Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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(K)EIN GEISELDRAMA IN NICARAGUA
Terrorismusbekämpfung heißt der Titel, auf den sich die Führungs-
nationen der westlichen Welt in Tokio feierlich verpflichtet ha-
ben. Terroristen und deren Hintermännern darf man in keinem Punkt
nachgeben, einzig kompromißlose Gegengewalt ist angebracht, hat
man dort beschlossen.
Im Auftrag der USA organisieren die Contras ihre Überfälle auf
Nicaragua, versuchen, die Ernte zu torpedieren und die Landbevöl-
kerung zu terrorisieren, und ermorden oder entführen immer wieder
einmal ausländische Sympathisanten der Sandinisten, zur Zeit acht
Deutsche.
Und ist jetzt Terrorismusbekämpfung angesagt? Ja - aber mit genau
umgekehrten Vorzeichen.
Die Bundesregierung schaltet sich ein. Es geht schließlich um
D e u t s c h e - nicaraguanische Menschenleben, die die Contras
in ganz anderen Zahlen auf dem Gewissen haben, sind damit über-
haupt nicht vergleichbar. Es geht nämlich um ein hohes Rechtsgut,
das ausschließliche Verfügungsrecht der deutschen Regierung über
deutsches Staatsbürgerleben - und das auch ganz unabhängig davon,
um was für Figuren es sich bei den Entführten handelt: Speziell
um die tut es der Bundesregierung garantiert nicht leid, weil sie
sie auch hierzulande ohnehin nur von verfassungsschützerischen
Gesichtspunkten aus behandelt.
Die Bundesregierung schaltet sich ein und macht Druck - aber
nicht auf die Entführer und deren Hintermänner. Präsident Reagan
wird vielmehr um wohlwollende Unterstützung gebeten. Druck wird
auf die sandinistische Regierung ausgeübt, damit die in allen
Hinsichten d e n F o r d e r u n g e n d e r E n t f ü h-
r e r nachgibt.
- Da wird als erstes von der nicaraguanischen Regierung verlangt,
in den betreffenden Gebieten alle militärischen Aktionen einzu-
stellen, "um das Leben der Entführten nicht zu gefährden" - die
Contras brauchen freien Rückzug.
- Dann erklärt ein Herr Bettzüge vom Außenministerium vorwurfs-
voll, "die Entführer sind zur bedingungslosen Übergabe bereit"
(dann hätten sie die acht ja gar nicht erst zu entführen brau-
chen), "aber die Regierung in Managua blockiert die Verhandlun-
gen".
- Dann erfährt man, w e l c h e B e d i n g u n g e n die Ent-
führer alles für die "bedingungslose Übergabe" stellen, und wie
verständnisvoll die BRD-Unterhändler darauf als ehrenwerte poli-
tische Anliegen eingehen: Die Übergabe soll nicht im Hauptquar-
tier der Contras, in Honduras, stattfinden, sondern mitten i n
N i c a r a g u a. Als Mittel für die erwünschte Propaganda, daß
die Contras ein echter "innerer Widerstand" sind und ein erfolg-
reicher, der sich im Land frei bewegt. (Das alles wird natürlich
im Contra-Hauptquartier in Honduras, das es da offiziell gar
nicht gibt, gemütlich ausgehandelt.) Der Hubschrauber zum Ab-
transport soll nicht von der nicaraguanischen Regierung gestellt
werden, genauso wenig das Personal; die Contras verlangen eine
Beaufsichtigung durch deutsche und costaricanische Politpromi-
nenz.
- Von deutscher Seite wird der Terrorspezialist Wischnewski ein-
geflogen, n i c h t um die Unnachgiebigkeit der deutschen Re-
gierung zu demonstrieren - wie damals in Mogadischu - und für den
Sturmangriff auf die Entführer die Heldenpersönlichkeit abzuge-
ben, sondern um genau umgekehrt die Sandinistenregierung mit sei-
nen "guten Beziehungen" dazu zu erpressen, auf die Forderungen
einzugehen. Sie soll in die d i p l o m a t i s c h e
D e m ü t i g u n g einwilligen, daß ihre Feinde auf ihrem Ter-
ritorium ganz ungehindert einen Staatsakt unter internationaler
Beteiligung inszenieren. So sieht in diesem Fall die von der SPD
gewährte tatkräftige schnelle Hilfe aus, genau entlang der west-
lichen Unterscheidung, was Terrorismus, was Freiheitskämpfertum
ist.
Es geht also auch in diesem Fall - genauso wenig wie bei der Ter-
rorbekämpfung andersherum nicht um die vielzitierten Menschenle-
ben; die sind ausschließlich das Material für die Klärung und
Entscheidung, wer sich in der Staatenwelt wieviel erlauben darf.
Die Regierung in Managua jedenfalls gar nichts. Deshalb haben
deutsche Journalisten auch schon präventiv die Schuldfrage ge-
klärt. Erstens sind die S a n d i n i s t e n und n i c h t
d i e E n t f ü h r e r an allem s c h u l d:
"Wenn das Land denn 'im Krieg' mit den USA und ihren Söldnern
ist, wie in Managua behauptet wird, dürfte die Regierung Ortega
Ausländer nicht in Kampfgebiete lassen... Wischnewskis Einsatz in
Managua erinnert daran, daß die Hauptverantwortung für diese Bri-
gadisten bei den Sandinisten liegt."
Zweitens sind die E n t f ü h r t e n natürlich selber
s c h u l d:
"Die Internationalisten nehmen Partei. Und sie werden von der po-
litischen Opposition und den Contras entsprechend eingeschätzt."
Eben als "Linksradikale", wie der Lateinamerikakorrespondent der
bekannt liberalen "Süddeutschen Zeitung" die Leser noch eigens
instruiert. Es geht doch nichts über die r i c h t i g e n Op-
fer und die gerechte Gewalt.
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