Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Marxistische Gruppe Bremen, April 1984
Teach In
Karl Marx
- was man von ihm lernen kann
- was man seinen öffentlichen Lobrednern und Kritikern nicht ab-
nehmen sollte
Zur Einstimmung ein paar Gedanken:
KARL MARX - EIN TOTER HUND, DER IMMER WIEDER BEGRABEN WIRD!
1
"Ferner war es vor zehn Jahren unter den Studenten Mode, zu be-
haupten, Karl Marx und Friedrich Engels gelesen zu haben, und den
berühmten ersten Band des 'Kapital' habe ich tatsächlich gelesen,
nur um zu entdecken, daß dieses Buch sonst niemand gelesen hatte
und daß es kein Wort über den Gegenstand des Sozialismus ent-
hält..." (George Bernhard Shaw, 1911)
2
Auch 1983 kommen die diversen Festredner ganz ohne einen Bezug
auf Argumente des 'Kapital' aus, wenn sie den alten Denker
'widerlegen'. Was haben sie bloß alle mit dem alten KARL MARX? An
seinem 100. Todestag wird dieser antibürgerliche Revolutionär und
Wissenschaftler von allen Medien mit großem Trara wieder ausge-
graben, nur um noch einmal ganz und gar bescheinigt zu kriegen,
daß er wirklich ein toter Hund ist.
Was stört sie so an ihm, daß sie die verdächtige Prozedur nicht
scheuen, einem, der nicht mehr aktuell ist, immer auf's neue zu
versichern, daß sich kein Schwein mehr für ihn interessiert und
interessieren braucht. Gegen MARX wissen sie folgendes - und ver-
raten dabei mehr über sich als über den toten Alten:
- MARX e i n e m o r a l i s c h e S a u: Er war seiner Frau
nicht treu und seinen Förderern nicht geistig verpflichtet; er
hat das Geld analysiert, anstatt es zu sparen, und die Lage der
Arbeiter erklärt, anstatt sich solidarisch unter sie zu mischen;
er hat sich von seinem Freund Engels aushalten lassen und seine
Bücher geschrieben, anstatt einer ehrlichen Arbeit nachzugehen.
Da braucht man MARX nie gelesen zu haben und nichts von der
"freien Marktwirtschaft" zu verstehen, um zu wissen, dieser Mann
ist PFUI. Man braucht bloß den Anstand aller normalen Arschlöcher
zusammenzunehmen, um zu wissen, daß es sich gehört, zu arbeiten
und zu sparen, sich nichts schenken zu lassen und dankbar zu
sein, und für die unvermeidlichen Opfer der Gesellschaft, die
Minderbemittelten und Arbeitslosen, gehört sich Mitleid und nicht
Kritik. Es ist nicht zuletzt die Berufung auf verbreitete Geltung
dieser moralischen Gebote, die den Verdacht erhärtet, daß es die
arbeitsamen Armen, von denen MARX redet, immer noch gibt.
- MARX d e r Z i e h v a t e r S t a l i n s: Oder nicht! Da
braucht man ebenfalls weder MARX zu kennen, noch Ökonomie und Po-
litik des "Realen Sozialismus"; der gewöhnliche deutschnationale
Russenhaß ist die allgemeine Basis, auf der sich rechte und linke
Fernsehdiskutanten darüber streiten, ob MARX ganz so schlimm ist
wie die Russen, oder als harmloser Philosoph des 19. Jahrhunderts
noch gar nicht wissen konnte, was da alles rauskommt.
- MARX e i n a m M e n s c h e n g e s c h e i t e r t e r
H u m a n i s t: Wie man ihm die im Osten stattgefundene Revolu-
tion vorwirft, so im Westen das Ausbleiben derselben: MARX hat
sich im Menschen getäuscht. Der alte Depp mag es gut gemeint ha-
ben, aber drüben ist der "neue Mensch" nicht geschaffen worden,
und hüben soll es derselbe Egoismus sein, der die Arbeiter lieber
in die Fabrik rennen, als sich die Sorgen der Gesellschaftsord-
nung machen läßt.
Wo MARX über die kapitalistische Wirtschaftsweise nachwies, daß
sie für die Lebensinteressen der Arbeiter nicht taugt, wissen die
Vertreter unserer humanen Gesellschaft, ganz ohne Betrachtung der
Ökonomie, daß "der Mensch" wegen seiner materiellen Interessen
für eine "humanere" Gesellschaft nicht taugt und eine starke Hand
über sich braucht. Eine schlechte Meinung vom Menschen gehört un-
bedingt zu einer guten über die staatliche Gewalt und ökonomische
Armut.
- MARX e i n g e s c h e i t e r t e r P r o p h e t: Für
Geistesriesen an deutschen Unis ist die Kritik des Kapitalismus
offenbar dasselbe wie eine Wettervorhersage. Die von MARX erläu-
terten Gründe, warum sich die Allermeisten die freie Marktwirt-
schaft nicht leisten können, also etwas dagegen tun sollten, neh-
men Beamtenwissenschaftler erst gar nicht zur Kenntnis. Sie neh-
men dergleichen lieber als Vorhersage, der man zuguckt - um den
größten Triumph darin zu feiern, daß es den Kapitalismus bis
heute noch gibt! Ausgerechnet die E x i s t e n z dieser Sorte
Wirtschaft widerlegt ihre Kritik? Bescheuert, aber gut dotiert,
dieser Standpunkt.
- MARX v o n d e r W i r k l i c h k e i t ü b e r h o l t:
"Ob nicht vielleicht angesichts einer durch Klassen nicht mehr
charakterisierten Gesellschaft die Theorien von KARL MARX zur
Fessel für weitere Entwicklungen geworden seien", fragte Prof. U.
K. Preuß rhetorisch auf einer Veranstaltung mit Prof. Fetscher
(Weser-Kurier 22.4.83). Klassen? Wie altmodisch. Die mag es zur
Zeit des Manchester-Kapitalismus gegeben haben. Proletarier und
Kapitalisten gehen doch heute beide wählen und werden als mündige
Bürger oder gute Deutsche geführt. Harmonie statt Klassengegen-
satz? Kohl und seine Mannschaft hören diesen Schmus zwar gern,
aber glauben tun sie diesen Mist doch nicht: die Wirtschaft ver-
trägt eines auf gar keinen Fall, den Lohn, tönen sie unentwegt.
S i e kennen also die Klassen, sogar ihren Gegensatz. Schließ-
lich helfen sie ja mit, ihn gegen die eine Klasse durchzusetzen.
3
Die MARXISTISCHE GRUPPE (MG) akkomodiert sich den Zufälligkeiten
des Dezimalsystems und benutzt die Gelegenheit gesteigerten öf-
fentlichen Interesses für den Namenspatron nicht, um auch etwas
über MARX zu erzählen. Ein paar Gedanken von MARX aus einem sel-
ten gelesenen Buch sollen referiert werden. Ob sie a k t u e l l
sind, wird dabei dem einzig rationellen Kriterium unterworfen,
dem G e d a n k e n unterliegen: Stimmen müssen sie halt!
4
Ein paar Beispiele: Ist A r b e i t s l o s i g k e i t wirk-
lich ein "Problem", mit dem sich demokratische Staaten und kapi-
talistische Marktwirtschaften herumschlagen oder ist nicht doch
die "Produktion einer industriellen Reservearmee" sehr funktio-
nell Wirkung und Mittel der Akkumulation des Kapitals? Machen
also Arbeitslose nicht einen großen Fehler, wenn sie "Arbeit für
alle" vom Staat fordern und auf eben die Wirtschaft und ihr
Wachstum setzen, die gerade dadurch ihr Geschäft macht, daß sie
ihre A r b e i t s k r a f t nicht anwendet? Kann man von
L o h n a r b e i t leben, oder wird nicht die Marxsche Entdec-
kung, daß die Arbeitskraft W a r e ist, die durch die Praxis
pausenlos bestätigte Wahrheit, daß der L o h n zum Leben eben
nur sehr bedingt taugt? Ist das G e l d allgemein gültiger Auf-
fassung zufolge, die auch von der bürgerlichen Ökonomie die wis-
senschaftliche Bestätigung erhält, wirklich nur eine zweckäßige
Erfindung zum T a u s c h, weil es halt einfacher ist, sein
Glas Bier gegen Produkte staatlicher Geldschöpfung zu kriegen als
gegen ein Dutzend Eier? Oder ist es nicht umgekehrt jene staat-
lich durchgesetzte und garantierte "Materiatur des Reichtums",
die zwischen die Befriedigung der Bedürfnisse und ihre Mittel
eine S c h r a n k e setzt, von der nur diejenigen profitieren,
die nicht von eigener Arbeit leben müssen, sondern vom
P r o f i t, den sie aus der Anwendung fremder Arbeit beziehen?
Ist also A u s b e u t u n g ein "soziales Phänomen" aus dem
19. Jahrhundert oder in Staaten der "Dritten Welt" und nicht
d i e Quelle des "R e i c h t u m s der Gesellschaften, in
denen kapitalistische Produktionsweise herrscht"?
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