Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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NICARAGUA - EIN GANZ NORMALER KRIEG DES WESTENS

Was der Westen mit Nicaragua macht, wird nicht geheimgehalten. Ganz offen bekennen sich westliche Politiker dazu, daß sie diesen Staat als Feind behandeln. Sie lassen Parlamente und Öffentlich- keit darüber debattieren, welche ökonomischen, diplomatischen und militärischen Waffen gerade eingesetzt gehören. Die Führer der freien Welt von Reagan über Kohl bis Brandt wollen offenbar gar nicht bei ihren Bürgern in dem Ruf stehen, Friede sei ihr letzter Zweck. Selbst ein regelrechter US-Krieg ist kein Tabu, sondern gehört zu den "Optionen". Währenddessen führen CIA und Contras sowie Honduras längst einen Krieg gegen Nicaragua, der sich in seiner Zerstörungskraft von keinem "ordentlichen" Krieg unter- scheidet - nur bei der UNO ist er noch nicht angemeldet. Imperialismus soll das alles nicht heißen. Wenn die westliche Staatenwelt, mit Geld und Gewalt ihren weltpolitischen Einfluß vergrößert, um ihn politisch wie ökonomisch zu nutzen, handelt sie stets im Namen von Recht und Freiheit. So gesehen weiß sie sich zu jeder Schlächterei berechtigt, die ihrer Interessen wegen notwendig ist. Nicht als eine Partei neben und gegen andere In- teressen tritt der Westen auf, sondern als R i c h t e r aber alle Interessen. Und entsprechend hart und selbstgerecht fällt sein Urteil über Nicaragua aus. Die Freiheit läßt keine Wahl ---------------------------- In Nicaragua herrscht keine Freiheit, heißt der westliche Ur- teilsspruch. Beweis: es gibt keine Wahlen! Was da wohl bewiesen werden soll! Als ob die USA nicht z.B. in Chile reichlich Gewalt und Geld eingesetzt hätten, um ein unliebsames Wahlergebnis zu liquidieren und weiterhin keine Kosten scheuen, es dort gar nicht zu Wahlen kommen zu lassen. Und als hätten nicht die atlantischen Freunde gemeinsam an El Salvador vorexerziert, was ihre Wahlen sind: Legitimation von Gewalthabern, solange es die Richtigen sind. Den Wählern in El Salvador haben sie deshalb vor den Urnen erstmal Entwicklungshilfe in Sachen Demokratie erteilt. Mit Schlägern und Gewehren. Umgekehrt bei den Sandinisten. Ihnen gesteht der Westen die Staatsmacht und deshalb deren Legitimation nicht zu, weil sie den Westfreund Somoza gestürzt haben, um etwas an nationalem Eigen- nutz zu organisieren, statt bloß Stützpunkt westlicher Interessen zu sein. Seither verlangt der Westen von der nicaraguanischen Re- gierung Wahlen. Die Knarren schickt er an die Contras. Seine Ent- wicklungshilfe in Sachen Demokratie besteht hier darin, mittels Handels- und Kreditboykott gegen das jahrzehntelang ausgebeutete Land einen Ausnahmezustand zu produzieren, den dann seine CIA- Söldner zum Kriegszustand ausbauen. Fertig ist der Vorwand, um sich aber diesen "Totalitarismus" zu empören und erst recht die "Rückkehr zur Demokratie" zu verlangen. Und die Sandinisten setzen glatt, sogar vorzeitig Wahlen an. Be- friedigung im Westen? Das glatte Gegenteil stellt sich ein. Die USA fliegen ihren Kandidaten Cruz für die nicaraguanische Staats- präsidentschaft nach Managua ein, damit er Bedingungen an seine Teilnahme an der Wahl knüpft, die in jeder westlichen Demokratie mindestens als verfassungsfeindlich, wenn nicht als Werbung und Unterstützung für eine terroristische Vereinigung abgeurteilt wurden. Die regierenden Sandinisten sollen die "Beziehungen" zwi- schen ihren Massenorganisationen und dem Staat unterbinden, sprich: die Staatsmacht abgeben. Man fordere hierzulande einmal den Kanzler zum Rücktritt auf, weil er in der CDU ist! Und die Sandinisten sollen einen "nationalen Dialog" auch mit den Contras führen, "die zu den Waffen gegriffen haben", sprich: in Kapitula- tionsverhandlungen eintreten. Cruz hat dabei auch die volle Un- terstützung einer Bundesregierung hinter sich, die hierzulande Herbstdemos der Friedensbewegung als "Sabotage" behandelt und zugleich verfassungswidrige "Bewegungen" in deutschen Parlamenten entdeckt. Nur, in Nicaragua verlangt der Westen mit der Forderung nach Wahlen eben die Z e r s t ö r u n g der Staatsmacht. Und deswegen ist ihnen ein Nicaragua ohne wie mit Wahl gleichermaßen unrecht - zumal dann, wenn die Sandinisten mit einem stolzen Wah- lergebnis auch noch für sich Werbung machen könnten. Also läßt der Westen die zunächst geforderten Wahlen von seinen eigenen Op- positionsparteien boykottieren und schon jetzt die Parole ausge- ben: in Nicaragua sind durchgeführte Wahlen "undemokratische Wah- len", also schon wieder einen Krieg wert. Weil geschossen wird, haben Sozialdemokraten gut reden! ------------------------------------------------------- Während die regierenden Führer der USA und BRD aus jedem Zuge- ständnis der Frente neue Beweise ihrer Illegitimität schlagen, weil diese einfach nicht ihre Kapitulation in die Wege leitet, haben sich Brandt, Wischnewski und die SI als Opposition zu Wort gemeldet. Eine ganze Konferenz der "Sozialistischen Internatio- nale" in Brasilien und einige Rundreisen von Sozialdemokraten wie Wischnewski in Latein- und Zentralamerika wurden damit bestrit- ten, für die rechte Opposition und ihren Terror allerhand politi- sche Freiheiten in Nicaragua anzumahnen und auszuhandeln. Ein be- merkenswertes Bündnis. Interessant aber vor allem, was die Erfin- der des Berufsverbots und Oberterroristenbekämpfer alles in Nica- ragua an Demokratie gewagt sehen wollen für ihre Schützlinge Cruz und Co.: Extra-Einschreibfristen für die Wahl, eine Verschiebung des Wahltermins, damit die Rechten noch Zeit fürs Wahlkämpfen (neben dem Terror-Machen) haben; anderthalb Stunden Fernsehen pro Woche... traumhafte Bedingungen für eine aufrührerische 5. Ko- lonne Washingtons. Und warum das Ganze? So, darunter aber eben auch nicht, könnte sich die friedliebende sozialdemokratische Op- position ein unblutiges Heimholen Nicaraguas ins Reich der Frei- heit vorstellen. Diesen Zweck der NATO teilen sie eben voll, wenn sie sich als Alternativführer für seine Durchführung profilieren. Dadurch, daß sie immer die neuesten V e r u r t e i l u n g e n der Sandinisten durch Bonn und Washington ein wenig anders unter- breiten: als "Angebote", sich ihnen gefälligst zu beugen und nachzugeben. Und dabei wissen Brandt und Co. ganz genau, daß die USA ihre militärische Kalkulation von einer solchen europäischen Sonderdiplomatie in gar keiner Weise abhängig machen; das ist die a k z e p t i e r t e G e s c h ä f t s g r u n d l a g e. Mit Wahlen ist es folglich auch für die SI längst nicht mehr getan. Die ganze Alternative zu Reagan und Kohl besteht darin, daß die Sozis vorführen, sie könnten mit dem Willen der Sandinisten deren Entmachtung und die Konterrevolution voranbringen. Perfide ist diese Mache, als ehrliche Makler mit sauberen Händen Angebote an die Sandinisten zu machen, weil diese Kapitulationsforderungen sind. Als Angebote, die Blutvergießen vermeiden, erscheinen sol- che Frechheiten. weil dieses derweil stattfindet. Nur wegen und mit dem K r i e g gegen Nicaragua können die sozialdemokrati- schen Reserveführer als friedliche Verhandlungslösung anpreisen, was der Zweck des US-Krieges ist: Weil geschossen wird, haben So- zialdemokraten gut reden. Ein Erfolg ist ihnen sicher. Sie werfen weltöffentlich eine Schuldfrage auf, die damit auch schon ent- schieden ist: Nicaragua hätte einlenken können... Zugleich profilieren sich die Sozialdemokraten als Vertreter der außenpolitischen Interessen Europas, die mutig aus dem Schatten der USA treten. Ganz eigenständig melden sie das bescheidene An- liegen an, Nicaragua zu einem sozialdemokratischen Brückenkopf Europas in Mittelamerika zu machen. Der Vorwurf, den die SPD da- bei an die regierenden christliberalen in Bonn loswerden möchte, liegt auf der Hand: S c h w ä c h l i c h kuschen sie vor den USA - wenn sie deren Krieg tatkräftig um deutsches Zuschlagen mit den Waffen des Handels- und Kreditboykotts ergänzen und s o deutsche und europäische Zuständigkeit auch für diese Weltregion wahren. Ob ein europäisch beaufsichtigter Hinterhof Mittelamerika den Ni- caraguanern besser bekäme als der US-Stall? Ob es ihnen besser bekommt als den Bewohnern der Vasallenstaaten, die die Europäi- sche Gemeinschaft sich bereits geschaffen hat, in all den Gegen- den Schwarzafrikas zum Beispiel, aus denen zur Zeit eine Hunger- katastrophe nach der anderen gemeldet wird - ?! Für die Menschen- freunde von der "Sozialistischen Internationalen" kein Problem. Daß es den Nicaragianern vielleicht am besten geht, wenn w e d e r Europäer n o c h Amerikaner ihnen, unter dem Druck konterrevolutionären Terrors, Vorschriften machen, ist für einen wohlgesinnten Europäer undenkbar - und war sowieso nie und für niemanden die Frage. P.S.: Das gilt offenbar auch für die Friedensbewegung. Die Mehrheit ih- rer Organisatoren hat sich mittlerweile auf Willy Brandt als Wunschkandidaten für die Abschlußkundgebung der Mittelamerika-De- monstration am 3.11. geeinigt. Wohl kaum, um ihn nicht zum Zug kommen zu lassen. zurück