Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 75, 16.05.1983
       
       Anläßlich des Aufrufs zur Nicaragua-Demo am 18.5. in Bremen
       
       "Der größte  Teil der deutschen Fachkräfte und Entwicklungshelfer
       hat sich von unverständlichen Demonstrationen wie der Botschafts-
       besetzung  unverzüglich  distanziert.  Rabiate  antiamerikanische
       Ausfälle waren leider eine schrille Begleiterscheinung." (Warnke,
       Bundesminister für  wirtschaftliche Zusammenarbeit  im  Bayernku-
       rier, 14.5.83)
       
       Leider hat  der Mann recht. Gegnerschaft gegen die deutsch-ameri-
       kanische Liquidation  Nicaraguas  ist  nicht  selbstverständliche
       Konsequenz bei  den Kritikern  der Schlächtereien,  mit denen die
       NATO-Herren ihre  Mittelamerikafront bereinigen. Deshalb erschei-
       nen uns einige
       

KLARSTELLUNGEN ÜBER NATO-IMPERIALISMUS UND KRIEG IN NICARAGUA

sowie über falsche Sorten der Kritik daran erforderlich. Das ist Nicaragua: ein Krieg des freien Westens. US-Söldner schlachten Nicaraguaner ab, um einen von der NATO zum "Sicherheitsrisiko" erklärten Staat zu erledigen. Ihr Handwerk gelernt haben sie noch unter dem Diktator Somoza. Der war ehemals als Statthalter westlicher Interessen dafür ausgestattet worden und sorgte blutig dafür, daß sein Land dem strategischen Zugriff der NATO und der Benutzung für westliches Kapital frei zur Verfü- gung stand, indem er jede Sorte Überlebenskampf der einheimischen Bevölkerung gegen die mit dem Erfolg auswärtigen Kapitals einher- gehende Ruinierung ihrer Existenz niedermachte. Diesen Frieden in Mittelamerika hat der Umsturz der Sandinisten gebrochen. Dafür bestraft der freie Westen sie nun mit Krieg. Neben der CIA-Gue- rilla im Innern Nicaraguas nehmen die Frontstaaten Honduras, El Salvador etc. jede Gelegenheit zur "Vorwärtsverteidigung" wahr und sind dafür von den NATO-Staaten bis an die Zähne bewaffnet worden. Die BRD hält diesem Vorgehen nicht nur mit einer NATO- Weltkriegsdrohung gegen die SU, der einzigen Schranke solcher im- perialistischen Freiheit auf der Welt, den Rücken frei. Sie be- teiligt sich an der Zerstörung Nicaraguas. Entzug von BRD-Kredit und -Wirtschaftshilfe an Nicaragua ergänzt die militärische Ver- nichtung der nicaraguanischen Bevölkerung durch ihr Aushungern. Die erzeugte Abhängigkeit des Staates und der Ökonomie Nicaraguas von deutschem Kredit taugt also nicht nur zu deren Benutzung, sondern jetzt auch als Waffe. Und die Gewährung bundesrepublika- nischer Gelder an El Salvador ist seine Aufrüstung als verläßli- cher Frontstaat der NATO gegen Nicaragua. Deshalb ist es weder eine "unsinnige" noch eine leere Erklärung, wenn der BRD-Bot- schafter van Well vor der UNO erklärt: "Sobald Nicaragua wieder zu einer glaubwürdigen Politik der guten Nachbarschaft, der Nichteinmischung und der Achtung der Menschen- rechte und demokratischen Institutionen findet, werden sich die Spannungen in der Region verringern." (Bulletin) Das ist die diplomatische Willenserklärung der BRD, auch in Mit- telamerika mitzuständig zu sein für die laufende Durchführung des NATO-Ziels "Frieden in Freiheit". Frieden: das ist die Kapitula- tionsforderung an Nicaragua, sich den benachbarten Statthaltern der NATO zu beugen und sich in ihrem Vormarsch "nicht einzumi- schen" - bei Strafe des Untergangs. Freiheit, das heißt, allein der Imperialismus erteilt die E r l a u b n i s s e, in deren Rahmen (mittelamerikanische) Staaten ihre Herrschaft auszuüben haben - die Machtmittel dazu kommen ohnehin aus Bonn und Washing- ton. Wer sich dem nicht umstandslos beugt, ist ein Feind des Friedens und wird als Verteidigungsfall der Freiheit behandelt. Die Leichenproduktion ist also garantiert. Dennoch treten 'rabiate antibundesrepublikanische Ausfälle' nicht einmal als "Begleiterscheinung" im Bremer Aufruf zur Nicaragua- Demonstration auf. Antiimperialistische Solidarität: --------------------------------- Entwicklungshilfe... -------------------- Der Aufruf faßt sein Anliegen in den Forderungen zusammen: "Weitere finanzielle Unterstützung von Nicaragua ohne politische Bedingungen! Keine finanzielle Unterstützung für das Militärregime in El Sal- vador!" Bemerkt haben die Verfasser, daß der E n t z u g bundesdeut- scher Gelder eine Waffe gegen Nicaragua ist. Deshalb ist die G e w ä h r u n g von Entwicklungshilfe aber noch lange keine "finanzielle Unterstützung Nicaraguas", gar eine, die dem dort lebenden Volk nutzt. Zur Waffe wird der Entzug von Entwicklungs- hilfe und Kredit nämlich nur, weil mit ihnen vorher dafür gesorgt worden ist, daß "Wirtschaft" in Nicaragua Kredit und Kapital der BRD und ihrer NATO-Kollegen i s t. Deshalb ist mit ihrem Stop und einem US-Boykott von Nicaragua-Zucker und -Kaffee ihr Ruin beschlossene Sache. Übrigens werden ja deutsche Gelder gewährt - an El Salvador! Schon sind sie wieder eine Waffe. Die Ausstattung williger Frontstaaten der NATO in Sachen Strategie und Geschäft war und ist eben der auschließliche Zweck dieser Gelder. Sie zu fordern, soll Nicaragua nutzen und den hiesigen Urhebern von Krieg und Elend in den Arm fallen? Untertänig ist dieser Appell an die imperialistischen Täter allemal, diese möchten doch ihre auch von den Linken nicht etwa a n g e g r i f f e n e, sondern ausdrücklich g e b i l l i g t e - Zuständigkeit für Elend und Leichen in aller Welt so ausfallen, wie der eigene gute Glaube an "unsere" Regierung es sich vorstellen will. Soll die Bremer De- monstration öffentlich weglügen, daß die Bundesregierung erklär- termaßen ihre Mittel ausschließlich zur Schaffung verläßlicher NATO-Freunde und zur Ausrottung unzuverlässiger Kantonisten ein- setzt? Heute kann sich dieser Idealismus nicht einmal auf die al- ten Phrasen von "echter Blockfreiheit" und "Partnerschaft" beru- fen, unter denen die Sozialliberalen sich antisowjetische Hand- langerstaaten auf aller Welt geschaffen haben. Kohl und seine Mannschaft haben diese Sprachregelung abgelegt. Sie ernten die Früchte der SPD-Entwicklungspolitik, indem sie das Erbe der Mi- nister Eppler, Bahr, Schlei und Offergeld, die vollendete Abhän- gigkeit der sog. III. Welt, als Waffe für deren Vasallentreue einsetzen. Und dabei können sie sich auch noch auf erworbene Rechte und geleistete "Hilfe" berufen, also ihre Ansprüche auch noch ins Recht setzen. Mit Unterstützung der SPD-Opposition übri- gens. Auch ein SPD-Glotz nämlich, der das US-Vorgehen in Nicara- gua einer ineffektiven Methode bezichtigt und sich sorgt, "daß ganze Völker dem Kommunismus in die Arme getrieben werden" (Frankfurter Rundschau), kennt nur noch das eine Problem des Im- perialismus: Kommunismus, das ist ein verbotener Ausweg aus Hun- ger und Elend, die von der imperialistischen Weltordnung produ- ziert werden. Insofern betreiben Reagan, Kohl und Warnke k o n s e q u e n t e SPD-Politik: t o t e n Kommunisten (oder wer als solcher gilt) kann niemand in die Arme getrieben werden. Übrigens: Irgendwie haben die Initiatoren auch bemerkt, wozu die wirkliche Entwicklungshilfe ihrer Regierung dient. Wie sonst kä- men sie bei ihrer Forderung auf den Zusatz: Entwicklungshilfe - "ohne politische Bedingungen"? Bloß: "politische Bedingungen" bei der Vergabe der Entwicklungshilfe gibt es wegen ihres Zwecks der Benutzung und Zurichtung von Land und Leuten. Keinesfalls sind sie die Verhinderung eines bloß eingebildeten besseren Anliegens. Das aber wollen die Aufrufer partout nicht wahrhaben. Lieber ma- len sie sich ihr Ideal einer Entwicklungshilfe ohne Imperialismus aus, denken es sich nach Bonn - und schon kann man ohne Skrupel nach Warnke rufen. ...an die, die sie verdienen ---------------------------- Nicaragua verdient die solidarische Bettelei nach Entwicklungs- hilfe, meint der Aufruf: "Nicaragua verkörpert in Zentralamerika die Hoffnung auf ein bes- seres Leben und den Aufbau einer gerechteren Gesellschaftsord- nung. Landreform, der Aufbau eines umfassenden Gesundheitssystems und allgemeine Schulbildung sind dafür ein Beispiel." Mag sein, daß der Sturz Somozas den Campesinos nicht nur einen Peiniger vom Hals geschafft, sondern ihnen auch etwas eingebracht hat. Bloß, wozu dieses Argument? Braucht man es, um die heutige Schlächterei der Invasoren zu kritisieren? Übrigens: der tatsäch- liche Nutzen, den ein Landarbeiter aus dem Umsturz gezogen hat oder auch nicht, scheint die Aufrufer, nicht ernstlich zu inter- essieren. Sie entdecken dort nämlich i h r e n Nutzen - Hoff- nung, die Nicaragua für Bremer Freundschafts-Komitees verkörpern darf. Die "H o f f n u n g auf ein besseres Leben" ist noch lange keins. Die angeführten Beispiele guter Staatswerke scheinen überhaupt eher hierzulande als in Nicaragua, gefunden worden zu sein. Der hiesige Staat will auf seine Bauern nicht verzichten, weiß, daß Lohnarbeit krank macht und läßt deshalb die Arbeiter wieder für den Dienst zusammenflicken, zu dem ihre erzeugte und verbriefte Verdummung in der Schule sie "qualifiziert" hat. D a s brauchen Campesinos auch dringend, meinen die Aufrufer of- fenbar. Man muß doch die unverwüstlich g u t e M e i n u n g von Krankenschwestern, GEW-Lehrern und Entwicklungshelfern ü b e r ihren Job nicht gleich für dessen wirkliche guten Zweck halten! Und der Export solcher frommen Einbildungen nach Nicara- gua taugt auch nur zu einem: er macht aus dieser Weltgegend ein Abziehbildchen der schönen sozialstaatlichen Ideale, ohne das Ni- caragua solche Solidarität gar nicht verdient hätte. So aber mei- nen sie ein Klasse Argument dafür gefunden zu haben, daß ihre Kritik am NATO-Krieg in Mittelamerika berechtigt ist. Wie Vertei- diger schalten wie sich in das längst abgeschlossene Gerichtsver- fahren des Imperialismus über die Sandinistas ein. Sie verlangen eine Revision des bereits blutig exekutierten Urteils mit dem Argument, in einigen Bereichen erfülle Nicaragua die Maßstäbe einer gerechten Herrschaft doch vorbildlich. Wer diesen Einwand gegen BRD und USA vorbringt, dem ist es mindestens selbstverständlich, daß diese über die Existenzberechtigung von Staaten und damit von deren Völkern entscheiden. Und diese Brutalität soll ohne Krieg abgehen, wenn sich die imperialistischen Staaten nur an die besseren Prinzipien von Gerechtigkeit und Volksnutzen hielten, die Linke ihnen als ihre eigentliche Aufgabe zuweisen? Ein ebenso frommer wie untertänigen Wunsch. Jetzt bloß kein Anti: Solidarität hilft Frieden! ------------------------------------------------ Ihre Einbildung von der eigentlichen und möglichen Friedfertig- keit in der imperialistischen Staatenwelt nehmen die Aufrufer so ernst, daß sie Kohl samt Mannschaft und wen sonst noch vor einem d r o h e n d e n Krieg w a r n e n - statt sie wegen des längst g e f ü h r t e n Krieges anzugreifen: "In Mittelamerika droht (!) ein offener (!) Krieg!" überschreiben sie ihr Aufruf-Flugblatt. Gerade so, als würde sich die Friedensliebe der BRD immerzu in Abenteuer hineinverstricken lassen, wenn sie die Strafaktion gegen Nicaragua mitplant und -durchgeführt, wird dem bundesdeutschen NATO-Monster die Ermah- nung zuteil, daß dabei der "offene" und große Knall namens Welt- krieg "herauskommen" könnte, gegen den die BRD schon aus Eigen- nutz Schlachtfeld Europa - sein müßte. Gibt es denn wirklich kei- nen anderen Einwand gegen das deutsch-amerikanische Gemetzel da unten als den, daß womöglich die Bonner Herrschaften sich am Ende ins eigene Fleisch schneiden oder was Linke dafür halten? So aber kommt auch dieser Aufruf wieder mit dem feinen Unter- schied zwischen den fremden Amis "G e g e n die US-Intervention in Mittelamerika!!" und der heimischen Regierung an: "Die Bundesregierung erweist sich als treuer Komplize der Reagan- Administration." Daß die Komplizenschaft ebenso umgekehrt gilt, daß die NATO der BRD die Freiheit verschafft, sich in Mittelamerika Freunde zu schaffen und Feinde auszurotten, diesem eigennützigen Zweck bun- desdeutscher Bündnistreue sagen diese Leute nicht den Kampf an. Sie wollen diesen Zweck nicht einmal entdecken. Wenn die BRD jede Illusion in Sachen Frieden und weltweiter Entwicklung praktisch ausräumt, muß man 'unbedingt!' und 'jetzt erst recht!' diesen Schein bundesdeutscher Friedfertigkeit und Hilfe für die armen Schlucker demonstrativ aufrechterhalten? P.S., vor allem die GRÜNEN betreffend: -------------------------------------- Was wäre eigentlich mit einer Solidarität, die sich immer von der vorgestellten Freiheitlichkeit und Unschuld Nicaraguas abhängig macht und das mit dem Hinweis auf die Opfer begründet, wenn das folgende stimmte? "Aber wenn Junta-Mitglied Commandante Daniel Ortega seine Bereit- schaft zur Stationierung sowjetischer Atomwaffen in Nicaragua er- klärt, dann ist dies eine Einordnung in die sowjetische Hegemoni- alstrategie, die auch unsere Sicherheit berührt." (Warnke) Undenkbar, wenn russische SS20 das Abschlachten von Nicaraguanern für die USA zu einer riskanten Sache machen wurden! Wir sehen die TAZ-Schlagzeile "Ein neues Afghanistan" schon vor uns, geschrie- ben von Fans der Friedensliebe in Nicaragua und anderswo. Den Spruch von Warnke werden dieselben Schreiber bestenfalls als Lüge zurückweisen. Dabei erklärt der Mann offen, daß "unsere" Sicher- heit in Mittelamerika beginnt, und hält den nie belegten Rus- sen v e r d a c h t für ein hinreichendes Argument, den Vertei- digungsfall einzuleiten. Der bundesdeutschen Selbstverständlich- keit der Russenfeindschaft werden sich die mitaufrufenden Grünen auch auf dieser Demo schwer enthalten können. Sie wollen es bis- lang jedenfalls nicht. Kaum daß sie einen kleinen parlamentari- schen Protest gegen die Nicaragua-Politik der westdeutschen Re- gierung vorgetragen hatten, kannten sie Schlimmeres. Ein öffent- licher Aufruf zur Regierungsfeindlichkeit in Ostberlin in Sachen SS 20 mußte unbedingt sein, um vor VOPO-Statisten der BILD-Zei- tung zu diktieren, sie seien "brutal" behandelt worden (für die TAZ auch noch "sexistisch"!). Wogegen werden diese Leute am 18.5. wohl demonstrieren? zurück