Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Marxistisches Ratespiel - oder:
WER WAR DAS?
1.
Er hatte kein Geld, ließ sich aber aushalten, statt einer ordent-
lichen Arbeit nachzugehen:
"War er wirklich gezwungen, wie ein 'Paria' zu leben?... Er hätte
die Not, die tatsächlich über Jahre hinweg bei ihm zu Hause war,
wenden können. Aber als menschlicher Prometheus war er nicht be-
reit, in fremde Dienste zu treten, einen Brotberuf zu ergreifen."
(Konrad Löw im Bayernkurier, 12.3.)
Wie, es handle sich hier vermutlich um Richard Wagner? Unsinn!
über einen Künstler würde sich ein ganz dem Wahren, Guten und
Schönen verpflichteter bayerischer Professor niemals so despek-
tierlich äußern! Bei Wagner hieße das: Er mußte seiner inneren
Berufung folgen und hatte das Glück, einen Mäzen zu finden, dem
also die Nachwelt dieses gewaltige Opus verdankt.
Selbstverständlich ist hier von Karl Marx die Rede, der - statt
wie jeder rechtschaffene Mensch durch Arbeit "in fremden
Diensten" Geld zu scheffeln -, die liebe Familie aus purer Hybris
ins Elend stürzte. Denn was bei der jahrelangen Herumlungerei im
British Museum herausgekommen ist, spricht ja wohl für sich
selbst! Da bildet sich dieser Mensch ein, wie Prometheus die
Menschheit retten zu sollen - dabei hat die (vielleicht das
Feuer, auf jeden Fall aber) G e l d nötig und keinesfalls die
Kritik desselben, wie man an Marx selbst ja sehen kann, denn der
wurde davon nicht reich. Daß er selber sich nichts leisten
konnte, widerlegt natürlich schlagend seine üble Mäkelei am Geld,
es wäre gar kein Mittel der Bedürfnisbefriedigung, sondern das
Gegenteil davon.
Andererseits soll er es zum Fenster nur so rausgeschmissen haben:
"Er hätte stets genug Geld gehabt für ein bürgerliches Leben,
wenn er gewußt hätte, mit Geld umzugehen, hauszuhalten." (Löw)
"Jede Menge Geld glitt ihm in seinem Leben durch die Finger...
400 bis 500 Pfund jährlich, womit er tagein, tagaus so viel aus-
gab, wie ein ausgebeuteter Textilarbeiter mit 6 Kindern in Man-
chester in einer Woche zum Leben hatte." (Welt am Sonntag, 13.3.)
Merke: Wer sich erfrecht, das Geld nicht toll zu finden bei dem
ist es erstens ein unverzeihlicher Charakterfehler, wenn er keins
hat sondern "bloß immer davon schreibt" zweitens aber erst recht,
wenn er eins hat, was er nicht verdient hat und trotzdem einfach
ausgibt, also es p r a k t i s c h gar nicht verachtet, indem
er sich freiwillig ins Armenhaus zurückzieht..
2.
Er hat nie eine Fabrik von innen gesehen: "Solche Gebilde kannte
er nur vom Hörensagen... Nie hat er einen Betrieb betreten... Nie
hat er den Prozeß, den er in der Theorie so wunderschön be-
schrieb, in der Praxis erlebt: Arbeiter bei der Arbeit." (ebd)
Wirtschaftsminister Lambsdorff? Diese Antwort ist völlig abwegig:
Denn erstens klappern Politiker in jedem Wahlkampf Betriebe ab,
um die Proleten schulterzuklopfen; und um zweitens die bemerkens-
werte Einsicht in den "Arbeitsprozeß" zu erwerben, daß die
Lohnabschlüsse niedrig sein müssen, ist die unmittelbare Anschau-
ung auch nicht zwingend erforderlich.
Professor Lobkowicz oder Professor Schwan könnten gemeint sein?
Selbst wenn's stimmt - von denen erwartet das niemand. Um im
Fernsehen verkünden zu dürfen, Ausbeutung sei eine marxistische
Schimäre und ein "moderner Betrieb" im Vergleich zu damals ein
geradezu paradiesischer Aufenthaltsort, muß man vorher keine BMW-
Besichtigung absolvieren und keiner käme darauf, ihnen zum Vor-
wurf zu machen, selbiges unterlassen zu haben.
Für wen allein also könnte es dringend geboten gewesen sein, eine
Fabrik sich anzusehen? Ja genau: Karl Marx. Denn: Hätte er eine
besichtigt, hätte er feststellen können, daß sein (?) - von
"frühindustriellen Holzstichdarstellungen entliehenes" (WamS)
"Klischee von Ausbeutung" nicht stimmt! Sowas kann man sehen?
Dumme Frage, aber natürlich. F o l g e n d e s hätte er dort
nämlich nicht sehen dürfen:
"... im Vordergrund (malochen) die Proletarier auf ihren Knien,
im Hintergrund der Kapitalist im schwarzen Zwirn, einen Zylinder
auf dem Kopf, lässig auf seinen Rohrstock gestützt, von dem man
annehmen darf, daß er, selbstredend mit Silber beschlagen, auch
zu Züchtigungszwecken Dienste tat... betrachtet fast abwesend,
wie sein Mehrwert entsteht." (WamS)
D a h e r also das ganze Mißverständnis, na bitte! Wer hätte ge-
dacht, daß Marx im "Kapital" nur eine - etwas ausführlich gera-
tene - Bildbeschreibung des "Eisenwalzwerks" von Adolph Menzel
geliefert hat, und daß ausgerechnet in diesem Bild der realisti-
sche Maler des 19. Jahrhunderts die Realität völlig verzeichnet
hat! Hätte er nur einmal selber nachgesehen, hätte es Marx ja wie
Schuppen von den Augen fallen müssen. Keine Ausbeutung weit und
breit...
3.
Er war ein elender Rechthaber, der sogar seine Parteifreunde kri-
tisierte:
"In diesem herrischen Tun... (forderte er) bedingungslose Aner-
kennung... Das In-Grund-und-Boden-Stampfen war seine Methode, wie
bei allen Rechthabern war dabei fast jedes Mittel recht. Widersa-
cher wurden bezwungen, gehaßt und lächerlich gemacht, die Reihe
ist eindrucksvoll... Den Mitstreitern ging es kaum besser."
(Abosch in der "Süddeutschen Zeitung, 12./13.3.)
Wem hier Franz-Josef Strauß einfällt, der die CDU-Spitze vor noch
nicht allzulanger Zeit liebevoll einen "Haufen erbärmlicher Po-
litzwerge" nannte und sich von Parteifreund Heubl mit den Worten
"Alles wird bestimmt von Dir in der CSU, die Du bist" zum 60. Ge-
burtstag gratulieren ließ; oder Konrad Adenauer, der Gästen gerne
Minister Lübke als "noch dümmer als sein Vorgänger" vorstellte -
usw. usf. -, der hat das Prinzip immer noch nicht verstanden.
Strauß nämlich ist ebenso wie Adenauer als "schlauer Fuchs" und
"politisches Urtalent" in diesen "Eigenheiten" zu würdigen; deren
Führerqualitäten stehen gerade wegen ihrer Schlitzohrigkeit außer
Zweifel. Schließlich ging's denen um Deutschland und das ist im-
mer richtig und nicht dogmatisch...
Wie also aus den "Methoden" einwandfrei hervorgeht, ist der ge-
suchte Menschenschinder mindestens ein Kommunist. Karl Marx. Na
also! In welcher Sache oder welchem Streitpunkt Marx gegen...
Proudhon, Bakunin (und wie seine beklagenswerten Opfer alle hei-
ßen - darin lauter Idole bürgerlicher Politik) recht behalten
wollte, ist sowieso egal. Es geht um was ganz anderes, um den
"Schluß" nämlich vom "Charakter" auf den politischen Abgrund: Wer
recht behalten will, der sperrt auch Leute ein, und wer schimpft,
der mordet auch:
"Liebknecht, 'das Biederrindvieh', Lassalle, 'das Jüdel Itzig
Gscheit', Freiligrath, der 'Scheißßkerl', -: ist das nicht der
Beginn der Denunziation, Geburt des Agenten oder Provokateurs?
Die heißen dann, in späterer Zeit, Trotzki und werden mit dem
Eispickel erschlagen...; oder Vaclav Havel und werden vier Jahre
in Prag eingekerkert..." (Raddatz in "Die Zeit", 18.3.)
Proudhon mußte sich von Marx einen "phrasendreschenden Kleinbür-
ger" schimpfen lassen! Man stelle sich vor, welche Sprüche der
sich heute für sein blödes "Eigentum ist Diebstahl" anhören müßte
- never mind. Zur Denunziation des Sowjetagenten Marx samt seinem
Archipel Gulag taugt das allemal.
So sind sie nun mal, die kommunistischen Fanatiker und Gläubigen
- und dabei soll Engels und Marx ihre eigene "Ideologie" dann um-
gekehrt auch wieder ganz wurscht gewesen sein. Was noch lange
nicht heißt, daß sich ihnen d a r a u s k e i n Strick drehen
ließe!
"In einem Brief macht Engels deutlich, daß es auf den Inhalt gar
nicht ankommt: 'N'importe quoi (gleichgültig was)!'" Das ist
vielleicht deutlich! "Auch die Qualität spielt keine Rolle: 'Die
Schwächen, die Dir auffallen, finden die Esel doch nicht heraus!"
(Löw, Bayernkurier)
4.
Er hat eine Heilslehre verkündet, in deren Namen dann allerlei
Scheußlichkeiten begangen wurden:
"Er schwärmt. Ein Organisationsmodell, einen Bauplan der neuen
Gesellschaft gibt er nicht. Es ist Predigt, Lockung, Verhei-
ßung... Hinter diesem unspezifischen Glückshorizont liegt: der
Terror. ... Ist Intoleranz Teil der Theorie von der Befreiung der
Menschheit?" (Raddatz in "Die Zeit", 18.3.)
"Er stellte sich eine vollkommene Ordnung ohne Konflikt vor, in
der die Menschheit zu völliger Brüderlichkeit gelangt... Er war
ein Wunschdenker und Utopist. Dadurch wird man schuldig, ohne es
zu wollen." (Kolakowski, ARD, 9.3.)
Luther vielleicht, ohne den ja zweifellos der 30-jährige Krieg
undenkbar gewesen wäre? Unsinn, was hat der denn damit zu tun,
wenn Gustav-Adolf 100 Jahre später die Katholiken abmurkst!
Jesus vielleicht, wegen der Kreuzzüge und der Inquisition, und
so? Erst recht nicht, denn einerseits steht zwar in der Bibel, es
sei das Böse mit Stumpf und Stiel auszurotten, aber wer wird denn
alles so wörtlich nehmen und außerdem hat Jesus ja gesagt,
"Liebet Eure Feinde" und Brüderlichkeit gepredigt... und das ist
ja wohl das Gegenteil von Gewalt, mehr Nächstenliebe hätten wir
doch alle gern in der Welt... Na bitte, wenn man ihn so mißver-
steht...
Allerdings gibt es ein Subjekt, das das Paradies schon auf Erden
versprochen haben soll, und da hört sich natürlich alles auf.
Karl Marx, jawohl. Er hat zwar einerseits mißlicherweise "exakte
Angaben, wie das kommunistische Ideal konkret aussehen soll",
verweigert: Der "Rezeptblock ist leer" ( Raddatz). Man weiß gar
nicht so recht, was er wollte und man kann seinem negativen Ge-
schreibsel keine Anweisung für nix entnehmen. Für Unterdrückung
aber schon, denn schließlich war er selbst von Charakter ein Un-
terdrücker:
"Marx hat sein Leben lang Menschen zu ihrem Glück zwingen, in
sein Paradies hineinprügeln, Widersacher vernichten wollen."
(Raddatz)
Der Zusammenhang von Lehre und Folgen ist also eindeutig: Marx
ist so oder, so an allem schuld, was Stalin... Afghanistan so-
wieso. Wie, Lehre und Charakter seien vielleicht doch nicht das-
selbe? Bitte, derselbe "Schluß" geht auch über den Umweg einer
Erinnerung an die Marxschen Aussagen man hat ja schließlich Ni-
veau.
"Die errichtete Diktatur zeigt auch nach Jahrzehnten nicht die
leiseste Tendenz eines möglichen 'Absterbens', die Verstaatli-
chung der 'Wirtschaft war kein Schritt zu größerer Freiheit, son-
dern erwies sich als Mittel verallgemeinerten Zwangs." (Abosch,
SZ)
"Marx glaubte wirklich, wenn der Staat die Kontrolle der Produk-
tionsmittel übernimmt und den Markt abschafft, dann werden die
Konflikte zwischen den Menschen verschwinden... Utopie... Ab-
schaffung des Eigentums, daß das Unterdrückung ergibt, ist bewie-
sen. Schon die Anarchisten damals, Bakunin, wußten, das gäbe die
Verstaatlichung von allem.... Wenn man die Produktionsmittel ver-
staatlicht, muß man auch die Menschen verstaatlichen..."
(Kolakowski, ARD, 9.3.)
Wem an dieser Stelle die "freie Assoziation der Produzenten" ein-
fällt und daß die "Abschaffung des Eigentums" nicht unbedingt
dasselbe ist wie die staatliche Aneignung des nach wie vor vom
Proletariat geschaffenen Mehrprodukts: der scheidet als völlig
ungeeigneter Testkandidat endgültig aus.
Was hat also die "Utopie" mit Sibirien zu tun? Na, alles.
Erstens, haha, haben die Kommunisten den Staat gar nicht abge-
schafft, wie Marx das wollte. Weil es zweitens auch ohnehin nicht
geht. Wer sagt, der Staat gehört weg, verkennt den Menschen. Der
braucht einen Staat und den Markt erst recht. Das ist undogma-
tisch und realistisch.
Ergo: Wer die Gewalt zur Abschaffung des Eigentums mißbraucht,
m u ß zum Terror greifen, weil er sich an der Menschennatur ver-
gangen hat und erweist sich mit seinem Idealismus der Brüderlich-
keit als Diktator par excellence. Er will nämlich den Staat pur,
ohne all die nützlichen nationalen Zwecke wie Wirtschaftswachs-
tum, freies Unternehmertum, Geld und Privateigentum, denen der
Staat bei uns dient und sein Volk dienstbar macht.
Kronzeuge für diesen zwingenden Gedankengang: Der im bürgerlichen
Lager allseits geschätzte und beliebte Anarchist Bakunin, der dem
alten Ekel Marx im Fernsehen sagen darf, Sozialismus mit staatli-
cher Kontrolle der Produktion werde ein einziges Gefängnis wer-
den, wobei seine Forderung nach Beseitigung jeder Herrschaft der
Begeisterung für den passenden historischen Seitenhieb nach Osten
überhaupt keinen Abbruch tat.
So gesehen, hätte man sich auch gleich mit einem Fernsehbericht
aus Afghanistan begnügen können.
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