Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Marxistische Gruppe, Dezember 1984
       
       Genscher, Mitterand, Brandt:
       

"KRIEG IN NICARAGUA? NICHT OHNE UNS!"

Seit die USA die Endlösung Nicaragua auf die Tagesordnung gesetzt haben, fühlen sich europäische Politiker aus Regierung und Opposition auf den Plan gerufen. Sie fordern "friedliche Lösungen für die Region", reisen in Mittelamerika herum und geben jedem, der es wissen will oder auch nicht, ihre "Vorschläge" zur "Regelung" der "Konflikte" zum Besten. Als Vermittler treten sie auf, diese Herrschaften, und wissen zu jeder US-Niederträchtigkeit eine "friedliche" Alternative. Ob Genscher vor der UNO oder Brandt in Managua: alle legen sie sehr viel Wert auf den Nachweis, daß sie ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hätten bei der Frage, welches Schicksal Nicaragua ereilen soll; und alle möchten sie gern den Eindruck erwecken, ihnen würde der Krieg, den die USA gegen Nicaragua führen, gar nicht so recht ge- fallen. Was gibt es denn da eigentlich zu "vermitteln"? Die USA haben schließlich längst zu erkennen gegeben, daß sie in Nicaragua mit keinem anderen Ergebnis zufrieden sind als der endgültigen Besei- tigung der Sandinistas - so oder so. Wo ist sie denn, die "Mitte" zwischen Kaputtmachen und Überleben? Und wo, bitte schön, sind europäische Politiker denn den kriege- rischen Aktivitäten ihres obersten Bündnispartnera irgendwie praktisch entgegentreten? Was bedeutet etwa die jüngste französi- sche Protestnote, in der die Verletzung des nicaraguanischen Luftraums durch die USA mißbilligt wird? Kündigen jetzt die Fran- zosen ihre Bündnisse mit den USA auf? Entsenden sie Mirage-Flug- zeuge und schnelle Eingreiftruppen nach Nicaragua? Keine Rede da- von! Solche Beschwerden europäischer Staatsmänner sind sich in der Frage, w e r in der Region der "wahre Störenfried" ist, völlig einig - ebenso wie in der Frage, daß der Westen ganz prin- zipiell zuständig ist dafür, zu entscheiden, wie in Nicaragua re- giert werden soll und welche Herrscher diesem Land am besten be- kommen. "Die Menschenrechte" sehen Europas Demokraten genauso wie ihre amerikanischen Verbündeten dort unten, wo der Westen auser- lesene Schlächter wie Pinochet zu ihren besten Freunden zählt, nur an einem Ort in Gefahr: "Für alle Staaten Zentralamerikas muß gelten, daß die Menschen- rechte geachtet und die demokratischen Freiheiten gefördert wer- den. Dies muß sich beispielsweise beiden bevorstehenden Wahlen in Nicaragua bewähren." (Genscher) Wie dieser Beweis ausgehen würde, wußte alle Welt schon vorher und hat diese Auffassung dementsprechend bestätigt bekommen. So kommt aus der ganzen Einmischerei der Europäer nur eines her- aus: die Sandinistas bekommen noch einmal von befugter Seite mit- geteilt, welche Maßstäbe der freie Westen an ihre Regierung an- legt - und daß sie diesen Maßstäben nie und nimmer genügen kön- nen. Indem sich die europäischen Regierungen vom amerikanischen V o r g e h e n d i s t a n z i e r e n, die Maßstäbe aber be- kräftigen, an denen die Sandinistas von den USA gemessen und für nicht überlebenswert befunden werden, melden sie den Anspruch an, bei der Neuregelung der politischen Machtverhältnisse in der Region dabei zu sein: neben und zusätzlich zu den USA. Deshalb haben sie nicht nur nichts gegen den Krieg. Umgekehrt: dessen "Erfolge" beim Niedermachen und Zerstören von Nicaragua sind überhaupt die Grundlage dafür, daß sich Europa als Vermittler an- bietet! Und die Sozialistische Internationale ------------------------------------- mit ihrem Vorsitzenden Willy Brandt? ------------------------------------ Die hat gegen diese Tour ihrer regierungsamtlichen Kollegen, sich in die Beseitigung der Sandinistas einzumischen, nur eines einzu- wenden: machen sich die Europäer nicht u n g l a u b w ü r d i g, wenn sie "einseitig" n u r die Sandinistas, nicht aber auch die "undemokratischen Verhältnisse" in El Salvador bemängeln? Geht ü b e r z e u g e n d e europäische Mitsprache nicht gerade so, daß man einerseits die Sandinistas kritisiert, andererseits aber auch die Amis - und gerade so die Botschaft loswird, daß die Verhältnisse in Nicaragua auf jeden Fall wieder im Interesse des freien Westens geregelt gehören? Um diese Botschaft lonzuwerden, ist Willy Brandt mitten im Krieg nach Managua gereist und hat den Sandinistas - als "Freund" - gute Ratschläge gegeben. Die hatten es in sich! Als Anwalt der rechten Bürgerkriegsopposition ist er aufgetreten und hat den Sandinistas - mitten im Krieg! - anempfohlen, "mehr Demokratie zu wagen". Dabei weiß ein Brandt natürlich ganz genau, daß er damit deren freiwillige Selbstaufgabe fordert; und ebensogut ist ihm bekannt, daß kein Zugeständnis der nicaraguanischen Regierung die USA davon abhalten wird, ihr Programm durchzuziehen. Aber daß die S a n d i n i s t a s den Beweis anzutreten haben, daß es e i g e n t l i c h gar nicht n ö t i g wäre, ihnen den Garaus zu machen - das mußte offenbar auch noch mal auf sozialdemokra- tisch gesagt werden. Und das geht so, daß man einerseits die San- dinistas nicht u m s t a n d s l o s verurteilen will (Originalton Brandt: "Wenn das in Totalität Marxisten-Leninisten sind, dann bin ich ein Ameisenbär."), andererseits a u c h an Freunden Amerikas herummäkelt, z.B. die Wahlen in El Salvador ge- nauso ab Farce bezeichnet wie die in Nicaragua. Sehr ausgewogen! Denn daß es ganz prinzipiell in Ordnung geht, daß die USA Nicaragua in den freien Westen zurückzwingen wollen; daß Marxismus-Leninismus, wo immer er sich regt, ausgerottet ge- hört - das hat Friedenswilly ja nur noch einmal bestätigt. Wie es den N i c a r a g u a n e r n bekommt, wenn ihr Land wieder Va- sallenstaat des Westens ist - etwa so wie den Freunden der Euro- päischen Gemeinschaft in Schwarzafrika, wo derzeit eine Hungerka- tastrophe nach der anderen gemeldet wird! - das ist auch für ihn keine Frage. Seine ganze Freundschaft mit Nicaragua besteht eben darin, sich als besserer Friedensbringer zu profilieren, der des- wegen viel glaubwürdiger ist, weil er in Washington und Managua Gehör findet. Dazu trägt er lauter e r f u n d e n e Bedenken vor, ob die Amis die schon erreichten Erfolge beim Wegputzen der Sandinistas auch richtig zu würdigen - und einzuheimsen wissen. Z.B. Folgendes: "Ich weiß, daß die Sandinistas (im Falle einer Invasion) wieder in die Berge gehen werden. Hoffentlich wissen das die Leute in Washington auch. Sie sind das Problem damit nicht los ..." (Brandt im Interview mit der "Tageszeitung", 3.11.) Und das soll eine Kritik des Krieges sein? Daß die Amis es even- tuell nicht hinkriegen, gleich alle niederzumachen? Daß deswegen ausgerechnet die, die den Krieg a n z e t t e l n und Leute hinmachen, deshalb "Probleme" bekommen könnten - mit Leuten, die ums nackte Überleben kämpfen? So geht sozialdemokratischer "Anti-Imperialismus": den O p- f e r n gibt man zu bedenken, ob sie sich die Feindschaft der USA nicht doch letztlich selbst zuzuschreiben haben - und den USA empfiehlt man in, bei der Wahl der Mittel doch auch ja darauf zu achten, daß die e r f o l g r e i c h sind! So ist der US-Krieg die Geschäftsgrundlage für die Selbstanpreisung der "Soziali- stischen Internationale" als die bessere Alternative in Sachen "Befriedung der Region", die bloß leider, leider nicht zum Zuge gekommen sei! Für die Sandinistas jedenfalls sehr beruhigend: nicht nur einen veritablen Krieg aushalten zu müssen, sondern zusätzlich auch noch Gegenstand von lauter Alternativen imperialistischer Profi- lierungsbemühungen in Sachen freiheitlicher Weltordnung zu sein. So bekommen sie noch einmal bescheinigt, daß für alle Welt das E r g e b n i s des Krieges gelaufen ist; und daß deshalb auch die "Frage": Krieg oder "freiwillige" Abdankung? ganz und gar eine des imperialistischen G e s c h m a c k s ist. zurück