Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin

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       Joachim Hirsch: Einführung in den historischen Materialismus
       

KRITIK MUSS DAGEGEN SEIN, ABER NICHT NUR

Wenn Joachim Hirsch in den historischen Materialismus einführt, dann stellt er - meist unter Berufung auf Marx' Feuerbachthesen und auf Bloch eine handvoll Weisheiten über das Erkennen, den Menschen sowie die Gesellschaft zusammen, deren Beherzigung eine kritische - emanzipatorische, nicht-affirmative etc. - Theorie ermöglichen soll. Bemerkenswert ist daran zweierlei: Erstens sind die Weisheiten so beschaffen, daß es, wenn man sie ernst nimmt, unmöglich ist, sie beim Denken zu befolgen. Zweitens: Joachim Hirsch muß sich irgendwie dessen bewußt sein, daß jede einzelne der von ihm vorgebrachten Maximen, wie die Welt zu betrachten sei, für sich unhaltbar ist. Er fügt nämlich jeder seiner Behaup- tungen die gegenteilige Auffassung hinzu, um sich auf die auch nicht festlegen zu lassen. So veranstaltet er unter der Über- schrift "dialektische Wechselwirkung" - ein ewiges Hin und Her zwischen lauter Aussagen, von denen keine etwas taugt. Diesen be- scheuerten intellektuellen Luxus hält er für eine prima Methode der Wissenschaft. Das ist die Behauptung. Der Beweis erfolgt durch protokollarische Zusammenfassungen von Hirschs Einlassungen und deren Kommentie- rung. 1. Erkennen hat ein Objekt und keins ------------------------------------ Der historische Materialismus geht nicht wie der Idealismus davon aus, daß dir Realität das Produkt eines subjektiven oder objekti- ven Geistes ist. Es gibt das Objekt außerhalb des Subjekts - aber nicht einfach getrennt davon. Zwischen Subjekt und Objekt exi- stiert ein komplexer dialektischer Prozeß. Der Mensch kann nur existieren, indem er Natur durch Arbeit verändert. Die Realität ist also subjektiv vermittelt durch Arbeit. Gleichzeitig verän- dert sich mit der gegenständlichen Tätigkeit der Mensch. Erkennen ist also ein sozialer Prozeß; die menschliche Tätigkeit ist die Basis von Erkenntnis. - Hirsch grenzt sich gegen den idealistischen Glauben ab, daß die Realität und das Subjekt, das ihr erkennend gegenübertritt, Geist vom selben Geiste seien. Er beharrt auf der Unterscheidung von "Subjekt" und "Objekt". Nur: wie soll man den Hinweis "Es gibt das Objekt außerhalb des Subjekts" beherzigen: Erstens geht so- wieso jeder, der über etwas nachdenkt, davon aus, daß dieses Et- was existiert. Zweitens nützt ihm das nichts, weil er mit der Ge- wißheit der Existenz seines Gegenstands überhaupt noch nichts weiß: W a s f ü r e i n D i n g ist das denn, was da exi- stiert - diese Frage ist damit vollkommen offen. - Hirsch erwähnt den Unterschied von "Subjekt" und "Objekt" nur, um ihn um die Ecke zu bringen. Objektivität, so bedeutet er uns, ist gar nicht das, was man landläufig darunter versteht, sondern etwas ganz anderes. Inwiefern? Dadurch, daß es ein Subjekt ist, das sie betrachtet. Und was ändert sich am Objekt, wenn ein Sub- jekt sich in ein theoretisches Verhältnis dazu setzt: Gar nichts, weiß Joachim, und ersetzt deshalb schnell das theoretische durch das arbeitende Subjekt, das die Naturgestalt seines Gegenstandes verändert; daran soll man jetzt denken, wenn er "Subjekt" sagt, und ihm abkaufen, daß die Arbeit, der durch sie geschaffene Reichtum, die durch diesen entfalteten Bedürfnisse oder auch die kapitalistische Form des Reichtums das Erkennen dieser Sachen verändert. Wie denn das: Muß nicht das theoriebedürftige Subjekt, das sich Arbeit, Reichtum oder Kapitalismus erklären will, immer dasselbe Verhältnis zum Gegenstand seines Nachdenkens eingehen: Hier steht das Subjekt, dort das Objekt, und das Subjekt will den Zustand beenden, daß es noch nicht (richtig) im Kopf hat, wie das Objekt funktioniert: Schluß jetzt, sagt Joachim, ich will es nun mal so sehen: Ein Baum, ist ein Baum, aber indem, ich ihn an- schaue (betrachte, bedenke); ist er immer schon m e i n Baum, weil es nichts auf der Welt gibt, woran meinesgleichen nicht schon herumgemacht haben, und deshalb muß ich immer das "Subjekt" mitbedenken, wenn ich über ein beliebiges Objekt nachdenke. Und was, lieber Joachim, ändert sich an deinen Gedanken über den Baum, wenn du ihn als Produkt von deinesgleichen "gegenständlicher Tätigkeit" und dich als Produkt dadurch ver- edelter Bäume begreifst - außer, daß du so dein Lebtag zu keinem Gedanken über einen Baum oder sonst ein wirkliches "Objekt" kommst? - Es liegt auf der Hand, daß dies ein fiktiver Dialog ist, weil Hirsch spätestens dann, wenn sein Bauemfängertrick mit der Ver- tauschung der Bedeutung von "Subjekt" auffliegt, an die Decke geht und etwas von "intellektueller Scheiße" brüllt, die ausge- rechnet der Nachfrager produziert haben soll: bessere Argumente hat er nun mal nicht für seinen "komplexen dialektischen Prozeß" zwischen "Subjekt" und "Objekt". - Hirsch will es eben so: der Mensch kam nur an gesellschaftli- chen Vorgaben für sein Denken entlang denken ("Erkennen ist ein sozialer Prozeß"). Damit hat er die "Realität" als den verant- wortlichen Produzenten aller Gedanken ausgegeben und zugleich be- hauptet er das Gegenteil: "die Realität ist subjektiv vermit- telt", "menschliche Tätigkeit ist die Basis von Erkenntnis". Sprich: das "Subjekt" ist der Grund aller "Realität". Dieser Zirkel, in dem das "Objekt" das "Subjekt" und das "Subjekt" das "Objekt" bestimmt, ist theoretisch gesehen ein eklatanter Unsinn. Das "Objekt" kann das "Subjekt" nicht bestim- men, wenn es selber durch es bestimmt ist, und umgekehrt. Wenn man Ursache und Wirkung nicht auseinanderhalten kam, weil alles sowohl als Ursache wie als Wirkung in Betracht kommt, dann soll man auch nicht in diesen Kategorien daherreden. Auch als methodi- sche Anweisung, die man beim Denken befolgen könnte, ist der Zir- kel denkbar ungeeignet: Wenn es stimmt, daß das Denken immer durch die Gesellschaft bedingt ist, welchen Schluß soll man dem daraus für das eigene Denken ziehen? Erstens kann man sich alle methodischen Reflexionen sparen, weil davon ohnehin nichts ab- hängt. Zweitens: Wenn das Denken nur in der affirmativen Verdopp- lung dessen besteht, was ohnehin passiert, dann kann man sich das Denken gleich sparen; davon hängt dann ja gar nichts ab. Und wenn das "Subjekt" immer schon in den drinsteckt, was existiert, was folgt daraus für das Denken? Gar nichts. Man weiß ja gar nicht, wie, hat also gar nichts, was man berücksichtigen könnte. Kurz: die ganzen methodischen Anleitungen sind eine einzige Spie- gelfechterei. Der erkenntistheoretische Quatsch des Joachim Hirsch ist geboren aus dem Bedürfnis seines Erfinders, mit einer ganz eigenen Posi- tion in einer erzakademischen Debatte vertreten zu sein. Deren Thema ist die Frage nach den Bedingungen und Grenzen des Erken- nens; eine alberne Frage, weil sich über die Bedingungen des Er- kennens nicht mehr sagen läßt als: es braucht einen Kopf, der über eine Sache bescheidwissen will; albern auch deshalb, weil man sich um die Grenzen des Erkennens - sofern so etwas überhaupt existiert nicht zu kümmern braucht, indem die sich schon von sel- ber bemerkbar machen, wenn man an sie stößt. Es ist zudem eine reaktionäre Frage. Sie befaßt sich nämlich gar nicht mit den L e i s t u n g e n des Denkens, dessen es fähig ist, sondern mit M a x i m e n, an die es sich halten soll. Sie zielt also auf den Widerspruch ab, dem Denken dessen U n f r e i h e i t zu b e w e i s e n: vor jedem Erkennen und getrennt von jeglicher Kritik an einem Gedanken soll das Bekenntnis zur p r i n z i p i e l l e n Beschränktheit allen Denkens stehen. In dieser Debatte meldet sich Joachim Hirsch als Materialist zu Wort. Seine Version von der Abhängigkeit des Denkens besteht im ersten Teil darin, die Bedingtheit des Erkennens durch das ihm vorausgesetzte "Objekt" zu behaupten. Diese auch Widerspiege- lungstheorie geheißene Position ist aber hierzulande nicht sehr beliebt, weil sie im Osten zur Staatsdoktrin erhoben ist. Außer- dem ist sie Hirsch nicht anspruchsvoll genug: "Naiv, undialek- tisch ist die Annahme, daß Erkennen ein Abbilden der Realität ist." Wohlgemerkt: nicht verkehrt, sondern "naiv"! So behauptet der schlaue Joachim die Abhängigkeit des erkennenden Subjekts von Objekt, indem er sie durch die Abhängigkeit des Objekts vom Sub- jekt ergänzt und diese Verdopplung des Unsinns durch seine Umkeh- rung als "Dialektik" des Erkennens selber ausgibt. Die Frage, welche Vorschriften er damit dem Denken machen will, bleibt nicht lange offen. 2. Wissen ist Unwissen und umgekehrt, oder: ------------------------------------------- Das Dogma von der Unfehlbarkeit der "Praxis" -------------------------------------------- Wahrheit heißt nicht nur Richtigkeit im Sinne von immanent lo- gisch stimmig wie das in der Mathematik gilt. Die Wahrheit er- weist sich in der Praxis. 2 x 2 = 4, das ist ein logisches Kal- kül; damit ist nicht gesagt, wieviele Äpfel da sind. Wahrheit ist immer gegenständlich; ist eine über gesellschaftlich vorhandene Gegenstände. Das relativiert die Theorie: sie kann noch so schlüssig schön und kompliziert sein und doch nicht wahr. Wahr- heit ist inner vorläufig, sie muß sich messen lassen an Praxis, an Tätigkeit. Identität, Wahrheit, Wesen als fixierte werden falsch. Es gibt keine abgeschlossene Theorie, wenn sie gleichzei- tig wahr sein will: das gäbe es nur, wenn die Entropie vollstän- dig wäre, am "Totenbett" (Hegel). Wahrheit ist ständige Kritik. Das ist keine Relativierung von Theorie, nur ein Vermittlungszu- sammenhang. Theorie hat relative Selbständigkeit gegenüber der Praxis. Vorläufigkeit von Wahrheit heißt nicht Beliebigkeit von Wahrhei- ten: die bürgerliche Theorie von der ewigen, krisenfreien Gesell- schaft, dem Glück der größten Zahl etc. stimmt nicht - sie wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Was muß die Theorie bei Hirsch beachten, damit sie Anspruch auf Gültigkeit erheben kann? Sie muß V u l g ä r m a t e r i a- l i s m u s sein. - "Die Wahrheit erweist sich in der Praxis." Darf man mal erfah- ren, wie? Wie soll das denn gehen, daß "die Praxis" eine Theorie beurteilt? Die Multiplikation von 2 mit dem Faktor 2 ist keine Theorie über das Vorhandensein von Äpfeln, kann daran also weder bestätigt werden noch scheitern. Hirsch glaubt, die Leistung von Theorien bestünde darin, das Denken in E n t s p r e c h u n g z u r R e a l i t ä t zu bringen, damit man ein A b b i l d d e r R e a l i t ä t im Kopf hat. Das ist eine falsche Bestim- mung des Denkens. Wie soll denn dieses Abbild hergestellt werden, wo die theoretische Bemühung um ein Stück "Realität" doch unter- stellt, daß das, was diese "Realität" ausmacht, gerade unbekannt ist? Und wie sollte die Entsprechung eines theoretischen Resul- tats zur Realität dann festgestellt werden? Da schweigt Hirsch sich wohlweislich aus. Es geht nämlich nicht, die im Begriff ei- ner Sache erfaßte Allgemeinheit derselben mit den Erscheinungen zu vergleichen, in denen diese Sache sich praktisch abspielt. Denn wenn die allgemeinen Bestimmungen an den Erscheinungen selbst zutage träten, dann bräuchte es keine Theorie. Umgekehrt: Wenn eine Sache begriffen ist, dann kommt man gar nicht auf die Idee, den Begriff und die Erscheinungen zu vergleichen, weil der Begriff ja nichts anderes ist als das Wissen um das Wie, Wann und Wozu der Erscheinungen, mit denen man praktisch konfrontiert ist. - Es kommt dem schlauen Joachim sehr darauf an, der Theorie den Charakter des Bescheidwissens über die erklärten Gegenstände zu bestreiten. Sein polemisches Argument dagegen, daß man sich eine Sache erklärt und dann zumindest theoretisch damit fertig ist, ist hahnebüchen: alles fließt - aber diese Behauptung soll sehr fix sein. Soziologischer ausgedrückt: Weil die gesellschaftlichen Gegenstände als "Tätigkeit" von Leuten existieren, soll man nichts Abschließendes darüber sagen können. Warum denn nicht? Wenn alle Momente einer solchen "Tätigkeit" erklärt sind, warum soll sie dann nicht f e r t i g e r k l ä r t sein? Und wenn andere "Tätigkeiten" eingerichtet werden, was folgt daraus an- deres als allenfalls ein erneuter Klärungsbedarf? Wenn man mit Hirsch auf das Ableben einer Sache warten muß, bevor man theore- tisch Gültiges über sie sagen kann, dann sollte man die theoreti- sche Befassung mit der Welt einstellen. Diese Konsequenz seines erkenntnistheoretischen Schwachsinns will Hirsch freilich nicht ziehen. Theorie = Hirsch soll schon sein, aber eine, der das einzig "Emanzipative" am Wissen ausgetrieben ist: Den Begriff einer Sache zu kennen, befähigt das Subjekt, s e i n e S t e l l u n g z u i h m f r e i z u b e s t i m m e n; es ermöglicht den Vergleich der Sache mit dem eigenen Interesse und die sachgerechte Entscheidung, ob sie zu benutzen, zu verändern oder abzuschaffen ist. Dafür hat Hirsch nichts übrig. Seine Vorschrift an die Theorie, sie müsse sich die "Praxis" zum Maßstab nehmen, ist eine Kampfansage dagegen, sich im Nachdenken aus dem praktischen Einbezogensein in die gesellschaftlichen Abhängigkeiten theoretisch herauszubegeben und frei zu überlegen, womit man es zu tun hat und ob man das will. Seine Vorschrift ist ein Imperativ zur theoretischen Bekräftigung der praktischen Abhängigkeit - ein Imperativ zum theoretischen Opportunismus. 'Her mit der "Praxis" als M a ß s t a b der Theorie' ist die v u l g ä r m a t e r i a l i s t i s c h e Parole, in der Hirsch seine a n t i m a t e r i a l i s i s c h e Mission 'Weg mit der Theorie als M i t t e l frei gewählten Handelns' zum Ausdruck bringt. Das verbindet ihn mit allen Idealisten und Reak- tionären. - "Die Wahrheit erweist sich in der Praxis." Das vulgäre Wahr- heitskriterium ist und bleibt der p r a k t i s c h e E r f o l g. Was sich praktisch durchsetzt, das gilt für einen Denkhirsch auch theoretisch, weil so jemand sich Denken nur als Legitimation vorstellen kann. Natürlich bekommt er mit diesem abermaligen Bekenntnis zum denkerischen Opportunismus politmora- lische Probleme: dann hätte ja Hitler eine Wahrheit vertreten. Daraus folgt für Hirsch nicht die Überprüfung seines Wahrheits- kriteriums, sondern die Distanzierung von dieser Konsequenz des- selben: "Das heißt nicht, daß alles wahr wäre, was praktisch wird - das wäre Pragmatismus", und der ist in der Akademikergemeinde 'pfui'. Hui hingegen ist es bei Joachim, das "Wahrheitskriterium" des praktischen Erfolgs an "Befreiungstheorien" anzulegen - mit dem Resultat, daß "linke" Theorien der Unwahrheit überführt sein sollen, wenn sie sich nicht durchsetzen. Hirschs Erkenntnistheo- rie geht wie Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber wenn das Prinzip zur Anwendung kommen soll, gilt es gerade gar nicht oder ganz an- ders. Über die Wahrheit einer Theorie entscheidet der praktische Erfolg - aber nicht bei Hitler, sondern nur bei Linken. Das Pra- xis-Kriterium relativiert die Theorie - aber "das ist keine Rela- tivierung der Theorie - nur ein Vermittlungszusammenhang". Theo- rie hat "Selbständigkeit gegenüber der Praxis" - aber nur eine "relative". Dem Relativen ist alles relativ, und das ist das absolute Er- folgskriterium des schlauen Joachim Wissenschaft liegt immer richtig, wem sie opportunistisch auf die Realität spechtet und sich selber vorsichtshalber so verdrechselt äußert, daß sie sich auf nichts festlegen läßt. Dann weiß sie zwar nichts, aber hat immer recht und wirkt zudem furchtbar "schön und kompliziert". 3. Der Mensch in der Gesellschaft: ---------------------------------- das Abziehbild als Schöpfer und umgekehrt ----------------------------------------- Der einfache Materialismus meint, der Mensch sei das Produkt der Umstände. Aber die Umstände sind nicht einfach das, was so rum- steht. Sie sind selbst wieder menschlich produziert. Jeder Mensch wird in Verhältnisse hineingeboren: Produktivkräfte, technische Möglichkeiten, Wissenschaft sind vorhanden und eingebettet in Herrschaftsverhältnisse. Die fixieren ihn einerseits, anderer- seits steckt, vermittelt über den kapitalistischen Konkurrenz- zwang, in den Produktionsverhältnissen eine ungeheure Dynamik und auch große Zerstörungskraft. Die kapitalistische Gesellschaft ist ein krisenhafter Zwangszusammenhang, aus dem man nicht einfach herauskann: alle beteiligen sich und werden getrieben. Aber die Verhältnisse sind auch gestaltbar durch revolutionäre Praxis, d.h. zielgerichtete, bewußte Veränderung, kollektive Praxis von großen Gruppen von Menschen, um konkret alles Soziale zu verän- dern. Allerdings entstehen revolutionäre Bewegungen nicht ein- fach: das Verhältnis von objektiven Strukturen und Handeln ist problematisch. Die Bewegungen entstehen in einem komplizierten Prozeß, der Wechselverhältnisse einschließt - man ändert sich in praktischen Kämpfen... Es ist immer wieder zu prüfen, was sich verändert hat. - Nicht nur der "einfache Materialismus", der von hinten einge- sprungene Doppelmateralismus von Hirsch meint auch, daß der Mensch das Produkt seiner Umstände ist. Jedenfalls einerseits. Darf man fragen, wie der Stand der Produktivkräfte sowie die "Einbettung" in Herrschaft einen Proleten zum Proleten und einen Professor zum Professor macht? Darf man darauf hinweisen, daß we- der ökonomische noch Herrschaftsverhältnisse von selber die a f f i r m a t i v e S t e l l u n g z u i h n e n produzie- ren, daß die also immer noch die eigene Leistung des vielzitier- ten Subjekts ist? Lieber nicht. Hirsch ist ja ganz zufrieden da- mit, daß die meisten hierzulande als Abziehbilder ihrer gesell- schaftlichen Funktion herumlaufen - in der Hinsicht, warum und wie sie das hinkriegen, hat er gar keinen Klärungsbedarf, sondern ist sehr glücklich mit seiner arroganten Diagnose: die anderen m ü s s e n so bescheuerte Mitmacher sein, weil sie in das, wo- bei sie mitmachen, "hineingeboren" sind. - Zum zweiten schreibt er - aus welchen Gründen auch immer - der gesellschaftlichen Determination auch noch die gegenteilige Wir- kung zu. Sie läßt nicht nur nichts anderes zu als mitzumachen, sondern erlaubt auch, "konkret alles Soziale zu verändern", und zwar durch zielgerichtete, bewußte, kollektive Praxis von großen Gruppen (im Unterschied zur abstrakten Veränderung durch ziellose, unbewußte inividuelle Praxis von Kleingnppen - solche Abgrenzungen sind wichtig!). Wieder darf man bloß nicht fragen: Ob Joachim vielleicht eine solche Umwälzung will; ob er einem mal sagen kann, was man warum umwälzen soll, damit man es sich überlegt und womöglich mitmacht, wo er doch bestimmt seine Gruppe vergrößern will. Gruppen nämlich, die einfach aus ihren Gründen einiges umwälzen wollen und diese Gründe auch noch anderen mitteilen, kann Hirsch schon als Individuen nicht ausstehen. Sein Auftrag ist es, anderen die M ö g l i c h k e i t ihrer Opposition in dem, wogegen sie opponieren, zu erläutern, und da hat er das Beste für sie schon getan, indem er ihnen diese Möglichkeit einräumt, obwohl er kurz zuvor als Vulgärmaterialist die Unumgänglichkeit des Mitmachens behauptet hat. Mehr kann er für sie nicht tun, sondern wenn sich irgendwo jemand "kollektiv" rührt, dann hat er in Joachim nur noch einen skeptischen, allenfalls verständnisvollen Begutachter. Der beurteilt die "sozialen Bewegungen" nicht im Hinblick auf ihren Zweck, den sie erreichen wollen, und die Mittel, derer sie sich dazu bedienen, sondern er betrachtet sie nach seinem eigenen Besserwisser-Motto, daß schon deren Entstehen "problematisch" ist und ihre Opposition ein "komplizierter Prozeß" mit vielen "Wechselwirkungen", wo sich, u.a. auch durch Kämpfe, noch viel verändern kann. Diejeni- gen, die da kämpfen, sollen also zufrieden sein, daß es am Frankfurter Uni-Turm jemanden gibt, der überblickt, in welcher ihnen sowieso undurchsichtigen "Komplexität" sie sich herum- treiben. Wenn sie ihn einladen, kann er ihnen auch erzählen, inwiefern sie in der Gesellschaft möglich sind sowie zugleich auch als Opposition deren problematischen "Prozeß" entsprechen. Davon können sie sich nichts kaufen, aber Hirsch schon. 4. Hirschs kritische Haltung: Kritik muß sein, aber nicht nur Wissenschaft und Philosophie müssen zusammengenommen werden: Ohne Wissenschaft ist Philosophie bloße Utopie, Einbildung von Schla- raffenländern; ohne Philosophie ist Wissenschaft bloße Tatsachen- wissenschaft. Die Möglichkeiten, die in der Geschichte, ihren Voraussetzungen, Tendenzen und Versprechen stecken, müssen ent- faltet werden: die Formen des Arbeitens und Konsumierens sind veränderbar. - Mit "Philosophie" meint Hirsch: man spinnt sich in seinem Kopf einen moralischen Sollzustand der Welt zusammen. Unter Wissen- schaft versteht er die Anpassung des Denkens an den Istzustand der Welt. Wem das stimmt, dann ist wissenschaftliche Kritik un- möglich. Denn dann geht Wissenschaft nur als theoretische Bekräf- tigung dessen, was ist, und Kritik kommt nie darüber hinaus, die Differenz des eingebildeten Sollens zur Wirklichkeit zu beklagen. Aber was kümmert es einen Hirsch, daß e r gerade Wissen und Kritik einander e n t g e g e n g e s e t z t hat: Er ernennt sich zum kritischen Theoretiker, indem er das Ideal einer schöp- ferischen V e r b i n d u n g von "Tatsachenwissenschaft" und moralischem Abheben aufstellt. Nach der Joachimschen Formel: Ent- weder plus Oder ergibt Sowohl-Als-Auch. - Bemerkenswert ist bei Hirsch nicht nur, was er für möglich, sondern auch, was er für unmöglich bzw. für unzulässig hält. Wenn jemand sich die Ökonomie des Kapitals oder den Staat erklärt, weil er nun einmal von beidem abhängig ist; wenn er dabei heraus- findet, daß in deren Vollzugsgesetzen das dauernde Durchstreichen der Anliegen, die dieser Mensch nun mal hat, einprogrammiert ist; wenn er daraufhin beschließt: ich will in diesem Laden nicht mit- machen, sondern ihn abschaffen - dann hält Joachim Hirsch das für einen abscheulichen Dogmatismus, Voluntarismus etc. pp. Der Theo- rie bestreitet er prinzipiell die Allgemeinheit, d.h. die Ver- bindlichkeit ihrer Urteile, die sie zur sicheren Basis eines Ent- schlusses pro oder contra macht. Aber von der Entscheidung zur Gegnerschaft, die ihrer Natur nach ganz ins Subjekt fällt, ver- langt er A l l g e m e i n h e i t, d.h. daß alle sie mittragen (können): Die Entscheidung zur theoretischen wie praktischen Kri- tik verpflichtet er auf "Möglichkeiten", "Tendenzen", ja "Versprechen", die in den kritikablen Zuständen selber drin- stecken sollen. Kritik soll nicht sein, was ein S u b j e k t, das von diesen Zuständen seinen Schaden hat, g e g e n sie einzuwenden hat. Als Einwand kommen für Hirsch nur "Werte" in Frage, d.h. ideelle Gutheißungen, die v o m S t a n d p u n k t d i e s e r V e r h ä l t n i s s e a u s m o r a l i s c h u n a n g r e i f b a r sind: er nennt Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und gibt diese Parolen, die auch jeder Innen- und jeder Kriegsminister hochhält, als "Überschüsse" aus, die "erst noch einzulösen" sind. Natürlich stellt sich ein Frankfurter Joachim unter diesen Parolen etwas anderes vor als ein Bonner Zimmermann. Er sagt auch, daß die herrschenden "Verhältnisse" das, was er sich darunter vorstellt, gar "nicht erfüllen können". Aber von einem will er nicht Abstand nehmen: jede Kritik darauf festzulegen, daß sie sich nur als konstruktive Alternative zum existenten Laden vortragen darf, die in diesem bereits moralisch verankert ist. - Und wer soll die wunderschönen Möglichkeiten des Kapitalismus "einlösen"? Natürlich "die Geschichte". Der kritische Theoretiker ist doch schlau: er macht sich doch nicht zum praktischen Subjekt der menschenfreundlichen Anliegen, die er akademisch repräsen- tiert! Von ihm hat die Menschheit doch mehr, wem er ganz oben auf den Turm steigt, den Blick über die "Verhältnisse" schweifen läßt und nach einem Anlaß Ausschau hält, seine Theorie emanzipativ um- zustellen. Und was sieht er da? "Die Formen des Arbeitens und Konsumierens sind veränderbar." Einen solchen Schwachsinn als eine Wahrheit über den Kapitalismus auszugeben, dazu gehört schon einiges! zurück