Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 89, 07.02.1984
       
       Der Veranstaltungskommentar
       

"MÖGLICHKEITEN DER SOLIDARITÄT MIT NICARAGUA" (ASTA UND SCHERF)

"Konkrete Hilfe" und "praktische Solidarität mit Nicaragua" waren die erklärten Ziele der AStA-Veranstaltung zum Thema "Nicaragua nach der Grenada-Invasion". Dafür wollten Hubertus Schwarzkopf, der mehrere Jahre als Arzt in Nicaragua praktizierte, und Jochen Killing werben. Und dazu, meinten die Veranstalter, sollte auch Bremens Sozialsenator Henning Scherf Stellung beziehen. Dieses Ansinnen tut dem SPD-Politiker eine Ehre an, die seine Politik in Sachen Nicaragua nicht verdient - behauptete die Marxistische Gruppe. (Siehe dokumentiertes Flugblatt "Scherf - die 5. Kolonne Bonns!" auf S. 3 dieser BHZ). Die Auseinandersetzung auf der Ver- anstaltung war also unvermeidlich. Was heißt hier eigentlich Hilfe? -------------------------------- Wer Nicaragua "Hilfe" zukommen lassen will, hat dort eine Notlage entdeckt und tritt mit dem Anspruch an, diese beseitigen zu wol- len. Unbestreitbar: Die Nicaraguaner könnten Lebensmittel gut ge- brauchen, erst recht Produktionsmittel dafür. Nur ist diese Not- lage gar nicht durch einen vorfindlichen Mangel dortigen Wirt- schaftens begründet. Jahrzehntelang ist dieses Land unter Somoza für die Bedürfnisse westlichen Geschäfts auf Kosten einer Ernäh- rung(sproduktion) für die Nicaraguaner umgewälzt worden; und der Krieg Somozas gegen das Volk hat seine Spuren hinterlassen. Die Schulden dieses Diktators lassen sich die westlichen Kreditgeber heute von den Sandinisten bedienen, während Politik und Geschäft des Westens zugleich einen Wirtschaftskrieg gegen Nicaragua füh- ren. Seine wenigen Exportprodukte werden gar nicht oder nur zu Schleuderpreisen gekauft. Weil also hiesige Täter aus Politik und Geschäft die Notlage der Nicaraguaner p r o d u z i e r e n, schaffen Spendensammlungen keine Abhilfe. Nicht, daß sie keine oder zu wenig Lebensmittel zusammenbringen, ist dagegen einzuwen- den. Sondern, daß sie die Ursachen nicaraguanischen Elends wei- terwirken lassen, statt sich daran zu machen, eben die abzustel- len. Apropos Medikamentensammlungen, mit denen Scherf sich als Helfer in der Not vorgestellt hat: Das hätte man den Mal fragen können: Was kosten die Kredite aus deutschen Staatskassen und - Banken, was kosten die Profite Bremer Kaffeeröster die Nicaragua- ner an Krankheiten, Verletzungen, gar Leichen? Von den auch mit deutschem Gerät ausgestatteten Contras ganz zu schweigen. In Nicaragua ist Krieg - wie helfen? ------------------------------------ Dabei ist die Notlage in Nicaragua gar nicht wirtschaftlicher Art. Mit Krieg überzieht der Westen das Land. Die Bundesrepublik ist voll dabei: mit Wirtschaftskrieg, Diplomatie und als Militär- macht. Nicht nur verteidigt dieser NATO-Staat hierzulande die Freiheit, die des Westens nämlich, auch in Nicaragua Krieg zu führen. H. Schwarzkopf war es, der auf die Teilnahme der Bundes- marine an Manövern in der Karibik hinwies. Gegen diese Notlage Nicaraguas, Opfer eines westlichen Krieges zu sein, geht doch wohl nur auf eine Weise Abhilfe zu schaffen: den Tätern des west- lichen Bündnis muß ihre Macht dazu bestritten werden. Und die gründet eben und beschafft sich ihre sachlichen Mittel aus einer Reichtumsproduktion hier, für die ein arbeitsames Volk bescheiden und brav zu sein hat. Sicher, wer diese Sorte Ausbeutung unter dem politischen Ehrentitel "Demokratie" für eine recht passable Sache hält, der wird Gründe für einen effektiven sozialen Unfrie- den hier nicht entdecken, wahrscheinlich auch nicht anläßlich der Schießereien in Nicaragua. Bevor ein Gedanke auf die "Entwaffnung" der Täter hier verschwendet wird, kommt der 3. Welt-Solidarität eher noch eine Sammlung für ein Gewehr plau- sibler vor - obwohl niemand ernstlich glaubt, daß Nicaragua damit der Kriegsdrohung des Westens entgeht oder sich ihrer erwehren könnte. Aber als Symbol für die eigene gute Absieht ist dieses für Nicaragua untaugliche Mittel manchmal noch im Gespräch wie auf der AStA-Veranstaltung eben. Die Perspektive des ASTA in dieser Frage lag allerdings anderswo. ASTA: "Politische Kosten in der BRD hochtreiben" ------------------------------------------------ Der ASTA hatte eine Alternative. "Hier" sollen Aktionen an US-Mi- litäreinrichtungen die "politischen Kosten einer Invasion in Ni- caragua hochtreiben". Dabei glauben z.B. US-Depot-Blockadeure selbst nicht, daß sie so die Durchführung der Kriegspolitik auch nur stören könnten. Da schätzen sie den bundesdeutschen Staat und seinen amerikanischen Freund richtig ein, sowohl was die Einig- keit in den weltpolitischen Zielen als auch den rücksichtslosen Einsatz der Staatsgewalt zu deren Durchsetzung anbelangt. Deshalb sollen ihre Aktionen als S y m b o l verstanden werden. Nur, bei wem soll das dann die "politischen Kosten hochtreiben"? Den deutschen Staat stören die Kosten, die seine Ordnungskräfte den Blockadeuren zufügen, nach deren eigener Einschätzung nicht. Denn schließlich rechnen die Demonstranten die ihnen beigebrachten Blessuren als "Kosten" hoch. Und die Öffentlichkeit der Bundes- bürger? Solange diese sich die für sie gar nicht bekömmliche, of- fizielle Lüge zu Herzen nehmen, in "unserem", also angeblich auch in ihrem Interesse gehöre in Nicaragua mit dem Kommunismus aufge- räumt, "leuchtet" ihnen auch ein skrupelloses Vorgehen deutscher Staatsgewalt gegen hiesige Demonstranten "ein". Das ist eben der Fehler symbolischer Blockaden: Die H o f f n u n g, Demokraten oben oder wenigstens unten im Volk mußten etwas gegen Ge- walt(instrumente) gegen Leute haben, trügt. S i e ist kein He- bel gegen die verkehrten "guten" Gründe demokratischer Bundesbür- ger, für die Durchsetzung ihres freien deutschen Staates einzu- stehen. Und schon gar nicht ist sie deswegen ein Mittel gegen die herrschenden Demokraten. Oder kommt es der "Solidarität mit Nicaragua" gar nicht darauf an, den bundesdeutschen und westlichen Machern von Elend und Lei- chen in Mittelamerika Einhalt zu gebieten? Wer sich Henning Scherf einlädt, um mit ihm die "Möglichkeiten" der SPD und der Sozialistischen Internationalen zu besprechen, der liebäugelt of- fenbar eher mit der Macht, die diese Fraktion westlicher Politi- ker von Hubertus, Hinz und Kunz unterscheidet. Nach dem Motto: wenn es die M a c h t der Politik ist, die ganze Weltgegenden zu- und manchmal zugrunderichtet, dann muß sie auch für das men- schenfreundliche Gegenteil einzuspannen sein. Klar, die AStA- Leute bewegt schon das Mißtrauen, ob sie sich damit nicht statt eines potenten Bündnis partners einen M i t t ä t e r westli- chen Zuschlagens in Nicaragua angelacht haben. - Nur konnte Scherf mit dem ebenso schlichten wie verlogenen Vergleich, er sei weder Reagan noch der CIA und habe noch nie für eine Invasion in Nicaragua plädiert, alle Zweifel diesbezüglich ausräumen. Da wollten seine erleichterten Bündnispartner die Prüfung s e i n e r Politik lieber nicht zulassen. So geht das also: Je härter die NATO-Führungsmacht zuschlägt, desto billiger wird der Persilschein weltpolitscher Unschuld für bundesdeutsche, gar so- zialdemokratische Oppositionspolitiker! Man muß nur nicht Reagan heißen (Grenada-Invasion angeordnet!), um heutzutage auch als Vo- gel und Kohl den Titel 'Friedenstaube' einheimsen zu können. Titel Friedenstaube' einheimsen zu können. So rechnet Scherf! Und für seine Selbstdarstellung als Helfer Nicaraguas b e n ü t z t der Mann alle Pressalien und Kriegsdrohungen gegen das Land von Seiten der USA. Wenn ein Scherf von den Sandinistas lauter Zuge- ständnisse an den Westen abfragt und absahnt; wenn ihm dieser schäbige Zweck "Erpressung als Einvernehmen" ein paar entspre- chend schäbige "Geschenke" wert ist, dann wollen die Basisaktivi- sten der Nicaragua-Solidarität eines auf keinen Fall zur Kenntnis nehmen: Scherfs berechnenden Einsatz billiger "Solidaritäts- symbole" als Mittel für diplomatische Nadelstiche. Den guten M e n s c h e n Scherf, wollen diese Leute für ihre Hilfs- aktionen gewinnen, weil sie sich von seinem A m t, der Partei und ihren Posten an der Macht wirksame - ausgerechnet! - Hilfe erwarten. Das nennen sie dann auch noch "realpolitisch": von den S c h ä d i g e r n der 3. Welt, w e i l sie die Macht haben, soll man auch noch das glatte Gegenteil erwarten! Geglaubt wird dieser Schwindel selbst in den eigenen Solidaritätsreihen nur sehr bedingt: denn der gute Mensch Scherf, den man w e g e n seines Amtes glaubt einspannen zu können, ist gleichzeitig auch immer durch sein Amt im Verdacht, ein doppeltes Spiel zu treiben. Die einfache Wahrheit dagegen lautet: der Solidaritäts-Henning paßt zum Amts-Scherf wie die Faust aufs Auge. Eine Täuschung in dieser Frage ist zwar fatal, aber durchaus willkommen: der SPD, die sich um ihre "Ränder" kümmert. *** Henning Scherf: 'Ich bin kein Diplomat' ----------------------- antwortete immer mit dem Gestus des kleinen Fuzzys auf die Frage, ob er seinen politischen Einfluß g e g e n die US-Kriegspolitik gegen Nicaragua einsetze. Also: Nein! Was er denn dann als Poli- tiker in Nicaragua zu suchen gehabt habe? Diese Frage beantwor- tete er dagegen streng als Diplomat: "Die haben mich eingeladen." Sollte beweisen: untadeliger Freund Nicaraguas. Von wegen! Was macht wohl die Regierung eines Staates, die vom Westen mit Krieg überzogen wird und das militärisch nicht zurückweisen kann? Die schon gar kein ökonomisches "Argument" dagegen aufzubieten hat? Sie setzt auf die "Freundschaft" auch noch des letzten Geiers, der vielleicht irgendeinen Einfluß auf die Politik des Kriegsgeg- ners hat. Und was hat Henning Scherf daraus gemacht? "Erfahrungen" ------------- Und was für welche! "Besonders beeindruckt hat mich, daß die Frente dem Volk Waffen gibt. Darunter auch solchen, die sie noch bis vor kurzem als po- litische Feinde behandelt und in Gefängnisse gesperrt hat. Die haben z.B. Miskitos amnestiert, die zu ihren umgesiedelten Fami- lien zurückkehren durften. Und die haben in ihren Hütten Waffen. Ich werte das als Zeichen dafür, daß sich die Frente innenpoli- tisch stabilisiert hat, daß sie sich auf ein breites Vertrauen im Volk stützen kann." Wenn dieser Politiker auf ein Volk unter Waffen stößt, dann denkt er nicht an den westlichen Feind, der den Nicaraguanern das auf- nötigt. In d e r Frage ist er ja "kein Diplomat"! Nein, er stellt sich beobachtend neben dieses Resultat des Wirkens seiner politischen Bündnispartner und checkt es daraufhin ab, mit wel- cher politischen Macht in Nicaragua zu rechnen ist. Seinen Befund - 'alle Achtung, ziemlich stabil' - sollte man nicht mit einem Kompliment an die Ziele sandinistischer Politik verwechseln: hier kalkuliert ein Profi der Macht die Bataillone seines Gegenübers. Das i s t Diplomatie! Die trostlosen Versuche der S a n d i n i s t a s, einen "Freund" warm zu halten, sind also keineswegs der Beweis, den Scherf damit belegt haben wollte: er habe ein solidarisches Herz für die Nicaraguaner, sonst wäre er ja nicht eingeladen worden. Empfangen haben sie auch den Ami Stone, den Kriegsgesandten Rea- gans. zurück