Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Ein aktueller, aber falscher Klassiker
LENIN, DER IMPERIALISMUS ALS HÖCHSTES STADIUM DES KAPITALISMUS
In dieser Reihe besprechen wir in loser Folge Klassiker des Mar-
xismus, die es in der Geschichte der Arbeiterbewegung und/oder in
der bürgerlichen Wissenschaft zu einigem Ansehen gebracht haben:
entweder als weltanschauliche Berufungsinstannz oder als Beleg
für bedingte Brauchbarkeit. Den alten Schriften soll die Ehre an-
getan werden, daß ihre Aussagen einmal zur Kenntnis genommen
werden - woraus sich dann auch mancher Aufschluß darüber gewinnen
läßt, warum sie die einen für so brauchbar halten und die anderen
für so verwerflich. Daß der Umgang mit Klassikern ziemlich wenig
damit zu tun hat, ob sie stimmen oder nicht, ist uns schon seit
geraumer Zeit aufgefallen: deswegen haben sie ja auch Konjunktu-
ren bei Freund und Feind! Deswegen gefällt das 'Kapital' so man-
chem Philosophen, die "Deutsche Ideologie" vielen Soziologen,
Lenins "Was tun?" keinem Grünen - und seit der Bekehrung der VR
China vom sozialistischen Modell zum Entwicklungsland will keiner
mehr die Ansichten von Mao Tse-tung kennenlernen. Gewissermaßen
als Korrektur an diesem geschmäcklerischen Umgang mit den verehr-
ten und gehaßten Lehrern der Revolution möchten wir ganz unver-
bindlich zum dogmatischen Umgang mit ihren Ideen raten, wodurch
sich vielleicht das Problem, ob es sich bei der Marxistischen
Gruppe um eine M-L-Sekte handelt, erledigt: Glauben tun wir an
keinen, und Wenn L was Richtiges verlauten läßt, ist er uns gen-
auso lieb wie M..."
Lenin hat seine am weitesten verbreitete Schrift - sie ist im Un-
terschied zum "Kapital" von Marx, von dem nur die Kapitel über
den Arbeitstag und die ursprüngliche Akkumulation je zu solcher
Ehre gelangt sind, bis in den Schulungskanon der M-L-Parteien
Westdeutschlands in den goldenen 70er Jahren vorgedrungen - mit-
ten im 1. Weltkrieg verfaßt. Angesichts dieser Tatsache mutet
sein Beweisziel einigermaßen seltsam an. Er wollte zeigen,
"daß auf einer solchen wirtschaftlichen Grundlage, solange das
Privateigentum an Produktionsmitteln besteht, imperialistische
Kriege absolut unvermeidlich sind." (Lenin, Ausgewählte Werke,
Bd. I, S. 770)
Zu einem Zeitpunkt, als das Völkerschlachten in vollem Gange war,
die Notwendigkeit des Krieges in einer theoretischen Kampfschrift
darzutun, die imperialistische Gewaltanwendung mit Hilfe und auf
Kosten von Millionen national- und pflichtbewußter Menschen aus
dem Privateigentum zu begründen - das ist für einen Revolutionär
ein gar nicht selbstverständliches Unternehmen. Denn ein solcher
Nachweis wendet sich auf keinen Fall an die Betroffenen, die sich
gerade sehr praktisch mit dem Töten und Sterben befassen. Er ist
keine Agitation, die den Opfern des Imperialismus zeigt, was sie
an verkehrtem Zeug denken und was sie zu ihrem eigenen Schaden
treiben, also keine theoretische Mitteilung, die auf die
Veränderung der p r a k t i s c h e n Stellung der Klasse
zielte, deren Interessen die Kommunisten durchsetzen wollen. Wie
sollten auch Erörterungen darüber, wie enorm sich unter der
Herrschaft des Finanzkapitals die Widersprüche des Imperialismus
verschärfen, zur praktischen Anleitung eines Aufstands bei denen
taugen, die jene Widersprüche gerade ausbaden?
Lenins Imperialismustheorie ist eine Streitschrift anderer Art.
Sie sollte eine begründete Abrechnung mit der Politik von Par-
teien sein, die als Organisationen der A r b e i t e r-
b e w e g u n g ihren Frieden mit dem K l a s s e n s t a a t
geschlossen haben und zur Durchsetzung von dessen außen-
politischen Anliegen selbst für den Krieg eingetreten sind.
Sozialdemokratische Politiker, die noch den Baseler Beschlüssen
zugestimmt hatten, erwiesen sich als eifrige Verfechter der
Vorhaben ihrer Nation, so daß Lenin "mit dem Gefühl tiefster
Bitterkeit" 1914 schrieb:
"Die einflußreichsten sozialistischen Führer und die einfluß-
reichsten sozialistischen Presseorgane im heutigen Europa vertre-
ten den chauvinistisch-bÜrgerlichen und liberalen, keineswegs
aber den sozialistischen Standpunkt." (AW I/747)
Mit seiner Analyse, die "das G e s a m t b i l d der kapitali-
stischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehun-
gen" darstellen sollte, hat er sich gegen die offensichtliche
Entwicklung von ehemals kommunistischen Parteien hin zu den heute
üblichen Sozialdemokratien gewandt, zu Parteien, die mit Refor-
malternativen um die Regierung des Klassenstaats konkurrieren.
Nachdem maßgebliche Theoretiker der II. Internationale ebenso wie
Wissenschaftler aus dem bürgerlichen Lager die Ideologien für den
linken Nationalismus bereitgestellt hatten, kam es Lenin auf die
grundsätzliche Widerlegung dieser Parteigänger des Klassenstaats
und seines außenpolitischen Wirkens an. Mit einer richtigen Theo-
rie des Imperialismus wollte er klarstellen, womit es sozialisti-
sche Parteien da zu tun, was sie zu vertreten hatten, und welche
illusionären Zielsetzungen sie korrigieren mußten:
"Ohne die ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung begriffen zu
haben, ohne ihre politische und soziale Bedeutung abgewogen zu
haben, ist es unmöglich, auch nur einen Schritt zur Lösung der
politischen Aufgaben der kommunistischen Bewegung und der
kommenden sozialen Revolution zu machen." (AW I/774)
In solchen m e t h o d i s c h e n Bemerkungen, die sich nicht
nur in den Vorworten häufen, besteht Lenin immerhin darauf, daß
Kommunisten schon wissen müssen, wogegen sie antreten; daß poli-
tische Entscheidungen aus der Einsicht in die Gründe und Zwecke
des imperialistischen Treibens zu folgen haben und nicht aus
Hoffnungen und Friedensidealen. So polemisiert er gegen das
Kautsky'sche Kompliment an die Politik kapitalistischer Nationen,
sie berge die M ö g l i c h k e i t friedlichen Umgangs mit dem
Rest der Welt in sich; er geißelt den Abschied vom Klassenkampf
und die Sorge um die bessere politische Alternative in der
Außenpolitik, die für eine Partei nur konsequent ist, wenn sie
die Sicherung des Friedens für einen staatlichen Auftrag hält:
"Wesentlich ist, daß Kautsky die Politik des Imperialismus von
seiner Ökonomie trennt, indem er von Annexionen als einer vom Fi-
nanzkapital 'bevorzugten' Politik und ihr eine angeblich mögliche
andere bürgerliche Politik auf derselben Basis des Finanzkapitals
gegenüberstellt." (AW I/842)
Darüber hinaus spricht hier Lenin auch den
i n h a l t l i c h e n B e w e i s an, den er für die
N o t w e n d i g k e i t gewaltsamer Übergriffe kapitalisti-
scher Staaten führen will. Sie liegt für ihn in den ökonomischen
Bewegungsgesetzen, den entscheidenden Geschäftsinteressen des
"F i n a n z k a p i t a l s". Diese Interessen und ihre Ver-
laufsformen bestimmen den Gang der internationalen Auseinander-
setzungen - das Finanzkapital wirft "im buchstäblichen Sinne des
Wortes seine Netze über alle Länder der Welt aus", und es "führte
auch zur d i r e k t e n Aufteilung der Welt".
Der Grund für den Imperialismus:
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Die Ökonomie des modernen Kapitalismus
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Lenins Einwand gegen die Theoretiker des Opportunismus in der II.
Internationale, sie würden die Politik von ihrer ökonomischen
Grundlage t r e n n e n, ist der Auftakt für die Analyse des
Kapitals und seines Geschäftsgebarens, in der die Politik mit ih-
ren Zwecken erst einmal gar nicht vorkommt. Lenin verpflichtet
großzügig auf die U n t e r s c h e i d u n g zwischen Ökonomie
und Politik, und das aus der "orthodoxen" Sicherheit heraus, daß
letztere ohnehin in nichts anderem besteht als in der Exekution
der Geschäftsinteressen des Kapitals. Insofern gehört seine
Schrift zu jener Abteilung marxistischer Theorie, die mit dem Be-
kenntnis zur "ökonomischen Basis", welche alles übrige
"bestimmt", dem speziellen Gegenstand sehr konsequent aus dem Weg
geht und eine verkehrte "Bestimmung" der Politik vornimmt. Wie
der Zusammenhang von Profitinteresse von Kapitalisten und Außen-
politik des ideellen Gesamtkapitalisten für Lenin aussieht, geht
aus den wenigen Bemerkungen über das Verhältnis von Staat und Ka-
pital im Imperialismus hervor:
"Die Rettung liegt im Monopol - sagten die Kapitalisten und grün-
deten Kartelle, Syndikate und Trusts: die Rettung liegt im Mono-
pol - sekundierten (!) die politischen Führer der Bourgeoisie und
beeilten sich, die noch unverteilten Gebiete der Welt an sich zu
reißen." (AW I/810)
Und auf dieser Grundlage ist das selbstkritische Bedauern im Vor-
wort ziemlich überflüssig -
"Auf die nichtökonomische Seite der Frage werden wir nicht so
eingehen können, wie sie es verdienen würde." -,
denn mit der Deduktion des Imperialismus aus Monopol- und Finanz-
kapital ist Lenin der große Wurf gelungen, die Notwendigkeit von
Annexionen und Kriegen zwischen imperialistischen S t a a t e n
als A b w i c k l u n g d e s G e s c h ä f t s darzustellen
- und umgekehrt das internationale Geschäft für die j e n-
s e i t s a l l e r s t a a t l i c h e n A k t i o n e n
u n d M i t t e l vollzogene Fortführung kapitalistischer
Bereicherung auszugeben. Lenin behandelt den Weltmarkt samt den
Verlaufsformen auswärtiger Politik auch gar nicht als
Konsequenzen des kapitalistischen Privateigentums und seiner
Beförderung durch den Klassenstaat, sondern als
V e r ä n d e r u n g des Kapitalismus; und der unbestreitbare
Dienst des Klassenstaats für den nationalen Reichtum, den es nun
einmal als Kapital gibt, erledigt sich für ihn - entsprechend dem
Titel: der Imperialismus als S t a d i u m - mit den
N e u e r u n g e n, die er dem Kapital zuschreibt. Ironischer-
weise mündet das methodische Credo zum Marxismus - "die ökonomi-
schen Wurzeln" hätte man zu begreifen, die "Trennung" des politi-
schen Überbaus von der ökonomischen Grundlage sei der Fehler ir-
riger Auffassungen - zu einer handfesten Revision gerade der
Marxschen Erklärung der Ö k o n o m i e. Diese Revision beginnt
bei Lenin mit der Entdeckung der
Monopole
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Und das sind ökonomische Gebilde, die sich der Konkurrenz entzie-
hen, was ihnen durch ihr gewaltiges Ausmaß gestattet wird. Lenin
beruft sich zum Zwecke der Demonstration seiner Entdeckung, daß
sich der Kapitalismus grundsätzlich geändert habe - "Die Konkur-
renz wandelt sich zum Monopol" - einerseits auf Äußerungen von
Marx über Konzentration und Zentralisation, andererseits zieht er
durchaus ungewöhnliche Schlüsse aus der Feststellung, daß die
Größe des Kapitals ein Mittel des Geschäfts darstellt. Die Bewäh-
rung in der Konkurrenz ist nämlich etwas ganz anderes als ihre
A b s c h a f f u n g, und daß das Monopol zum Ideal eines jeden
Unternehmers wird, heißt noch lange nicht, daß dieses Ideal mit
Preis- und Marktabsprachen erreicht wäre. Oder, um Lenin selbst
dementieren zu lassen: die Konkurrenz (für andere, die es immer-
hin auch noch gibt!) wird e r s c h w e r t und "das Monopol"
ist eine T e n d e n z:
"Fast die Hälfte der Gesamtproduktion aller Betriebe des Landes
liegt in den Händen eines H u n d e r t s t e l s der Gesamt-
zahl der Betriebe! Und diese dreitausend Riesenbetriebe umfassen
258 Industriezweige. Daraus erhellt, daß die Konzentration auf
einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung sozusagen (!) von selbst
dicht (!) an das Monopol heranführt. Denn einigen Dutzend Riesen-
betrieben fällt es leicht, sich untereinander zu verständigen,
während andererseits gerade durch das Riesenausmaß der Betriebe
die Konkurrenz erschwert (!) und die Tendenz (!) zum Monopol er-
zeugt wird. Diese Verwandlung der Konkurrenz in das Monopol ist
eine der wichtigsten Erscheinungen - wenn nicht die wichtigste -
in der Ökonomik des modernen Kapitalismus..." (AW I/777)
Weder die Statistiken über die Größe von Unternehmen noch die
über die Anzahl von an der Konkurrenz beteiligten Firmen beweisen
den Übergang zu ihrer Abwesenheit; und noch viel weniger ist die-
ser Beweis mit Absprachen zwischen Konkurrenten zu führen, die
sie als zeitweiliges Mittel für ihren Gewinn benützen. Das
scheint auch Lenin zu wissen, weshalb er den Gegensatz von
"vorübergehend" und "Grundlage" aufmacht:
"Statt einer vorübergehenden Erscheinung werden die Kartelle eine
der Grundlagen des gesamten Wirtschaftslebens." (AW I/780)
Aber auch noch so viele, gezählte und beim Namen genannte
"monopolistische Unternehmensverbände (?), Kartelle, Syndikate"
belegen die "Ablösung der kapitalistisch freien Konkurrenz durch
die kapitalistischen Monopole" nicht, und wenn einmal die Indu-
strieschutzzölle (778), das andere Mal der Freihondel (778) als
Motor der Kartellbildung herhalten müssen, so ist explizit von
einem M i t t e l d e r K o n k u r r e n z die Rede, dem Le-
nin freilich wieder die "monopolistische Tendenz" entlockt. Ei-
sern hält er an dieser Tendenz fest, und daß ihn nicht die Logik
dazu beflügelt, das Zeitalter des Monopols "der direkte Gegensatz
zur freien Konkurrenz" (838) für angebrochen zu erklären, sondern
eine eigenartige Sorte M o r a l, zeigen die Leistungen, die er
den Monopolen nachsagt: "Riesengewinne" erzielen sie, und wenn
dann doch lästige Konkurrenten das "direkte Gegenteil" hinter-
treiben, bedient es sich sogar des Verzichts auf Gewinn, geht zum
Dumping über, durch das es "alle diejenigen abwürgt, die sich dem
Monopol, seiner Willkür (!) nicht unterwerfen." (785) Immer wie-
der gelingt es Lenin, aus D a t e n d e r K o n k u r r e n z
die Wucht der von keinerlei zahlungsfähigen Nachfrage, von kei-
nerlei Marktschranken behinderten Monster vor Augen zu führen:
W i l l k ü r und A l l m a c h t sind schließlich die recht
unökonomischen Charakteristika der Monopole, ihre Rücksichtslo-
sigkeit kennt keine Grenzen, Gewalt heißt ihr Motto - ganz als ob
der liebe, auf "freier Konkurrenz" beruhende "Frühkapitalismus"
mit seiner alten Ökonomie eine Ansammlung von Respektbezeugungen
für die Menschheit gewesen ist:
"Das Herrschaftsverbältnis und die damit verbundene Gewalt - das
ist das Typische für die jüngste Entwicklung des Kapitalismus',
das ist es, was aus der Bildung allmächtiger (!) wirtschaftlicher
Monopole unvermeidlich hervorgehen mußte und hervorgegangen ist."
(AW I/786)
Dabei rühmt Lenin einen sehr bürgerlichen Menschen für den Termi-
nus "Herrschaftsverhältnis", den er ihm abnimmt, obgleich der zi-
tierte Mann von Herrschaft einer Industrie (!) über eine andere
spricht. Und diese Manier, andauernd bürgerliche Kronzeugen für
seine Entdeckung des tiefgreifenden Wandels zum Monopol heranzu-
ziehen, entspricht durchaus dem bürgerlichen und gar nicht revo-
lutionären Gerede von den Großen, die machen, was sie wollen, dem
sich ein Marxist besser nicht anschließt. Doch Lenin versteht es
sehr gut, die moralische Verurteilung auf "marxistisch" vorzutra-
gen. Nachdem er noch einmal die Konkurrenz bemüht hat, um die Ge-
meinheit der Monopole zu geißeln -
"Um die Konkurrenz aus einer derart einträglichen Industrie aus-
zuschalten, wenden die Monopolinhaber sogar allerlei Tricks
an..." (786) -
schreitet er zum S c h a d e n, den die Monopole anrichten, und
zwar für die ganze Gesellschaft. Er nimmt die Ideologie der
"Ausschaltung der Krisen durch die Kartelle" zum Anlaß, um den
"chaotischen Charakter" des Kapitalismus zu verurteilen und den
Hauptfeind Monopol verschärfend wirken zu lassen:
"Im Gegenteil, das Monopol das in einigen (!) Industriezweigen
entsteht, verstärkt und verschärft den chaotischen Charakter, der
der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen
ist." (787)
Und wer hat von diesem Schaden den Nutzen? Die Monopole selbst-
verständlich, zumindest wenn Konzentration dasselbe ist wie Zen-
tralisation und die wiederum dasselbe wie Monopol:
"Die Krisen - jeder Art, am häufigsten ökonomische Krisen, aber
nicht diese allein - verstärken aber ihrerseits in ungeheurem
Maße die Tendenz zur Konzentration und zum Monopol" (AW I/787)
So richtig verkommen deucht einen Marxisten freilich der Kapita-
lismus der Monopole erst dann, wenn er die historischen Plus-
punkte des Kapitalismus mehrt, aber schließlich doch scheitert.
Die Folge des Monopols ist
"ein gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung der Pro-
duktion. Im besonderen wird auch der Prozeß der technischen Er-
findungen und Vervollkommnungen vergesellschaftet. Das ist schon
etwas ganz anderes als die alte freie Konkurrenz zersplitterter
Unternehmer, die nichts von einander wissen... annähernde Berech-
nung der Größe des Marktes... Die qualifizierten Arbeitskräfte
werden monopolisiert, die besten Ingenieure angestellt..." (AW
I/784)
Aber so richtig in den Genuß der Vergesellschaftungsfortschritte
kommt die Menschheit dennoch nicht, trotz der Überwindung der
Konkurrenz, die Lenin für einen Mangel des Kapitals hält und
nicht für den Motor der Akkumulation und die Klage von Kapitali-
sten, die gerade rationalisieren! Schließlich wird zwar die Pro-
duktion ... vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat
(784) - und so stehen dem "gigantischen technischen Fortschritt"
durchaus "Stagnation und Fäulnis" gegenüber:
"In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend
(!) eingeführt werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade
(!) der Antrieb zu technischem Fortschritt,... entsteht die öko-
nomische Möglichkeit (!!), den technischen Fortschritt künstlich
(!!!) aufzuhalten." (848)
So vollbringen die Monopole die Kunst, den Fortschritt, den sie
selber organisieren, doch noch zu bremsen, laden auf die "übrige
Bevölkerung" jede Menge Druck ab (784) und die Theorie des
staatsmonopolistischen Kapitalismus ist für die Epigonen schon
zur Hälfte fertig. Jetzt ist nur noch der Vorwurf nötig, der
Staat würde sich für die Monopole stark machen statt, wie es für
einen echten Klassenstaat ziemlich wäre, für die Geschundenen,
sprich "Unterprivilegierten" - und schon geht die "soziale Revo-
lution" im Namen der "Mehrheit" als Weg zur "antimonopolistischen
Demokratie" über die Ideenbühne.
So ist zwar der I m p e r i a l i s m u s noch gar nicht vorge-
kommen, aber dafür wurde eine neue Kapitalismuskritik im Namen
von Marx aus der Taufe gehoben. Hilfestellung leistete die seit
Engels immer wieder gerne aufgelegte Platte vom gesellschaftli-
chen Produzieren (gut!) und vom privaten Aneignen (schlecht!).
Dieser beliebte Widerspruch, der mit dem in der Warenanalyse be-
zeichneten Gegensatz von privater und gesellschaftlicher
A r b e i t herzlich wenig zu tun hat, beruht schon in seiner
Urfassung auf einer hohen Meinung vom gesellschaftlichen Charak-
ter der Produktion, für den der Kapitalismus ein dickes Plus ern-
tet, obwohl er diese Qualität mit jeder Produktionsweise teilt.
S e i n e gesellschaftliche Form der Produktion, die Sache mit
dem Privateigentum, das den Reichtum seinen Produzenten als Kapi-
tal gegenüberstellt und sie für sich arbeiten läßt, gerät dann
zur schlechten Seite des Kapitalismus, der ja wie alles vergäng-
lich Ding zwei Seiten braucht. Bei Lenin wächst sich diese Dia-
lektik - die parteilich umgedreht übrigens Soziologie heißt: "Der
Kapitalismus ist eine Gesellschaft" lautet da Lehrsatz Nr. 1,
"Alles ist gesellschaftlich" der Lehrsatz Nr. 2 und die fort-
schrittlichen Soziologen wähnen sich mit dem Anliegen, alles ge-
sellschaftlich betrachten zu wollen auch noch auf Marx' Spuren -
zu einem neuen Stadium aus. Das Monopol, das angestrebt wird, um
privaten Reichtum ausschließend gegen andere zu vermehren, macht
alles gesellschaftlicher - schließlich findet immer mehr Eigentum
auch noch anderer für die gemeinsamen Zwecke Verwendung -, so daß
die private Aneignung erst richtig zum Himmel schreit.
So ähnlich sieht es auch im Verhältnis von Unternehmer und Ban-
kier aus. Jeder für sich ist ja schon nicht übermäßig schön; wenn
sie aber verschmelzen und der eine des anderen Knecht wird - zu-
mindest in der Ansicht eines Marxisten - tritt der Kapitalismus
in sein imperialistisches Stadium. Zumindest gemäß Lenins berühm-
ten zweiten Merkmal, dem
Finanzkapital
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Im bürgerlichen Kreditwesen entdeckt der Imperialismustheoretiker
Lenin zwar auch nicht den Imperialismus, dafür aber Gelegenheiten
genug, der kapitalistischen Produktionsweise eine weitere Tendenz
zum Verwerflichen nachzusagen. Wie in der Abteilung "Monopol"
taugen die richtigen und bisweilen explizit dem Marx'schen
"Kapital" entnommenen Aussagen über ökonomische Vorgänge dazu
nicht: ebensowenig, wie sich mit Bestimmungen über Konzentration
und Zentralisation die Ablösung der Konkurrenz und die neue
Qualität des monopolistischen Kapitalismus dartun läßt, so schwer
fällt es, mit Mitteln der Logik aus den Erklärungen des
Verhältnisses von Industrie- und Geldkapital eine Epoche des Fi-
nanzkapitals anbrechen zu lassen. Deshalb kommt der Fortschritt
in der moralischen Verurteilung des Kapitalismus auch über an-
dere, eben die bekannten Beweismittel zustande:
"Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals
in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriel-
len oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der aus-
schließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und
allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar
teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialis-
mus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe
des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung er-
reicht." (AW I/813)
Für eine n e u e R o l l e des Bankkapitalisten und seiner
"parasitären" Existenz sowie der von "Couponschneidern" gibt eine
Wiedergabe von Bemerkungen zur Trennung von Geld- und Industrie-
kapitals nichts her; bei Marx ist in diesem Zusammenhang im übri-
gen von der Notwendigkeit der Trennung die Rede, deswegen auch
von ihrer ökonomischen Funktion: durch den Kreditüberbau, der
eben im Aktienkapital die Größe des Kapitals als Konkurrenzmittel
erst so richtig zum Einsatz kommen läßt, erhält das Kapital die
Freiheit, sich unabhängig von seiner Anlage in einer besonderen
Sphäre zu machen, womit auch seine Bindung an besondere Personen
und seine Verwurzelung in einem speziellen Gewerbe abgestreift
ist. Daß Bankiers und Aktionäre von ihrem Geldkapital leben, war
dagegen Marx ziemlich gleichgültig; eher schon schien ihm inter-
essant, daß sie dies auf Kosten der Arbeiterklasse tun - und sich
d a r i n von ihren industriellen Kollegen keineswegs unter-
scheiden. Den moralischen Maßstab guter, weil nützlicher, "die
Produktion" besorgender Kapitalisten anzulegen und d a m i t
den neuesten Stand der Ausbeutung zu kritisieren, ist nur dem
Theoretiker geläufig, der den Fortschritt des Kapitalismus am
"Niedergang" seiner herrschenden Klasse belegen will!.
Dabei besteht die "Neuerung" wie gesagt erst einmal im Ausmaß ei-
ner für den Kapitalismus üblichen Sache. Lenin, der immer wieder
mit dem "tiefen" und "tiefsten" Wesen des Imperialismus daher-
kommt, entdeckt selbiges in Statistiken und Schaubildern, die dem
Leser angesichts der Größen Bankaktiva und der Unmengen von zir-
kulierenden Wertpapieren die neue Ära vor Augen führen.
Das fehlende Argument für eine Bestimmung des Imperialismus gibt
er, seinem Anspruch als Marxist treu, in einer dialektischen Le-
sehilfe: Wir haben
"ausführlich statistische Daten angeführt, die zeigen, bis zu
welchem Grade das Bankkapital angewachsen ist usw. und worin eben
das Umschlagen von Quantität in Qualität, das Umschlagen des
hochentwickelten Kapitalismus in Imperialismus seinen Ausdruck
gefunden hat." (AW I/839)
Den dritten Schlag landet er mit Stellungnahmen bürgerlicher Öko-
nomen, die sich die Sorgen eines Teils der Geschäftswelt zu eigen
machen und ungesunde Entwicklungen beklagen - wodurch er sich mit
seinen "Schlußfolgerungen" in den Besitz unumstößlicher Tatsachen
gesetzt haben möchte:
"Um dem Leser eine möglichst gut fundierte Vorstellung vom Impe-
rialismus zu geben, waren wir absichtlich bestrebt, möglichst
viele Äußerungen bürgerlicher Ökonomen zu zitieren, die sich ge-
zwungen sehen, besonders unstreitbar feststehende Tatsachen aus
der neuesten Ökonomik des Kapitalismus anzuerkennen." (839)
Unter Anwendung dieser Hilfsmittel gelangt man freilich zu er-
staunlichen Einsichten über Herren und Knechte innerhalb der
herrschenden Klasse. Banken sind etwas anderes, als sie scheinen;
und zwar sind sie das, was sie sind, recht überdimensional, woran
sich ihre M a c h t ablesen läßt:
"Die Bank, die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt,
übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation
aus..." (Nun kommt nicht etwa, wie bei Marx, der Begriff der
Bank, nein) "Sobald aber diese Operation Riesendimensionen an-
nimmt, zeigt sich, daß eine Handvoll Monopolisten sich die Han-
dels- und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Ge-
sellschaft unterwirft, indem sie - durch die Bankverbindungen,
Kontokorrente und andere Finanzoperationen - die Möglichkeit er-
hält, sich zunächst über die Geschäftslage der einzelnen Kapita-
listen g e n a u z u i n f o r m i e r e n, dann sie zu
k r o n t r o l l i e r e n, sie durch Erwreiterung oder Schmä-
lerung, Erleichterung oder Erschwerung der Kredite zu beeinflus-
sen und schließlich ihr Schicksal r e s t l o s z u
b e s t i m m e n." ( AW I/791)
Ohne den geringsten Hinweis darauf, worum es zwischen Bank und
industriellem Kapital geht, wenn Kapital verliehen und mit Wert-
papieren gehandelt wird, kommt die Suche nach dem Subjekt, das
alles beherrscht und in seiner Allmacht für den Imperialismus
verantwortlich ist, ans Ziel. Fast kriegt man Mitleid mit den
netten Herren Industriellen angesichts des Molochs Finanzkapital.
Die armen Burschen müssen ihre Bücher herzeigen, wenn sie ihre
Kreditwürdigkeit unter Beweis stellen wollen - und nicht ihr Ge-
schäftsgang wird mit Hilfe des Kredits befördert, sondern ihr
Schicksal wird restlos bestimmt! Nicht einmal der simple Gedanke,
daß auch die Bank von der Nachfrage nach Kredit "abhängig" ist
und diese vom Geschäftsgang der Industrie, daß in der Konkurrenz
- zwischen Geld und Industriekapital also zwei Abteilungen der
herrschenden Klasse ihren ökonomischen Erfolg bewirken und um den
Anteil des produzierten Gewinns streiten, kommt da auf! Der an-
ständigen industriellen Ausbeutung von einst stehen "dunkle und
schmutzige" Machenschaften der Banken von heute gegenüber, statt
eines ehrbaren Zinses gibt es wieder "Wucher", womit die ökonomi-
sche Rolle des Kredits für die kapitalistische Produktion in
seine moralische Niedertracht aufgelöst wäre.
Zeitweise fragt man sich bei der Lektüre der Schrift, ob es über-
haupt noch Industrielle gibt - denn die K o n k u r r e n z
zwischen Geld- und produktivem Kapital, die beiden recht gut be-
kommt, existiert für Lenin eigentlich gar nicht:
"Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Ent-
stehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses Finanzkapi-
tals" (839)
Sicher würde er die Personalidentität von Banker und Industriel-
len auch als Beleg dafür nehmen, daß es die neueste Ökonomie zum
Verschwinden von Kredit und Fabrik gebracht hat und wie seine
Epigonen darauf besteben, daß sogar der arme Klassenstaat "unter
der Fuchtel" des Finanzkapitals steht und sich verschulden "muß"!
Aber die Beschwörung einer herrschenden Instanz, die mit ihrer
Allmacht dem Rest der Gesellschaft einen fürchterlichen Tribut
auferlegt, erfordert auch die Existenz von Opfern. Also gibt es
ein "Übergewicht des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des
Kapitals", eine "Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligar-
chie" - ein kleiner Hinweis darauf, daß noch die häßlichsten
Schmarotzer auf Opfer angewiesen sind, ebenso wie die betrügeri-
schen Spekulanten etwas brauchen, worauf sie spekulieren können.
Womit auch die Albernheit des Lehrsatzes bestätigt wäre, der den
Kapitalismus nicht durch seine P r o d u k t i o n s w e i s e
kennzeichnet:
"Für den Imperialismus ist ja gerade nicht das Industrie, sondern
das Finanzkapital charakteristisch."
Kapitalexport und Aufteilung der Welt
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Imperialismus ist für Lenin das Geschäft der Monopole. Finanzka-
pitalisten haben alles unter Kontrolle, im Innern der Nation -
"Deutschland wird von 300 Kapitalmagnaten r e g i e r t" -
ebenso wie auswärts, wo sie sich allerdings begegnen und einen,
"imperialistischen Kampf zwischen den größten Monopolen um die
Teilung der Welt" (825) veranstalten. Also gilt der Lehrsatz, daß
jedes Phänomen internationalen Handels, jeder Vertrag zwischen
Staaten, jeder Krieg nur ein B e i s p i e l für die Machen-
schaften der Monopole, nur ein "Kettenglied" der "Operationen des
Weltfinanzkapitals" ist. Nachdem Lenin die Subjekte des Imperia-
lismus gefunden hat, gibt er sich betont sachlich und nennt
Zwecke und Mittel ihrer Taten:
"Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bos-
heit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzen-
tration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu er-
zielen; dabei wird die Teilung 'nach dem Kapital', 'nach der
Macht' vorgenommen - eine andere Methode der Teilung kann es im
System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben." (AW
I/827)
Auf diese Weise stellt der Imperialismus-Theoretiker klar, daß er
zwar ständig mit ökonomischen u n d politischen Prozeduren eig-
ner Art zu tun hat - "Kapital" und "Macht" -, jedoch die Klärung
des Verhältnisses von Ökonomie und Politik angesichts der für ihn
offenkundigen Sachlage für pure Haarspalterei erachtet:
"Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen
Entwicklung;" (eine feine Entdeckung!) "um zu begreifen, was vor
sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebun-
gen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun "rein" ökono-
mischer Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art
sind, ist. eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden
Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu
ändern vermag. Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der Ver-
einbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Frage
nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen" (heute fried-
lich, morgen nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich)
"ersetzen heißt zum Sophisten herabsinken." (827)
Zwar verhalten sich Geschäft, Ausbeutung und Krieg keineswegs zu-
einander wie Inhalt und Form, zwar sind beim Profitmachen und
Kriegführen ganz andere Subjekte am Werk - doch was interessiert
das schon! Dabei taugen noch nicht einmal die kolonialistischen
Belege für die Gleichung Politik = Geschäft der Monopole; wenn
sich Frankreich und England um die Besetzung der südlichen Sahara
streiten und Deutschland die namibische Wüste als Deutsch-Südwest
ergattert, wenn der englische Staat mit dem portugiesisclnen gute
Beziehungen hat, wenn England mit Argentinien oder Ägypten Han-
delsbeziehungen unterhält, wenn Frankreich an Serbien Kriegsmate-
rial liefert - "letztlich" ist alles ein und dasselbe. Lenin läßt
die Monopole nach außen ihre Geschäfte noch mitten im Krieg ma-
chen, ganz als ob ein Finanzkapital eine Eroberung "eventuell
noch zu erschließender Rohstoffquellen" als Investitionsgelegen-
heit betrachtet und nicht der Staat die Mobilmachung verordnet!
Weshalb aufrechten Verfechtern Lenins immer dann, wenn die Glei-
chung Krieg = Profit angegriffen wird, auch immer die Spekulation
a u f die fiktive Akkumulation einfällt, die ein auf Waffengänge
bedachter Staat ins Werk setzt - wenn nicht gleich die Rüstungs-
industrie.
Was zeigt also "die Epoche des jüngsten Kapitalismus" einem, der
das Finanzkapital am Werke weiß und die politischen Führer als
Sekundanten entlarvt hat? Eben dies,
"daß sich unter den Kapitalistenverbänden bestimmte Beziehungen
herausbilden" (das ist sehr bestimmt!) "auf dem Boden der ökono-
mischen Aufteilung der Welt, daß sich aber (!) daneben (!!) und
im Zusammenhang" (welchem denn?) "damit zwischen den politischen
Verbänden, den Staaten, bestimmte Beziehungen" (schon wieder!)
"herausbilden auf dem Boden der territorialen Aufteilung der
Welt, des Kampfes um Kolonien, des Kampfes um das Wirtschaftsge-
biet." (AW I/827)
Wer so viel Bestimmtheit als Witz des Imperialismus akzeptiert
und sich die Aufteilung der Welt gleich zweimal und im Zusammen-
hang vorstellen kann, dem leuchten auch die historischen Verglei-
che ein, die Lenin für sein Stadium anstellt:
"Für den alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der freien
Konkurrenz, war der Export von W a r e n kennzeichnend. Für den
neuesten Kapitalismus... den Export von Kapital..." (AW I/845)
An dieser gewichtigen historischen Entwicklung interessiert der
Export, also die Tatsache, daß Waren und Kapital die Grenzen
überschreiten zwischen Staaten, die sich um das Geschäft kümmern,
es durch ihre Gewalt eröffnen, fördern oder behindern am allerwe-
nigsten. Die englische Kolonialgeschichte, die nun wirklich kein
Tausch von Fertigfahrikaten gegen Rohstoffe war (wer hat mit wel-
chen Mitteln diese Rohstoffe ab- und anbauen lassen; wie hießen
denn die indischen Investoren, womit wurde bezahlt!) passiert da
lässig als Handel, und für die Herrschaft der Monopole erfindet
Lenin Anlagekriterien, die aus "rückständigen Ländern" kapitali-
stische Märkte mit niedrigen Preisen werden lassen:
"In diesen rückständigen Ländern ist der Profit gewöhnlich hoch,
denn es gibt dort wenig Kapital, die Bodenpreise sind verhältnii-
maßig nicht hoch, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig."
(816)
Unerfindlich bei dieser Ökonomie auf dem Weltmarkt, wieso es zu
sogenannten "unterentwickelten Ländern" gekommen ist, warum Kapi-
talisten ihre Mutterländer mit Industrie vollstellen und die bil-
ligen Arbeitskräfte Afrikas, die für 20 Pfennig pro Woche zu ha-
ben sind, noch heute nicht benützen wollen und lieber verrecken
lassen! Daß die erwähnten Länder es wegen der politischen und
ökonomischen Benützung durch kapitalistische Nationen gar nicht
zu einem "Markt" bringen, daß mit der Zerstörung der überkommenen
Produktionsweise, aus einem südamerikanischen oder asiatischen
Volk noch lange keine Ansammlung brauchbarer Arbeitskräfte wird,
daß der Export von Kapital auch nicht "bis zu einem gewissen
Grade die Entwicklung in den exportierenden (!) Ländern zu hemmen
geeignet ist" (818) - das alles hätte Lenin auch merken können,
ohne zu erleben, wie die Konkurrenz der Monopole um die herrli-
chen Anlageplätze um die Konkurrenz von zig Nationen ergänzt
wird, die um Kapital- und Entwicklungshilfe nachsuchen. Nur hätte
die simple Analyse der Gepflogenheiten, die den Weltmarkt, auf
dem die Nationen für die Konkurrenz des Kapitals Sorge tragen,
auszeichnen, die Perspektive ziemlich vermasselt. Lenins Einfall,
die auswärtigen Geschäfte des Kapitals erstens für dasselbe wie
Anlagen daheim vorstellig zu machen, und zweitens für besonders
günstig in der Kalkulation auszugeben, ist ja nur die Fortsetzung
seiner Lieblingsidee, daß der Monopolkapitalismus längst in Wi-
derspruch zu seinen eigenen Prinzipien geraten ist. Einige seiner
Grundeigenschaften schlagen längst in ihr Gegenteil um, so daß
man nur noch von einem "parasitären", "faulenden und sterbenden"
Kapitalismus reden kann usw. - in jedem Kapitel bemüht sich Le-
nin, die Verkommenheit und Überfälligkeit des Imperialismus
glaubhaft zu machen. Hier, beim Kapitalexport, schafft er es, die
Freiheit der imperialistischen Nationen, aufgrund der
g e l u n g e n e n Akkumulation von Reichtum - die auch den
Staat mit den nötigen faux frais ausstattet! - die ganze Welt auf
ihre ökonomische, politische und militärische Benützbarkeit hin
abzuklopfen, in pure N o t zu verwandeln:
"Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen,
daß in einigen Ländern der Kapitalismus 'überreif' geworden ist
und dem Kapital (unter der Voraussetzung der Unterentwickeltheit
der Landwirtschaft und der Armut der Massen) ein Spielraum für
'rentable' Betätigung fehlt." (AW I/816)
Ausgerechnet die Phase des Kolonialismus, die Lenin erlebte, soll
auf die Hilflosigkeit, auf einen Engpaß in der Akkumulation ver-
weisen. Der "Drang nach Gewalt und Reaktion", der definitionsge-
mäß dem Finanzkapital eigen ist, soll Zeichen des Niedergangs
sein - und jede Eroberung ein neuer Ausdruck der Widersprüche,
die sich verschärfen und verstärken. Wie alt doch die Theorie vom
Papiertiger schon ist! In der Streitfrage der Arbeiterbewegung,
in der Sache
Krieg und Frieden
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wird Lenin auch nicht wegen seiner "tiefen" Einsichten in die po-
litische Ökonomie des Imperialismus zum Gegner des Reformismus
und der bürgerlichen Friedensillusionen. Im Gegenteil: Seine
Überzeugung, daß Finanz- und Monopolkapital einerseits den Nie-
dergang des Kapitalismus repräsentieren, andererseits deshalb ag-
gressiv, eroberungssüchtig und weltherrschaftlich auftreten, um
sich alles unter den Nagel zu reißen, bringt ihn auf seine Theo-
rie von der Notwendigkeit des Krieges. Seine Fehler in der Erklä-
rung des Weltmarkts machen für die - ziemlich blöde - Frage: "Ist
Frieden möglich?" sogar jede Kenntnis der G r ü n d e für
Kriege, der Verlaufsformen des internationalen Geschäfts mit sei-
nem spezifischen Dienst der Staaten fürs Kapital überflüssig.
Krieg und Frieden gelten ihm beide als Mittel für dieselbe Stra-
tegie der Eroberung, der Gier nach Beute; ja er geht sogar so-
weit, dabei den Frieden für den uneigentlichen Modus der Konkur-
renz zu halten und die Konkurrenz der Waffen als den der monopo-
listischen Profitmacherei ungemessenen Weg zu bestimmen, zu des-
sen Charakterisierung er nicht einmal das Verhältnis von Staat
und Kapital bemüht. Auch die Besetzung irgendwelcher Wüsteneien
rangiert unter der Rubrik des Extraprofits, im Zweifelsfafl eines
"möglichen" und diese Irrtümer sind keineswegs mit den Fakten der
kolonialen Eroberung zu entschuldigen. Der 1. Weltkrieg jeden-
falls drehte sich nicht um die Eroberung neuer Ländereien...
Daß ein moderner Krieg zwischen imperialistischen Staaten - und
d i e bestreiten sich gegenseitig zunächst die Mittel ihrer Sou-
veränität und dann, in der Konkurrenz der Waffen, wo nur noch mi-
litärisch "kalkuliert" wird und nicht kaufmännisch, die Souverä-
nität selbst - m a t e r i e l l e n Z u g e w i n n bringen
oder wenigstens verheißen müsse, ist die revisionistische Manier,
den ökonomischen Grund der staatlichen Gewalttätigkeit zu behaup-
ten. Daß ein Klassenstaat bei seinen Diensten fürs Kapital, bei
denen das Militär auch in Friedenszeiten eine gewichtige Waffe
der Konkurrenz darstellt, auf die Schranke eines anderen Souver-
äns trifft, der sich eine wechselseitige 'Abhängigkeit' und
'Benützung' nicht mehr leisten kann und will - diese schlichte
Wahrheit, die den Frieden bisweilen so aufrüstungsträchtig macht,
wollen Anhänger der Leninschen Imperialismustheorie auch heute
noch nicht wahrhaben. In genauer Umkehrung des Dogmas, ausgerech-
net der Krieg müsse die Konten von Geschäftsleuten bereinigen,
vermißt ein solchermaßen aufgeklärter Mensch mit seinem Dogma
gleich j e d e n N u t z e n des Kriegs, leugnet den Materia-
lismus des Staates und weist den "Wahnsinn" des Waffenganges be-
reits an den Kosten der Rüstung nach - freilich nicht ohne Hin-
weis auf die Einnahmen der Rüstungsmonopole.
Die Rede vom Un- und Wahnsinn des Krieges, seine Stilisierung als
grund- und zwecklose Sache, von der niemand, am allerwenigsten
die "Menschheit" nichts hat, mißt den Völkermord an demselben
Maßstab der ökonomischen Einträglichkeit, der "den Frieden" be-
stimmt und der laut revisionistischer Lehre selbst im Kriege noch
gilt. Insofern handelt es sich bei den Epigonen Lenins, die ein
Jahrzehnt seine Imperialismusschrift in Schulungen gelernt haben
und nun einer Friedensinitiative angehören, durchaus um konse-
quente B ü r g e r, jedoch um bekehrte Revisionisten. Denn
b ü r g e r l i c h ist eine Ideologie allemal, die den staatli-
chen K r i e g s zweck ausgerechnet mit der Überlegung konfron-
tiert, was denn dabei herausspringe und für wen...
Ein Dokument der revisionistischen Weltanschauung
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und damit auch ein Schatzkästlein des "b ü r g e r l i c h e n
M o r a l i s m u s", welcher der Welt von Kapital und Staat die
gerechtesten und reaktionärsten Vorwürfe entgegenschleudert, ist
Lenins Imperialismus-Schrift, freilich nicht nur in dieser Hin-
sicht. Und ihr Erfolg in Jahrzehnten staatstreuer Arbeiterbewe-
gung auf der ganzen Welt beruht einzig auf der M e t h o d e
dieser Weltanschauung, die kein objektives Urteil zuläßt:
- So haben die Epigonen auch nach der faschistischen Unterschei-
dung zwischen raffendem und schaffendem Kapital nicht davon abge-
lassen, die Leninsche Erfindung der Finanzmonopolisten für ganz
verwerflich zu halten und ihnen zur Last gelegt, daß sie als un-
nütze Couponschneider die braven Industriellen einseifen und die
ganze Gesellschaft schröpfen.
- Noch weniger ist den Nachbetern der Leninschen Theorie einge-
fallen, die Berufung auf die 'Fäulnis', den parasitären Charakter
des Monopolkapitalismus einzustellen. Sie haben also ausgerechnet
als Oppositionelle ihren politischen Willen, ihre Kritik am bür-
gerlichen Arbeiten, Kaufen, Sparen und Soldat spielen mit der
Ü b e r e i n s t i m m u n g legitimiert, in der sie sich - von
Lenin unterrichtet - mit der Tendenz der Weltenläufte befinden.
Der ü b e r f ä l l i g e Kapitalismus rechtfertigt die antimo-
nopolistische Demokratie, den echten Volksstaat; Haupttendenz =
Revolution... (kein Wunder; daß die schleppende Gangart der Ten-
denz - solche Leute grün und Schlimmeres werden läßt!)
- Genauso beliebt blieb die Verheißung, daß schlechte Erfahrun-
gen, auf die man nur noch d e u t e n muß, wenn sie die
"friedliebenden" Menschen schon gemacht haben, Wunder wirken:
"Dutzende Millionen von Leichen und Krüppeln, die der Krieg hin-
terließ... und dann diese beiden 'Friedensverträge' öffnen mit
einer bisher ungeahnten Schnelligkeit Millionen- und aber Millio-
nen durch die Bourgeoisie eingeschüchterter, niedergehaltener,
betrogener und betörter Menschen die Augen." (AW I/771)
Als ob ein Klassenstaat solchen Friedensfreunden durch die frie-
denspolitische Vorbereitung und Führung von Kriegen nicht be-
weist, wie weit er es in der Zurichtung seiner Opfer für die ge-
lungene Fortsetzung seiner Herrschaft bringt! Als ob eine Schrift
über den Charakter des Imperialismus und Anti-Kriegsagitation
überhaupt notwendig wären, wenn Leichen und Kriegsfilme so augen-
öffnend wirken würden!
- Und die reaktionäre Wendung Lenins bei der Erklärung der Erfah-
rung, daß sich "ausgerechnet" die Arbeiterklasse für den Dienst
in monopolkapitalistischen Fabriken und Kasernen und Feldzügen
hergibt, erfreut sich auch heute noch größter Beliebtheit. In den
linken Restbewegungen in der Leninschen Fassung des Volksspruches
"Den Leuten geht's zu gut!", der Bestechungsthese:
"Dadurch, daß die Kapitalisten eines Industriezweiges... hohe Mo-
nopolprofite herausschlagen, bekommen sie ökonomisch die Möglich-
keit, einzelne Schichten der Arbeiter, vorübergehend sogar eine
ziemlich bedeutende Minderheit der Arbeiter zu bestechen..."
Ansonsten nicht in Form von Lohnerhöhungen, um die Proleten für
den Krieg auf die Seite der Bundesregierung zu ziehen, sondern
mit Lohnsenkungen und der Ideologie, die da heißt: "Uns geht's
verhältnismäßig gut!" oder aus dem Munde Helmut Schmidts: "Das
deutsche Volk ist verwöhnt!"
Wenn sich Lenin das Arrangement der europäischen Arbeiter und ih-
rer Parteien mit dem Krieg - an dem seiner Auffassung nach erst
einmal nur das Finanzkapital Interesse hat - nicht erklären
konnte, eine falsche Imperialismustheorie hinschrieb und mit ihr
nichts ausrichten konnte gegen die "Verbürgerlichung" kommunisti-
scher Parteien und von Gewerkschaften, so ist das im übrigen kein
Grund zum Verzweifeln. Erstens gibt es inzwischen eine richtige
Erklärung von Ausbeutung, Imperialismus und Krieg. Und zweitens
wird uns Lenin verzeihen, da aus dieser Erklärung nicht nationa-
listische Unterschriftensammlungen für Friedenspolitiker folgen.
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