Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Wahlsieg der Opposition in Nicaragua
       

EIN VOLK SIEHT'S EIN

In Nicaragua sind neulich freie Wahlen abgehalten worden. Dabei hat die pro-amerikanische Opposition über die Regierung der linksnationalen Befreiungsfront der Sandinisten gesiegt. Grund zur Freude für die Öffentlichkeit des freien Westens: Nach einem "zehnjährigen politischen Leidensweg" unter der FSLN wird das Land jetzt endlich wieder von einer richtigen, weil demokra- tisch gewählten, Herrschaft regiert. Für das überraschend reibungslose Absägen der alten "Kommunisten", das heißt deren vorschriftsmäßige Abdankung, wurde dem Wähler von auswärts reichlich Lob gespendet: So hat der sou- veräne Volkswille in eigener Regie alles richtig gemacht, indem es ihm per Wahl ganz gewaltlos gelang, das bisherige un- freiheitliche System abzuschaffen und das neue mit einer 100prozentigen Legitimation auszustatten. Zum andern war er ganz auf der Höhe der Zeit, die Beobachter sehen das ungefähr so wie die Wahlsiegerin: "Wenn der ganze Ostblock vom Marxismus abrückt, warum sollte er dann hier eingeführt werden? Das Virus der Demokratie wird sich in ganz Mittelamerika verbreiten. Wenn unser Wahlsieg dazu bei- trägt, um so besser." - So ging also die (Wieder-) Einführung von Demokratie und Kapi- talismus in Nicaragua? Per Systemvergleich? Ein mündiges Volk gibt der guten und weltweit bewährten Demokratie den Vorzug ge- genüber einem maroden, zerfallenden sozialistischen Experiment? Was stand da eigentlich zur Wahl? Die USA hatten das Volk vor die Wahl gestellt, ein Weiterregieren der Sandinisten mit den Opfern eines zermürbenden Wirtschafts- kriegs und eines blutigen Guerilla-Kriegs zu bezahlen oder d i e s e Last los zu werden - eine klare Alternative, wie das bei Erpressungen so üblich ist. Aus ihrem erpresserischen Zweck und Vorgehen gegenüber Nicaragua haben die USA keine Minute lang ein Geheimnis gemacht. Und daß sie mit dem jetzigen Wahlergebnis genau ihre Ernte einfahren, weiß auch jeder. Daher ist auch klar, was die "Legitimation der Regierung durchs Volk" heißt: Legitim ist diese Führungsmannschaft, weil ihre Geschäftsgrundlage aus den Interessen des Westens besteht, weil es "unsere" Figuren sind. Und aus keinem anderen Grund steht umgekehrt die "Volksfeindlichkeit" des ganzen sandinistischen Projekts fest. Mit dieser gewaltsamen Festlegung im Anschlag ist auch leichthin zu konstatieren, daß diese "Spielart des Kommunismus" abdanken m u ß t e, da objektiv schädlich für Land und Leute. Wer hat denn ständig Krieg und Blockade auf Nicaragua gezogen? Da die Kapitulation der Nicaraguaner vor der überlegenen impe- rialistischen Gewalt aber eben so elegant als demokratische Wahl inszeniert wurde, tut plötzlich die ganze Welt so, als hätte hier ein vom Marxismus unterdrücktes Volk die Gelegenheit wahrge- nommen, sich für die Segnungen des Kapitalismus auszusprechen! Das Wahlergebnis in Nicaragua ist somit ein weiterer Beleg für die unaufhaltsame Tendenz unserer Zeit, die da heißt: Eines nach dem anderen befreien sich alle Völker aus dem mißglückten Experi- ment namens "Kommunismus". Daß die Nicaraguaner mit ihrer "Entscheidung" für das "freie Spiel der Marktkräfte", das die Dollars ins Land bringt, für sich selber einen Nutzen erwarten könnten, behauptet keiner. Ist doch auch klar, daß für sie der ganze Vorteil darin besteht, dann n i c h t m e h r vom mächtigen Feind zugrundegerichtet zu wer- den und dafür das n o r m a l e Schicksal eines Dritt-Welt-Vol- kes zu genießen. Deshalb ist Nicaragua mit der Wahl auch gleich abgehakt, und al- les schielt nach Kuba, wo einer der letzten "Kommunistischen Un- terdrücker" noch seiner Ausrottung harrt. * Auch für den "taz"-Kommentator ist die Wahl ein klarer Fall von Erhebung eines Volks gegen seine Unterdrücker. Da tut es nichts zur Sache, daß im Falle Nicaraguas die USA gerade beweisen, wie lässig der Imperialismus einen von ihm abhängigen Staat zur Bot- mäßigkeit zwingt - nein, für die fortschrittliche "taz"-Öffent- lichkeit steht fest, daß sich die Sandinisten an Geschichte und Volk vergangen und deshalb zurecht bei den Wahlen den Kürzeren gezogen haben. Danach haben die Wähler in Nicaragua offenbar al- len antikommunistischen Maßstäben Ausdruck gegeben, die ein deut- scher Linker von einer sauberen Partei besitzt: "...Volk hat ein Votum abgegeben gegen ... Avantgardepartei, Kaderpartei, au- toritäre Strukturen, die früher einmal mit Zwängen gerechtfertigt wurden." Diese "Guerillastrukturen" waren jedoch - so weiß die "taz" - "spätestens seit Januar 88 obsolet." Zudem war nach innen eine, für einen Deutschen fast totalitär anmutende Hartnäckigkeit gegenüber den westlichen Lektionen in politischem Anstand festzu- stellen: "Dennoch stand seitdem der (von außen) erzwungenen Ein- führung bürgerlich-demokratischer Politikformen keine innere De- mokratisierung der Staatspartei und ihrer Anhängsel gegenüber." An "unserer" herrlichen Gesellschaftsordnung kann wirklich kein Staat vorbei, denn "die Zeit der Avantgardeparteien ist nun wirk- lich vorüber" (taz). Wo die USA zuschlagen, läßt die demokratische Legitimation der "taz" nicht auf sich warten. zurück