Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Der Veranstaltungskommentar
       
       "Nicaragua - ein neues Vietnam?"
       

ANKLAGE IN FRAGEFORM

Der Botschafter von Nicaragua, Dr. Jose Pasos, besuchte das "Liberale Zentrum" und stellte sich den Fragen der Anwesenden. Senor Pasos führte aus, daß sein Land im Moment gezwungenermaßen "unter den Bedingungen einer Kriegswirtschaft lebt", da die USA Nicaragua als ihren "Vorgarten" betrachten und deshalb nicht dul- den, daß eine funktionale Marionette ihrer Interessen (Somoza) durch eine Regierung ersetzt wurde, die sich nicht bedingungslos zum nützlichen Gartenzwerg der Yankees herrichtet, und da der ge- samte freie Westen die errichtete "wirtschaftliche Abhängigkeit" als politisches Drohmittel einsetzt. Daß es nie und nimmer diese Härten des imperealistischen Zugriffs auf näher und ferner gelegene "Hinterhof-" "Vorgarten-" und "Domino"-Staaten der 3. Welt (also a l l e, wie das "Domino"- Bild besagt!) sind, die einen liberalen Verstand aufregen - das zeigten die diversen Fragen, die Herrn Pasos vorgelegt wurden: - "Kann die Kriegswirtschaft nicht als Vorwand genommen werden, um die Wahlen immer wieder aufzuschieben?" - "Wird die Opposition unterdrückt?" - "Warum ist in Nicaragua keine Pressefreiheit gewährt?" - "Werden die Sandinisten bei einer Wahlniederlage abtreten?" etc. Das sind vielleicht Fragen! Mehr noch: das ist das abgefuckte W e l t b i l d eines "aufgeklärten Beobachters" der internatio- nalen Politik. In scheinheiliger Frageform werden da Dimensionen zurechtgerückt, daß es sich gewaschen hat: Die Bevölkerung hat ihren Blutsauger Somoza, der fast das ganze Land in seinem per- sönlichen Besitz für sich und die USA leben und sterben ließ, verjagt - da fehlte und fehlt nichts so sehr wie "freie Wahlen"! Da wird ein Land wegen beschlossener Unbotmäßigkeit von seinen Gläubigern ununterbrochen schikaniert und von CIA-bezahlten Kon- terrevolutionären zu dauernder Wehrhaftigkeit provoziert, so daß die Versorgung der Bevölkerung (immerhin ein Ziel der Sandini- stas) kaum besser ist als unter dem Ausplünderer Somoza - da fehlt nichts so sehr wie "freie Wahlen"! Da wird der Regierung Nicaraguas eine Bedingung nach der anderen präsentiert (eben die umfassende Z u r ü c k n a h m e ihrer "störrischen" Haltung), unter denen der Revolution nicht m i l i t ä r i s c h die Luft abgedreht wird - da belieben die "Frager" dies für einen billigen Trick ("Vorwand") einzuschätzen, um "immer wieder" n i c h t wählen zu lassen! Solche Dinge wie eingeplantes Verhungern und gezielter Völkermord verblassen doch glatt zu Nebensächlichkeiten, wenn man nur noch eines wissen will: Sind die Machthaber g e w ä h l t? Dieses Leib- und Magen-Kriterium, von dem liberalen Frager ihre Sympa- thie für fremde Souveräne abhängig machen, ist erstens also z y n i s c h - wohlgemerkt: die Behauptung lautet ja nicht, freie Auswahl von Herrscherfiguren vermeide Not und Gewalt, son- dern die Sandinistas seien durch ihr undemokratisches Gebaren (m i t-)s c h u l d i g an den Massakern, die an ihnen verübt werden. nach dem Motto: 'Wer nicht wählen läßt, kriegt von frei gewählten Politiken eins, zwei, drei auf den Deckel' - wenn das nicht gerecht ist! Dieses Kriterium ist zweitens auch - und das ist der Clou der "Fragerei"! - absolut identisch mit dem r e g i e r u n g s- a m t l i c h e n "Bedenken" gegen Nicaragua, in dessen Namen momentan die "Disziplinierung" der Sandinisten durch ledernackige Freiheitsexporteure läuft. Kein Wunder also, daß der scheinbare moralische G e n e r a l- Vorbehalt (Wahl - ehrenwert; Diktatur - pfui!) Konjunkturen hat, also berechnend ist: "Unsere" verbündeten Gorillas befinden sich selbstverständlich immerzu tendenziell auf dem Weg zur Demokrati- sierung, während jede Abweichung von der freiheitlich-demokrati- schen Weltordnung nach "Bestrafung" durch selbige geradezu schreit - und zwar egal, ob gewählt wird oder nicht! zurück