Quelle: Archiv MG - NAHOST PLO - Volk fehlt Staat


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       Jassir Arafat
       

EIN PALÄSTINENSISCHER STAATSMANN

"Als ich mich entschloß, mit meinen Freunden Revolution zu ma- chen, habe ich die Entscheidung getroffen, unser Leben für das Wohl unseres Volkes zu opfern." Jassir Arafat zum "Spiegel" (Nr. 37/1982) Ohne dem kleinen Übergang in obigem Spruch vom "ich" zum "uns" größere Bedeutung beimessen zu wollen, läßt sich auf jeden Fall festhalten, daß der Entschluß des palästinensischen Ingenieurs Jassir Arafat im Jahre 1959 die "Nationale Befreiungsbewegung Pa- lästinas" (Al Fateh) zu gründen, sehr viel Opferbereitschaft, die auch beim Wort genommen wurde, geschaffen, das "Wohl des palästi- nensischen Volkes" jedoch nicht befördert hat. D a r u m - im Sinne von Wohlergehen, gar Wohlstand - ist es jedoch dem Manne nie gegangen: "In Palästina geht es um ein Vaterland und nicht nur um Flüchtlinge!" verkündete der inzwischen zum Vorsitzenden der PLO gewählte P o l i t i k e r Arafat vor dem UNO-Forum der internationalen Vaterländer, um endgültig klarzustellen, daß die von ihm vertretene "palästinensische Revolution" entgegen anders- lautenden Gerüchten über sie der "völkerrechtlich" respektable Versuch einer S t a a t s g r ü n d u n g sei. Bekanntlich mit begrenztem Erfolg: Zwar gebührt Arafat Gehör, weil er ein Volk vertritt, auf dessen Opfer er nicht müde wird zu verweisen. Andererseits konfligiert der Rechtsanspruch der von ihm Vertretenen mit dem ebenso anerkannten Souveränitätsanspruch eines Verbündeten der Freien Welt, Israel. So wird ihm dauernd das Unmögliche zugestanden: Ein "Selbstbestimmungsrecht der Palä- stinenser" ohne Einschränkung der bereits realisierten Rechte Is- raels, bis hin zu einer "Autonomie für die Palästinenser" ohne die PLO. Die F l ü c h t l i n g e, um die es ja auch noch gehen soll, sind das einzige A r g u m e n t für das R e c h t auf einen Palästinenserstaat, und es ist die historische Leistung Arafats, aus Lagerbewohnern ohne Land und bar aller Mittel, sich gegen ihr Dasein durch eigene Kraft zur Wehr setzen zu können, einen p o l i t i s c h e n F a k t o r im Nahen Osten zu machen, an dem keine der involvierten Mächte vorbeikam. Arafat erreichte dies von Anfang an dadurch, daß er die von ihm vertretenen Massen nacheinander so ziemlich allen beteiligten politischen Mächten der Region als Mittel i h r e r Politik anbot, was zu dem Er- gebnis führte, daß jeder Bündnispartner mindestens einmal "seine" Palästinenser blutig niedermachte, wenn sie ihm lästig wurden. Gegenüber dem F e i n d, Israel, blieb die PLO gezwungenermaßen kompromißlos: Die Kriegserklärung der Flüchtlinge gegen eine vom Imperialismus aufgebaute und ausgehaltene Militärmaschinerie konnte dieser zwar ernsthaft nie und nirgends den Krieg machen; sie führte aber dazu, daß für Israel seit Gründung der PLO j e d e r Palästinenser ein feindlicher S o l d a t ist, und spätestens das Massaker von West-Beirut hat gezeigt, daß der Ju- denstaat auch Frauen und Kindern den Verlustziffern an "Terroristen" zurechnet und den Kampf gegen die PLO als Endlösung der "Palästinenserfrage" vorantreibt. Für Jassir Arafat sind die Toten von West-Beirut deswegen auch nicht die "bitterste Niederlage" seines Lebens (das meint ihm der "Spiegel" vorhalten zu müssen, der in solchen Fragen genauso p o l i t i s c h denkt wie sein Gesprächspartner), sondern "ein großer Sieg": "Es ist nun ein Teil unserer Geschichte und unseres Stolzes, daß wir mit dem Volk des Libanon am Kampf um Beirut teilnehmen konn- ten und erfolgreich waren. Scharon wurde vor den Toren Beiruts besiegt wie Attila vor den Toren Roms und daran gehindert, die Stadt zu betreten." Daß Scharon nur abwartete, um nach dem Abzug der Fedayin die Stadt nicht nur zu "betreten", sondern gleich so aufzuräumen, daß sich hier der Vergleich mit dem Hunnenführer schon eher anbieten würde - das ist nicht mehr Arafats Problem: Solange e r in Beirut war, war Scharon draußen. Die jüngste Dolchstoßlegende der PLO wurde schon beim Abzug verteilt. Um sich das zynische Angebertum des nun in Tunis residierenden Arafat zu erklären, braucht man sich nicht s e i n e r Frage an den "Spiegel" zu stellen: "Kennen Sie die Bedeutung von Märtyrer- tum?" Es ist dies auch nicht nur die Pose eines geschlagenen Feldherrn, sondern die Ausgeburt von Interesse und dazugehöriger Ideologie eines palästinensischen Intellektuellen, der irgendwann als Student in Kairo aus Not und Elend seines Volkes den Schluß zog, nicht nur den Kampf gegen Israel mitzuführen, sondern auch den "legitimen Ansprüchen des palästinensischen Volkes" politisch und diplomatisch zum Erfolg zu verhelfen. Arafat und seine Fateh- Mitbegründer gehörten gerade nicht zum Volk im Lager, sondern zu jenem Kreis palästinensischer Intellektueller, die nach der Ver- treibung in den arabischen Staaten so weit integriert wurden, als sie brauchbar waren für die Bedürfnisse der dortigen Herrschaft. Die Integration fand und findet ihre Grenzen dort, wo die palä- stinensische Intelligenz auch die politische Gleichstellung ver- langt. Ihren palästinensischen Ingenieuren, Regierungsbeamten und Offizieren bedeuten die Scheichs und Emire, wenn sie Staatsbürger im Gastland werden wollen, noch stets, sie sollten sich um ihr historisches Bürgerrecht in Palästina kümmern. So sind die Milli- arden aus Kuweit, Saud-Arabien und den Emiraten für die Konten der PLO zur gleichen Zeit eine Konzession an ihre lokale palästi- nensische Führungsgarnitur als auch der Preis, sie sich vom Halse zu halten. Das Elend der Flüchtlinge in den Lagern wurde ihm ein Anliegen bezeichnenderweise genau dann, als arabische Staaten nach dem 6- Tage-Krieg die Flüchtlinge, die sie 20 Jahre hindurch eingesperrt hatten und von der UNO ernähren ließen, als politische Karte nach einer militärischen Niederlage entdeckten. Gegen den "Diplomaten" Schukeirei setzte er sich in der PLO mit dem Konzept durch, mit- hilfe beständiger militärischer Aktionen gegen Israel den unge- brochenen Widerstandswillen des palästinensischen Volkes zu be- weisen - trotz bzw. gerade mit allen Opfern. Auf diese Weise qua- lifizierte er sich auch als brauchbares Element der antiisraeli- schen Diplomatie der arabischen Staaten, die sich das eine Menge Geld, aber auch einige Gemetzel unter den Palästinensern im eige- nen Land kosten ließen. Für die Lagerbewohner kam dabei nichts 'raus, außer einer "legitimen politischen Vertretung" auch auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Es ist kein Gegensatz, sondern paßt haargenau zusammen, daß Arafat und seine PLO mit jeder Niederlage der Palästinenser, die ihnen abwechselnd Israel und die Araber beibrachten, einen "politischen Durchbruch" bescheinigt bekamen. Bisheriger Höhe- punkt der Empfang beim Papst (übrigens das geistige Oberhaupt der maronitischen Milizen des Gemayel und Haddad!), wo Arafat in cha- rakteristisch christlicher Manier als Sprecher der Opfer und An- walt der Toten die Reverenz erwiesen wurde, keineswegs jedoch als Oberkommandierendem einer bewaffneten Organisation, die im Nahen Osten die pax mundi in Frage stellen möchte. Wahrscheinlich fällt der "endgültige politische Sieg der PLO" und ihres Führers mit der Ermordung des letzten palästinensischen Flüchtlings zusammen! Für den Mann im Kampfanzug, mit dem demonstrativ herumgezeigten Stoppelbart und dem Handtuch auf dem Kopf, ist dies kein Wider- spruch und die Überschreitung der letzten Schamgrenzen wird ihm allemal noch als raffinierteste "Taktik" angerechnet: Bruder- küsse, Todesdrohungen und wieder staatsmännisches Geschmuse mit den führenden Palästinenserschlächtern der arabischen Welt, Jor- daniens Hussein und Syriens Assad; wüste Tiraden gegen die USA und Triumphgeheul über den Reagan-Plan; Durchhalteparolen im be- lagerten West-Beirut bis zur Unterzeichnung des Abzugsplans, al- les dies zusammengefaßt in der Metapher beim UNO-Auftritt vom Ge- wehr und dem Ölzweig, die er in der Hand halte. Die Attitüde des Kämpfers, der Politik mit dem Gewehr zu machen proklamiert und mit den Attributen des Guerilleros geschmückt, die schleimigste Diplomatie praktiziert auf die er letztlich a l l e i n setzt : Dieser Widerspruch wird von westlichen Beob- achtern bisweilen als komisch empfunden. Im überheblichen Verweis auf die levantinische Schlitzohrigkeit des PLO-Chefs steckt aber nichts anderes als die widerlichste Hochachtung vor der Macht, die an Arafat ausgerechnet belächelt, daß er über sie nicht ver- fügt. Der Mann, der fürs Leben aller Palästinenser gerne ein ara- bischer Staatsmann werden möchte, dem dazu nur die internationale Anerkennung und ein Territorium fehlt - das Volk hat er sich ja bereits aus den Lagern rekrutiert -, hat mit den Fortschritten imperialistischer Diplomatie und Gewalt - die er für Ergebnisse seiner Kämpfe und Diplomatie hält -, bei seiner Gefolgschaft richtige Gedanken an die wirklichen Verursacher ihrer Not, den Imperialismus und seine lokalen Herrschergarnituren in der Re- gion, immer weniger aufkommen lassen. Die vernichtenden Nieder- lage läßt sich mit jeder weiteren Reise des Arafat in die westli- chen Metropolen als immer eindrucksvollerer diplomatischer Sieg interpretieren. Was als Parole während der Schlacht in Beirut gut war für die Moral und Bestätigung der PLO-Ideologie (das Heil der Palästinenser bestünde in der Rück e r o b e r u n g Israels ), daß nämlich der Judenstaat seine Stärke von den USA beziehe und für die relative Schwäche der eigenen Sache die "arabischen Ver- räter" verantwortlich seien, das ist jetzt sein Geschwätz von ge- stern: Im "Spiegel-Gespräch" lobt Arafat alle, von den Arabern, über die westlichen Staaten bis hin zur "demokratischen progres- siven Bewegung in Israel". Ein Staatsmann ohne reale Macht darf sich die realen Mächte nicht verprellen, von denen er gerade einen Staat geschenkt kriegen möchte, zumindest aber soviel Aner- kennung, daß er weiterhin im Spiel bleibt. Daß sich Arafat an der Spitze der PLO hält, liegt an der Gemein- samkeit in der "Sache der Palästinenser", wie sie alle Mitglieder der PLO verstehen, und das beweisen selbst noch die Kritiker aus den eigenen Reihen: Sie werfen ihrem Vorsitzenden Fehler in der T a k t i k gegenüber den USA und den arabischen Staaten vor bis hin zum "Verrat" an den Zielen der PLO. Genau mit denen kontert jedoch Arafat, wenn er - jenseits der tatsächlichen Zerschlagung der PLO und Zersplitterung der Kämpfer in den arabischen Staaten - auf das mit seiner Person verknüpfte wachsende Gewicht des r e p r ä s e n t i e r t e n palästinensischen Volkes in aller Welt verweist. Was es davon hat, ist schon lange nicht mehr die Frage. zurück