Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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VOM PECH EINES "ENTWICKLUNGSLANDES",
WELTPOLITISCH INTERESSANT ZU SEIN
Für Bananenstaaten und Kaffeerepubliken interessiert sich die
demokratische Weltöffentlichkeit normalerweise kaum. Ja, schon
einmal für zwei, drei Tage, wenn der Papst dort hinreist und den
Erdboden küßt; oder wenn es eine Naturkatastrophe zu genießen
gibt; oder wenn bei einem Putsch aus Versehen ein westlicher
Diplomat verhaftet wird. Ansonsten liefert das Land seine Bananen
oder Kaffeebohnen ab; und damit Schluß. Den Namen der Hauptstadt
kennt schon kaum einer mehr, den des Präsidenten schon gleich
nicht; der Name des Geldes, in dem die Leute dort ihre Brötchen
bezahlen, ist nicht einmal Bankiers geläufig. Was die
ortsansässige Menschheit dort darf und was nicht; was sie leisten
oder sich gefallen lassen muß, um am Leben zu bleiben; ob sie
ihre Bananen nicht besser selber essen sollte; wer die
Exporterlöse wie verwendet; warum bei Polizeiaktionen immer
gleich Blut fließt - im Normalfall alles uninteressant. Sich
darum irgendwie zu kümmern, gilt als vergängliche Marotte
einzelner Philanthropen - und ist meist auch nicht mehr.
Nicaragua
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war jahrzehntelang so ein uninteressantes Land. Ein paarmal mußte
die Marineinfanterie aus den USA nach dem Rechten sehen und ein
bißchen Widerspenstigkeit kurz und klein schlagen. Nach einem
großen Erdbeben in den 70er Jahren sollte man Geld für die Opfer
spenden. Später hat man dann noch gehört, daß der Diktator des
Landes, Somoza, die Spendengelder gleich selber abkassiert hat,
weil ihm sowieso auch privat alles gehört hat, was es Lohnendes
im Lande gab - ihm und einem amerikanischen Lebensmittelkonzern.
Soweit alles normal - uninteressant!
Wer sich gegen das Verhungern wehrt,...
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Dann haben ein paar Leute im Land einen Widerstand organisiert.
Ihre Ziele nahmen sich, und nehmen sich noch heute, recht
bescheiden aus: Das bebaute Land soll die Bauern und Landarbeiter
ernähren; die Leute sollen Lesen und Schreiben lernen und ein
bißchen wirksamer für sich sorgen können. In einem Land, das
einem kapitalistischen Konzern und einem diktatorisch regierenden
Freund der Freien Welt gehört, geht so was allerdings schon viel
zu weit. Ohne gewaltsamen Umsturz, also ohne erfolgreichen Krieg
gegen die Armee des Diktators, ist sogar von diesem Programm
nichts zu verwirklichen. Die Aufrührer haben sich nach einem
alten Volkshelden "Sandinisten" genannt und den nötigen Krieg
geführt. Genügend Landvolk hat mitgemacht; genügend Waffen
konnten sie sich beschaffen. Die USA haben den Aufstand
seinerzeit offenbar als eine Art Härtetest für ihren Mann in
Managua betrachtet: Sie haben Somoza unterstützt, aber nicht
herausgehauen, als die Sandinisten immer mehr Kämpfe gewannen.
Versager mag man in den USA nicht. So zogen die "Comandantes" des
Aufstands am Ende in den Präsidentenpalast ein; und aller Welt
war klar, daß es sich dabei um weit m e h r als einen bloßen
Putsch gehandelt hat. Der Staat sollte umgestaltet werden: es
sollte mehr ums anständige Überleben der knapp 3 Millionen
Landesbewohner gehen.
...muß ein Kommunist sein
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Dieses Programm hat in der Freien Welt keine Unterstützung
gefunden. Denn mit seiner Verwirklichung mußte das Land ja
zwangsläufig das ö k o n o m i s c h e I n t e r e s s e
verlieren, das ihm als Kaffee- und Bananenstaat noch
entgegengebracht worden war. Ein Staat, der sich im Ernst um
seine Leute kümmert, gibt für auswärtige Interessenten nicht mehr
viel her und hört auf, ein langweiliger Normalfall von
Entwicklungsland zu sein.
Beistand haben die Sandinisten bei der cubanischen Regierung,
eine gewisse Unterstützung auch bei der sowjetischen gefunden.
Darüber wurde ihr Staat sehr schnell ganz außerordentlich
interessant für die Freie Welt, und ihre Revolution rückte in ein
neues Licht. Denn damit hatten die neuen Staatsmänner sich eines
Vergehens gegen die weltpolitischen Ordnungsansprüche der Freien
Welt schuldig gemacht.
Die Schwere eines solchen Verstoßes wird nicht in erster Linie
danach gewichtet, was die "abweichende" Regierung selber alles
tut, um die freiheitlichen Vorstellungen von einer ordentlich
gehorsamen Staatenwelt zu stören. Viel maßgeblicher ist, wie sehr
die westlichen Weltmächte s i c h a n ihrem Tun und Lassen
stören. Und d i e s e "Störung" ist sehr eindeutig ausgefallen.
Die Führungsmächte der Freien Welt betrachten die sandinistische
Regierung als Problemfall für die "Sicherheit" der "westlichen
Hemisphäre". Das verkünden die zuständigen US-Minister nicht nur;
danach lassen sie auch handeln. Per Geheimdienst und mit
konterrevolutionären Söldnern b e k ä m p f e n sie das
"Problem Nicaragua". Und dabei stört es sie überhaupt nicht, daß
dieser Kampf das "Problem" erst einmal noch größer macht:
Natürlich verteidigen die Sandinisten ihren Staat; natürlich
brauchen sie und beschaffen sie sich dafür Waffen; natürlich
kriegen sie die nicht mehr aus "freiheitlichen" Weltgegenden -
also gehen sie die Sowjetunion um Unterstützung an. Die liefert
Waffen. Und dafür gilt wieder und erst recht dasselbe: Wie
"bedrohlich" und "gefährlich" diese Waffen sind, richtet sich
nicht nach deren Kaliber, sondern nach dem westlichen Beschluß,
sowjetische Waffen als nicht hinnehmbaren Eingriff in eine
unbedingte Alleinzuständigkeit der USA und ihrer Partner für alle
Gewalt auf dem Globus zu behandeln.
Ein Exempel wird statuiert - gegen die Sowjetunion
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Das "Pech" der Nicaraguaner ist damit komplett. Auf einmal sind
sie h o c h interessant: als Manövriermasse in einer großartig
inszenierten Machtdemonstration der USA. Mit dauernden
Sabotageakten, Terrorüberfällen im ganzen Land und einem kleinen
Grenzkrieg wird den Landesbewohnern und dem Rest der Welt
demonstriert, wie lebensgefährlich bis tödlich es ist für ein
Volk, sich auf eine abweichende Politik und auf Hilfe von der
falschen Seite einzulassen. Da macht es gar nichts, wenn das
Blutvergießen sich ohne Entscheidungsschlag in die Länge zieht;
im Gegenteil: Gerade so wird Nicaragua zum passenden,
"beweiskräftigen" Opfer der Klarstellung, daß nur Verbündeten und
Vasallen der Freien Welt eine Überlebenschance gelassen wird.
Oder umgekehrt - und darauf kommt es hier vor allem an -: Am
"Fall" Nicaragua wollen die USA demonstrativ ihren sowjetischen
Feind daran hindern, einem Staat, der auf Hilfe aus dem Ostblock
setzt, wirksam beizuspringen. Sie haben beschlossen, die
Entscheidung über Nicaraguas politische Zukunft als Offensive
gegen die Sowjetunion durchzuziehen: gegen deren Fähigkeit und
eine mögliche sowjetische Absicht, sich in der "Hemisphäre" des
Gegners Verbündete zu schaffen. Für diesen Zweck läßt die Freie
Welt ihre Schlachtschiffe vor Nicaraguas Küsten kreuzen,
überwacht sämtliche sowjetischen Frachter bis in die Ladeluken
hinein, behält sich vor, bestimmte Lieferungen zu verbieten und
zu unterbinden. Mit donnernden Aufklärungsflugzeugen darf die US-
Luftwaffe demonstrieren, daß die Freie Welt die Fähigkeit hat und
jederzeit dazu bereit ist, der Existenz eines als Russen-Vasall
abgestempelten Staates gewaltsam ein Ende zu setzen. Ob, wann und
wie das geschieht, wird ganz frei allein durch die Befehlshaber
in Washington entschieden.
In jeder Hinsicht verkehrt ist es daher, wenn wohlmeinende
"Freunde" der Sandinisten und ihres Nicaragua gegen diese Drohung
auf die Harmlosigkeit des 3-Millionen-Völkchens verweisen. Die
politischen Häuptlinge der Freien Welt dürften die Letzten sein,
die sich darüber täuschen. Nur stimmt sie das kein bißchen
nachsichtig. Wenn sie von einer "Bedrohung" der "westlichen
Sicherheit" durch sowjetische Gewehre und Hubschrauber in
Nicaragua reden, dann reden sie über i h r e A n s p r ü c h e.
Sie wissen sich überall in einer weltpolitischen Auseinander-
setzung mit der Sowjetunion, die zur Entscheidung ansteht:
Deswegen verfolgen sie den Ausbruchsversuch der Sandinisten wie
eine Lebensgefahr für ihre gemeinsame Weltherrschaft.
S o w i c h t i g ist Nicaragua eben zur Zeit; und die
Landesbewohner selbst sind die Letzten, die sich so wichtig
gemacht hätten. Sie haben es bloß - auszubaden.
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