Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 6, 09.01.1985
       

USA - KRIEG GEGEN NICARAGUA - MÜNCHNER STUDENTEN SIND DAGEGEN. UND WIE!

Die USA überziehen Nicaragua mit Krieg, rüsten die Contras und die Armeen der umliegenden Staaten entsprechend auf und behalten sich alle weiteren Optionen vor. Die Vertreibung des US-Statthal- ters Somoza durch die Sandinisten behandeln sie als Verstoß gegen ihre Weltordnung und schreiten zur Bestrafung. Die MHZ hat Studenten und Professoren nach ihrer Meinung dazu ge- fragt. Die US-Politik wird gemeinhin als "ziemlich brutal", "aggressiv", ja sogar als "Sauerei" abgelehnt. Keiner hat eine gute Meinung von den USA. Ein US-Krieg in Südamerika wird für "aggressiv" gehalten, aber ein Argument gegen die NATO, gegen USA und BRD sieht niemand darin. Mit frommen Wünschen gegen den NATO-Krieg ----------------------------------------- Befragt, was man von der US-Politik halte, wollte sie zunächst niemand beurteilen. Jeder wollte sich distanzieren und kundtun, daß er sie verurteilt. Diese Verurteilung fiel dann allerdings reichlich matt aus: - "Die Amis sollten sich nicht in die Angelegenheiten Nicaraguas einmischen." - "Beide, die USA und die Sowjetunion, mischen sich in die klei- nen Länder zu sehr ein." - "Wir (?) sollten uns nicht in Nicaragua einmischen." 'Amis, raus aus Nicaragua' - so verbindlich will man nicht sein. Lieber vornehm zurückhaltend: 'Die Amis sollten doch nicht'. Und wenn sie nun genau das wollen und praktizieren, was sie nicht "sollten"? Dann bleibt es eben bei dem frommen Wunsch, da kann man nichts machen. Erschüttert der US-Krieg den Glauben an die Friedlichkeit der Demokratie? Macht er vielleicht die politischen Zwecke der eigenen Regierung und ihres mächtigen Verbündeten ver- dächtig, wenn sie offenbar ohne Waffeneinsatz nicht zu machen sind? Gott bewahre: Sie sollten halt nicht - und damit ist die Angelegenheit keinen Gedanken mehr wert. Und was stört an der US-Politik? Vor allem, daß sie gegen die Prinzipien des Sozialkundeunterrichts und damit gegen das eigene Weltbild verstößt. "Einmischung" - das gehört sich doch nicht, und dann auch noch gegen die "kleinen Länder" - wie unfair. Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Kriegsgründe ----------------------------------------------- Das Maß, an dem die Amerikaner gemessen werden, ist von höchster Qualität: "Ich finde, wenn ein Land sich zu demokratischen Wahlen ent- schließt, kann kein anderer Staat etwas dagegen haben." "Die US-Politik stellt eine Völkerrechtsverletzung dar. Auch wenn die Wahlen nicht ganz sauber waren, sie haben stattgefunden." Da können die USA noch so deutlich erklären, wie sie Demokratie buchstabieren: keine Sandinisten - mit und ohne Wahlen - in Nica- ragua, ungerührt wird entgegengehalten: wegen der Demokratie nicht. 'Die Begründung des Krieges überzeugt mich nicht. Mir war es genug Demokratie, um sie nicht zu überfallen.' So sortiert man gerechte und ungerechts Kriege. Dieser wäre gar nicht nötig, wenn man - ganz großzügig - darüber hinwegsieht, daß "die Wahlen nicht ganz sauber waren." Und wenn die Sandinisten sich nicht zu "demokratischen Wahlen" entschlossen hätten? Aber natürlich kommt es auf die Begründung des Krieges ohnehin nur unter moralischem Geschmacksgesichtspunkt an, wenn er längst stattfindet. Verständnis für die Hintergründe -------------------------------- Gegner der US-Politik muß man dennoch noch lange nicht sein. Zwar findet nun, was eigentlich nicht sein darf - ein undemokratischer Krieg statt - aber dafür wird es wohl gute Gründe geben: "Die Amerikaner wollen in ihrem Hinterhof kein zweites Cuba, was aus ihrer Sicht durchaus verständlich ist." "Sie versuchen zu verhindern, daß Nicaragua eine Basis für die Sowjetunion wird: wobei ich nicht glaube, daß die Sowjetunion das überhaupt will." Sehr realistisch dieser Blick in die Weltpolitik. Die Umkehrung ist jedenfalls niemandem eingefallen: 'Die Sandinisten haben eine für sie nicht gerade gemütliche Herrschaft abgeschafft und sich dafür die Feindschaft der USA eingehandelt. Daß sie sich mit so- wjetischen Waffen zu wehren versuchen, ist aus ihrer Sicht durch- aus verständlich.' Schließlich ist es ja ein entscheidender Un- terschied, ob die Sowjetunion einen "Vor-" oder die USA einen "Hinterhof" will. D a g e g e n ist die US-Politik "durchaus verständlich" nicht nur "aus ihrer Sicht", oder? Geradezu radikal ist da der Einfall: vielleicht wollen die Russen "das überhaupt" nicht, da wäre der Krieg dann wirklich überflüssig. Leider sehen die USA das eben anders. Wem nicht gleich die Sowjetunion als verständlicher Kriegsgrund einfällt, der kennt sich aus in der Psychologie des US-Staates: "Den USA fehlt es an demokratischem Selbstverständnis, wie es in Deutschland gegeben ist. Sie handeln aus einem enttäuschten Groß- machtverständnis." Ja so sind die Amis! Wären sie eine wirkliche Großmacht, dann würden sie doch solchen Kleinstaaten gegenüber viel souveräner sein. Mit einer richtigen Demokratie Marke BRD wäre das jeden- falls nicht passiert. Einen Krieg unter dem Gesichtspunkt be- trachten, wer hat ihn nötig - das ist vielleicht eine Vorstel- lung! Kriegsgründe gibt es wohl nur irrationelle, die allerdings sind sehr einleuchtend: Klar, als Kompensation eines verlorenen Krieges in puncto Selbstwertgefühl müssen die Amis gleich wieder einen führen. Etwas anderes hat ein Staat ja nicht zu tun. Das wahre Opfer: die USA richten sich selbst zugrunde ----------------------------------------------------- Bei soviel Verständnis für die US-Politik kann die Sorge um sie nicht ausbleiben: "Die Politik der USA ist total unüberlegt; damit reiten sie sich selbst immer weiter rein." "Die USA sollten vorsichtig sein, weil sie mit solchen Drohge- bärden die anderen herausfordern." Die Amis machen den Sandinisten das Leben schwer, und was kommt heraus: ein einziges Problem für sie. Weil das nur dazu führen kann daß sie mit den "anderen" - an wen hier wohl gedacht ist? - Schwierigkeiten bekommen. Und wer an der Uni will das schon. Nicht einmal die Amis können das wollen. Ihr unerklärter Krieg ist schlimmstenfalls eine "Drohgebärde", und wenn sie einmar- schieren, dann sind sie wieder 'reingerutscht'. Das Weltmanagement ist eben auch eine schwierige Aufgabe: "Den USA fällt es schwer, die Mentalitäten anderer Staaten rich- tig einzuschätzen. Sie versuchen zu einem vernünftigen Verhältnis zu diesen Staaten zu gelangen, aber das ist, wie gesagt, sehr schwierig." Tja, die "Mentalitäten" solcher Staaten - damit meint der Wissen- schaftler offenbar die Sandinistische Revolution. Eine Revolution ist ein exotischer Ausbruch des südamerikanischen Temperaments. Immerzu machen sie Aufstände, die Neger. Da ist ein "vernünftiges Verhältnis" wirklich schwierig für den Overlooker der Völkerfami- lie Uncle Sam, der in seinem "Hinterhof" nichts anderes verfolgt, als selbstlos anderen Volkscharakteren gerecht zu werden. 'Amis raus aus Nicaragua'? - Natürlich, wenn die Gegner weg sind ---------------------------------------------------------------- "Nicaragua soll es selber entscheiden, ohne Cubaner und Russen und dann auch ohne die Amerikaner." Ein sehr neutraler Standpunkt. Zwar hat sieh Nicaragua bereits entschieden und den US-Statthalter aus dem Land geworfen; zwar haben die USA klargestellt, welche "Entscheidung" ihnen einzig genehm ist - aber das hindert einen Studenten nicht daran, für eine souveräne Entscheidung Nicaraguas einzutreten. Für ihn ist nämlich die Waffenhilfe der SU an die Regierung Nicaraguss dasselbe wie die Unterstützung der Contra-Subversion durch die USA Zwar hat nirgends ein V o l k deutlicher entschieden -, so etwas von "Mitbestimmung" ist in keiner Demokratie gefragt - aber schließlich kann es nicht sein, daß Nicaragua sich für Sandinisten, Cubaner und Russen entschieden hat. Solange das nicht korrigiert ist, können die Amis schlecht weg. Da weiß man auch, wer den Nicaraguanern den Krieg einbrockt. Russen raus aus Afghanistan --------------------------- Denn eines ist ja wohl klar: Wer 'Nicaragua' sagt, der muß auch 'Afghanistan' sagen: "Die Russen und die Amis - da macht doch jeder dieselbe Sauerei." "Man schimpft soviel gegen die Amerikaner und übersieht die rus- sische Gefahr." "Die Sowjetunion ist doch dasselbe in grün." Umgekehrt gilt das natürlich nicht: 'Afghanistan' ist schließlich ein 'Verbrechen', zu dessen Verurteilung man nicht immerzu 'Aber die Amis auch ...' wiederholt. 'Die R u s s e n' sind schließ- lich "dasselbe in grün" - gerade wenn nicht sie es sind, die Ni- caragua das Existenzrecht bestreiten. Wo b e i d e Weltmächte so böse sind, da darf man dann auf keinen Fall die USA einfach verurteilen. Wenn man jede Meinung zur Weltpolitik gleich unter die Frage stellt, für w e n der beiden Hauptfeinde man ist, dann wäre eine Kritik der USA ja glatt eine Parteinahme für die Sowjetunion - und das will doch wohl niemand. Da unterschreibt man schon eher den obersten Kriegsgrund der NATO-Politik: Die bö- sen Russen - und sinniert über Alternative Strategien zur Erreichung des Kriegsziels ----------------------------------------------------- "Eine Unterstützung durch die gemäßigteren europäischen Staaten tut not. Obwohl die Nicaraguaner völlig überzogen reagiert haben, als sie die Arbeiter bei der Kaffee-Ernte abzogen und mobil mach- ten, wäre eine wirtschaftliche Hilfe notwendig. Obwohl die Demo- kratie dort jetzt gescheitert ist, sollte man Nicaragua wirt- schaftlich unterstützen und ihren Weg in die Demokratie erleich- tern. Die Bundesrepublik wurde ja nach 1947 auch unterstützt." (sinnigerweise allerdings n a c h d e m die USA den Krieg ge- wonnen hatten.) Mitten im laufenden Krieg darüber nachzudenken, wie sich das Kriegsziel auch ohne Waffengang erreichen läßt, ist sehr aufge- klärt. Zumal man sich gewiß sein kann, daß die USA schon für den "Weg" in die Demokratie sorgen. Da läßt sich vornehm über feinere Methoden diskutieren. Dabei erfährt man dann auch wie "wirtschaftliche Hilfe" allenfalls zu verstehen ist: als Erpres- sungsmittel, auf daß Nicaragua ins westliche Lager zurückkehrt. Natürlich hat man auch Verständnis für die USA, wenn die Sandini- sten so "überzogen reagieren" und sich auf den entscheidenden Waffengang gegen die Amis vorbereiten. Aber eleganter wäre eine "wirtschaftliche" Lösung schon. Vor allem weil sie mit der offi- ziellen Diplomatie der "europäischen Staaten" - allen voran unser Willy Brandt - zusammenfällt. Schade halt, daß 'wir' so wenig zu sagen haben; wir wüßten nämlich, was man mit Nicaragua machen muß. Fazit ----- Studenten und Professoren orientieren sich bei ihrer freien Mei- nungsbildung streng an den offiziellen Verlautbarungen von der amerikanischen Kriegserklärung bis zu Willy Brandts parasitärem Vermittlungsangebot. Abweichende Meinungen fanden sich keine. Also: Daß ein Krieg nichts Gutes ist - selbstverständlich. Daß die US-Politik nicht den demokratischen Verkehrs f o r m e n entspricht und deshalb 'Unrecht' ist - natürlich, "aber" - so ideal kann es nun einmal nicht zugehen auf der Welt. "Aber" - dafür, daß Großmächte (= die USA) in der Wahl ihrer Mit- tel keine Waisenkinder sein können - dafür hat man schließlich vollstes Verständnis. Denn eines leuchtet ein: Was immer auf der Welt geschieht, die Sowjetunion ist mit dabei, und an ihr wird noch jeder Einwand gegen die USA zuschanden. Daß sich der Westen mit ihr auseinandersetzen m u ß, daran führt immer gerade dann kein Weg vorbei, wenn der Westen eine Offensive lanciert. Allenfalls ist da eine Stilkritik erlaubt. Fragt sich also, gegen welche NATO-Politik Studenten noch einen Einwand haben? Wie "schmutzig" muß denn ein Krieg sein, damit Studenten keine guten Gründe f ü r i h n haben? "Es kommt darauf an, wie sich das ganze weiter entwickelt: Wenn die USA einmarschieren, bin ich natürlich dagegen." Natürlich! zurück