Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Hannoversche Hochschulzeitung, 13.11.1984
       

LINKE ZU NICARAGUA

1. Wer den Imperialismus kritisiert, macht es sich zu leicht! ------------------------------------------------------------- "Für die dogmatische Linke ist es andererseits ebenfalls relativ einfach, die Wahlen, so wie sie organisiert wurden, zu befürwor- ten. Sie braucht nur den Wahlboykott der nicaraguanischen bürger- lichen Opposition als Manipulation der bezahlten Agenten des nordamerikanischen Imperialismus darzustellen und erspart sich derart alle Fragen nach etwaigen strategischen und taktischen Fehlern der Sandinisten." (TAZ, 3.11.84) Das paßt zur "Ausgewogenheit" dieses Blattes: in geheuchelter An- teilnahme an Strategie und Taktik der Sandinisten kriegen diese einmal von Linken den Vorwurf zu hören, Nicaragua sei zumindest mit schuld am Todesurteil, das der Westen über das Land verhängt hat. Dazu wird auch noch das von der Frankfurter Rundschau bis zur Frankfurter Allgemeinen b e k a n n t e F a k t u m be- stritten, daß die Absage von Cruz und Co. einzig das feststehende amerikanische Urteil unterstreichen sollte: nicaraguanische Wah- len sind illegitim. Basta! Die sandinistische Regierung will der Westen beseitigen, mit und ohne Wahlen. Welchen "Fehler" sollen die Sandinisten da in Bezug auf die Wahlen eigentlich machen, Ihr Superdemokraten? 2. Wer die Sandinisten nicht im Namen der Demokratie angreift, -------------------------------------------------------------- ist unglaubwürdig! ------------------ "Einen der schwerwiegendsten Fehler in diesem Wahlkampf stellt der Mangel an bürgerlichen Freiheiten dar... Ein weiterer Fehler, der dem Image der Wahlen sehr geschadet hat, ist die Fortführung der Pressezensur... (TAZ, 3.11.84) Sicher, das brauchen die Leute in Nicaragua. Nicht bloß den Sturz von Somoza, den sie mit den Sandinisten durchgekämpft haben, son- dern auch viel freie politische Betätigung der Schlächter von ge- stern, die bewaffnet durch die Dörfer marodieren. Zwar hat Cruz in einer mehrteiligen Wahlwerbung im Oppositionsorgan LA PRENSA seine Vorstellungen vom Sturz der Sandinisten unter das Volk bringen dürfen. Aber das reicht der TAZ offenbar nicht; viel- leicht tut's ein kostenloser Nachdruck des CIA-Handbuchs zur psy- chologischen Kriegsführung in einem regierungsoffiziellen Organ. 3. Die Wahlen waren, leider eine "Farce" - ------------------------------------------ weil die USA sie dazu gemacht haben! ------------------------------------ "Kaum waren die Urnen in Nicaragua geschlossen, tönte der Spre- cher des US-Außenministeriums John Hughes schon, die Wahlen seien eine "Farce". Reichlich überzogen, doch so, völlig unrecht hat er nicht, der Demokrat vom Dienst. Was die US-Administration öffent- lich beklagt, darf sie insgeheim getrost als ihren eigenen Erfolg verbuchen. Denn, wenn überhaupt irgendetwas die Bedeutung des sandinchen Wahlsiegs zu schmälern vermag, dann ist es der Wahl- boykott der konservativen Opposition." (TAZ, 7.11.84) Völlig überzogen, die USA, aber unrecht haben sie auch wieder nicht. Für wen ist da der sandinistische Wahlsieg geschmälert worden? Die Feindschaft der USA gegen die Sandinisten ist bedin- gungslos, Wahlsieg hin, Teilnahme der Opposition her. Für die USA ist die Bedeutung des Wahlsiegs also sicher nicht geschmälert worden: er hat nämlich überhaupt keine, weil die Verurteilung eben feststeht. Und für die Menschen in Nicaragua? Ohne, daß sie den Peinigern von gestern ihre Stimme geben dürfen, soll ihre Ei- nigkeit mit den Sandinisten ein schwerer Schaden und ein einziger Akt der Unfreiheit sein? Ist für die der "Wahlsieg" geschmälert worden, weil sie Cruz nicht ankreuzen konnten? Nein! Für die TAZ und nur für sie. Den Witz an der Demokratie hat sie kapiert: Par- teienpluralismus und Wahlen sind doch nicht einfach Instrumente für die Interessen der Menschen - die waren sich mit den Sandini- sten ganz ohne Wahlen handelseinig gegen Somoza geworden. Demo- kratie, diese Form bürgerlicher Herrschaft, ist für diese Linken so ein hoher Wert, daß die Interessen der Leute sich ihr zu beu- gen haben. John Hughes läßt grüßen! 4. Die Wahlen waren aber auch ein Erfolg. Sie beweisen: ------------------------------------------------------- Die Sandinisten sind für westliche Demokratie und keine ------------------------------------------------------- Kommunisten! ------------ "Die Sandinisten aber können sich glücklich wähnen, nur 65 bis 79 Prozent der Stimmen erhalten zu haben und nicht 90 Prozent oder mehr. Denn welches kommunistische Regime gibt sich schon mit so einem bescheidenen Erfolg zufrieden. Trotz Wahlboykott eines Großteils der konservativen Opposition verrät das Wahlresultat offenkundig, daß hier - mitten im Krieg, in der Dritten Welt - nach westlichen Vorstellungen von Demokratie gewählt wurde." (TAZ, 7.11.84) Gut getroffen: Zustimmung des Volkes zur sandinistischen Regie- rung, gar eine von 90%, beweist für den Imperialismus das glatte Gegenteil. Weil die "Falschen" gewählt wurden, kann es sich in diesem Fall nur um eine kommunistische Knechtung des Volkswillens handeln. Das Wahlergebnis hat den USA dieses "Argument" aus der Hand geschlagen und den Sandinisten erspart, frohlockt Ihr iro- nisch. Ihr aber wollt den Sandinisten diese Frechheit durchaus nicht ersparen: 65 bis 79 Prozent "beweisen" für Euch, daß Nica- ragua Pro-westlich ist, weil auch linken Sprachrohren der Demo- kratie ihr Antikommunismus geläufig ist, 90% w ä r e n wie im Osten, a l s o ein Grund zu herzlichster Feindschaft. Wofür die Sandinisten einzustehen haben, sagt Ihr mehr als deutlich: ein Land - "mitten im Krieg", den die Demokratien des Westens gegen es führen -, das sich ein Bein ausreißt, die Sorte Herrschaft seiner Peiniger zu praktizieren, hat einfach ein bißchen Achtung aller Demokraten verdient! A u f p a s s e n muß die Linke auf dem demokratischen Kurs der Sandinisten aber auch, damit er nicht ins falsche Lager abdriftet. Die Anteilnahme der westdeutschen Linken wandert eben auf dem schmalen Grat zwischen Solidarität (für die Demokratie) und Feindschaft (gegen alles Kommunisti- sche). zurück