterschrieben haben: "Sie verpflichten sich: ihr Territorium nicht für feindliche Ak- tionen gegen die andere Seite zur Verfügung zu stellen; auf jeg- liche Form der Intervention, offene oder verdeckte, auf jeglichen Akt der militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Einmi- schung zu verzichten; auf Ihrem Territorium keine Ausbildung, Ausrüstung, Finanzierung und Rekrutierung von Söldnern, woher sie auch kommen mögen, zuzulassen; terroristische Gruppen und Sabo- teure, die gegen die andere Seite handeln, nicht zu unterstützen, zu benutzen oder zu dulden; ...Letztendlich wurde das gesamte Spektrum der möglichen Handlungen und Aktionen der Einmischung in die Angelegenheiten Afghanistans unterbunden." (Schewardnadse, ebd.) Was künftighin unterlassen werden soll, das ist das exakte Spie- gelbild all der Verfahren, mit denen die USA über Pakistan bis- lang den Krieg in Afghanistan geführt haben Durch den Vertrag, so seine sowjetische Deutung, hätten sich die beiden Kriegsgegner zu gleichberechtigten Schiedsrichtern gemausert, deren politische Taten sich ab sofort aus der "Verantwortung" gegenüber dem ge- meinsamen Rechtswerk zu bestimmen hätten: "Jetzt, da sie unterschrieben sind und den Charakter völkerrecht- licher Dokumente angenommen haben, nimmt auch die Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Rechtswerk drastlich zu. Nur vorantwor- tungslose Polltiker können die Normen und die Prinzipien der Re- gelung ignorieren, ablehnen oder verletzen." (Ebd.) So idealistisch ist allerdings der sowjetische Außenminister nicht, daß er im Ernst der Ansicht anhinge, die Führungsmacht des Imperialismus ließe sich durch "völkerrechtliche Dokumente" zur Zurückhaltung verpflichten. Gelegenheit zur Erfahrung, daß die sowjetische Militärmacht das einzige "Argument" ist, das die Amis verstehen, hatte er in seinem Amt ja wahrlich genug. Das hindert ihn jedoch nicht daran, jeden Vertrag, in dem sich die hohen ver- tragschließenden Parteien nun einmal formell anerkennen, unver- drossen als Übergang von der Feindschaft zum Arrangement zu deu- ten. Ein weltpolitischer Idealismus, der deswegen einer ist und auch zuschanden wird, weil die USA ihr Ost-West-Vertragswesen al- lemal als Mittel zum Voranbringen ihrer Feindschaft handhaben und nicht im entferntesten eine Abkehr von ihrer Generallinie ist, daß zwei Weltmächte genau um eine zuviel sind. ...wird von den USA nicht zugelassen ------------------------------------ freiheitsliebenden Politiker samt Kommentatorenmannschaft, nehmen es schlicht als Erfüllung der westlichen Forderung: "Russen raus aus Afghanistan!" Dafür erntet die Sowjetunion sogar einiges ge- heucheltes Lob: Sie hätte - den amerikanischen "Stinger"-Raketen sei Dank! endlich eingesehen, daß sie am Hindukusch nichts verlo- ren hat. Im Gegenzug dafür hätten ihr die USA einen Vertrag un- terschrieben, der die sowjetische Niederlage bestätigt, die USA hingegen zu gar nichts verpflichtet, sondern ihr alle Freiheiten zur Beseitigung der Kabuler Regierung eröffnet. So "interpretiert" US-Außenminister Shultz den Vertrag, und deshalb liegt für die Kommentatoren der Weltpolitik eine andersgeartete "Afghanistan-Lösung" einfach jenseits des Vorstellbaren. Weil aber der Vertrag nun einmal nicht die von der Sowjetunion unter- zeichnete Kapitulationsurkunde ist, gilt es sorgfältig zwischen "Buchstabe und Sinn der Afghanistan-Verträge" zu unterscheiden. Ihr S i n n versteht sich von selbst: "Kernstück des Genfer Vertragswerks bleibt der auf den 15. Mai angesetzte R ü c k z u g d e r R o t e n A r m e e." (Neue Zürcher Zei- tung, 17.4.) Deshalb kann man sich über seine Buchstaben nur wun- dern: "Wer erwartet hat, daß die Formulierungen des Afghanistan-Abkom- mens vage und nichtssagend ausfallen würden, sieht sich ge- täuscht. Das Papier ist klar und könnte für Pakistan und die Ver- eingten Staaten einigermaßen kompromittierend wirken." (Neue Zür- cher Zeitung. 17.4.) So selbstverständläch ist es dieser Hauspostille des Imperialis- mus, daß die USA nicht im Traum daran denken, die "Buchstaben" des Vertrags mit Entspannungsleben zu erfüllen. Und in der Tat: die Reagan-Administration hat keinen Zweifel daran gelassen, daß die Mudschahedin jetzt erst recht von Pakistan aus operieren und mit allem nötigen Kriegsgerät versorgt werden. Offen und unver- schämt ehrlich stellt der Westen an Afghanistan klar, daß sein diplomatischer Verkehr mit dem Hauptfeind von der praktizierten kriegerischen Feindschaft kein Stück zurücknimmt, sondern sie al- lenfalls anspornt. Die Bedingungen für den sowjetischen Truppen- abzug, die sich die UdSSR in Genf hat unterschreiben lassen, gel- ten umstandslos als ein bloßer diplomatischer Schein zum unbeirr- baren imperialistischen Vorwärts, der nicht weiter ernst zu neh- men ist. Doch selbst das läßt sich noch als westliches Zugeständ- nis deuten: "Es scheint, daß die Vereinigten Staaten, um der Sowjetunion den Truppenabzug zu ermöglichen (!), nicht auf Formulierungen (!) be- standen haben, die der Sowjetunion einen unannehmbaren Gesichts- verlust bereitet hätten." (Neue Zürcher Zeitung, 17.4.) So viel Großzügigkeit seitens der USA ist ein echter Prüfstein für das "neue politische Denken" der Sowjetunion. Weil eines ist nicht zu übersehen: Für die "neue Zeitrechnung", welche Gor- batschow mit dem Genfer Afghanistan-Abkommen datiert sehen möchte, ist ein politischer Wille zuwenig vorhanden. Der "Weltfrieden", um den sich die UdSSR so beispielgebend verdient machen möchte, ist eben nichts als das matte Ideal einer Welt- lage, in der die eine Seite auf die endgültige Abdankung der So- wjetunion als Weltmacht hinarbeitet. Das ist der anderen Seite manchen Versuch wert, den USA doch noch eine bessere Einsicht aufzunötigen. Die Würdigung dieser Versuche durch die USA fällt notorisch einseitig aus: das einzige Stück Weltpolitik, für das die Führungsmacht des freien Westens eine Mitzuständigkeit der UdSSR gelten läßt, ist ihr Rückzug aus sämtlichen vom Westen zum "Krisenherd" erklärten (und damit gemachten) Positionen. Nicaragua: Eine "mittelamerikanische Lösung"... ----------------------------------------------- Die sandinistischen Comandantes haben mit der Contra einen befri- steten Waffenstillstand vereinbart, ihnen ein Viertel des Staats- gebietes überlassen und mit der Freilassung von Contra-Kämpfern und ehemaligen Somoza-Gorillas begonnen. Zu weiteren Verhandlun- gen wurde die Contra-Fühnng gar in die Hauptstadt Managua gebeten und durfte dort mit ihrem geistlichen Betreuer Obando eine Messe feiern, bevor sie zu ihrem weltlichen Auftraggeber nach Miami weiterflog. Was die Sandinisten so "verhandlungsbereit und konziliant" ge- macht hat, daß sich selbst fanatische Antikommunisten Komplimente zur "großen Kompromißbereitschaft" abringen, ist kein Geheimnis. Der jahrelange K r i e g, den die USA durch die Contra führen lassen, die zudem unter dem "Schutz" der permanenten Drohung mit einer direkten US-Intervention operieren, hat nicht nur zehntau- senden Leuten den Garaus gemacht, sondern auch die nicaraguani- sche Ökonomie zerstört. Das Todesurteil, das die USA über die sandinistische Revolution verhängt haben, ist damit weitgehend vollstreckt. Die Sandinisten wurden "verhandlungsreif" geschos- sen, was man dem bislang erzielten Übereinkommen deutlich an- sieht: fast alle Forderungen der Contra, die auf eine Entmachtung der Sandinisten abzielen, wurden akzeptiert. Mit einer kleinen Ausnahme freilich: Kapituliert hat die nicaraguanische Regierung nicht. Sie hat vielmehr der Contra militärisch klargemacht, daß bei ihrem derzeitigen Ausstattungsstand ein Sieg für sie nicht zu haben ist. Das politische und militärische Gewicht der Contra be- steht eben darin, daß sie in jeder Hinsicht ein Geschöpf der USA ist. Diese schöne Waffenbrüderschaft bringt daher mit sich, daß die Contra mit Haut und Haaren von den Kalkulationen des Washing- toner Auftraggebers abhängt - während sie umgekehrt nur eine von vielen Optionen der USA ist, die Sandinisten fertigzumachen. Das Szenario, das dem Waffenstillstandsabkommen vorangegangen ist, ist für dieses Söldnertum bezeichnend: eine militärische Niederlage der Contra im Grenzgebiet zu Honduras haben die USA prompt und demonstrativ mit der Entsendung eigener Truppen in diese Gegend "beantwortet". Die Wucht der US-Kriegsmaschinerie stärkt der Contra den Rücken - und macht zugleich ihre Entbehr- lichkeit für die USA deutlich. Das läßt es Figuren wie Adolfo Ca- lero geraten erscheinen, die politischen Früchte für seine Söld- nertruppe einzufahren, d.h. auszutesten, wie weit die Erpreßbar- keit der Sandinisten schon geht: immerhin so weit, daß sie die Terrorspezialisten von der Contra als gleichberechtigte nicara- guanische Politiker anerkennen und ihnen die Teilnahme am "nationalen Dialog" zugestehen. ...als Zwischenspiel bei der Endlösung nach Wunsch der USA ---------------------------------------------------------- Alle Zugeständnisse der Sandinisten machen die Contra nicht be- scheiden und die USA nicht zufrieden. Sie haben nämlich, gemessen am Erfolgsmaßstab der USA, den kleinen Haken, daß sie von einer Regierung g e m a c h t werden, die gemäß amerikanischem Be- schluß w e g g e h ö r t. Während die politische Führung der Contra die Verhandlungen dadurch zur Farce macht, daß sie diesen Standpunkt in sie einbringt, reorganisiert sich ihre bewaffnete Abteilung in den "Waffenstillstandszonen", wo sie - rein "humanitär", versteht sich! - von den USA versorgt werden. Ihre Entwaffnung knüpft sie an eine formelle Selbstauflösung der san- dinistischen Staatsmacht, die im Namen der Freiheit gefälligst die "Entflechtung von Partei einerseits, Armee, Staat, Gewerk- schaft andererseits betreiben soll. Alle Zugeständnisse darunter gelten als "Trick", mit dem sich die Sandinisten an der Macht be- haupten wollen, statt sie der Contra zu übergeben, und daher un- verträglich mit einem "Frieden in Freiheit für Nicaragua". Das "Scheitern" des "Friedensprozesses" ist also programmiert, und was es "beweist", steht auch schon fest: Daß die Sandinisten nur mit G e w a l t zu entfernen sind; daß die Contra daher wieder massivere Aufrüstung durch die USA braucht und verdient; und daß sich die USA natürlich weiterhin vorbehalten, den "Freiheitskampf der Contra" durch großzügigere Kriegsoperationen zu Ende zu bringen. Schließlich geht es auch in Nicaragua um ein Stück Weltfrieden! *** Parasiten des US-Imperialismus ------------------------------ Seit geraumer Zeit verfügen die Sandinisten über einen "Regierungsberater" Namens Hans-Jürgen Wischnewski von der SPD. Der bildet sich einiges darauf ein, daß es ihm "nach monatelangem zähen Ringen" gelungen sei, "die Regierung in Managua zum Einlen- ken zu bewegen". Die bundesdeutschen Sozialdemokraten, die a l s R e g i e- r u n g s p a r t e i sofort die Wirtschaftsbeziehungen zum sandinistischen Nicaragua einschränkten, lassen sich als O p p o s i t i o n s p a r t e i gern die Rolle des "neutralen Vermittlers" antragen. Dabei hat Wischnewski d e n U S A rein gar nichts abgehandelt - Washington reagierte auf den Waffenstillstand mit verstärkten Handelssanktionen gegen Nicaragua und neuen Hilfsgeldern für die Contras. Von den Sandinisten hingegen hatte der sozialdemokratische Ver- mittler einiges zu verlangen. Er hat ihnen das Todesurteil, das die USA gegen sie vollstreckt sehen wollen, als einzig "realistische Verhandlungsgrundlage für Nicaragua" angetragen. Die alte sozialdemokratische Lüge vom "Verhandeln statt Schießen" setzt er damit so in die Tat um, daß er das Schießen den USA und ihren Söldnern überläßt und selbst mit den Sandinisten über die "Chancen" verhandelt, die es da noch gibt. Das "diplomatische Ge- schick", das ihm auch hierzulande hoch angerechnet wird, ist des- halb nichts weiter als imperialistisches Schmarotzertum. Auf Grundlage der von den USA v o l l z o g e n e n Zerstörung Ni- caraguas "kämpft der clevere Ben Wisch nun am Verhandlungstisch" auch dafür, seiner Nation einen möglichst großen Einfluß auf "die Konkursmasse der nicaraguanischen Revolution" zu sichern. P.S.: Wohl damit dabei keine Einseitigkeiten entstehen, macht sich auf der anderen Seite ein CDU-Abgeordneter namens Scharren- broich als Contra-Berater verdient. zurück