Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA NICARAGUA - Die Freiheit läßt keine Wahl


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       Der Veranstaltungskommentar
       

NICARAGUA

Gegen die Illusionen, die die hiesige Linke mit noch so ziemlich jeder Machtübernahme einer nationalen Befreiungsbewegung verbin- det, argumentierte die MG auf der NICARAGUA-Veranstaltung am 4. Dezember. An den Ergebnissen eineinhalbjähriger Junta-Herrschaft wurde vorgeführt, daß die Vorstellung, hier habe der Imperialis- mus eine herbe Niederlage eingesteckt und der Kampf gegen die Not der Bevölkerung einen entscheidenden Sieg errungen, eine schwere Hoffnung ist, die auf die Realität - in Nicaragua gerade nicht bauen kann: an der läßt sich nur studieren, wie der Imperialismus in diesem Staat funktioniert auch ohne Somoza. Das idealistische Programm der neuen Machthaber, einen "nationalen Wiederaufbau" zustandezubringen, dessen Früchte der eigenen Bevölkerung zugute kommen sollen, hindert die Sandinistas nämlich exakt solange nicht, in Nicaragua die Herrschaft auszuüben, solange die Ge- schäftsinteressen der USA sich nicht gestört fühlen. Dafür gibt es einige Gründe: - Die Mittel, um "national wiederaufzubauen" und das heißt, um überhaupt Geld in die Staatskasse zu bekommen, liegen im Ausland; für USA und Co. ist die neue Junta-Regierung kreditwürdig in ge- nau dem Maße, in dem sie die alten guten Beziehungen aufrechter- hält; neben der praktischen Versicherung, "kein zweites Kuba" werden zu wollen, bedeutet dies die Bereitschaft der Sandinisten, ihr Land als Plantage für auswärtige Kapitalinteressen weiterhin zur Verfügung zu stellen. - An dieser Bereitschaft hat es nicht gefehlt: schließlich ist der Export, der Abtransport von all dem, was das Land an Dingen hergibt, mit denen ausländische Kapitalisten ein Geschäft zu ma- chen verstehen, d i e Einkommensquelle eines Staatshaushalts, der von keiner nationalen Ökonomie lebt. Freilich ist damit ein nicaraguanisches Staatseinkommen noch lange nicht garantiert: so brachte die diesjährige "Rekord-Kaf- fee-Ernte" keine Rekord-Einnahmen, weil der Weltmarktpreis in- zwischen um 30% gesunken war. Was man nämlich auf dem Weltmarkt für die angebotenen Landwirtschaftsprodukte erzielt, das hängt von denen ab, die des Geschäfts wegen kaufen wollen und nicht von denen, die des Geldes wegen verkaufen müssen. Garantiert ist aber weiterhin die Rolle, die die Bevölkerung bei diesen Staatsge- schäften zu übernehmen hat. Die auch von der neuen Junta fortge- setzte Begutachtung des Landes auf exportfähige Anbaugebiete sorgt für eine Ökonomie, bei der die Bewohner des Landes k e i n e Rolle spielen: mit der Errichtung und Einzäunung einer jeden Plantage werden ihnen weiterhin die Mittel, und das sind die Länder, entzogen, von denen sie, mühselig genug gelebt haben. Die massenfreundlichen Aspekte des Programms der Junta-Regierung realisieren sich dann auch recht konsequent n e b e n all den Maßnahmen, mit denen sie die vom Imperialismus finanzierte Staatsgewalt in Nicaragua und damit den ständigen Überlebenskampf der Bevölkerung aufrechterhält. Mangels staatlicher Mittel reicht die Regierungshilfe bei der Subsistenzwirtschaft von der Vergabe anderweitig nicht genutzter, d.h. nutzbarer Ländereien über die Anleitung zur Hilfe durch genossenschaftliche Selbsthilfe bis zur Aufklärung über die stattgefundene Befreiung Nicaraguas. An der materiellen Not in Nicaragua hat sich nämlich auch nach eineinhalb Jahren "nationalem Wiederaufbau" nichts geändert. Ebenso freilich an den guten Absichten der Junta, die deswegen auch noch lange kein Grund sind, den Erfolg der nationalen Be- freiungsbewegung dort zu feiern. Für die Illusionen, die die hiesige Linke mit dem Sturz Somozas in Nicaragua verbindet, sprach dann auch nur ein Argument, das in der Diskusion gegen die Ausführungen der MG vorgebracht wurde: man müsse t r o t z d e m für die sandinistische Befreiungs- front Partei ergreifen, denn schließlich habe sie gegen die So- moza-Herrschaft g e k ä m p f t, ein Ausweis ihres Antiimperia- lismus, der jede Kritik, zumal eine in wohlstandsdeutschen Hörsä- len, v e r b i e t e. Ein Argument, also, das einiges über den Antiimperialismus derer verlauten ließ, die es loswurden: e r s t e n s ist man an einer Erklärung des Imperialismus ziem- lich desinteressiert, weil man sie z w e i t e n s schon längst hat: man steht auf Seiten der Opfer in der "Dritten Welt" und zwar so, daß jeder Kampf, den sie führen, einfach deswegen für gut und richtig befunden wird, weil er der Beweis ist, daß ein Kampf der Opfer möglich ist. Ein Standpunkt, der sich d r i t t e n s eine Kritik an einer Befreiungsbewegung dann auch nur durch das mangelnde Elend der Kritiker erklären will und es für die höchste Form antiimperialistischer Solidarität hält, wenn man hierzulande gegen die eigene Saturiertheit angeht und so bei sich selbst die Bedingungen schafft, um zu beweisen, daß Wi- derstand möglich ist. Der Kampf der Nicaraguaner ist dafür dann ein willkommener Anlaß. zurück