Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Bürgerliche Wissenschaft contra Marxismus-Leninismus:
KAMPF ZWEIER WELTANSCHAUUNGEN
Ist der Marxismus endgültig widerlegt?
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Der Marxismus ist die Erklärung des Kapitalismus. Sie ist sogar
käuflich zu erwerben in Gestalt der drei Bände des "Kapital".
Aber wer will das schon? Seit neuestem halten nämlich selbst
Leute den Marxismus für widerlegt, die ihn überhaupt nur in zwei
verfremdeten Gestalten kennengelernt, vielleicht auch vertreten
haben. Bekannt gewordenen sind weniger Marxens Entdeckungen über
Ware, Geld und Lohn. Reüssiert haben unter dem Stichwort Mar-
xismus vielmehr zwei V o r u r t e i l e über ihn: einmal die
realsozialistische Philosophie des historischen und dialektischen
Materialismus, zum anderen die Verdolmetschungen der Marx-Schrif-
ten seitens der bürgerlichen Wissenschaften in lauter Beiträge
zur eigenen humanistischen Tradition und Methodenvielfalt, oder
auch als philosophisch verbrämte Empfehlung zu Stalinimus und
Gewaltherrschaft - je nach Geschmack.
Nicht ein Streit um den M a r x i s m u s hat die alte Sy-
stemkonfrontation begleitet, sondern der Kampf zweier W e l t-
a n s c h a u u n g e n, die nicht Er-, sondern Bekenntnisse
produziert haben für ihren jeweiligen politischen Dienstherrn.
Dieser Kampf gilt nun als entschieden. Der reale Sozialismus
dankt ab und gesteht öffentlich sein Scheitern ein, und deswegen
halten nicht nur Bürger, sondern auch östliche Marxisten-
Leninisten die Weltanschauung für erledigt, die sie Marxismus
getauft hatten. Den Sieg trägt die bürgerliche Weltsicht davon.
Mit einer Widerlegung des Marxismus hat das wenig zu tun, viel
dagegen mit dem Opportunismus von Staatsideologen, die f ü r
die Verhältnisse, nicht ü b e r sie denken.
Von einer Widerlegung des Marxismus kann schon deswegen nicht die
Rede sein, weil es selbst an der V o r a u s s e t z u n g dazu
fehlt: ein t h e o r e t i s c h e r E i n w a n d hätte gegen
Marxens Theorie erhoben werden müssen, um dessen Stichhaltigkeit
es dann überhaupt erst gehen könnte. Davon war und ist nichts zu
sehen. Stattdessen nimmt die Öffentlichkeit das östliche Einge-
ständnis des realsozialistischen Scheiterns als Argument und hin-
länglichen Beweis. Gerade so, als könnte der praktische
E r f o l g einer Staats g e w a l t die Richtigkeit einer
Theorie belegen, so daß umgekehrt aus der Kurskorrektur östlicher
Politik auch die Widerlegung der zugehörigen Wissenschaft abzu-
lesen sei. Als gäbe es nicht durchaus vernünftige Interessen an
ordentlichen Lebensverhältnissen, die nur deswegen scheitern,
weil sie eine überlegene Gewalt gegen sich haben. Nach obiger
Vorstellung ist Politik nichts anderes als angewandte Wissen-
schaft, H e r r s c h a f t die Vollstreckung menschlicher
V e r n u n f t - oder Unvernunft, je nachdem, ob die jeweilige
Herrschaft gemocht oder verachtet wird.
Wie wenig davon die Rede sein kann, ist dem weltanschaulichen
Prinzipienstreit zu entnehmen, den sich dialektisch-materialisti-
sche Philosophen mit ihren bürgerlichen Kontrahenten geliefert
haben. Nicht vernünftige U r t e i l e über die Welt, sondern
geistige K o n s t r u k t i o n e n zur A n s c h a u u n g
der Welt zeichnen ihn auf beiden Seiten aus - also der Wille zum
Vorurteil, vermittels dessen die Welt in genau dem rosigen Licht
erscheint, in dem man sie jeweils sehen möchte. Die dabei in An-
schlag gebrachten Prinzipien sind zum Gemeingut der Studenten in
West und Ost geworden: Sein und Bewußtsein; Menschenbild: Egois-
mus und Altruismus; Individuum und Gesellschaft; Skepsis und Ver-
nunftglaube. Aber der Reihe nach.
Sein und Bewußtsein
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Das Sein bestimmt das Bewußtsein - diese Doktrin des Marxismus-
Leninismus hat sich seit jeher die bürgerliche Umkehrung als Ein-
wand vorhalten lassen müssen: Das Bewußtsein bestimmt das Sein.
Die Schlaumeier, die sich mit dem Einfall einer Wechselwirkung
zwischen beiden Seiten endgültig unangreifbar machen wollen, lie-
gen da nicht richtiger, weil sie nur zwei Falschaussagen
kombinieren. Denn falsch sind beide Positionen.
Der von Marx zitierte Satz hatte dagegen eine schlichte Wahrheit
im Auge: Die S c h r a n k e, die den Menschen in Gestalt kapi-
talistischer Einrichtungen wie etwa der des Geldes entgegentritt
- es t r e n n t jedes Bedürfnis vom Gegenstand seiner Be-
friedigung-, wird von den denkenden Zeitgenossen als nützliches
M i t t e l betrachtet. Bloß: Geldreichtum und Armut sind im Ka-
pitalismus Geschwister. Wer Geld zum Leben b r a u c h t, weil
er ohne nichts kaufen kann, sollte das also nicht mit der Behaup-
tung verwechseln, dann sei das Geld für diesen Zweck auch
brauch b a r. Ein Fehler, der die a u f g e z w u n g e n e n
kapitalistischen Lebensbedingungen allein aus dem Grund schon als
brauchbar akzeptiert, weil Alternativen nicht vorgesehen sind.
Dieses verkehrte A r r a n g e m e n t zwischen "Bewußtsein
und Sein" hat Marx in dem zitierten Satz dem Kapitalismus und
seinen Insassen vorgeworfen.
Aus Marxens K r i t i k am k a p i t a l i s t i s c h e n
Bewußtsein hat die Philosophie des Marxismus-Leninismus (ML) ein
Gesetz über das Denken schlechthin gemacht
MLern ist offenbar die falsche Frage durch den Kopf gegangen,
warum Leute beim Kapitalismus eigentlich mitmachen, obwohl sie
ihn wegen seiner Schädlichkeit eigentlich verwerfen müßten. Das
Fehlen eines solchen als Selbstverständlichkeit unterstellten
kritischen Bewußtseins haben sich dieselben MLer darüber ein-
leuchten lassen, daß sie die von Marx erläuterte Notwendigkeit
falscher Gedanken, also ihren gesellschaftlichen G r u n d, mit
einer U n a u s w e i c h l i c h k e i t verwechselt haben:
die Leute k ö n n e n nicht anders. Danach kommen Gedanken als
W i r k u n g materieller Verhältnisse auf die Welt. Dieser auch
Widerspiegelungstheorie genannte Unsinn übersieht, daß das Denken
eine geistige T a t d e s W i l l e n s ist, die man auch
unterlassen, richtig oder falsch machen kann. Ein
M e c h a n i s m u s wie zwischen Ursache und Wirkung in der
Natur liegt nicht vor. Kenntlich ist das noch daran, daß Zeitge-
nossen, welche denselben Verhältnissen unterliegen, gar nicht
dasselbe über sie denken. Die einen halten Arbeitslosigkeit für
eine Folge von Mißmanagement und machen auf Gewerkschaft und
Mitbestimmung; die anderen wählen Republikaner, weil die Auslän-
der angeblich an allem schuld sind.
Diesem Fehler ist die bürgerliche Wissenschaft mit seiner Umkeh-
rung gekommen, nach dem das Bewußtsein das Sein bestimmt. Daß
Ideen die Welt bewegen, war ein Schlager der Geschichtswissen-
schaft, den sie gegen Ostphilosophen unentwegt aufgelegt hat.
Bloß: Ob der Mensch in seinem Bewußtsein Sachen mit Wörtern
b e z e i c h n e t, ihre Qualität b e u r t e i l t und
e r s c h l i e ß t, in allen Operationen steht er in einem
t h e o r e t i s c h e n Verhältnis zur Welt: sie wird gelass-
sen, wie sie ist. Und eine praktische Veränderung des "Seins" ist
mit der Tatsache, d a ß der Mensch mit einem Bewußtsein her-
umläuft, keineswegs gegeben. Das hängt nämlich von zwei Dingen
ab. Erstens vom I n h a l t des Bewußtseins, der darüber ent-
scheidet, ob man überhaupt etwas verändern will oder ob die Welt
nicht in der vorliegenden Form genau das Richtige ist. Zweitens
von den Mitteln, welche so eine Absicht hat und auf die sie
trifft.
Mit diesen beiden falschen Grundsätzen w o l l t e n sich die
geistigen Lager jahrzehntelang grundsätzlich voneinander unter-
scheiden. Nur: Sie k o n n t e n es nicht einmal. Jedes Lager
geht nämlich bei Bedarf genauso gut mit der gegenteiligen Auffas-
sung hausieren. Mit dem Satz "Das Sein bestimmt das Bewußtsein",
so wie ihn der ML mißversteht, wäre neben der dumpfen Widerspie-
gelung des Kapitalismus durch die botmäßigen Massen der Durch-
blicker und Gegenspieler des Kapitalismus Marx gar nicht erklär-
bar. Gilt der Satz, kann es seinen Erfinder nicht geben. Deswegen
hat der ML tatsächlich den Satz in Bezug auf M a r x für
u n g ü l t i g erklärt, damit er weiter als gültige Entdeckung
gepflegt werden kann. Und weil es dem ML um praktische Verände-
rung ging, statt deren Unmöglichkeit zu behaupten, gab es auch
noch eine optimistische Lesart des Satzes "Sein bestimmt das Be-
wußtsein": die "brüchigen" kapitalistischen Verhältnisse sollten
ein ebenso "brüchiges", auf revolutionäre Veränderung zielendes
Bewußtsein erzeugen - zumindest bei den gebeutelten Massen.
Nicht minder grotesk geht es da im bürgerlichen Lager zu: Daß
"Sachzwänge" statt des berüchtigten Bewußtseins die Welt regie-
ren, gehört hier genauso zum Gemeingut wie die gegenteilige Posi-
tion. Und zwar seltsamerweise immer dann, wenn Regierung oder Un-
ternehmer Steuern und Preise erhöhen w o l l e n. Die psycholo-
gischen Wissenschaften deduzieren das menschliche Treiben mit
Vorliebe als W i r k u n g von Trieben und als R e a k t i o n
auf Reize.
Man sieht: Als Konter gegen die materialistische Philosophie ist
bürgerlichen Köpfen die Behauptung eines Determinismus vom Be-
wußtsein Richtung Sein recht, auch wenn sie in ihrem Pluralismus
für gegenteilige Ansätze geradesogut offen sind.
Dennoch ist über diesem Unvermögen in beiden Lagern der
W i l l e zur grundsätzlichen Scheidung mittels der genannten
Prinzipien nicht verloren gegangen. Der Grund liegt darin, daß
sie als geistige Schönfärber der jeweiligen Systeme geschätzt
werden. "Das Bewußtsein bestimmt das Sein", dieser Fehler gilt im
bürgerlichen Lager als überlegene Geisteshaltung, um deren Ver-
wirklichung sich die Demokratie verdient gemacht haben soll:
F r e i h e i t. Wo von der Konzernbilanz bis zum sozial Schwa-
chen alles "Sein" dem menschlichen "Bewußtsein" entsprungen ist,
da müssen Mensch und Gesellschaft einfach unwidersprechlich
zusammenpassen.
Aber auch das östliche Dogma hat seine staatsnützlichen Rechtfer-
tigungslehren abgeworfen. Das eine Mal wurde der Satz vom seins-
bestimmten Bewußtsein dafür bemüht, die U n a u s-
w e i c h l i c h k e i t des Sozialismus zu beweisen, weil der
faulende Kapitalismus den Massen schon das revolutionäre
Bewußtsein einimpfen würde. Das andere Mal, wenn der revolutio-
näre Tatendrang zur Kopie des realen Sozialismus auf sich warten
ließ, wurden die trägen Massen damit entschuldigt, daß ihr Be-
wußtsein noch dem alten Laden v e r h a f t e t sei. In allen
Fällen jedoch bewies der Satz immer dasselbe: daß nämlich der
reale Sozialismus nicht ein wie gut oder schlecht auch immer
b e g r ü n d e t e s I n t e r e s s e organisiert, sondern
eine historische Notwendigkeit, d.h. unkritisierbare
Unausweichlichkeit darstellt. Welcher Staat hört solche wissen-
schaftlichen Töne nicht gern über sich?
Das Menschenbild:
Egoismus und Altruismus
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Vom notwendigen Scheitern realsozialistischer Planwirtschaft wuß-
ten bürgerliche Wissenschaftler schon, bevor sie die östliche
Ö k o n o m i e überhaupt eines Blickes gewürdigt hatten. Die
grundsätzliche Verfehlung ist ihnen zufolge nämlich gar nicht im
Planen und den dabei eventuell gemachten Fehlern zu suchen. Sie
liegt im M e n s c h e n b i l d, von dem die Planidee angeb-
lich ausgeht. Die Idee eines arbeitsteiligen Zusammenwirkens für
einen gemeinschaftlichen Nutzen gilt als weltfremde Utopie, weil
sie vom optimistischen Menschenbild des Altruismus lebe und die
egoistische Menschennatur vergißt. Das Echo aus dem Osten: Sind
die kapitalistischen Verhältnisse mit ihrer Geldgier und Habsucht
erst einmal beseitigt, tritt das Gute im Menschen zu Tage: Soli-
darität statt Ellenbogenmentalität.
Was zunächst die Sache mit der egoistischen Menschennatur angeht:
Daß jeder n u r a n s i c h denkt, gilt allgemein als Übel.
Nur: Wenn das jeder täte und dabei zur Erfüllung seiner Wünsche
gelangt, wäre die Welt doch in Ordnung. "Ich ein Frühstücksei, Du
eins - also machen wir zwei!" In dieser Situation an den anderen
s t a t t an sich zu denken, würde nur zu einem absurden Umweg
führen. Oder um im Bild der wohngemeinschaftlichen Idylle zu
bleiben: "Ich gebe dir mein Ei, du mir deines." - und alles wäre
genauso wie zuvor. Ein Gegensatz zwischen den Interessen ver-
schiedener Subjekte, nur weil diese v e r s c h i e d e n sind,
ist nicht in Sicht. Das gesteht die Theorie vom Egoismus unfrei-
willig ein. Sie muß nämlich den in der Menschennatur als
v o r l i e g e n d behaupteten Gegensatz allererst
k o n s t r u i e r e n. Und zwar dadurch, daß sie eine prinzi-
pielle K n a p p h e i t aller irdischen Dinge postuliert, auf
die sich das Interesse richtet. Bloß: Läge eine solche vor, dann
wäre die einzig vernünftige Konsequenz, gegen diese
o b j e k t i v e L a g e durch vermehrte Herstellung nützli-
cher Sachen vorzugehen, statt gegen das Interesse an nützlichem
Zeug. Ein M a n g e l an Bier spricht nicht für die Zügelung
des Bierdurstes auf ewig, sondern die Vermehrung des Gerstensaf-
tes. Auch den Egoismus-Theoretikern ist dieses Verfahren als die
einzig sachgerechte Schlußfolgerung aus der unterstellten Knapp-
heit geläufig. Nur wollen sie partout den auch von ihnen zur
Kenntnis genommenen schlichten Ausweg verbauen, damit sie an ih-
rem Bild einer nie zufriedenzustellenden Menschennatur festhalten
können. Sie behaupten deswegen die prinzipielle U n m ö g-
l i c h k e i t, Knappheit überwinden zu können. Als Beweis
zitieren sie ausgerechnet die im Kapitalismus e r z e u g t e
lebenslange Knappheit im Geldbeutel von Lohnempfängern und
Rentnern, so als gäbe es den kapitalistischen R e i c h t u m
gar nicht, der auf dieser Armut beruht. Mit diesem Schwindel soll
dann einleuchten, daß das Leben ein ewiger Zank von Gierlappen um
einen zu kleinen Kuchen ist. Davon einmal abgesehen: Mit dem
Egoismus mag es stehen, wie es will: Ein Bestimmungsgrund für das
gesellschaftliche Tun und Lassen der vielen kleinen Leute ist er
ganz sicher nicht. Vom Schichtplan bis zum Lohnstreifen ist alles
durch ihre kapitalistischen Chefs diktiert. Und die ihrerseits
haben erheblich anspruchsvollere Ziele, als ihren privaten Egois-
mus durch Segelyachten und Kaviar immer umfänglicher zu
befriedigen. Sie sind nämlich mit der Vermehrung von
K a p i t a l befaßt, ein Unterschied, der schon rein quanti-
tativ ins Auge stechen müßte: Zum Verspachteln sind die
Abermilliarden an Aktien und Börsenwerten von Daimler und Co. er-
stens weder geeignet noch vorgesehen und zweitens zuviel. Als
Leistung dieses Menschenbildes bleibt nur eines übrig: Am Ende
erscheint der Gegensatz von Lohn und Profit, also der
kapitalistische Klassengegensatz, als m e n s c h e n n a t ü r-
l i c h e r Zwist gleichgerichteter Egoismen, die sich der
Knappheit wegen in die Quere kommen.
Leider haben die Marxisten-Leninisten diese bürgerliche Ideologie
nie widerlegt. Im Gegenteil: Den bürgerlichen B e f u n d vom
vorherrschenden Egoismus haben sie geteilt; seine Begründung aus
der menschlichen N a t u r mochten sie dagegen nicht überneh-
men. Stattdessen haben sie sich optimistisch über den Menschen
geäußert: Erst im Sozialismus, dann aber wirklich, denkt der
Mensch nicht immer nur an sich, sondern an die Gemeinschaft. Ein
Optimismus, der weder auf den realen Sozialismus, noch die Ab-
sicht seiner Gründerväter ein gutes Licht wirft. Das "sondern"
ist verräterisch. Wenn die Gemeinschaft für den gemein-
schaftlichen Nutzen a l l e r steht, dann wäre eine A b-
s t a n d n a h m e vom individuellen Nutzenstreben eine sinn-
lose, ja unerwünschte Übung. Zur allgemeinen B e f r i e d i-
g u n g des Bedürfnisses ist nämlich der persönliche V e r-
z i c h t darauf das blödeste Mittel. Was den Zustand des realen
Sozialismus betrifft, hatte der Satz allerdings seine Ordnung: Wo
die gesellschaftliche Versorgung der Geldvermehrung staatlich
kommandierter Betriebe untergeordnet wird, da bleibt der
individuelle Nutzen oft auf der Strecke, sei es wegen Geld- oder
Warenmangel. Dazu paßt dann der Imperativ, nicht an sich, sondern
an die Gemeinschaft zu denken, der man seine Leistung für einen
bloß eingebildeten individuellen Nutzen abliefern soll.
Verräterisch auch das unentwegte Selbstlob des Marxismus-Leninis-
mus, mit der sozialistischen Persönlichkeit sei erstmals in der
Menschheitsgeschichte der Humanismus, sprich Altruismus
v e r w i r k l i c h t worden. Gerade so, als wäre es das
Selbstverständlichste von der Welt, daß Revolutionäre die kapita-
listisch erzeugten Notlagen etlicher Leute deswegen ein für alle-
mal beseitigen wollen, damit der Mensch endlich von seinem Eigen-
nutz A b s t a n d nehmen kann und den Kronzeugen für das öst-
liche Menschenbild abgibt. Den M a t e r i a l i s t e n des
Ostens gilt offenbar der I d e a l i s m u s bürgerlicher Moral
als so ehrenwertes revolutionäres Ziel, daß davor das Fressen zu
schweigen hat.
Die Prediger des Marxismus-Leninismus pflegen also ihre verkehrte
g u t e Meinung vom Menschen, um ihr System für die Freilegung
dieser verborgenen Potenzen aufs Podest zu stellen. Die bürgerli-
che Wissenschaft schlägt mit ihrem Menschenbild gleich zwei Flie-
gen mit einer Klappe. Einmal läßt sie am menschlichen Egoismus
die östliche Gewalt mit ihrer Planwirtschaft genüßlich scheitern,
und zugleich bringt sie mit dieser s c h l e c h t e n Meinung
vom Menschen ihre unverwüstlich g u t e Meinung über die demo-
kratische Gewalt des Kapitalismus zum Ausdruck. Die soll nämlich
jetzt mit ihren Gesetzen zum Privateigentum, mit Justiz und Poli-
zei die schlechte Menschennatur z ü g e l n, um ein harmoni-
sches Zusammenleben zu ermöglichen. Wie soll denn eine gesell-
schaftliche V o r s c h r i f t an der N a t u r etwas ändern
können? W e r soll denn die Zügel in die Hand nehmen, wenn
a l l e von Natur aus böse sind? Kleine Widersprüche, die dem
bürgerlichen Denken nichts anhaben können, weil es seine Zustim-
mung zur Demokratie nicht von Argumenten abhängig macht, sondern
genau umgekehrt verfährt: Argumente werden in Abhängigkeit von
ihrer gewünschten legitimatorischen Funktion konstruiert oder
verworfen. Letzter Beweis: Aus dem Egoismus leitet die Wissen-
schaft alle Gegensätze des Kapitalismus her. Wer aber einmal im
Gegenzug auf die Gegensätze zwischen Arbeiter und Unternehmer,
Mieter und Vermieter, Bürger und Staat hinweist, nicht um seine
schlechte Meinung über den Menschen, sondern seine Kritik an die-
ser Gesellschaft auszudrücken, der wird sich wundern. Dann näm-
lich taufen dieselben Leute den ganzen nationalen Laden in eine
planvolle A r b e i t s t e i l u n g sich ergänzender fleißi-
ger Menschen um: Bäcker backen, Arbeiter arbeiten, Unternehmer
unternehmen - und einer schließlich sorgt für die Koordination
wie bei jedem guten Orchester: die Regierung regiert. Die feinste
Harmonie! Wer wollte daran Anstoß nehmen? Jetzt auf einmal gibt
es ihn doch, den altruistischen Gemeinschaftswerkler, der den
östlichen Planern soeben noch als verfehltes, weil optimistisches
Menschenbild vorgehalten wurde. Merke: Egoismus wie Altruismus
haben beide ihren festen Platz im Menschenbildkoffer der bürger-
lichen Wissenschaft. Zur Legitimation des bürgerlichen Staates
ist der Egoismus gerade recht; zur Verteidigung gegen Kritik tut
aber auch der Altruismus gute Dienste. So geht differenziertes
Denken.
Individuum und Gesellschaft
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Mit diesem bekannten Duo ist weder an einer realsozialistischen
noch westlichen Universität die Frage aufgerufen, w o r i n der
jeweilige gesellschaftliche Zweck der beiden Systeme eigentlich
besteht und w a s die Individuen in ihnen treiben. Wem der
V o r r a n g gebührt, das ist die einzig spannende Frage. Bür-
gerliche Politologen, die soeben noch die Zügelung der egoisti-
schen Menschennatur durch die Gesellschaft empfahlen, dozieren
nun ganz ungeniert, erst komme das Individuum, dann die Gesell-
schaft. Den Kollektivismus-Vorwurf hat sich das östliche Lager
zugezogen, weil es die Reihenfolge umdreht: Dem Gesellschaftli-
chen gehört nach dieser Lesart deswegen das Prius, weil erst da-
durch das Individuum zu seiner vollen Entfaltung komme.
Der erste Aberwitz der Frage besteht darin, daß sie für zwei Grö-
ßen nach einer Rangfolge verlangt, von denen keine einzige
Q u a l i t ä t genannt ist, die zwecks Herstellung einer
Rangordung zu b e w e r t e n ginge. Zum zweiten wird so getan,
als hinge von der Entscheidung für eine solche logisch gesehen
unmögliche Rangfolge Freud und Leid des gesellschaftlichen Lebens
ab. Bloß: Was folgt eigentlich aus dem bürgerlichen Lehrsatz
"Individuum vor Gesellschaft"? Die Mineralölsteuer, die Staffel-
miete oder der Sozialabbau? Nichts von alledem. Aber Vorsicht:
Eine V e r l e t z u n g des postulierten Vorrangs des Indivi-
duums vor dem Gesellschaftlichen, wie manche Sozialkritiker mut-
maßen, liegt in solchen Maßnahmen auch nicht vor. Beide Kate-
gorien sind leer, haben gar keinen bestimmten Inhalt, und deswe-
gen sind sie auch gar nicht zu der beanstandeten Kollision im-
stande. Für einen bundesdeutschen Gewerkschafter oder Sozi-
alarbeiter gilt die Parole, daß der Sozialabbau gegen den Vorrang
des Individuums vor der Gesellschaft v e r s t ö ß t. Für einen
Kanzler Kohl sind dieselben Maßnahmen die E r f ü l l u n g be-
sagter Maxime. Einfach deshalb, weil der Kanzler sich die Strei-
chungen sozialer Leistungen als ein Mehr an individueller Frei-
heit von staatlicher Gängelung zurechtspinnt, während sozialkri-
tische Menschen das Weniger an Geld im Auge haben. Nur s a g e n
beide Seiten nicht, was sie denken. Sie kleiden ihr Anliegen
vielmehr in das gleiche Abstraktum namens Individuum, dem gedient
gehört. Ein heuchlerischer Kunstgriff, der mit dem allgemein als
Wohlklang geltenden Begriff Individuum Zustimmung für die darin
verpackte Absicht erheischt.
Diese gedanklichen Fehlleistungen kommen nicht dadurch aus der
Welt, daß Marxisten-Leninisten einfach die Reihenfolge der Be-
griffe umdrehen. Auch aus der Abstraktion Gesellschaft und ihrem
Vorrang vor dem Einzelnen ergibt sich keine Plankennziffer für
ein VEB oder eine kostenlose Speisung von Schulkindern.
Die grundsätzliche Scheidung in zwei getrennte Lager ist aller-
dings auch mit dieser Maxime so widersprüchlich wie bei den ande-
ren Positionen im geistigen Grabenkrieg ausgefallen. Das Kollek-
tiv steht auf Platz 1 im Marxismus-Leninismus, aber nur deswegen,
so hört man auf Nachfrage, damit der Mensch sich voll entfalten
und seinerseits Platz 1 besetzen kann. Eine Ideologie, die von
ihrem bürgerlichen Gegenbild nicht mehr zu unterscheiden ist.
Nicht anders bei der bürgerlichen Abteilung. Auch sie ist locker
zur Eingemeindung der angefeindeten Position imstande, wenn es
ihr in den legitimatorischen Kram paßt. Daß der Mensch nur ein
"Rädchen im Getriebe" ist, wissen mitunter nicht nur Briefträger,
sondern auch Soziologen, denenzufolge der Mensch mit seinen Rol-
len an den Fäden gesellschaftlicher Normen und Strukturen hängt.
Daß ohne gesellschaftliche keine individuelle Identität zu haben
ist, beteuern Psychologen gern, wenn die werten Individuen wieder
einmal respektvoll den Hut vor dem Allerheiligsten ziehen sollen,
der Nation.
Weder weiß man jetzt, was die Gesellschaft und ihre Individuen in
West wie Ost auszeichnet, noch halten sich die Ideologen beider
Seiten an die von ihnen propagierte, angeblich so wichtige Rang-
folge beider. Unter dem Strich bleibt nur die ideologische Ab-
sicht stehen, die sich dieser Abstraktionen bedient. Die bürger-
liche Leitlinie vom Vorrang des Individuums vor der Gesellschaft
unterstellt einen gar nicht weiter bestimmten, daher grundlosen
Gegensatz zwischen beiden und lobt den bürgerlichen Laden für
seinen angeblichen V e r z i c h t a u f U n t e r-
d r ü c k u n g. Mehr an Dienstleistung wird gar nicht
behauptet, und die ist noch gelogen. Die ML-Kollegen bekennen
sich dagegen zur Einhegung des Individuums durch das Kollektiv,
aber nur, um statt des Egoismus die bessere menschliche Seite der
Solidarität im Individuum voll entfalten zu können. Eine Dienst-
leistung der Gesellschaft an der Menschennatur, der auch bür-
gerliche Denker ihre Reverenz erweisen könnten, würde sie nicht
von den Falschen gepredigt.
Skepsis und Vernunftglaube
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Das Bemühen um die Erkenntnis der Welt ist ebenso notwendig wie
letztlich vergeblich, weil es G e w i ß h e i t im Denken nicht
gibt. Ein bürgerliches Postulat, dem der Marxismus-Leninismus
seit jeher mit einem G l a u b e n s bekenntnis gekommen ist,
das von der E r k e n n b a r k e i t der Welt a u s g i n g.
Den Fehler der bürgerlichen Maxime hat der ML nie kritisieren
wollen. Die Behauptung, alle Erkenntnis sei ungewiß, will als un-
widersprechliche Gewißheit genommen werden - und widerspricht
darin sich selbst: Gilt der Satz, ist er falsch. Die allgemeine
Begeisterung für den Lehrsatz hat unter solchen Ungereimtheiten
nicht weiter gelitten. Es wollte auch niemand seinen
Wissenschaftlerjob an den Nagel hängen, weil ihm der Sinn einer
Erkenntnistätigkeit nicht eingeleuchtet hätte, die angeblich so-
wieso nicht geht. Im Gegenteil, die Skepsis ist produktiv gewor-
den. Wenn die Sache mit der Wahrheit so problematisch ist, weil
sie bestenfalls näherungsweise und "relativ", nie "absolut" zu
ermitteln geht, dann muß das Augenmerk auf die Bedingungen und
Instrumente der Wahrheitssuche gerichtet sein, um bestmögliche
Ergebnisse zu erzielen. So lautete der Beschluß, der mit der For-
mulierung von Vorschriften und Verfahrensweisen die Relativität
der Erkenntnis in ihrem Namen zur obersten Maxime machte.
M e t h o d e n gelten seitdem als unerläßlich, und nur ihre Of-
fenlegung zeichnet eine Theorie als wissenschaftlich und nach-
prüfbar aus. Keine Erkenntnis einer Sache ohne eine adäquate Me-
thode! Als ließe sich v o r der Bestimmung einer Sache über-
haupt sagen, w e l c h e Methode ihr adäquat ist, und als wäre
es n a c h vollzogener Bestimmung der Sache nicht überflüssig,
über einen adäquaten W e g zu sinnieren, wo man schon am
Z i e l ist. Wo dennoch auf Methoden insistiert wird, handelt es
sich um die u n wissenschaftliche Forderung, vor aller Wissen-
schaft Vorgehensweisen zu definieren, die dem Interesse und Ge-
schmack des Wissenschaftlers bezüglich seines Untersuchungsgegen-
standes entspringen mögen, keinesfalls aber einem wissen-
schaftlichen Urteil über ihn. D i e Gewißheit, die dem bürger-
lichen Denkens eigen ist, richtet sich also nicht auf die
W a h r h e i t s e i n e r R e s u l t a t e, sondern auf die
N o t w e n d i g k e i t v o n M e t h o d e n, die zu ihrer
Produktion unerläßlich sein sollen. Und Methoden zur Betrachtung
einer Sache gibt es viele. So kommt der P l u r a l i s m u s
der bürgerlichen Wissenschaft zustande, in dem ein Ansatz Respekt
verdient, weil und insofern er sich nicht zum al-
lein g ü l t i g e n erklärt, sondern unterschiedliche bis ge-
gensätzliche Auffassungen gleichermaßen anerkennt.
Eine E r k l ä r u n g der Welt will die Wissenschaft also
nicht liefern, das wäre Hybris. B e g r ü n d e t e i n-
g r e i f e n in die Verhältnisse, das verbietet sich damit
auch. Wie sollte auch aus der Unentschiedenheit und Gleich-
gültigkeit der nebeneinander existierenden Auffassungen eine ein-
deutige Handlungsanweisung folgen? Mit dieser g e i s t i g e n
D e m u t s h a l t u n g liefert die bürgerliche Wissenschaft
ihr Bekenntnis zu den bürgerlichen Verhältnissen ab. Sogar expli-
zit und mit der einzigen eindeutigen Handlungsanweisung, zu der
sie sich imstande und berufen fühlt: Die Praxis, d.h. Demokratie
und Parlament müssen entscheiden. Die sollen nämlich jetzt die
Eindeutigkeit und Verbindlichkeit stiften, an der Theorien angeb-
lich in letzter Instanz scheitern müssen. Von der Relativität der
Erkenntnis zur absoluten Rechtfertigung bürgerlicher Gewalt -
eine reife Leistung!
Eine solche darf man auch dem Marxismus-Leninismus bescheinigen.
Es ist nämlich trostlos, wenn Materialisten auf die bürgerliche
Skepsis ausgerechnet mit N i c h t-Wissen, nämlich einem al-
ternativen G l a u b e n s bekenntnis antworten. Das liegt auch
dann vor, wenn es sich selber gar nicht so nennt und bloß von der
"Erkennbarkeit der Welt ausgeht." Wer nämlich meint, er müsse
v o r der Erkenntnis der Welt dieser die Erkenn b a r k e i t
als Eigenschaft attestieren, damit sich sein Tüfteln am Ende
nicht als vergebliche Liebesmühe erweist, der gibt eben kein wis-
senschaftliches Urteil, sondern ein V o r urteil bekannt. Als
würde davon irgendetwas abhängen! W a s sich ein Wissen-
schaftler einleuchten läßt, folgt nämlich keineswegs aus der
fröhlichen Unterstellung, d a ß das Einleuchten geht. Für das
F a b r i z i e r e n von Gedanken ist dieses Dogma genauso fol-
genlos, wie übrigens sein bürgerliches Gegenstück des Skeptizis-
mus auch. Einmal hergestellt, steht für einen Gedanken besten-
falls die Prüfung an, ob er s t i m m t, und nicht, ob er unter
die d e n k b a r e n, also m ö g l i c h e n Gedanken fällt,
oder nicht. Eine abseitige Frage. Er ist ja schon
w i r k l i c h.
Seine Bedeutung aber hat dieser Satz für alle Marxisten-Lenini-
sten dennoch. Er erhebt den Menschen zum
t h e o r e t i s c h e n H e r r n seiner Verhältnisse und Mo-
tor des praktischen Fortschritts, während die bürgerliche
Kleingläubigkeit davon nichts wissen will und auf Skeptiszismus
macht, wie es heißt. Der selbstbewußt vorgetragene W i l l e
der bürgerlichen Wissenschaft zur Unterwerfung des Denkens unter
die praktischen Verhältnisse ist nun zwar das glatte Gegenteil
einer U n f ä h i g k e i t, sich zu ihrem theoretischen Herrn
aufzuschwingen. Der ML bestimmt die Sache aber so, weil er sich
nicht als Gegner, sondern K o n k u r r e n t e n des anderen
Lagers beim Erlernen des aufrechten Gangs auffaßt und sich selbst
dabei als Sieger sehen möchte. Der ML macht auf eine im Westen
nicht gekannte Weise ernst mit der Maxime, Politik und Staat hät-
ten in der Wissenschaft ihre theoretische Anleitung. Eine solche
Auffassung verziert zwar manche politische Sonntagsrede im We-
sten, wenn die M a c h t dadurch geadelt werden soll, daß sie
in letzter Instanz G e i s t u n d V e r n u n f t verpflich-
tet sei. Aber von einer B e s t i m m u n g der Politik durch
die geistigen Resultate der Wissenschaft ist nicht die Rede. Die
Mannschaft aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm fühlt sich
schon ihres Pluralismus wegen dazu nicht berufen, und die
F r e i h e i t d e s S t a a t e s verlangt, daß schon die
kleinen Abgeordneten "nur ihrem Gewissen verantwortlich" sind,
also gerade n i c h t wissenschaftlicher Einsicht und Kritik.
Das sieht der Marxismus-Leninismus der realsozialistischen Staa-
ten grundsätzlich anders: Er versteht sich als weltanschauliche
Richtschnur der sozialistischen Praxis. "Gestützt auf das Prinzip
von der Erkennbarkeit der Welt" meistert drüben "die Partei den
technischen Fortschritt."
Wer dabei unter die Räder kommt, weiß also, an w e n er sich
w i e wenden muß: an den Staat, der sich für F e h l e r haft-
bar fühlt und Anspruch auf den Verbesserungswillen seiner Unter-
tanen hat, weil er i m P r i n z i p alles richtig, nämlich
nach dem neuesten Stand der menschlichen Wissenschaft macht.
Fazit: Die Freude im westlichen Lager über die Abdankung des Mar-
xismus-Leninismus ist unangebracht. Der Unsinn bürgerlicher Wis-
senschaft wird nämlich nicht dadurch besser, daß die östliche
Konkurrenz aufgibt und am Ende noch zu Kreuze kriecht.
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