Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Eine US-Haushaltsdebatte
       

SIND DIE CONTRA-KILLER 100 MIO. DOLLAR WERT?

Seit vier Jahren führen die USA einen Vernichtungskrieg gegen das sandinistische Nicaragua, bei dem sie vor allem auf die von ihnen aufgestellte, ausgerüstete und unterhaltene Söldnertruppe aus den Reihen der Nationalgarde des gestürzten Diktators Somoza setzen. Deren Auftrag lautet, den Sandinismus dadurch in Schwierigkeiten zu bringen, daß möglichst viele Nicaraguaner beim Kampf mit der Guerilla ihre Habseligkeiten und auch das Leben verlieren. Der Revolution, die sich auf nicht viel mehr stützen kann als auf ihr Volk, soll damit die Basis entzogen werden. Obwohl die Contra-Ar- mee m i l i t ä r i s c h an allen Fronten zurückgeschlagen worden ist - ihre Reste sammeln sich in den Nachbarstaaten Hondu- ras und Costa Rica -, hat ihr Einsatz dem Sandinismus p o l i t i s c h schwer zu schaffen gemacht: Nahezu alle Mittel des Staates, die zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung eingesetzt werden sollten, gehen drauf für die Armee. Der Krieg gegen die Contras hat weite Gebiete des Landes zu Kampfzonen gemacht, aus denen die Bauern evakuiert wurden. So entstanden rund um die Hauptstadt Managua riesige Elendsquar- tiere, mit denen die Journalisten aus dem Freien Westen das "Scheitern des Sozialismus" in Nicaragua bebildern können. Die Contra haben es nicht geschafft, die sandinistische Regierung zu stürzen. Aber sie hat für Verhältnisse gesorgt, die ehemaligen "Freunden" des Sandinismus (wie z.B. der deutschen Sozialdemokra- tie) willkommene Vorwände liefern, sich von der Regierung in Ma- nagua zu distanzieren, weil es in Nicaragua so zugeht wie in ei- nem Land, in dem Krieg herrscht. Zudem läßt sich den Sandinisten vorwerfen, sie seien es, die den Frieden verhindern würden, weil sie nicht freiwillig kapituliert, sondern die ihnen ins Land ge- schickten Truppen zurückgeschlagen haben. Mit diesem Argument fordert US-Präsident Reagan jetzt die stolze Summe von 100 Mio. Dollar für seine Terrortruppe. Sie soll neu aufgebaut werden, diesmal nach dem Motto 'Nicht kleckern, sondern klotzen!' Also eine komplette Armee mit schwerem Kriegsgerät, Raketen und gepan- zerten Fahrzeugen. Ganz offiziell ausgebildet und "beraten" von Spezialisten der US-Armee und der CIA. Dadurch, so Reagan, sollen die Sandinisten "an den Verhandlungstisch gezwungen werden" - nicht mit ihrem eigentlichen K r i e g s g e g n e r, den USA, sondern mit den Killern, die an ihrer Stelle die Macht in Nicara- gua übernehmen sollen. Daß die Contras dabei "in einem Ausmaß gemordet und gebrandschatzt haben, das alle Men- schenrechtsverletzungen der Sandinisten im Vergleich dazu als mindere Untat erscheinen läßt" (Süddeutsche Zeitung) wird dabei durchaus mit einkalkuliert: Es ist sogar das erklärte Ausbildungsziel dieser "Freiheitskämpfer in der Tradition von George Washington und der Gründerväter der USA" (Reagan): Solange die Nicaraguaner hinter den Sandinisten stehen, treffen die Contra-Kugeln voll ins Ziel ihrer Auftraggeber, ganz gleich, wen sie in Nicaragua treffen! Die Einwände der Reagan-Kritiker im Kongreß der USA sind von Erwägungen ähnlich humanitären Kalibers geprägt. Ihnen ist der zweifelhafte Leumund der ehemaligen Scher- gen des Somoza-Regimes deswegen ein Problem, weil sie solche Ty- pen für ungeeignet halten, einmal die Stelle der Sandinisten ein- zunehmen. Ferner führen sie die militärische Niederlage der Contra-Mannschaften nicht zuletzt auf die mangelhafte Kampfmoral von S ö l d n e r n zurück. In der "New York Times" meint ein einflußreicher Leitartikler deshalb, daß es 100 Mio. Dollar nie- mals bringen, um sich für die Sache der USA in Mittelamerika die passenden Leute kaufen zu können. Im Gegenteil, so fürchtet Mr. Reston, eine Unterstützung derart unbeliebter Figuren könnte das Ansehen der USA in den befreundeten Nachbarstaaten Nicaraguas schädigen. Ihm antwortete Reagans Kriegsminister Weinberger, daß die Contras die zur Zeit einzig verfügbare Truppe der USA sind, die anstelle von U S - T r u p p e n das Nicaragua-"Problem" lösen könnten. Das ist dann auch schon der harte Kern der "Streitigkeiten" des US-Präsidenten mit seinem Parlament: Wie kriegen wir die Sandini- sten weg und Nicaragua klein? Das wollen alle US-Demokraten und selbstverständlich auch ihre Freunde in den NATO-Staaten. Wie kriegen wir sie aber so weg, daß wir nicht selbst dort einmar- schieren müssen? Hier darf jeder seinen Lösungsvorschlag einbrin- gen: eine nagelneue Contra-Armee, die Nicaragua in Schutt und Asche legt, so daß jeder Nicaraguaner einen US-Frieden als klei- neres Übel schätzen lernt (so Reagan in seiner Ansprache ans Volk letzte Woche); Verhandlungen der US-Regierung mit den Sandinisten über die Bedingungen einer Machtübernahme der Opposition (so die demokratische Partei in den USA); gleich die Marineinfanterie hinschicken nach dem Modell Grenada (so die ganz harten Realisten in Reagans Republikanischer Partei). Auch deutsche Sozialde- mokraten möchten da mit Rat mitmischen: Die Sandinisten sollten doch freiwillig den USA jeden Grund aus dem Weg räumen, weswegen sie die Contras finanzieren. Auf eine Idee kommt unter allen diesen Fans des demokratischen Imperialismus natürlich keiner: Nicaragua einfach in Ruhe zu las- sen. zurück