Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl
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"Auf zu neuen Ufern" - Die akademische Linke äußerte sich wieder
einmal zu Nicaragua:
TROTZ WELTMARKT UND KRIEG -
WIR KÖNNEN DIE SANDINISTEN NICHT FREISPRECHEN
"Auf zu neuen Ufern" heißt eine Veranstaltungsreihe der Unabhän-
gigen Fachschaften im Asta. Das Thema der letzten Veranstaltung
(am 16.1.) lautete "Wirtschaftlicher Handlungsspielraum nach ei-
ner Revolution am Beispiel Nicaraguas". Als Referent geladen war
Helmut Scheben, Mitarbeiter des Mittelamerika-Infodienstes und
bis '84 Nicaragua-Korrespondent der TAZ. Dessen Vortrag lieferte
u.a. folgende facts:
"Nicaragua ist ein Agrarexportland mit schwerer 'Erblast'... Als
der Baumwollpreis in den 50er Jahren (Koreakrieg um 150% anstieg,
wurde in Nicaragua massenhaft Baumwolle angepflanzt. Klein- und
Mittelbauern, die Grundnahrungsmittel anbauten, fielen dem zum
Opfer... Konzentration auf Baumwolle, Zuckerrohr und extensive
Viehwirtschaft... Dies ist klassisch für Dritt-Welt-Länder: Nica-
ragua wurde zum Agrarexportland und in seiner Wirtschaft von Im-
porten abhängig. Vom Agrarerlös werden 90% der Importe bezahlt...
Nach der Revolution wurden landwirtschaftliche Nutzflächen, d.h.
der Besitz Somozas, Banken und der Außenhandel verstaatlicht...
Ab 1983 nehmen die konterrevolutionären Maßnahmen der USA enormes
Ausmaß an... eine endlose Schädigung der Wirtschaft trat ein. Die
Kluft zwischen den Sandinistas und dem anfangs kooperativen Teil
der Privatwirtschaft war 83 sehr hoch; was die Sandinistas auch
vorschlugen, es wurde abgelehnt. Ab 1983 stand jede wirtschaftli-
che Maßnahme unter dem Diktat des Krieges... Das, was innenpoli-
tisch vorgewiesen werden mußte an Infrastruktur, für die Bevölke-
rung etc. konnte nicht durch die Produktion im Lande abgedeckt
werden. Sie brauchten neue Kredite, mußten sich weiter verschul-
den; alles dies ist Resultat des Krieges."
Schon alleine mit dieser Schilderung wäre die Frage nach dem
"wirtschaftlichen Handlungsspielraum" in Nicaragua beantwortet,
nämlich plus minus null (+-0). Welche eigenen Zwecke die Sandini-
stas mit einer von ihnen eingerichteten Wirtschaft irgendwann
einmal verfolgen wollten - sie werden zuschanden an der Bedin-
gung, unter die die USA Nicaragua sie gebeugt haben: Krieg. Die
USA lassen die Sandinistas die politische Unbotmäßigkeit, einen
treuen Statthalter Amerikas wie Somoza vertrieben zu haben, teuer
bezahlen: die nicaraguanischen Revolutionäre müssen erstens zuse-
hen, daß überhaupt noch etwas produziert werden kann, und zwei-
tens jedwede Produktion unter das Diktat des ihnen aufgezwungenen
Krieges stellen...
Aber wie gesagt, es wäre die Beantwortung der obigen Frage gewe-
sen. Nicht jedoch für den Referenten und sein Publikum.
"Der Faktor (!) US-Politik fällt natürlich wirtschaftlich enorm
ins Gewicht."
Und gerade so, als hätten sie die Befürchtung, Nicaragua bzw. die
Sandinistas wären bei ihnen zu gut weggekommen, traten sie den
Beweis an, auf dem linken Auge auch nicht blind zu sein:
"Aber nicht die ganze Wirtschaftsmisere (!) ist auf die Contras
zurückzuführen."
Dazu gehört schon die ganze Unverfrorenheit akademisch gebildeter
Linker:
Erstens: Um zu dem Urteil "Wirtschaftsmisere" zu gelangen, mußten
die paar anfänglich ausgebreiteten Wahrheiten über Dritt-Welt-
Länder die Zurichtung ihrer Ökonomie auf den W e l t markt, der
von den imperialistischen Staaten gemacht wird - schleunigst ver-
gessen werden; erst recht vergessen werden mußte der Krieg, der
gegen Nicaragua auf dessen Boden geführt wird. Dann, aber nur
dann lassen sich die Sandinistas als souveräne S u b j e k t e
einer W i r t s c h a f t ("Was ist denn das Wirtschaftskonzept
der FSLN?") imaginieren - übrigens eine Anfrage, die da, wo sie
am Platze ist, nämlich bei den politischen Subjekten kapitalisti-
scher Ökonomien incl. Weltmarkt (Adressen: Bonn, London, Washing-
ton etc.), nicht (mehr) vorzukommen pflegt - weil deren Wirt-
schaft ist ja in keiner 'Misere'!
Zweitens: Es ist schon ein schlechter Witz, Nicaragua mit der
Meßlatte einer 'krisenfrei funktionierenden Ökonomie' zu beglüc-
ken. Verdanken tut sich dieser aparte Gesichtspunkt einem abge-
brühten Moralismus: der Suche nach (Mit-)Schuldigen, die dafür
verantwortlich zeichnen, daß es der Welt an der Verwirklichung
der Ideale westdeutscher kritischer Intellektueller gebricht.
Also wird Nicaragua und dessen "Sandinistische Revolution" dem
Vergleich mit den Maßstäben, die die hiesige kritische Mafia ihr
eigen nennt, unterzogen. Drei Beispiele:
- "Ich habe gehört, daß die Lohnerhöhungen auch sehr ungleich
vorgenommen wurden. Wie rechtfertigen die Sandinistas im Land,
daß es zum Teil vierfache Lohnerhöhungen gibt?... Die einheitli-
che Lohn- und Tarifskala von 83 ist nicht durchgesetzt."
Entspricht Nicaragua den Gerechtigkeitsvorstellungen von Leuten,
die ja bekanntlich laufend gegen die ausgeklügelte Lohnhierarchie
in jedem ordentlich kapitalistischen Land Sturm laufen?
- "Gibt es da nicht ökologische Schäden, wenn die jetzt so inten-
sive Agrarwirtschaft betreiben?"
Entsprechen die "wirtschaftlichen Maßnahmen", die "ab. 83 unter
dem Diktat des Krieges stehen" (s.o.) auch der ökologischen Idio-
tie von einer unversehrten Natur und der daraus abgeleiteten Sor-
gepflicht der Gattung Mensch Abteilung Nicaragua für die Überle-
bensbedingungen der künftigen Generationen? Was juckt es demge-
genüber schon, daß die gegenwärtigen Generationen in Nicaragua
zusehen müssen, daß sie nicht verhungern?!
- "Wie steht es in Nicaragua mit den Informationsstrukturen? Wird
da offen diskutiert?"
Die Vorstellung, daß ein nicaraguanischer Landarbeiter, der mit
Hacke und Gewehr in der Hand um sein nacktes Überleben kämpft,
nichts so dringend braucht wie "offene Kommunikationsstrukturen",
kommt diesen sensiblen Geistern überhaupt nicht absurd vor. Und
was wäre, wenn die Antwort auf diese heiße Frage absolut negativ
ausfallen würde: Nein, die Commandantes wickeln das ihnen aufge-
zwungene Notstandsprogramm doch glatt nicht als kritischen Dis-
kurs ab?
Lohngerechtigkeit, Ökologie, Diskussion - dazu lauter Fragen, auf
deren Beantwortung es gar nicht ankam. Derlei G e-
s c h m a c k s fragen an Nicaragua angelegt taugen sowieso nur
zur Pflege des eigenen kritischen Selbstbewußtseins sind also
auch gerade so kunterbunt wie ignorant gegenüber dem "Beispiel"
Nicaragua.
"Der Faktor US-Politik sollte nicht vernachlässigt werden. Das
ist alles als längst bekannt vorausgesetzt."
"Warum hilft denen die SU nicht? 3 Millionen Leute müßten doch zu
ernähren sein."
In der Tat "müßten"! Bloß wird der Standpunkt der "Ernährung von
3 Millionen Leuten" als ungehörige Einmischung in die Weltwirt-
schaftsordnung definiert und von der imperialistischen Welt mit
einem Kriegsprogramm beantwortet. Und dementsprechend gilt jeder
Sack Weizen, der auf einem sowjetischen Frachter nach Managua an-
geliefert wird, als besonders hinterhältige Unterstützung für ein
"Regime", das aus dem "Hinterhof/Vorgarten" der USA hinausgesäu-
bert werden soll. Aber "das ist ja als längst bekannt vorausge-
setzt", also abgehakt und ad acta gelegt!
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