Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 78, 14.06.1983
Nicaraguas Kultusminister Cardenal im Alten Gymnasium
"UNSER ERNESTO"
"Unser Ernesto Cardenal ist nicht mehr der Jüngste", präsentierte
grinsend Bremens Sozialsenator Scherf den Kultusminister Nicara-
guas auf einer SPD-Veranstaltung wie seinen Tanzbär. Die imperia-
listische Arroganz dieser Vereinnahmung eines Regierungsmitglieds
aus Mittelamerika durch ein vergleichsweise kleines Licht bundes-
deutscher Staatsgewalt wollte im Publikum kaum jemandem unange-
nehm auffallen. Als Good-will-Diplomat weilt Cardenal in der BRD,
die gemeinsam mit den USA in Nicaragua auf neuen Herren in Bonn
setzen alle von liberalen sorgfältig geschaffenen Abhängigkeiten
des Sandinistenstaats von Kredit, Wirtschafts- und Entwicklungs-
hilfe aus der BRD als Erpressungsmittel ein und flankieren so das
militärische Zuschlagen von US-Söldnern. Cardenal meinte, die
ohnmächtige Bitte um Rücksichtnahme für sein Land vortragen zu
müssen, und tat das mit zu Schau getragener Dankbarkeit für die
berechnende Gnade der deutschen Oppositionspartei, ihm dafür ein
Forum zu schaffen. Wenn Cardenal die Schrecken des Krieges in Ni-
caragua ausschließlich den USA anlastete, um an ein bundesdeut-
sches Gewissen zu appellieren: wenn er für das weltweit deutsche
Sicherheitsbedürfnis die Ohnmacht der Sandinisten zitierte, die
sich auf nichts als ein Volksmiliz stützen können; wenn er die
Volksbewaffnung als Beweis für das Vertrauensverhältnis von San-
dinisten und Volk erwähnte, um die westliche Lüge vom
"Terrorregime" zu entkräften, und doch nur mitteilte, daß der We-
sten sein Regierung erfolgreich dazu gezwungen hat, als Militär-
macht zu verhetzen, was sie sich an Vertrauen im Volk durch seine
Befreiung vom Schlächter Samoza geschaffen hat; wenn er schließ-
lich beweisen wollte, daß die Liquidation Nicaraguas durch USA
und BRD deutschen Interessen schadet, und dafür nur einen von US-
Söldnern erschossenen Entwicklungshelfer Pflaum, den von Contras
versenkten Rostkahn "Gröpeln" und die bei der Arbeit an einem
SPD-Propagandafilm über dieser billige Symbol Bremer Entwick-
lungshilfe in Mitleidenschaft gezogenen Radio-Bremen-Journalisten
anzuführen wußte; stets wußte dieser Diplomat, daß er sich nicht
auf Mitmenschlichkeit verlassen konnte, sondern bundesdeutschen
Nationalisten gefallen mußte. In denen aber hatte er sich bei al-
lem Opportunismus getäuscht. Zuvorders in seinen "Freunden" von
der SPD Kaum von den Bonner Regierungsbänken auf die der Opposi-
tion gerutscht, wäscht die SPD in Sachen gewaltsamen Erpressung
Nicaraguas ihre Hände in Unschuld und führt zugleich vor, wie ge-
fügig bei ihr Nicaraguas Staatsmänner zu Kreuze kriechen. Die SPD
kann das auch o h n e Gewalt erreichen, lautet die gemeine SPD-
Kritik am US/BRD-Kurs, während die Regierung der Christliberalen
das übernommen hat.
So absolvierte Cardenal kostenlos eine Spezialabteilung des SPD-
Kampfes um die Wiedereroberung der Regierungsgewalt in Bonn und
zugleich ein Stück Bremer Vorwahlkampf, wobei sich der anwesende
Matador Scherf im wesentlichen auf die Rolle des zufriedenen
Moderators beschränken konnte.
"Unser Commandante Hans"
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Als oppositionelle deutsche Diplomatie hat diese üble Tour, die
Erfolge des imperialistischen Zuschlagens in Nicaragua für die
innenpolitische Profilierung abzukassieren, der SPD-Spezialist
für dankbare Neger, Wischnewski, eingeführt. Darauf wiesen MG-
Redner in der Veranstaltung hin. Mutig begab sich dieser
"Commandante Hans" (SPIEGEL) in das umkriegte Nicaragua, um dort
wie anschließend daheim folgende Presseerklärung loszuwerden:
"Der SPD-Politiker betonte, die Ursachen für die Krisenentwick-
lung in Zentralamerika seien soziale Ungerechtigkeft, Gewalt und
Einmischung von außen sowie die Entstehung gerechtfertigter Revo-
lutionsbewegungen, nicht aber der Ost-West-Konflikt. Wenn die
jetzige Entwicklung anhalte, werde sich aber auch der Ost-West-
Konflikt dort auswirken. Militärische Interventionen würden nicht
nur den Frieden in der Region gefährden, sondern den Frieden ins-
gesamt." (dpa)
Die US- und BRD-Regierungen bereinigen durch den Einsatz ihrer
Macht die weltweite Front des Westens gegen den Osten um eine für
nicht unbedingt verläßlich befundene Sandinisten-Regierung, brin-
gen also den West-Ost-Gegensatz voran.
Dafür haben sie die Lüge in die Öffentlichkeit gesetzt, dort
gelte es stationierte Russen bzw. Kommunisten auszuschalten. Wenn
Wischnewski die Lüge dementiert, dann nur wegen ihrer harten
Klarstellung. N o c h herrsche dort gar nicht die Lage, die
auch ein Wischnewski mit j e d e m Machtmittel bereinigen
würde. Wenn er statt Russen "soziale Ungerechtigkeit" etc. als
"Krisen(!)"-Ursache ausmacht, dann will er nicht etwa die westli-
chen Staaten samt ihrer Geschäftsleute als Urheber von Hunger und
Elend, Gewalt und Einmischung in Mittelamerika brandmarken. Er
fordert eben diese Staaten auf, daraus keine Gefährdung des west-
lich reglementierten Friedens werden zu lassen. Kurz, er formu-
liert exakt das Friedensdiktat des freien Westens, dem sich alle
Welt zu fügen hat, auch wenn ihr das Hunger und Elend einbringt.
Die besondere sozialdemokratische Glaubwürdigkeit liegt in
Wischnewskis Zynismus, das Diktat g e g e n die Sandinisten als
deren "Revolutionsprinzipien" hinzustellen:
"Zugleich forderte er die Sandinisten auf, die ihnen bisher ge-
währten (!) Sympathien nicht zu verspielen und auch unter er-
schwerten Umständen (!!) weiter für ihre Revolutionsprinzipien -
politischen Pluralismus, gemischte Wirtschaftsreform und Block-
freiheit - einzutreten." (dpa)
"Unter den erschwerten Umständen" eines aufgezwungenen Krieges
droht also auch dieser Mitmacher bundesdeutschen Welt(wirt-
schafts)macht mit dem Entzug von "Sympathien". mindestens also
des Kredits, wenn sich Nicaragua nicht "freiwillig" den west-
lichen (Kriegs)Zielen beugt: politischer Pluralismus = Mitherr-
schaft von alten und neuen Feinden des Sandinistenstaates;
gemischte Wirtschaftsform = weitere Zurichtung des Landes für im-
perialistisches Kapital plus Elendswirtschaft fürs Volk, wenn was
bleibt; Blockfreiheit strammer Russen- und Kubanerfeind.
Das Publikum
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und der "linke" Senator im Alten Gymnasium waren mindestens auf
Wischnewkis Linie. Da fragte ein junger christlicher Freiheits-
kämpfer den Diplomaten und katholischen Gesten aus einem Land,
das der Westen mit Krieg überzieht:
"Wie stehen Sie zur Gewalt? Halten Sie Gewalt im Dienst der Poli-
tik für vereinbar mit der Bergpredigt?"
Jede Antwort war ihm recht, ein "Ja, vereinbar" wollte dieser
Schnösel sofort als Heiligsprechung bundesdeutscher Pershing-Ra-
keten verbuchen. Ein "Nein, unvereinbar" hätte Cardenal als
Heuchler entlarvt und seiner Liquidation durch den christlichen
Friedenskanzler Kohl alles moralische Recht gegeben. Die Frage
aber, die das Publikum unbedingt seinem NATO-Oberherrn Reagan und
seinem bundesdeutschen Kohl meinte nachplappern zu müssen, lau-
tete:
"Wie halten Sie es mit freien Wahlen?"
Gegen ein Land, in dem es keine freien Wahlen gibt, finden diese
Frager einen Krieg schon irgendwie vertretbar. Klar, nur einen
Krieg von Seiten solcher Länder, in denen sich das Kanonenfutter
seinen Oberbefehlshaber unter mehreren Bewerbern aussuchen darf.
Sonst wäre Nicaragua ja Afghanistan!
"Ich rechne es Ernesto Cardenal und seinem Land besonders hoch
an, daß trotz der äußerst schwierigen Situation (!) an den Geset-
zen für eine freie Wahl gearbeitet wird."
antwortete Henning Scherf. Womit er sagen wollte, daß man i h m
u n d s e i n e r P a r t e i "besonders hoch" anrechnen soll,
daß man Nicaragua so weit gebracht hat, sich auch diesem westli-
chen Diktat zu beugen, um überleben zu dürfen.
P.S.: "Wie ein Traum" sei es ihm vorgekommen, erklärte Ernesto
Cardenal, als Henning Scherf ihm als Ersatz für die versenkte
"Gröpeln" erneut einen seit langem ausgemusterten Seelenverkäufer
angeboten habe.
"Wie der Leiter des Landesamts für Entwicklungszusammenarbeit,
Gunther Hes, gestern mitteilte, sei das Bremerhavener Schiff vor
zwei Wochen verschrottet worden. Eine Sanierung der Fähre habe
sich nicht gelohnt."
Aber, aber. Für das Geschäftsleben h i e r z u l a n d e lohnt
sich eine solche Sanierung sicher nicht, aber für
N i c a r a g u a wäre das doch genau die Sorte "Hilfe zur
Selbsthilfe" gewesen, die Bremen solchen Ländern unter dem Titel
Entwicklungshilfe zukommen läßt. In dieser Abteilung Bremer Poli-
tik ist so ein Schrotthaufen genau die richtige Investition. Sie
demonstriert die "Solidarität" der Bestimmungshafenstadt Bremen
mit allen Ländern, aus denen abtransportiert wird; verhindert de-
ren "E i g e n entwicklung" garantiert nicht; verstößt nicht ge-
gen das Bremer Sparprogramm zwecks Wirtschaftsförderung. Und
"gelohnt" hat sich der Plunder doch sogar schon: Henning Scherf
konnte vorführen, wie mit kleinen Geschenken selbst "Revoluzzer"
zu Demut und Dankbarkeit zu rühren sind. Das sollen ihm die
"Schwarzen" mit ihrer "Boykott"politik erst mal nachmachen - oder
verdankt denen Bremen die verzweifelte Freundschaft Ernesto Car-
denals?
***
"Ben Wisch" alias "Commandante Hans" weiß immer, was er sich bei
wem rausnehmen kann:
"Marktwirtschaft und Marxismus wollte der deutsche Genosse aus-
einandergehalten wissen, als er im Amtszimmer des Zentralbank-
Präsidenten einen Bücherschrank voller Lenin-Broschüren ent-
deckte. Wischnewski: "Da kommen schließlich auch Leute rein, von
denen Nicaragua Kredite haben möchte." Daniel Ortega flachste:
"Keine Sorge, das liest sowieso keiner." (Spiegel)
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