Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Materialismus als Weltanschauung
MARX/ENGELS, DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE
In dieser Reihe besprechen wir in loser Folge Klassiker des Mar-
xismus, die es in der Geschichte der Arbeiterbewegung und/oder in
der bürgerlichen Wissenschaft zu einigem Ansehen gebracht haben:
entweder als weltanschauliche Berufungsinstanz oder als Beleg für
bedingte Brauchbarkeit. Den alten Schriften soll die Ehre angetan
werden, daß ihre Aussagen einmal zur Kenntnis genommen werden -
woraus sich dann auch mancher Aufschluß darüber gewinnen läßt,
warum sie die einen für so brauchbar halten und die anderen für
so verwerflich. Daß der Umgang mit Klassikern ziemlich wenig da-
mit zu tun hat, ob sie stimmen oder nicht, ist uns schon seit ge-
raumer Zeit aufgefallen: deswegen haben sie ja auch Konjunkturen
bei Freund und Feind! Deswegen gefällt das 'Kapital' so manchem
Philosophen, die '"Deutsche Ideologie" vielen Soziologen, Lenins
"Was tun?" keinem Grünen - und seit der Bekehrung der VR China
vom sozialistischen Modell zum Entwicklungsland will keiner mehr
die Ansichten von Mao Tse-tung kennenlernen. Gewissermaßen als
Korrektur an diesem geschmäcklerischen Umgang mit den verehrten
und gehaßten Lehrern der Revolution möchten wir ganz unverbind-
lich zum dogmatischen Umgang mit ihren Ideen raten, wodurch sich
vielleicht das Problem, ob es sich bei der Marxistischen Gruppe
um eine M-L-Sekte handelt, erledigt: Glauben tun wir an keinen,
und wenn L was Richtiges verlauten läßt, ist er uns genauso lieb
wie M...
Die "Deutsche Ideologie" ist eine Streitschrift gegen die
"junghegelsche Philosophie", die in Deutschland mit dem Anspruch
auftrat, eine Kritik der bürgerlichen Verhältnisse zu liefern.
Gerade dieser Anspruch veranlaßte Marx und Engels dazu, den af-
firmativen, die angegriffenen Zustände zugleich idealisierenden
Charakter und die Haltlosigkeit dieser philosophischen Kritik zum
Gegenstand einer immerhin umfangreichen Polemik zu nehmen:
"Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe,
die sich für Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu entlar-
ven, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bürger
nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser philoso-
phischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen
Zustände widerspiegeln." (MEW 3/13)
Die theoretische Auseinandersetzung mit falschen Urteilen über
die bürgerliche Gesellschaft und ihre Geschichte, die Eingang in
die damaligen sozialistischen Zirkel Deutschlands gefunden hat-
ten, erschien den Verfechtern des Kommunismus als eine praktische
Notwendigkeit. Den eigenen Einsichten in den Gang und die Ansatz-
punkte einer revolutionären Bewegung sollte zur Durchsetzung ver-
holfen und damit eine andere Praxis der Opposition begründet wer-
den.
Gemessen an dieser Absicht muß es verwundern, daß gerade die
"Deutsche Ideologie" weder den Ruf einer politischen Streit-
schrift noch den wissenschaftlicher Kritik genießt. Wer sich
heute auf diese Arbeit bezieht - und jemals bezogen hat -, dem
gilt und galt sie vielmehr als erste Grundlegung einer marxisti-
schen W e l t a n s c h a u u n g. Nicht wissenschaftliche Er-
kenntnisse und aus ihnen erwachsende praktische Stellungen ent-
nimmt man gemeinhin, sei es in der bürgerlichen Soziolo-
gie/Philosophie oder im Diamat/Histomat der anderen Seite, dieser
Schrift; sondern umgekehrt einen vor und jenseits aller Wissen-
schaft eingenommenen "Standpunkt", der dann seinerseits Vor-
schriften über den Gang und die Resultate der Theorie erlassen
habe.
Nun können auch Marx und Engels kaum für die spätere Verwendung
ihrer Fehler als Tradition wissenschafts- und geschichtsphiloso-
phischer Anschauungen verantwortlich gemacht werden. Was man der
"Deutschen Ideologie" jedoch vorwerfen kann, ist die
"Grundlegung" ihrer Kritik, die sie - wenn auch aus Gründen, die
heute kaum mehr geläufig sind - in Form von Prinzipien und Stand-
punkten dargeboten haben, die nicht minder "abstrakt-philoso-
phisch" genannt werden müssen als die von Marx und Engels kriti-
sierten Weltanschauungen.
1. materialistische Methode
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Das Manuskript besteht aus vier Teilen, wovon drei ziemlich unbe-
kannt sein dürften: Sonderbarerweise sind es gerade die, welche
den eingangs benannten Gegenstand betreffen und den größten Um-
fang des ganzen Werks ausmachen. Umso breiterer Bekanntheit er-
freut sich dagegen das Einleitungskapitel über Feuerbach, obwohl
Marx diesem immerhin noch bescheinigte, daß man "auf dessen Sa-
chen... de bonne foi eingehen kann" (MEW 3/18). Dieses Einlei-
tungskapitel (auf das sich unsere Kritik im folgenden in erster
Linie bezieht) wurde von Marx einem gar nicht selbstverständli-
chen Zweck untetgeordnet:
"Wir schicken... der speziellen Kritik der einzelnen Repräsentan-
ten dieser Bewegung einige allgemeine Bemerkungen voraus. Diese
Bemerkungen werden hinreichen, um den Standpunkt unserer Kritik
so weit zu bezeichnen, als es zum Verständnis und zur Begründung
der nachfolgenden Einzelkritiken nötig ist." (MEW 3/18)
Die Stelle ist zwar durchgestrichen, wie ja auch das ganze Werk
"der nagenden Kritik der Mäuse" verfiel und nicht veröffentlicht
wurde. Aber spätere Einlassungen von Marx, von denen wir nur eine
zitieren - es ließe sich ebenso auf die Vor- und Nachwörter der
späten, ökonomischen Arbeiten verweisen -, lassen dasselbe Pro-
blem erkennen:
"Es schien mir nämlich sehr wichtig, eine polemische Schrift ge-
gen die deutsche Philosophie und gegen den seitherigen deutschen
Sozialismus" (mit 'dieser Schrift' ist die "Deutsche Ideologie"
gemeint) "meiner p o s i t i v e n Entwicklung
v o r h e r z u s c h i c k e n. Es ist dies notwendig, um das
Publikum auf den Standpunkt meiner Ökonomie, welche schnurstracks
der bisherigen deutschen Wissenschaft sich gegenüberstellt, vor-
zubereiten." (MEW 27/448 f.)
Marx muß ganz übersehen haben, daß er mit solchen Bemerkungen
einen (ihm sicher auch!) aus der Erkenntnistheorie wohlbekannten
Zirkel fordert: Zum Verständnis des "Nachfolgenden" und der neuen
Einsichten soll ein wissenschaftlicher "Standpunkt " vonnöten
sein, den man erst einmal - mindestens der "Erleichterung" halber
- h a b e n muß. Die A n e i g n u n g dieses "Standpunkts"
soll dann so vonstatten gehen: über die Befassung mit einem Ge-
genstand der Wissenschaft (Feuerbach oder Philosophie oder Sozia-
lismus überhaupt) "erleichtert" man sich eben das Verständnis für
die Auseinandersetzung mit den a n d e r e n (Stirner oder der
Ökonomie)! Schließlich wird auch noch versprochen, daß die Kennt-
nis der Philosophiekritik von Marx der Aneignung des ökonomischen
Werks von Nutzen sei. Der Nachweis dafür dürfte selbst einem Marx
schwerfallen.
Dennoch hat er mit diesem Fehler in der modernen "kritischen Wis-
senschaft", wo man Methoden wie Eintrittskarten für die eigene
Theorie vorzeigt, manchen Anklang gefunden mit seiner Ausbreitung
des "materialistischen Standpunkts".
Der Standpunkt der "Wirklichkeit"
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Das erste Merkmal dieses Standpunkts besteht darin, daß er gar
keiner ist, wenngleich er so vorgetragen wird:
"Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkür-
lichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen von denen
man nur in der Einbildung abstrahieren kann." (Eine untaugliche
Versicherung, auch wenn heute Wissenschaftler von ihren
"Voraussetzungen" das Gegenteil behaupten!) "und ihre materiellen
Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre
eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein
empirischem Wege konstatierbar." (MEW 3/20)
Man sollte meinen, die wirklichen Individuen etc. seien ein
G e g e n s t a n d der Wissenschaft. Inwiefern Voraussetzung?
Daß die in der Welt vorfindlichen Gegenstände ihrer Erkenntnis
vorausgesetzt sind, versteht sich von selbst; daß sie "empirisch
konstatierbar" sind, sollte man hoffen; aber beides macht sie in
ihrem V o r a u s doch zu keiner Qualität ihrer Erklärung, un-
terscheidet sie vielmehr von dieser. Selbst die von Marx kriti-
sierten Philsophen haben sich ja nicht mit unwirklichen Gegen-
ständen beschäftigt, sondern wirkliche Gegenstände in ihrer Theo-
rie zu unwirklichen Ideen uminterpretiert. Der Gedanke, diese In-
terpretation ihrerseits als Frage nach einmal "gemachten Voraus-
setzungen" zu kritisieren und mit den wirklichen, empirischen
Voraussetzungen der Wissenschaft zu kontrastieren, t e i l t
den Idealismus des Kritisierten, indem er ihn einfach auf den
Kopf stellt. Hier wie dort wird nämlich als Problem und Kennzei-
chen d e r W i s s e n s c h a f t das behauptet, wovon sie
ausgeht und nichts anderes i s t Idealismus: die Vorstellung,
die Objektivität des zu Erklärenden sei selbst eine Sache wissen-
schaftlicher Entscheidung. Diese Manier, alles Wirkliche nur noch
so zur Kenntnis nehmen zu wollen, wie es der eigenen Idee von ihm
entspricht, kündigt also von vornherein bedingte und relative,
eben von den prinzipiellen Entschlüssen abhängige und nur durch
sie überzeugende "Kenntnisse" an. Und in dieser F o r m der Un-
wissenschaftlichkeit, in der Haltung der Selbstbeschränkung,
trägt Marx seinen Appell an die wissenschaftliche Moral vor!
Statt die idealistische Berufung auf "Voraussetzungen der Wissen-
schaft" darin anzugreifen, daß sie die einzige wirkliche Voraus-
setzung der Wissenschaft, nämlich die O b j e k t i v i t ä t
d e s D e n k e n s leugnet, hält er das für eine Leugnung der
O b j e k t i v i t ä t d e r W e l t - als ob jemand, der von
der wirklichen Gesellschaft in seiner Theorie verkehrte Abstrak-
tionen behauptet, ihre Existenz bestreiten würde! - und beruft
sich auf "wirkliche Voraussetzungen". Das hat ihm nur eins einge-
bracht: Auch der Materialismus, objektive Wissenschaft, wird
seither unter ausgiebigem Marx-Zitieren als mögliche, wenngleich
"nur (!) aufs Materielle" gerichtete theoretische Technik der
Parteinahme betrachtet. Die V e r e i n n a h m u n g des Mar-
xismus durch die bürgerliche Wissenschaft - ist der verdiente
Lohn für die A n b i e d e r u n g an deren Denkgepflogenhei-
ten, an der Marx etwas gelegen sein muß. Wäre er sonst so ver-
ständnisheischend aufgetreten?
Als Kennzeichen des "materialistischen Standpunkts" sind die
"wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebens-
bedingungen" nun zweitens tatsächlich etwas a n d e r e s als
ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie werden ein Ge-
genstand Marx'scher Selbstdarstellung:
"Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion,
durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden." (Man
darf sich hier sicher sein, daß dieses interessante Problem Marx
n i c h t bewegte!) "Sie selbst fangen an, sich von den Tieren
zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu pro-
duzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation
bedingt ist." (MEW 3/21)
Derselbe Marx:, der in der Kritik Stirners nicht genug spotten
kann über
"seine Insel Barataria, 'das Land' als solches, wo 'der Mensch'
in puris naturolibus herumläuft" (MEW 3/21),
weil er den Fehler dieser Kategorie genau kennt -
"Was die Menschen waren, was ihre Verhältnisse waren, erschien im
Bewußtsein als Vorstellung von dem Menschen, von seinen Daseins-
weisen oder von seinen näheren Begriffsbestimmungen." (MEW 3/167)
-,
derselbe Marx berichtet also von "dem Menschen" in seiner grund-
sätzlichsten Gestalt, eben in seinem Unterschied vom Tier, wenn
es darum geht, die versicherte Wirklichkeitsnähe "des Stand-
punkts" mit Inhalt zu erfüllen. Wahr ist sicher, daß die hiermit
vorgenommene Abstraktion von den b e s t i m m t e n Verhält-
nissen, unter denen "die Menschen... ihre Lebensmittel produzie-
ren", nicht dem Zweck ihrer Idealisierung und Überhöhung ge-
horcht, sondern in der Tat die allgemeinste Bestimmtheit der Gat-
tung ausspricht. Ebenso sicher ist freilich unwahr, daß eine sol-
che anthropologische Bestimmung - die bei der Erforschung der
menschlichen Urgeschichte ihren Stellenwert haben mag - einen
L e i t f a d e n zur Analyse irgendeiner bestimmten Gesell-
schaft abgibt oder ihn gar für die Marx'sche Analyse der
b ü r g e r l i c h e n Gesellschaft abgegeben h ä t t e. Es
ist überhaupt nicht abzusehen, wie man (siehe MEW 3/21-25) aus
der bloßen Notwendigkeit der Produktion zu verschiedenen Formen
der Arbeitsteilung und des Eigentums kommen sollte. Mit der Be-
nennung des allgemeinsten, Unterschiede der menschlichen
"Lebensweisen" und "Verkehrsformen" also ausdrücklich auslöschen-
den, Resultats von deren Untersuchung weiß man ja w e n i g e r
als vorher - wie sollte dann eine so dünne Bestimmung je
"hilfreicher" Ausgangspunkt der Wissenschaft sein? Die Angabe
dieser Abstraktion hat gar keinen wissenschaftlichen, sondern nur
einen methodischen Sinn: Ohne daß der Gedanke je zur Grundlage
irgendeines Arguments hergenommen, aus ihm etwas erschlossen wer-
den würde, v e r g l e i c h t sich Marx damit mit den ideali-
stischen Geschichtsphilosophen, die den Menschen auch durch man-
cherlei vom Tier unterschieden haben, und betont in diesem Ver-
gleich seinen "Standpunkt" erneut als sehr ehrenhaften: Mehr als
das Formelle, daß hinter solch überaus prinzipiellen Erkenntnis-
sen wohl eine Menge "gewissenhaften Studiums" gelegen haben muß,
gibt das Argument nicht zu erkennen. Der Lohn entspricht auch
hier der Bemühung: Im Vergleich zu ihren erlesenen Wesensbestim-
mungen "des Menschen" erscheint der bürgerlichen Anthropologie
bis heute die marxistische als ziemlich b a n a l, wenn nicht
gar etwas entwürdigend.
Wissenschaft vs. Philosophie
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Vergleiche, mit dem Gegner und Pochen auf die Berechtigung; Soli-
dität, Wissenschaftlichkeit der eigenen "Betrachtungsweise" -
diese Leistungen Marxscher Methodologie sind keine der Wissen-
schaft und i h r e m Zweck, der Beurteilung und Bereinigung von
Streitfragen, verpflichtete und dienliche. Einen Gegensatz zur
idealistischen Anschauung machen sie wohl auf, aber einen jen-
seits der Sachen, um die gestritten wird: also in der Tat einen
der A u f f a s s u n g v o n W i s s e n s c h a f t. Noch
die Bekräftigung, daß die Objektivität der Wissenschaft keine
Frage von Auffassungen, Anschauungen oder Sichtweisen ist, kommt
als Auffassung programmatisch vorgetragen daher:
"Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zu-
sammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit
der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekula-
tion aufweisen." (25) "Diese Betrachtungsweise ist nicht voraus-
setzungslos. Sie geht von den wirklichen Voraussetzungen aus, sie
verläßt sie keinen Augenblick. ... Da, wo die Spekulation auf-
hört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive
Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des
praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen." (27)
Unrichtig ist von diesen Bemerkungen keine aber nur in dem Sinn,
daß es ja kein Fehler sein kann, sich zu wissenschaftlicher Er-
kenntnis statt zu Spekulationen über alles mögliche zu entschlie-
ßen. Andererseits ist die Bekanntgabe guter Vorsätze natürlich
nicht mit wissenschaftlichem Urteilen zu verwechseln. Das merkt
man nicht allein daran, daß der Erkenntniswert disjunktiver Ur-
teile vom Charakter "Die Wissenschaft beginnt da, wo die Spekula-
tion aufhört" (und umgekehrt!) bescheiden ist und überdies mehr
im Meinen liegt als in dem, was gesagt wird. Die Unwissenschaft-
lichkeit des Bekenntnisses zur "wirklichen, positiven Wissen-
schaft" tritt vor allem daran zutage, daß der zu klärende, auszu-
tragende Gegensatz zwar f e s t g e s t e l l t, aber nicht
a u s g e t r a g e n wird. Der "Einbildung" und "Spekulation",
so bissig sie angegriffen werden, wird gar kein F e h l e r
vorgeworfen - auch nicht in allgemeiner Form -, ganz als ob die
konstatierte D i f f e r e n z zur eigenen Vorgehensweise für
sich selbst sprechen würde. Dabei ist der Ausgangspunkt dieser
Konfrontation offensichtlich das Gegenteil, daß nämlich in der
vorgefundenen und kritisierten Wissenschaft Erkenntnis eben nicht
der Zweck ist, in dessen Namen die bloße Erinnerung an Selbstver-
ständlichkeiten zur Einsicht und Rücknahme von Fehlern genügen
könnte. Der G r u n d für die angegriffenen Ideologien, die ja
auch nicht für schlichte Irrtümer befunden werden, wird von Marx
folgerichtig tautologisch charakterisiert. Eine N o t w e n-
d i g k e i t soll das falsche Denken schon haben, aber eine,
die jenseits seiner Argumente behauptet wird und deshalb im
seinerseits grundlosen Entschluß dazu gründet:
"Die deutsche Kritik hat bis auf ihre neuesten Efforts den Boden
der Philosophie nicht verlassen. Weit davon entfernt, ihre allge-
mein-philosophischen Voraussetzungen zu untersuchen, sind ihre
sämtlichen Fragen sogar auf dem Boden eines bestimmten philoso-
phischen Systems, des Hegelschen, gewachsen. ... Diese Abhängig-
keit von Hegel ist der Grund, warum keiner dieser neueren Kriti-
ker eine umfassende Kritik des Hegelschen Systems auch nur ver-
suchte, so sehr Jeder von ihnen behauptet, über Hegel hinaus zu
sein." (MEW 3/19)
Es ist schier unerfindlich, weshalb Hegelianer mit der Abhängig-
keit von dieser Philosophie - die ihnen auch noch als Grund atte-
stiert wird, aus dem heraus sie solche Philosophie betreiben -
ein P r o b l e m haben sollten, das sie ja wohl einzig zur Un-
tersuchung ihrer "allgemein-philosophischen Voraussetzungen" be-
wegen könnte. Die Unterstellung, daß sie eigentlich ein derarti-
ges Problem haben müßten, legt den Grund für die gegenteilige
Tatsache, die konstatiert wird, also in d i e
U n k e n n t n i s u n d t h e o r e t i s c h e
N a c h l ä s s i g k e i t, womit aus der Kritik falscher die
Kritik unzureichender Wissenschaft wird. Der Kritiker Marx insze-
niert sich, angesichts der offiziellen wie oppositionellen Vor-
herrschaft und Blüte philosophischer Gedanken, als deren einzig
konsequenter Erbe - und Testamentsvollstrecker:
"Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der
Wirklichkeit ihr Existenzmedium." (MEW 3/27)
Hier rächt sich endgültig die Absicht, durch methodologische Pro-
klamationen die Abgrenzung zur "deutschen Ideologie" mit Appellen
an vorgeblich gemeinsame Maßstäbe rechtfertigen zu wollen. Er-
stens ist diese Todesanzeige der Philosophie ein Widerspruch an
sich selbst. Sollte der Grund für Philosophie wirklich in Ver-
säumnissen positiver Wissenschaft liegen, die phantastische Dar-
stellung der Wirklichkeit nur ein theoretischer Notbehelf sein,
eine Art Überbrückungsmaßnahme, die mit dem Fortschritt der Wis-
senschaft überflüssig wird, - dann wäre ja auch alle Kritik sol-
cher Vorstellungen, sobald ihr "Existenzmedium" schwindet, über-
flüssig. Zweitens: Wenn die Versäumnisse einer mangelnden Über-
windung von Hegel geschuldet sein sollen, die nicht stattfindet,
o b w o h l die Bedingungen reif wären für die "Darstellung der
Wirklichkeit", dann muß es sich bei diesen Philosophen wohl um
dumme oder böswillige Leute handeln, die eben in d i e s e n
Punkten zu kritisieren sind, während die Inhalte ihrer Spekula-
tion demgegenüber zur Nebensache von bestenfalls historischem
oder gleich nur satirischem Interesse werden. Diese eminente Ver-
harmlosung theoretischer Gegner, deren Ideen wohl schon zu Marx'
Zeiten (die ihrer Nachfolger heute ohnehin) gewiß größeren Ein-
fluß auf das geistige Leben der Nation hatten (bzw. haben) als
die Argumente von Marx und der Marxisten, behandelt drittens die
Entscheidung zwischen Wissenschaft und Philosophie selbst nicht
mehr als wissenschaftliche Frage, sondern als m o r a l i-
s c h e s M e s s e n: Wer trägt den Erfordernissen der Zeit
und der wissenschaftlichen Ehrlichkeit, Gründlichkeit, etc.
Rechnung, wer nicht? Mitten im größten Gegensatz zur Philosophie
hält Marx an der Fiktion eines gemeinsamen Anliegens fest - als
ob Mystifikationen und Erkenntnisse auf eine identische Wurzel
zurückzuführen wären! - und macht sein eigenes Fertig-Sein mit
der idealistischen Tradition zum A r g u m e n t gegen deren
Fortführung bei anderen. Die Feindseligkeit der Philosophie gegen
Materialismus und Vernunft, die im inhaltlichen Teil des Werks
immer wieder festgestellt wird, soll also, kaum kann sie sich
durch die Ausgliederung der Einzelwissenschaften als freie
Sinnstiftung erstmals unverfälscht von jeder Rücksichtnahme auf
bestimmte Erkenntnisgegenstände so richtig bewähren, ausgerechnet
an den Maßstäben, von denen sie sich b e f r e i t, ihre größte
und endgültige Blamage erleiden!
Dieses wissenschaftliche Fehlurteil des kritischen Notars Marx
verrät, daß Marx nur auf der einen Seite Wissenschaftler und Kri-
tiker war. Auf der anderen scheint er sich damals soviel darauf
eingebildet zu haben, daß ihm die Pose des theoretischen
V o r b i l d s nicht unpassend vorkam. Die eine Konsequenz da-
von ist, daß aus konkurrierenden Auffassungen, die sich gar nicht
theoretischen Interessen verdanken, verunglückte Versuche werden,
an und für sich rationelle Aufgaben zu lösen. Die andere Konse-
quenz ist, daß zum Beweis der Wissenschaft l i c h k e i t der
eigenen Auffassung - das ist nicht i h r Beweis! - noch einige
Argumente geliefert werden müssen, die weder der Erklärung be-
stimmter Sachverhalte noch der Kritik falscher Gedanken darüber
dienen: Erklärungen nicht von Sachen, sondern ihres Stellenwerts
für "wirkliche Wissenschaft". Als Rezept, sich der Wahrheit von
Gedanken ohne jede Befassung mit ihren Gegenständen zu versi-
chern, haben die entsprechenden Ideen heute noch viele Freunde -
bei Philosophen aller Disziplinen und politischen Lager.
II. Historischer Materialismus
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Die Durchführung der materialistischen Methodologie, wie sie im
Standpunkt der "wirklichen Voraussetzungen" und der "positiven
Wissenschaft" antizipiert wurde, ist in ihrem Prinzip und ihrem
Fehler von Marx selbst zusammengefaßt worden. Über die historisch
überlebte Philosophie sagt er:
"An ihre Stelle kann höchstens (!) eine Zusammenfassung der all-
gemeinsten Resultate treten, die sich aus der Betrachtung der hi-
storischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese
Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Ge-
schichte, durchaus keinen Wert." (Was sollen sie dann überhaupt?)
"Sie können nur dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Ma-
terials zu erleichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schich-
ten anzudeuten. ... Wir nehmen hier einige dieser Abstraktionen
heraus, die wir (!) gegenüber der Ideologie gebrauchen, und wer-
den sie an historischen Beispielen erläutern." (MEW 3/27)
Dieses Kontrastprogramm zur "Ideologie" ist unlogisch. So sehr
sich natürlich aus jeder historischen Entwicklung, auch aus der
"historischen Entwicklung der Menschen" insgesamt, gewisse allge-
meine und sogar allgemeinste R e s u l t a t e abstrahieren
lassen, so sehr bleiben diese immer noch Resultate v o n
e t w a s und existieren nicht "getrennt von der wirklichen Ge-
schichte". Daß etwa die moderne Gesellschaft vom Kapital be-
herrscht wird, ist ein solch allgemeines Resultat ihrer Untersu-
chung; die historischen Voraussetzungen des Kapitals erschließen
sich aber nicht daraus, daß sein Begriff als abstraktes Ordnungs-
werkzeug ein ungeordnetes historisches Material in die Kneifzange
nimmt, sondern aus den konkreten Begriffs m o m e n t e n, deren
Bestimmtheit ihre Erklärung in der Geschichte findet. Die Ge-
schichte des Kapitals ist eben s e i n e Geschichte; und diese
existiert nicht noch einmal als die Abstraktion "Geschichte", in-
nerhalb derer der Kapitalismus dann als besondere "Schicht" vor-
kommt. Das letztere zeichnet den Fehler aus, Abstraktionen von
ihrer Bestimmtheit, ihrem Objekt, zu trennen und daher unter ab-
strakte Begriffe auch Objekte zu subsumieren, von denen die er-
steren gar nicht abstrahiert worden sind. Abstrahieren hat - we-
nigstens wenn es um Resultate der Wissenschaft geht - doch nichts
damit zu tun, daß irgendwelche allgemeinen Bestimmungen herausge-
griffen werden, die keine Auskunft mehr über die Natur des behan-
delten Gegenstands geben. Die methodische
A u f b e r e i t u n g von wissenschaftlichen Resultaten, wie
sie Marx in der "Deutschen Ideologie" vornimmt, v e r f e h l t
daher beständig die Identität der Gegenstände, die für falsche
Abstraktionen nur "historische Beispiele" abgeben sollen.
Materialistische Geschichtsphilosophie
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Über die "ganze bisherige Geschichtsauffassung" urteilt Marx:
"Die Geschichte muß daher immer nach einem außer ihr liegenden
Maßstab geschrieben werden; die wirkliche Lebensproduktion er-
scheint als ungeschichtlich, während das Geschichtliche als das
vom gemeinen Leben Getrennte, Extra-überweltliche erscheint....
Sie hat daher in der Geschichte nur politische Haupt- und Staats-
aktionen und religiöse und überhaupt theoretische Kämpfe sehen
können - und speziell bei jeder geschichtlichen Epoche die
I l l u s i o n d i e s e r E p o c h e t e i l e n
m ü s s e n." (MEW 3/39)
Marx hätte sich nur der eigenen Einsicht über die Idealisten zu
erinnern brauchen -
"Nicht nur in ihren Antworten, schon in den Fragen selbst lag
eine Mystifikation. "(MEW 3/19) -,
um den Grund jener Geschichtsauffassung und ihrer Verkehrung der
wirklichen Verhältnisse in der F r a g e s t e l l u n g: Was
treibt die Geschichte voran? auffinden zu können. Das ist nämlich
eine Mystifikation! Nur wer die Notwendigkeit irgendeines Gesche-
hens (ob vergangen oder nicht, spielt hierbei noch nicht einmal
eine Rolle) darin sucht, daß o h n e es etwas anderes
n i c h t zustandekommt (oder zustandegekommen wäre), läßt sich
ja das proklamierte "Wofür" einer Epoche als deren hinreichende
Erklärung gefallen. Und dieses Bemühen, Anhaltspunkte dafür zu
gewinnen, daß nichts anders kommen k o n n t e, als es nun ein-
mal gekommen ist, geht wohl weniger auf Vorlieben für "Extra-
Überweltliches" als auf einiges Wohlwollen für die jeweiligen Re-
sultate der historischen Entwicklung zurück. - Einmal positiv
ausgedrückt, liegt der Begriff "der Geschichte" überhaupt nur in
ihrem jeweiligen Resultat, als d e s s e n Voraussetzung
"Haupt- und Staatsaktionen" nicht minder als Veränderungen der
"wirklichen Lebensproduktion" h i s t o r i s c h e Qualitäten
erhalten, in ein Verhältnis zu Folgen gesetzt werden, für die sie
an sich selbst nur Bedingungen darstellen. Die Verwandlung dieser
Bedingungen in Bestimmungsgründe einer "Geschichte" ist eine
praktische Frage, eine Frage der Durchsetzung auftretender
Zwecke; sie ist aber keine Frage "historischer Gesetze", da "die
Geschichte" kein eigenständiges Subjekt ist und demzufolge auch
keinen inneren Notwendigkeiten gehorcht. Es keineswegs so, daß
Marx das nicht gewußt hätte:
"Die Geschichte ist n i c h t s als die Aufeinanderfolge der
einzelnen Generationen, von denen jede die ihr von allen vorher-
gegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte
exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umstän-
den die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andererseits mit ei-
ner ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert,
was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Ge-
schichte zum Zweck der früheren gemacht wird, ... wodurch dann
die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält und eine 'Person neben
anderen Personen' (...) wird..." (MEW 3/45)
Marx, der Wissenschaftler, wäre hier mit seiner allgemeinen Beur-
teilung idealistischer Geschichtsphilosophie schon fertig gewe-
sen. Marx, der wegweisende Wissenschaftler, legt aber Wert dar-
auf, daß seine Kritik historischer Spekulation nicht einfach als
deren Kritik verstanden wird. Als beruhte der Streit auf der Dif-
ferenz von Geschichtserkenntnissen, soll der Gegner mit den
"allgemeinsten Resultaten" der eigenen Forschung - blamiert wer-
den. An Stilblüten der Art
"Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf be-
stimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten ge-
sellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein." (MEW 3/25)
wird die immanente Unsinnigkeit dieser Absicht kenntlich: Es han-
delt sich stets um Urteile, deren Sinn nur im Vergleich mit den
philosophischen Behauptungen verständlich wird, deren
"empirische" Umdrehung sie darstellen sollen. Als solche sind sie
fürs erste reichlich inhaltsleer - logische Kategorien wie
"Bestimmtheit" b e s t i m m e n eben nichts über die Indivi-
duen, ihre Tätigkeit und ihre Verhältnisse, lassen das zu Erklä-
rende also gerade offen. Weil diese methodischen Deuter aber nur
deshalb gegeben werden, um die Ü b e r l e g e n h e i t wis-
senschaftlicher Analyse über philosophische Spekulationen zu be-
weisen, werden im nächsten Schritt konkrete Verhältnisse nicht
auf i h r e Gründe untersucht, sondern umgekehrt so darge-
stellt, als gingen sie in irgendeiner Weise aus den methodischen
Abstraktionen der Philosophiekritik hervor. Womit ganz unverse-
hens auch die Marx'sche Befassung mit historischen Fakta Prinzi-
pien entwickelt, nach denen "die Geschichte" doch "ihre aparten
Zwecke erhält". Einige davon haben inzwischen auch ihre Ge-
schichte.
Produktion - Gesellschaft
-------------------------
"Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel
zur Befriedigung dieser Bedürfnisse (erg. Essen und Trinken, Woh-
nung, Kleidung...), die Produktion des materiellen Lebens
selbst... Das Erste also bei aller geschichtlichen Auffassung
ist, daß man diese Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und
ihrer ganzen Ausdehnung beobachtet und zu ihrem Recht kommen
läßt." (MEW 3/28)
Dies ist eine Eskamotage. Wenn Marx in seinen Studien über eine
bestimmte Gesellschaft, die bürgerliche, zu dem Resultat gekommen
ist, daß ihre ganzen "idealistischen Superstrukturen" auf der ka-
pitalistischen P r o d u k t i o n s w e i s e beruhen, so ist
das eine Sache. Diese Erkenntnis hätte sich aber auch bei ihm
kaum eingestellt durch die Beherzigung der obigen Vorschrift, im-
mer d i e P r o d u k t i o n gebührend zu berücksichtigen -
die kapitalistische Ökonomie erklärt sich ja keineswegs daraus,
"daß die Menschen imstande sein müssen zu leben, um 'Geschichte
machen' zu können" (ebd.). Ganz im Gegenteil - wer das zum Erklä-
rungs p r i n z i p der unterschiedlichsten Gesellschaften er-
hebt, imaginiert sich den höchst idealistischen Auftrag aller
Ökonomie, für die Versorgung der Menschen da zu sein: eine Imagi-
nation, die in der bürgerlichen Wirtschaftslehre zu einer eigenen
Wissenschaft geworden ist.
Die Schlußfolgerung, die Marx aus seiner "ersten Grundtatsache"
und zwei weiteren, der Erzeugung neuer Bedürfnisse und der Fami-
lie, zieht, ist freilich keine ökonomische Erklärung aus Prinzi-
pien - dagegen soll sich die methodische Vorschrift ja gerade
richten -, sondern die Ableitung einer neuen allgemeinen Tatsa-
che:
"Die Produktion des Lebens, sowohl des eigenen in der Arbeit wie
des fremden in der Zeugung" (eine hübsche Zusammenstellung)
"erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis - ei-
nerseits als natürliches, andererseits als gesellschaftliches
Verhältnis -, gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das
Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel (!) unter welchen
Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden
wird." (MEW 3/29 f.)
Produziert und gezeugt wird immer zusammen, weshalb dieses Zusam-
men was ist? Eine menschliche Bestimmung sui generis, die genauso
"beobachtet" sein und "zu ihrem Recht" kommen will wie "die Pro-
duktion". Eskamotage Nr. 2: Obwohl das "Zusammenwirken der Indi-
viduen" seinen ganzen I n h a l t in den "Bedingungen", der
"Weise" und ihrem "Zweck" hat, soll das A b s e h e n von die-
sem Inhalt seiner richtigen Auffassung dienlich sein. Ein Stirner
("Ich hab' Mein' Sach' auf Nichts gestellt") Mag zwar in seiner
ideellen Leugnung der ihn umgebenden gesellschaftlichen Verhält-
nisse der vorgestellte Hinter- und Gegengrund dieses umgekehrten
methodischen Postulats sein; nur ist die Umkehrung eines Fehlers
auch nicht richtiger als dieser selbst. Wer die
"Gesellschaftlichkeit" bestimmter menschlicher Verkehrsformen al-
len Ernstes als i h r A t t r i b u t behauptet, der verdop-
pelt in Wahrheit nur seinen Gegenstand und bestimmt das,
w o v o n er abstrahiert hat, nämlich jede wirkliche Gesell-
schaft, a l s Erscheinungsform des "Zusammenwirkens" überhaupt
- also eines aparten Subjekts, das dem Stirnerschen "Ich" eben-
bürtig ist.
Marx wiederum ist dennoch kein Soziologe geworden, der den Kapi-
talismus unter lässiger Mißachtung von Grund und Zweck seiner
Formen von "Gesellschaftlichkeit" nach dem (allerdings von ihm
propagierten!) Motto "Ich und die anderen" theoretisch zur Neben-
sache erklärt hätte. Seine falsche Abstraktion realisiert sich
vielmehr in dem ideologiekritischen Zweck, um dessentwillen sie
aufgestellt wurde:
"Es zeigt sich also schon von vornherein ein materialistischer
Zusammenhang der Menschen untereinander, der durch die Bedürf-
nisse und die Weise der Produktion bedingt und so alt ist wie die
Menschen selbst - ein Zusammenhang, der stets neue Formen annimmt
und also eine 'Geschichte' darbietet, auch ohne daß irgendein po-
litischer oder religiöser Nonsens existiert, der die Menschen
noch extra zusammenhalte." (MEW 3/30)
Die bisherigen Eskamotagen fassen sich hier zusammen: Aus der
allgemeinen Einsicht, daß die Geschichte eine der Ablösung von
Produktionsweisen ist, folgt keineswegs, daß die G r ü n d e
dieser Ablösung im produktiven, "materialistischen Zusammenhang"
zu suchen sind, der von sich aus - genau wie eine philosophische
Idee: er ist auch eine - "stets neue Formen annimmt". In Wahrheit
beweist das Nach- und Nebeneinander verschiedener Formen dieses
Zusammenhangs ja nur, daß es für die "Produktion des materiellen
Lebens" in dieser Abstraktheit g l e i c h g ü l t i g ist, wie
sie organisiert wird, jede Produktionsweise also die i h r ent-
sprechenden Bedürfnisse des unter i h r e Bedingungen gesetzten
Überlebens der Menschen "befriedigt".
"Zur Beseitigung ökonomischer Gesellschaftsformationen gehört
also das erfolgreiche Geltendmachen von Interegsen, die sich mit
den gegebenen ökonomischen Mitteln n i c h t m e h r z u-
f r i e d e n g e b e n. Aus bloßen Bedingungen heraus entsteht
eben gerade keine Geschichte.
Das andere Resultat der Geschichtsbetrachtung erlaubt ebensowenig
die Kreation einer materialistischen Geschichtsideologie. Der Ge-
gensatz zu der idealistischen Vorstellung, die praktischen Aus-
einandersetzungen der Menschheit hätten ihren letzten Grund in
den politischen und religiösen Ideen, in deren Namen sie ausge-
tragen werden, besteht doch nicht in der Auskunft: E s g e h t
a u c h o h n e, dem dann ein materieller "Zusammenhalt" entge-
gengehalten werden müßte, der für sich selbst sorgt. Wer die Idee
der geschichtsbestimmenden Rolle des "Überbaus" nicht in ihrer
Frage nach dem h ö h e r e n S i n n der Geschichte kriti-
siert, b e t e i l i g t sich an diesem Fehler, indem er sich
stattdessen an der Betonung der Rolle der "materiellen Basis" er-
götzt. Statt einer Klärung des Verhältnisses beider wird der
einen Seite - entgegen jeder Anschauung - als "politischer oder
religiöser Nonsens" der Einfluß bestritten, während die andere
Seite, der "materielle Zusammenhang" durch d i e Produktion,
nicht als solcher bestimmt wird, sondern (im Gegensatz zum
"Extra-Zusammenhalt") die Aufgabe ihres Gegenübers zugewiesen er-
hält: Produktion hält die Menschen zusammen und ist für Ge-
schichte verantwortlich.
Bewußtsein - falsches Bewußtsein
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Nur weil mit allen Mitteln die philosophische Geschichtsdeutung
konterkariert werden soll, geht Marx mit den letzteren Argumenten
zu ausgesprochen antikommunistischen Urteilen über. Erst einmal
will er beweisen, daß das "Bewußtsein", aus dem heraus die
Philosophen die gesellschaftliche Praxis erklären, keine
"präexistente Kategorie" ist:
"Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist
zunächst unmittelbar verflochten (!) in die materielle Tätigkeit
und den materiellen Verkehr der Menschen. Das Vorstellen, Denken,
der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direk-
ter Ausfluß (!) ihres materiellen Verhaltens." (MEW 3/26) "Das
Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches
Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren."
(MEW 3/30 f.)
Wieder eine schöne Umkehrung der Philosophie! Behauptet diese,
daß der "Geist" bzw. das "Bewußtsein" sich seine eigene Welt
schafft, so schafft sich bei Marx die "materielle Tätigkeit" bzw.
die "Gesellschaft" ihr eigenes Bewußtsein. Daß bei aller
"Verflochtenheit" das Bewußtsein sich zum "materiellen Verkehr
der Menschen" (wie auch zur übrigen Welt) als seinem
G e g e n s t a n d verhält, aus dem es nicht zugleich
e n t s p r i n g t - dann wäre es ja gerade kein
B e w u ß t s e i n -, interessiert nicht. Und zwar deswegen
nicht, weil in Opposition gegen eine Wirkungs- und Bedingungslo-
gik deren Umdrehung als Lehrsatz in die Welt gesetzt wird! Die
Schlußfolgerung
"Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein,
und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß." (MEW
3/26)
ist deshalb nur einerseits eine Tautologie. Sicher ist Bewußtsein
immer Bewußtsein v o n e t w a s, also ein seiner bestimmten
Differenz zur Objektivität bewußtes "Sein"; Gegenstände werden
vom bewußten Subjekt unterschieden und identifiziert. Sobald man
überhaupt das Denken anfängt, "kann" dies auch nicht anders sein.
Andererseits deutet die erneute Hervorhebung der Tatsache, daß
ein Mensch mit Bewußtsein auch "wirklich" und sehr "materiell"
lebt, darauf hin, daß hier auf b e s t i m m t e Bewußts-
eins i n h a l t e abgezielt wird; was die weitere Fortsetzung
des Gedankens dann explizit macht:
"Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige
Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an ma-
terielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses." (MEW 3/26)
Diese Aussage verwandelt die theoretische Anpassung an praktische
Zwänge, wie sie als Notwendigkeit innerhalb der kapitalistischen
Produktionsweise hervorgerufen wird, in kompletter Abstraktion
von i h r e n Voraussetzungen in eine "Notwendigkeit" deo Be-
wußtseins überhaupt. Als wäre nicht schon das Hinschreiben dieses
Arguments der beste Beleg dafür, daß mit Vokabeln wie "Sublimat"
die Leistung, die allem Denken innewohnt, nicht zu erfassen ist -
als würde einem der "materielle Lebensprozeß" kurzum
v o r g e b e n, welches Bewußtsein man von ihm hat, wird Be-
wußtsein und f a l s c h e s Bewußtsein ("Nebelbildungen")
identifiziert. Man fragt sich wirklich, wozu Marx dann sein Leben
lang verkehrte Vorstellungen über die Welt kritisiert hat - und
wie er zu dieser Kritik gekommen sein mag -, wenn denn diese
Identifikation wahr sein sollte: Ein Bewußtsein, das infolge der
"gesellschaftlichen" Natur d e s D e n k e n s gar nicht an-
ders kann, als sich alles "wie in einer Camera obscura auf den
Kopf gestellt" (ebd.) vorzustellen, hat - mitten in der stattfin-
denden Widerlegung - dann auch keine Widerlegung nötig! Seine Wi-
derlegung ist identisch mit der - theoretisch antizipierten - Ab-
schaffung der Verhältnisse, die ihm nun einmal "Nebel" einblasen:
"Die wirkliche, praktische Auflösung dieser Phrasen, die Beseiti-
gung dieser Vorstellungen aus dem Bewußtsein der Menschen wird...
durch veränderte Umstände, nicht durch theoretische Deduktionen
bewerkstelligt." (MEW 3/40)
Und wer bewerkstelligt die Veränderung der Umstände? Aus der Kri-
tik von Idealisten, die das Vertauschen ihrer
I n t e r p r e t a t i o n e n mit dem Anstrich der Umwälzung
der interpretierten Umstände versehen, wird hier plötzlich ein
Gegensatz zur E r k e n n t n i s dieser Umstände, die zu ihrer
Bekämpfung wohl nicht überflüssig sein kann. Die Wahrheit, daß
dem falschen Bewußtsein der bürgerlichen Gesellschaft durch deren
Aufhebung die Grundlage entzogen wird - so daß seine Notwendig-
keit wegfällt -, trägt sich als völlig grundlose Sicherheit dar-
über vor, daß diese Aufhebung über kurz oder lang - "die Ge-
schichte" mit ihrer Notwendigkeit - stattfindet. Die logische
Konsequenz - daß man dann alles revolutionäre Agitieren auch las-
sen könnte - wird man zwar bei Marx vergeblich suchen; die logi-
sche Unterstellung dieses historischen Optimismus, der an die
Seite der theoretischen Selbstgewißheit tritt, findet man aber
durchaus. Diejenigen, auf die es für die Umwälzung ankommt, sind
ohnehin schon desillusioniert:
"Für die Masse der Menschen, d.h. das Proletariat, existieren
diese theoretischen Vorstellungen nicht, brauchen also für sie
auch nicht aufgelöst zu werden, und wenn diese Masse je einige
theoretische Vorstellungen, z.B. Religion hatte, so sind diese
jetzt schon längst durch die Umstände aufgelöst." (MEW 3/40).
Was die Geringschätzung der arbeitenden Massen für den Papst,
Weihnachten, Helmut Kohl und die Bildzeitung ja inzwischen hin-
reichend beweist!
Der Kreis der Argumentation schließt sich also ganz prächtig:
Wenn sich von der Philosophie über die Geschichte bis hin zur
Alltagsideologie alles eigentlich von selbst um den Kredit bringt
bzw. längst gebracht hat, wenn sich Ideologien an der Welt bla-
mieren (die sie andererseits notwendig macht), dann ist auch der
praktische Abschluß der ganzen Chose gesichert.
Die G e w i ß h e i t d i e s e r P e r s p e k t i v e darf
dann als Theorie auftreten, die sich noch in jedem "Widerspruch"
des kapitalistischen Zirkus des F o r t s c h r i t t s an-
nimmt, der Zustimmung (zum unausweichlichen S i n n der Ge-
schichte erheischt, nicht aber Kritik, schon gar nicht an
falschem Bewußtsein, das seine Träger teuer zu stehen kommt. Die-
ser philosophische Materialismus, den es in kommunistischen Par-
teien als sehr passenden Überbau zu recht klassenkampfloser und
zynischer Praxis ebenso wie in philosophischen Seminaren gibt,
kann freilich keine notwendige Konsequenz aus der "Deutschen
Ideologie" sein. Marx selbst hat ja in Theorie und Praxis ganz
anders weitergemacht.
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