Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


       zurück

       Krieg gegen Nicaragua
       

TÄGLICH EINE LEKTION IN FREIHEIT

Ein Lieblingssatz unseres Bundeskanzlers heißt bekanntlich: "Ohne Freiheit ist Frieden nichts wert". Viele seiner Untertanen finden das einleuchtend, manche halten Kohl für eine "Birne", einen Hohlschwätzer also. Beide wollen von der Härte dieses Spruchs nichts wissen oder sind schon sehr daran gewöhnt: er beinhaltet die t o t a l e B e r e i t s c h a f t z u m K r i e g, wann immer es den Staaten des freien Westens paßt. Wenn der Frie- den eben erst dann und nur dort vollkommen ist, wo die Freiheit das Sagen hat, dann gehen die selbsternannten Hüter des Friedens wie selbstverständlich mit Kriegen vor. Und zwar so unerbittlich, wie es die Unverschämtheit des Blanko-"Argumente" Freiheit, deren Interesse bei jeder Art des Zuschlagens gleich einen berechtigten Grund abgeben soll, auch erwarten läßt: bedingungslos bis zum bitteren Ende für den Feind. Dann herrscht Frieden in Freiheit! Des Bundeskanzlers und damit zwangsläufig "unser aller" - bester Freund, Ronald Reagan, exerziert dies seit Monaten in Nicaragua vor. Nichts alberner daher, ---------------------- als jetzt, wo die endgültige Entscheidung zugunsten der Amis naht, Fragen dergestalt aufzuwerfen, w i e s e h r die USA in Nicaragua ihre Finger im Spiel haben und ob sie dieses kleine Land nicht z u s e h r aufmischen. Der gesamte Enthüllungsjournalismus von der Süddeutschen Zeitung bis zur taz mit seinen Schlagzeilen à la 'Contras schießen mit amerikanischer Munition', 'CIA unterstützt Verminung der Häfen', 'Die Bombardierung der Öltanks von Corinto - ein Werk des CIA?' hat überhaupt nichts Aufklärerisches an sich: schließlich bezieht er seine Informationen aus dem selbstbewußten Bekennertum des amerikanischen Verteidigungsministeriums, das aus seinem Abnüt- zungskrieg gegen die Sandinistas gar kein großes Geheimnis macht, weil man als weltweiter Anwalt von freedom and democracy ganz frech der Meinung ist (der gewaltig Nachdruck verliehen wird), daß sich so etwas schlicht und amerikanisch g e h ö r t. Eher sogar etwas V e r hüllendes: die ewige Fragerei, wie weit die Vereinigten Staaten direkt (= mit Waffen, per Geheimdienst, durch eigene Soldaten. etc.) in Nicaragua verwickelt sind, will dies nämlich offenbar zum Knackpunkt der Beurteilung des US-ame- rikanischen Engagements in Mittelamerika machen. Ein Frage, die zwar für die Erfolgschancen der sandinistischen Regierung und ih- rer Truppe von nicht unerheblicher Bedeutung ist, dabei aber so tut, als ob Reagan erst mit diesem militärischen Schritt sich in Nicaragua "einmische". Die Wahrheit ist genau umgekehrt: Alle Schwierigkeiten, mit denen die ehemalige Befreiungsbewegung gegen den Schlachter Somoza seit ihrer Machtübernahme zu kämpfen hat, sind W e r k u n d E r b l a s t d e s i m p e r i a l i s t i s c h e n Z u- g r i f f s auf Nicaragua. Und dieser sorgt nun in aller konsequenten Härte dafür, daß die unliebsame neue Regierung davon auch ordentlich erdrückt wird. Seit jeher (und nicht erst seit Reagan) betrachten und behandeln die USA die mittelamerikanische und karibische Region als ihren "Hinterhof" bzw. "Vorgarten" (die beiden Anmaßungen sind austauschbar), den sie kraft ihrer ökono- mischen, politischen und militärischen Gewalt so bestellen, daß darin amerikanische Geschäfte, CIA- und einheimischer Terror, horrende Staatsverschuldung und der Hunger der Bevölkerung glei- chermaßen blühen. Wer sich diesem Anspruch in den Weg stellt - und die Sandinisten haben dies getan, indem sie Somoza, diese nützliche Kreatur der Freiheit, vertrieben, cubanischer Unter- stützung nicht abhold waren und darüberhinaus einiges zur Verbes- serung des Lebensstandards ihres gebeutelten Volkes unternehmen wollten! - bekommt mit der gebellten Wucht der "pax americana" zu spüren, daß es für eine Herrschaft im Vorgarten der Yankees nur die eine Wahl geben soll; botmäßiger Hiwi der US-Gewalt zu sein oder unterzugehen. Im Falle Nicaraguas, -------------------- das mit seiner unbotmäßigen Haltung zum "Sicherheitsrisiko" für die amerikanischen Interessen avanciert ist, läuft das so. M i l i t ä r i s c h: Seit fast einem Jahr veranstaltet die US- Marine ein Seemanöver vor, der Küste Mittelamerikas, das nicht nur zufällig wie eine Seeblockade Nicaraguas aussieht. Die Lange- weile des bloßen Manöverdienstes wird durch Landeübungen an der Küste von Honduras und durch eine rundum gelungene Verminung wichtiger Häfen mit scharfer Munition unterbrochen. Im- und Ex- porte notwendiger Güter laufen damit nicht mehr, was für die pro- fessionellen Freiheitsexporteure, die Ledernacken, auch strate- gisch von Vorteil ist. Somozisten und Contras (wobei sich letz- tere propagandistisch ganz besonders gut als ehrliche Kronzeugen für den Vernichtungsfeldzug gegen Nicaragua ausschlachten lassen, weil ihr Führer Eden Pastors ein konvertierter Sandinist ist) werden vom CIA ausgebildet, mit Waffen versorgt und dürfen ihre Kampfbereitschaft unter geübter amerikanischer Leitung erproben. Die Nachbarstaaten sind über Waffenhilfe, Ausbau militärischer Anlagen, grenzüberschreitende Manöver und Training der heimischen Armee durch US-coaches mittlerweile zu lokalen Unterabteilungen des Pentagons hergerichtet worden. Die Erfolge werden wie es sich für einen sauberen Krieg gehört als Leichenstatistik in der Be- völkerung Nicaraguas aufgelistet, wobei die Hungertoten, die durch die Feindschaft der USA anfallen, gar nicht vorkommen. Ö k o n o m i s c h wird dem Land nämlich das Überleben gleich gar bestritten. Die Vernichtung der Öltanks in Corinto, die der CIA kürzlich "zugegeben" hat, ist Freunden der Freiheit ein dop- pelter Anlaß zur Genugtuung. Kredite für Nicaragua sind interna- tional geachtet. Stundung der Auslandsschulden (wo wohl?), die noch zum Teil aus Somozas Zeiten stammen, gilt als nicht mehr op- portun, weil nicht mal mehr an der schieren Erhaltung einer rui- nierten Souveränität Nicaraguas ein Interesse besteht (wie dies bei "befreundeten Staaten" durchaus der Fall ist), ganz im Gegen- teil. Beim IWF darf sich dieser "Störenfried" deshalb nicht mehr ver- schulden, schließlich kämen Importe und Lebensmittel dann in die falschen Hände. Zucker, Kaffee und Baumwolle - die einzigen Ex- portgüter Nicaraguas - werden, soweit deren Produktion unter Kriegsbedingungen überhaupt noch drin ist, auf dem freien Welt- markt des Westens (wiederum wenn überhaupt) nur noch zu Schleu- derpreisen abgenommen. Und die Entwicklungshilfe - auch aus der BRD, die sich ja damit brüstet, noch nie einen Krieg geführt zu haben ! - wird endgültig auf ihren friedensstiftenden Begriff ge- bracht, indem "Hilfe für die Dritte Welt", "unsere moralische Verpflichtung" jetzt nur noch darin besteht, den Indios die Moral einzubleuen, daß sich Verhungern nur für die Freiheit lohnt: "Wer mit massiver sowjetischer und cubanischer Hilfe Waffen und Exper- ten einkauft und damit (!) den Frieden stört, kann mit Geld aus der BRD nicht rechnen" (Entwicklungsminister Warnke). Politisch wird das alles den Friedensstörern so verdolmetscht: Jeder "normale" diplomatische Verkehr wäre schon ein Zuviel an Anerkennung von Leuten, die doch weggeputzt gehören. Deshalb wird offiziellen Regierungsvertretern Nicaraguas die Einreise in die USA verweigert. Die neue Botschafterin darf gleich zu Hause blei- ben, da sie einmal einen ehemaligen Somoza-General in ihrem Schlafzimmer hat kidnappen lassen - ein einmaliges Verbrechen in der Geschichte der zivilisierten Welt! Dafür laden sich Burschen wie Henry Kissinger und Sonderbotschafter Stone in einer Tour selber nach Nicaragua ein, verhandeln dort mit Regierungsgegnern und zitieren Juntamitglieder zu sich, um ihnen höchstoffiziell mitzuteilen, daß der Westen sie nicht leiden kann und sich darum "geeignete Schritte zur Lösung des Krisenherdes Nicaragua" über- legt: eine "Krise", die allein vorn Standpunkt des maßlosen In- teresses des Imperialismus an Nicaragua definiert wurde und seit- dem existiert. Kurz und brutal: Als konsequente Aggression von außen und innen bereinigen die USA und ihre Partner wieder mal eine Front in ih- rem freiheitlichen Sinne. Angesichts dessen muß man sich also schon entscheiden, ob man diesen leichenträchtigen Zweck des Friedens in Freiheit teilen will - dann laßt gefälligst die zyni- schen Heucheleien sausen, ob die jetzt von Reagan durchgezogene Härte wirklich nötig sei. Oder man merkt, daß das zivilisierte Abendland ohne Krieg nicht zu haben ist dann verbietet es sich allerdings, auf politische Positionen abzufahren, die - wie hier- zulande die SPD - das V e r f a h r e n der Befriedung Nicara- guas kritisieren. Die ganze besserwisserische SPD-Tour, ------------------------------------- mit der im Namen der Moral des Völkerrechts die "Entwicklungs- politik nach der Wende" angepinkelt wird, läuft nämlich auf nichts anderes hinaus, als den E r f o l g - den sie auch will! - der regierungsamtlichen Nicaragua-Politik in Zweifel zu ziehen. Da lehnt sich z.B. der "Held von Mogadischu", H.J. Wischnewski, mit dem Vorschlag aus dem Fenster, "die Unterstützung der Contras bis zu den Wahlen (!) einzustellen" - bis zu jenen Wahlen also, die der ekelhafte Besucherstrom aus dem Westen zu einer der Be- dingungen erhoben hat, unter denen auch eine sandinistische Re- gierung eventuell "tragbar" wäre. Ihr entwicklungspolitischer Sprecher, Uwe Holtz (der in seiner Eigenschaft als Lehrbeauftrag- ter an der Bonner PH nebenher auch noch Studenten mit seiner "Sympathie für nicaraguanische Revolution" vollabert, falls er nicht gerade zu einer "dringenden Ausschußsitzung" muß !), stellt als Hauptredner der innenpolitischen Auseinandersetzung um die deutsche "Haltung" zu Nicaragua und in Leserbriefen an die FAZ klar, nach welchen Maßstäben Politiker ihre Sympathiepunkte ver- geben: "Ausschlaggebend für die jeweilige Entwicklung ist es, ob man Ni- caragua jetzt unterstützt oder es politisch, wirtschaftlich und mit Hilfe der Contras bekämpft und so geradezu in eine (!) falsche Richtung treibt, wie es meines Erachtens die derzeitige amerikanische Regierung und auch die Bundesregierung tun. Nicara- gua hat bei der Beachtung der Bürgerrechte noch eine Wegstrecke zurückzulegen. Dabei (!) sollte es unterstützt werden." (FAZ, 7.2.84) Das sind Vorwürfe, das sind Alternativen! Erst die Christen an der Regierung dafür anzumachen, "Entwicklungspolitik ausschließ- lich nach der Freund-Feind-Schablone zu betreiben", um ihr dann unter die Nase zu reiben, Nicaragua dadurch in d i e falsche Richtung, also in die Hände Moskaus" zu jagen. Und wer glaubt, an Reagan, Kohl und Warnke eine mißglückte antikommunistische Poli- tik aussetzen zu müssen (ein leider verfehlter Vorwurf!), der kennt nur eine Alternative, die natürlich gar keine ist: "Dabei" - nämlich bei der "Beachtung der Bürgerrechte", wie der Titel für die Unbotmäßigkeit Nicaraguas so schön demokratisch heißt, als ob den Campesinos nichts mehr als die Segnungen einer freien Wahl fehlten! "sollte Nicaragua unterstützt werden". Diese Unterstüt- zung erhält das Land momentan in der Tat, und zwar mehr, als ihm lieb sein kann: es bekommt die Freiheit (zurück)gebracht! Manche überleben das nicht. Bild ansehen Landkarte Nicaragua zurück