Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 89, 07.02.1984
Arbeitsbrigadist Scherf übt "Solidarität" mit Nicaragua - bloß
welche und wofür?
SCHERF - DIE 5. KOLONNE BONNS!
"Die aktive Präsens europäischer und auch amerikanischer Demokra-
ten in Nicaragua ist äußerst wichtig, um das Land nicht ins kom-
munistische Lager abgleiten zu lassen." (Kunick im Weser-Kurier.
21.1.84")
Henning Scherf war auf Prominentenbrigade in Nicaragua. öffentli-
che Sprachrohre der Bonner Regierungslinie nutzen das für den
Verdacht, hier sympathisiere ein Oppositionspolitiker deutscher
Nation ungebührlich mit einem freiheitsfeindlichen Regime. Ist
Henning Scherf deshalb schon ein Kritiker der westlichen Kriegs-
politik gegen das sandinistische Nicaragua? Sicher ist, daß Hen-
ning Scherf ein Mann der SPD ist. Und diese Partei hat seinerzeit
unter Kanzler Schmidt die Kriegspolitik des Westens miteingelei-
tet. Die Bundeswehr leistete wie immer ihren "unschuldigen" NATO-
Flankenschutz fürs amerikanische Zuschlagen in Mittelamerika.
Scherfs Parteifreund Offergeld stornierte die Entwicklungshilfe-
kredite an Nicaragua, während gleichzeitig auf der Rückzahlung
westlicher Kredite an den Schlächter Somoza bestanden wurde. Auch
nach der "Wende" verlangten maßgebliche SPD-Politiker von den
Sandinisten die Erfüllung all der westlichen Gebote, in deren Na-
men der Westen Nicaragua fertigmacht. Sicher ist auch, welchen
Beruf Henning Scherf ausübt. Bremens Sozialsenator spart an den
Leuten, die durch Politik und Geschäft unterhaltslos gemacht wur-
den damit die Staatskasse nur für die wichtigen Aufgaben deut-
scher Politik sprudelt: für Raketen und ähnliche Geschosse, die
deutscher Weltpolitik immer größere Durchschlagskraft verleihen.
Und dieser Mittäter deutscher Politik soll in Sachen Nicaragua
plötzlich ein Kritiker des westlichen Imperialismus und eine Hel-
fer seiner Opfer sein?
Nicaragua: Ein Opfer des westlichen Imperialismus
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Und das weiß Scherf:
"Jetzt hat die Frente das Problem, dieses Land wieder aufzubauen.
Dabei muß sie das Land schätzen vor aus dem Ausland gegen sie
kämpfende alte Nationalgardisten, die mit Unterstützung von Hon-
duras und den Vereinigten Staaten dort jeden Tag Leute umbrin-
gen." (Scherf)
Und? Kritisiert er nun die Ziele einer westlichen Politik, die
jeden Tag Leute umbringen"? Im Gegenteil!
Scherf teilt d a s Ziel westlicher Kriegspolitik
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auf seine hinterfotzige Tour. Die heißt Solidarität. Solidarisch
ist Scherf damit, daß Land und Leute Nicaraguas dem westlichen
Block gehören sollen, ein unbotmäßiges Nicaragua also kein Exi-
stenzrecht besitzt. Dieses westliche Ziel schiebt Scherf seinen
Paradenicaraguanern in den Mund, um ihnen dafür auf die Schultern
zu klopfen, daß sie ganz "blockfrei" das wollen, was die NATO ih-
nen mit Gewehren abverlangt.
"Die dort in Nicaragua merken, daß sie getragen sind von solida-
rischen Freunden in der ganzen Welt. Insbesondere von Menschen
aus Ländern, die mit den Vereinigten Staaten verbindet sind. Das
ist ganz besonders wichtig, weil die Nicaraguaner just die an-
sprechen wollen, um sichtbar zu machen, daß sie nicht von einem
Block in den anderen wechseln wollen. Sie wollen wirklich block-
frei sein. Und das (!) können sie im Grunde überzeugend belegen
dadurch, daß sie große Unterstützung in Westeuropa haben."
(Scherf)
Alles klar? Die maßgeblichen NATO-Mächte betreiben die Liquidie-
rung der Sandinisten-Regierung ohne wenn und aber, weil sie es
gewagt hat, den treuen NATO-Vasallen Somoza zu stürzen. Und
Scherf? Der hält eine militärische Intervention für überflüssig,
wenn sich deren Ergebnis, ein linientreuer West-Staat, unter Be-
nutzung Nicaraguas erpressen läßt. Umsonst ist eine
"Unterstützung in Westeuropa" nicht zu haben. Ein Ziel, zwei
Wege, die sich ernstlich nicht einmal ausschließen, sondern ein-
ander ergänzen...
Scherf sondiert und begrüßt die Erfolge westlicher Kriegspolitik
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auf seine gemeine Weise. Er l o b t das Opfer freiheitlicher
Politik dafür daß es e nüber den Erpressungen und Gewehren des
Westens Nachgiebigkeit, pardon - "Vernunft" beweist:
"Pressezensur... weitgehend zurückgeschraubt. Außerdem bemühe man
sich um die Rückkehr der zahlreichen Emigranten... Ankündigungen,
Wahlen abhalten zu wollen." (Scherf)
Im Namen dieser Kriterien, wenn auch nicht aus diesem Grund,
macht der Westen Nicaragua fertig: militärisch, politisch, ökono-
misch. Und alle Zugeständnisse der Sandinisten in dieser Frage
benutzt er als zusätzliche Waffe. Nicht schlecht für das westli-
che Programm ist z.B., wenn mitten im Krieg die Sandinisten den
ehemals vertriebenen Clans und Somoza-Schergen wieder den Zugang
zu Reichtum und Macht auf nicaraguanischem Boden eröffnen müssen.
Das trägt zur Destabilisierung der sandinistischen Regierung bei.
Scherf selbst hat es sich nicht nehmen lassen, demonstrativ das
Blatt der Frente-Gegner La Prensa zu kaufen, um anschließend in
bester Laune mitzuteilen, das sei natürlich kein Beweis für eine
vollständige Pressefreiheit...
Scherf benutzt Kriegserfolge für Bremer Geschäfte
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'Noch ist Nicaragua nicht verloren', lautet die Langzeitperspek-
tive Scherfs, die den US-Krieg nicht verurteilen sondern mit ihm
kalkulieren will. Dessen Erfolge schließlich produzieren die Not-
lage des sandinistischen Nicaragua, die Scherf nicht bloß diplo-
matisch, sondern nebenbei auch noch geschäftlich ausnutzt:
"Scherf verhandelte mit dem Außenhandelsministerium darüber, den
Kaffee des Landes fortan nicht mehr über London, sondern via Bre-
men nach Europa zu transportieren."
Das ist Arbeitsteilung: militärisch und mit allen Mitteln der Er-
pressung bestreiten die westlichen Freunde den Sandinisten das
überleben, ruinieren den Preis von deren Exportprodukten wie Kaf-
fee etc.; dann bleibt den Sandinistas kaum eine andere Wahl, als
sich bei dem "solidarischen" Scherf für ein Geschäft seiner Bre-
mer Kaufmannschaft mit Kaffee aus Nicaragua dankbar zu erweisen.
Nicht auszudenken, wenn sich das Land auch noch das Wohlwollen
dieses "Freundes" verscherzt!
Wie billig er sich den Ruf des Freundes zuziehen konnte bei Leu-
ten, denen der Westen die Pistole auf die Brust setzt, damit gibt
Scherf auch noch offen an. Er läßt sich bis heute die nach drüben
geschenkte "Gröpeln" honorieren, ein schrottreifer Kahn, der hier
als Sicherheitsrisiko aus dem Verkehr gezogen wurde:
"In Wahrheit handelte es sich um alte, ausgediehnte Fähren, die
für uns ein Transportproblem auslösten, aber keine Investitions-
ausgaben." (Scherf über sein "Geschenk")
Eben. Die entscheidenden Investitionsausgaben in Sachen Nicaragua
fallen im Pentagon und beim CIA an, demnächst sicher auch wieder
im deutschen Entwicklungshilfeetat.
Und wem nützen diese Worte und Taten von Scherf?
Den L e u t e n in Nicaragua sollten sie gar nicht helfen;
denen hat der Mann schließlich Pressefreiheit, Wahlen und so Zeug
dringend empfohlen, in deren Namen ihre Regierung bekriegt und
ihnen das überleben schwer gemacht wird. Den
r e g i e r e n d e n S a n d i n i s t e n gilt seine Solida-
rität auch nicht; schließlich sind sie auch unter Scherfs Krite-
rien eines keimfrei antikommunistischen Nicaragua zum (eventuell
besserungsfähigen) Hindernis erklärt. Sie sind für Scherf Mittel
zum Zweck:
"Im Grunde bleibt gar nichts anderes, wenn man sich mit diesem
befreiten Volk verbünden (!) will, dann muß man sich an den San-
dinisten orientieren (!), denn sie sind die politischen Träger
dieser Befreiung." (Scherf)
Wem gilt also Scherfs "Solidarität"?
Scherf übt Solidarität -
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mit einem alternativen Weg für den Imperialismus!
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"Ich denke, daß eine Auseinandersetzung innerhalb der Bundesre-
gierung läuft darüber, ob man die amerikanische Politik in La-
teinamerika um jeden Preis (!) unterstützen muß. Da scheint mir
Herr Genscher die vernünftigere Position zu haben. Das ist ein
Stück Hoffnung." (Scherf)
Um j e d e n Preis natürlich nicht! N e b e n dem US-Krieg
gegen die sandinistische R e g i e r u n g will Scherf
N i c a r a g u a für Deutschland gewinnen! Das schwebt dem Mann
als die "preiswerteste", weil "glaubwürdigere" und saubere Me-
thode des Imperialismus vor, die zweitens auch den deutschen In-
teressen zuträglicher ist: so behält Bonn in Mittelamerika den
Fuß in der Tür. Wenn sich dieses Ergebnis nicht unter Benutzung
des Opfers erpressen läßt, garniert mit viel Solidaritäts-Tam-
Tam, dann, ja dann...
Und dieser Polit-Brigadist der 5. Kolonne Bonns soll ein Diskus-
sions-Partner sein?
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