Quelle: Archiv MG - NAHOST PLO - Volk fehlt Staat


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TERRORISMUS - DIE GEGENGEWALT DER OHNMACHT

Am 8. August geht auf dem amerikanischen Flughafengelände in Frankfurt eine Bombe hoch; zurück bleiben zwei Tote und einige Verletzte. Die Welt weiß Bescheid: wieder ein Terroranschlag. Denn ein Grund für dieses ganz und gar "unverständliche Verbre- chen" ist nicht auszumachen. Libanesische Schiiten bringen ein amerikanisches Flugzeug in ihre Gewalt. Das Schicksal der Geiseln wird zur betroffenen Anteil- nahme vorgeführt. Freilich sind damit nicht sie, sondern der ame- rikanische Staat und Reagan höchstpersönlich in "ohnmächtige Gei- selhaft" genommen. In aller Ohnmacht kreuzt die amerikanische Mittelmeerflotte vor dem Libanon auf, und die namhaft gemachten politischen Hintermänner des Anschlags beeilen sich, dem dringli- chen Wunsch Reagans nach Ende des "Geiseldramas" nachzukommen. Öffentlich wird diskutiert, welcher Vergeltungsschlag der in den Schmutz gezogenen "Ehre" der amerikanischen Nation am nachhaltig- sten wieder auf die Beine hilft. Nach der Freilassung stellt sich heraus, daß einige der Flugzeuginsassen ihre Bewährungsprobe nicht bestanden haben. Der Sprecher der Geiseln, der Verständnis für die Forderung der Entführer geäußert hat: Freilassung der nach Israel verschleppten und inhaftierten Schiiten - "sie sind wie wir Geiseln" -, muß unter psychischem Streß durchgedreht sein, lautet der noch mildeste Verdacht. In Gauting wird der Manager eines Rüstungsbetriebs erschossen - "ein unmenschlicher Akt grausamer Barbarei"! Bei der staatlichen Trauerfeier werden die hohen Verdienste der offiziellen Persön- lichkeit Zimmermann gewürdigt, und um so mehr gilt die Empörung einem "feigen" Anschlag auf ein einfaches Menschenleben, das zum "unschuldigen Opfer" einer grund- und zwecklosen verbrecherischen Gesinnung wurde. Wenn eine Bombe explodiert, der oberste Gottesmann angeschossen und ein Flugzeug entführt wird, stellt sich beim Bürger prompt Mitleid ein. Von sämtlichen Medien mit den Leiden der Betroffenen vertraut gemacht, weiß die zivilisierte Menschheit Bescheid. Die ungeteilte Abscheu und Betroffenheit gilt einem Fall von s i n n l o s e r G e w a l t. Das ist sie schon, die ganze De- finition des Terrorismus. Für dessen Untaten gilt fassungsloses Unverständnis - und das nicht wegen der Gewalt und ihrer Opfer. Mit Großtaten dieses Kalibers wird der Zeitungsleser täglich ausführlich vertraut gemacht. Wo an die Leichen Hiroshimas erinnert, das Nieder- knüppeln chilenischer Demonstranten abfotografiert und eine tägliche Liste der erschossenen Neger in Südafrika angelegt wird, da stellt sich für den politisch Kundigen zu allererst die Sorge ein: Ist da möglicherweise etwas falsch gemacht worden und haben die politisch Verantwortlichen eventuell Probleme verschärft, statt sie zu lösen? An den Anschlägen antiisraelischer Guerillas und an den Morden der IRA, ETA und Terrororganisationen in Mitteleuropa dagegen ist das Wirken einer anerkannten, legitimierten Gewalt der man "Probleme " zugute hält nicht zu erkennen. Das macht sie so sinn- und grundlos und die Täter abartig böse. Müßig deshalb zu fragen, welche Sorten sinnvoller Gewalt sich die anständigen Leute aus gemäßigten Klimazonen vorstellen können. Genau so müßig wie die Frage, ob sie denn nicht wissen wollen, worin der Grund für die verabscheuten Taten von Bombenlegern und Entführern bestehen könnte; welchen "Sinn" die Verbrecher eigent- lich ihren Untaten zuschreiben. Mit der Definition "sinnlos" wird ja nicht die Sinnfrage aufgeworfen und nach gründlicher Abwägung ablehnend entschieden. Im Fall des Terrorismus wird der Brauch des bürgerlichen Verstandes, noch hinter jeder Idiotie bedeutsame oder erschreckende Hintergründe aufzufinden, glattweg verboten. Wer dennoch geheime Beweggründe ausfindig macht, setzt sich dem Verdacht aus, Verständnis zu zeigen, und darf sich der Fürsorge des Verfassungsschutzes gewiß sein der den Sumpf registriert. Was der verabscheuten sinnlosen Gewalt des Terrors Sinn gibt, ist dagegen der Aufruf zu ganz viel r e c h t m ä ß i g e r G e w a l t. Kein Attentat vergeht, ohne daß sich Politiker fra- gen lassen müssen, ob sie nicht etwas versäumt haben. Die so An- gesprochenen, wie etwa Innenminister Zimmermann, ziehen sich die- sen Schuh gern an. Sie selber entdecken ja an den Geiseln und Leichen, die nach Vergeltung rufen, immer gleich ein Opfer, das vor Ort gar nicht auszumachen ist: ihren Staat. Dessen Gewaltmo- nopol sehen sie in Frage gestellt - also ein echter Notstand. Für den Kampf gegen die "Geißel des Terrorismus" gilt, daß er ge- gen eine Katastrophe geht, die die obersten Werte der Zivilisa- tion bedroht. Solche Katastrophen - im Fußballstadion und beim Verhungern in Afrika ist das ähnlich - haben keine Gründe und Ur- sachen, begründen aber die Notwendigkeit eines bedingungslosen Durchgreifens. Die staatliche Gewalt, die zur Abhilfe gefordert ist, verlangt die unbedingte Gefolgschaft ihrer Nation, und die Bürger dürfen sich wie unbezahlte Hilfssheriffs aufführen. So gibt es keinen Zweifel, daß die berufenen Ankläger in Sachen Terrorismus die Staatsmänner der freien Welt sind. Das stolze Be- kenntnis: "Gewalt darf kein Mittel der Politik sein" verbinden sie mit einigen Gewaltversprechen. Sie entwerfen ein Kampfpro- gramm und machen darin eines klar: mit dem moralischen Schuldspruch wollen sie die Machtfrage beantworten. Die ver- werfliche, weil verworfene Gewalt gehört zur O h n m a c h t verurteilt. Als ob sie das nicht wäre. Und das nicht allein, weil westliche Staaten mit Entschiedenheit auf ihr weltweites Gewaltmonopol po- chen, indem sie es einsetzen. Der "internationale" Terrorismus - Gerechte Gegengewalt ------------------------------------------------------- im Namen einer nicht zugelassenen Nation ---------------------------------------- Was die "Mißgeburten, Geisteskranken und erbärmlichen Kriminel- len" - so der befugte Experte für Terrorangelegenheiten, Reagan - zu ihren Untaten treibt, geben die so Beschuldigten jederzeit kund. Sie berufen sich auf die anerkannten obersten Rechtstitel zivilisierter politischer Umgangsformen, N a t i o n und S t a a t. Im Namen ihrer beleidigten Nation, deren Mitglieder unterdrückt werden, entdecken Organisationen wie PLO, IRA, ETA usw. im Staat, mit dem sie es zu tun bekommen, einen "volksfeindlichen Gewaltap- parat". Bei dieser Anklage mögen sie gar nicht groß unterscheiden zwischen der lebenslangen Armut, die sich bei manchen ihrer Landsleute als Folge kapitalgerechter ökonomischer Benutzung ein- stellt, vorenthaltenen Bürgerrechten, einem Hungerdasein in exo- tischen Slums oder der polizeilichen und militärischen Verfolgung von Menschen, die ein Staat als Staatsfeinde ausgemacht hat. Vor dem programmatischen "Recht auf eine eigene staatliche Ordnung" werden diese Dinge alle gleich. Diese - falsche - Staatskritik ist keine Absage an eine Gewalt, die sich zur obersten Existenzbedingung ihres Volkes macht, noch ist sie ein Angriff auf die Maßstäbe und Mittel, mit denen ein Staat seine Untertanen energisch für den nationalen Erfolg in die Pflicht nimmt und seine Volksgenossen nach der dafür erwarteten Brauchbarkeit sortiert. Vielmehr melden sich hier Staatsfanatiker zu Wort, die an den Taten der existenten Staatsgewalten nur fest- stellen wollen, daß ihnen und ihren gedeckelten Landsleuten die Gerechtigkeit nicht widerfährt, die ihnen als Nation zusteht. Mit ihrer schlechten Meinung über die falsche, weil ungerechte Herr- schaft verlangen sie zum x-ten Male die Utopie eines speziell für sie zu gründenden Staates, dessen gerechte Gewalt viel Gutes für die ihm Unterstellten vollbringt. Was ihnen an Unrecht und Verfolgung angetan wird, hat für die Guerilleros, die ihr Volk zum bewaffneten Kampf aufrufen, seinen verabscheuenswerten Grund darin, daß eine volksfremde oder von ausländischen Interessen bestimmte Macht ihr volksfeindliches Werk tut. Dieser Schluß, die existente Staatsgewalt, die mit al- len militärischen und polizeilichen Mitteln gegen die eigenen Landsleute vorgeht, hätte keinen anderen politischen Zweck als die Verfolgung und Vernichtung des Volkes, zu dem man gehört, ist für einen Palästinenser z.B. sehr einfach zu haben. Schließlich verlassen sich nicht wenige Staaten bei der Benutzung ihres Volksmaterials auf einen sehr grundsätzlichen Unterschied bei ih- rer Mannschaft, den sie selber hergestellt haben. Da gibt es stets Brauchbare und Unbrauchbare, und überkommene Unterschiede, den Willen, die Fähigkeit und die Moral betreffend, lassen sich prächtig verwenden, um höchst unterschiedliche Grade der Taug- lichkeit zu ermitteln. Darüber werden einige zum gemeinen Staats- volk, und andere womöglich aufgrund abweichender Rassenmerkmale, oder Sitten - zur störenden "Minderheit", deren zweifelhafter "Lebenszweck" den Staat zu einigen Sonderbehandlungen ermächtigt. Den Betroffenen kann da durchaus der Umkehrschluß einleuchten: Von Politikern, die die gleiche Sprache sprechen und den gleichen Koran beten, regiert zu werden, wäre ein Versprechen und der Auf- takt für noch weitere volksnützliche Wohltaten. Für den Übergang zur militanten Gegengewalt, um mit den herr- schenden Politikern das Hindernis aus dem Weg zu räumen, damit die unterdrückte Nation zu ihrem staatlichen Recht kommt, braucht es nur dieses Gerechtigkeitsempfinden. Daß es sich da um T e r r o r handelt, definiert dann die andere Seite und läßt praktische Schritte folgen. Mit ihren staatlichen Massakern schafft sie freilich erst recht die unübersehbaren Belege, an denen sich die Kämpfer für die Volksbefreiung das Recht nehmen, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ihr Programm der Errettung ihres geknechteten Volkes durch einen Staat, der der eigenen Nation wirklich verpflichtet ist, ist nicht zufällig mehr oder weniger anti-amerikanisch und anti-imperialistisch: Bei den ausgemachten Verbrechern am eigenen Volk handelt es sich heutzutage eben tatsächlich um erklärte Freunde und "Handlanger" der Freiheit, über die die USA weltweit wachen. Von welchen Zwecken die staatliche Leichen- und Armutproduktion zeugt, ist für die darüber entstandenen Guerilla-Bewegungen ziem- lich uninteressant. Den Kämpfern für eine volksgerechte Staatsge- walt liefert die erfahrene Not nur den Beleg, daß ein verbreche- rischer Mißbrauch staatlicher Hoheit und nützlicher Rechte im Na- men des Volkes gewaltsam beseitigt werden muß. Das Volk, für des- sen gerechte Sache sie sich Gewehre besorgen, auf ihre Seite zu ziehen, ist ihnen keine Mühe die Opfer, auf die sie sich konge- nial zu den von ihnen angefeindeten Politikern so gekonnt beru- fen, wissen nur allzuoft nichts Besseres. So entstehen "anti-imperialistische Bewegungen", deren Weltbild um Bestätigungen nicht verlegen ist: Wenn Politiker gegen das Volk vorgehen, so nur deswegen, weil ihnen die Massen schon längst den Gehorsam aufgekündigt haben. Gerade die Höhepunkte staatlicher Gewaltanwendung sprechen da für die besiegelte Ohn- macht von Diktatoren und Gorillas, die sich nur noch mit militä- rischen Mitteln an der Herrschaft behaupten können, weil ihnen ein Volk im Widerstand entgegensteht. Was es braucht, sind die Vorbilder, die den Kampfeswillen anleiten. Dieses Weltbild hat nicht einmal in den Fällen gestimmt, wo seine Verfechter Erfolg gehabt haben. Fidel Castro und die Sandinisten haben weder einen mühselig unterdrückten Volkswillen vollstreckt noch die Ohnmacht eines Batista oder Somoza aufgedeckt, sondern eine Guerilla-Armee organisiert, ausländische Waffen beschafft, erfolgreiche wirkliche Schlachten geschlagen, Gelände und Städte erobert, das Volk dabei übrigens auch ordentlich zurechtgestoßen; und selbst diese Erfolge hätten nichts getaugt, wenn sie nicht in gewisse imperialistische Berechnungen hineingepaßt hätten. So ha- ben sie zwar ihr Volk tatsächlich von einer Mafia aus militäri- schen Schlächtern, korrupten Staatsagenten und ausländischen Kon- zernvertretern befreit und das Eigentumsverhältnis des herrschen- den Clans zu seinem Land "grundlegend reformiert". Die Erfahrung blieb und bleibt ihnen allerdings nicht erspart, daß das in der imperialistisch geordneten Staatenwelt unter amerikanischer Auf- sicht noch gar kein Glück ist: Die Alternative zu einer Lakaien- rolle für den Freien Westen - die übrigens durchaus auch im Namen und Geiste eines wahren Nationalismus wahrgenommen zu werden pflegt! - heißt a n d a u e r n d e r Ü b e r l e b e n s- k a m p f. Ein Motiv - viele gerechte Kämpfe --------------------------------- In sehr viel mehr Fällen hat die Hoffnung auf patriotisch ge- stimmte Massen, die nur noch den zündenden Funken brauchten, um die "Fremdherrschaft" übers eigene Volk mit Gewalt wegzufegen, auch praktisch getrogen; den Fehler in der Gleichsetzung von Elend und Gegengewalt hat nicht nur Che Guevara mit seinem Leben bezahlen müssen. Die Organisation eines Bürgerkriegs mit Erfolgs- aussichten ist in den lateinamerikanischen Heimatländern der Gue- rilla vor allem n i c h t gelungen bzw. blutig unterbunden wor- den; die "Stadtguerilla" war die entscheidende Etappe auf dem R ü c k z u g auf Aktionen, die gar nicht mehr auf eine N i e d e r l a g e des militärischen Gegners zielen, sondern eben n u r n o c h "Terrorismus" sind: Verzweiflungstaten, die ein Recht anmelden dem aber auch jede Macht fehlt, die sich mit der herrschenden messen könnte. Beim palästinensischen Patriotismus, der gar keine anerkannte Staatsgewalt vorzuweisen hat und mit Kleinkrieg sein ohnmächtiges Recht darauf anmeldet, kann von einem Volk mit "nationaler Iden- tität" überhaupt erst die Rede sein, seit der zionistische Terro- rismus zur israelischen Staatsgewalt geworden ist und diese zu- gunsten der Juden aus aller Welt die nicht-jüdischen Landesbewoh- ner vertrieben bzw. als Bevölkerungsgruppe minderen Rechts ausge- sondert und so unter ein praktisches gemeinsames Merkmal sub su- miert hat. Ohne einen palästinensischen Staat anzuerkennen, wur- den alle Nichtzionisten wie Soldaten eines feindlichen Staates verfolgt. Dagegen wurde die PLO gegründet, deren einer Programm- punkt lautet: "Palästinenser sind Soldaten". Das Elend der Palä- stinenserghettos und die Maschinengewehre Israels waren der gute Grund für den Kampf um einen Staat, der den Verfolgten überhaupt erst ihre nationale Identität geben soll. Mehr ist nicht verspro- chen worden: "In Palästina geht es um ein Vaterland und nicht nur um Flüchtlinge" (Arafat). Seitdem kennt die Welt die "Geißel der Flugzeugentführungen und der internationalen Anschläge", weil sich die politischen Führer der Palästinenser ein Interesse frem- der Staaten an ihrem Befreiungskampf gegen Israel ausgerechnet haben. Darüber sind die Palästinenser zum Mittel vor allem arabi- scher Staaten geworden und wurden in einem internationalen Ge- meinschaftswerk befriedet. Der Terror im Nahen Osten hat deswegen nicht aufgehört. Immerhin ist es Israel ja gelungen, die Front seiner kriegerischen Ausein- andersetzung mit der arabischen Umgebung unter amerikanischer Mithilfe und mit Militärhilfe an abhängige Gruppen in den Libanon hineinzuverlegen. Feinde des Zionismus kommen gar nicht erst dazu, irgendwelche Aktionen gegen die Macht ihres Gegners zu un- ternehmen, sondern schlagen auf Bevölkerungsteile ein, die sie nach dem Kriterium der Konfessionszugehörigkeit - oder nur noch des Wohnorts - als Helfershelfer Israels ausgemacht haben wollen. Die Freunde des Westens melden ihrerseits mal mit bewaffneten Feldzügen, mal wieder mehr mit Autobomben christlicher Machart ihren Anspruch an, daß die Libanesen entweder einer von ihnen do- minierten oder gar keiner Staatsgewalt gehorchen sollen. Für Be- völkerungsteile der dritten Art, die schon immer gemeint haben, ihre völkische Eigenart würde im libanesischen Einheitsstaat zu wenig gewürdigt und sie hätten mehr eigene nationale Anerkennung verdient, bietet diese Sorte Machtkampf alle Chancen zur Teil- nahme: Schon mit ein paar Stangen Dynamit und einem alten Merce- des ist man dabei. Ehrentitel für den jeweiligen "Volkskampf" sind in einem Land des religiösen Pluralismus und bei einem wie- dererweckten Islam, der sich im Iran immerhin die Anerkennung als Staatsmacht erzwungen hat, genauso leicht zu haben. Eine Weltgegend weiter beweist die Schändung eines Sikh-Heilig- tums weit leichter als das in Indien verbreitete Massenelend die Lebensnotwendigkeit eines Staates, der hochgebundenen Turbanen und goldenen Tempeln die ihnen zustehende Ehre erweist; dem fällt eine Indira Gandhi zum Opfer. Tamilen, Kurden und andere bisher unbekannte Völker verschließen sich auch nicht der gleichen Ein- sicht. Wenn sie von ihrem Staatswesen niedergemacht werden, schreiten sie zur Gegenwehr im Namen diverser brauchtümlicher Idiotien. Um mehr Brot geht es allen nicht. In Europa kommen ETA und IRA zum Schluß, daß ihr Volk, das sich ansonsten sehr säuberlich in eine Arbeiterklasse und eine heimi- sche Geschäftswelt aufgeteilt hat, gemeinsam von einer ausländi- schen Besatzungsmacht unterdrückt wird. Der ETA-Spruch: "Faschismus und Demokratie - die gleiche Scheiße" will da auf das fortwährende Unrecht aufmerksam machen, daß Spanien noch immer das Sagen über das freie Baskenland hat. In Nordirland haben die britischen Truppen in den protestantischen Aktivisten eine Hilfs- mannschaft, die sich freiwillig am gewaltsamen Aufräumen betei- ligt - also auch immer wieder den Untergrundkrieg der IRA mora- lisch ins Recht setzt. Die Frage, ob man Mitglied einer unabhän- gigen oder Opfer einer imperialistischen Macht ist, entscheidet sich da nicht an der Mütze, sondern mal wieder an der Religion. Der konsequente Fortschritt vom Kriegsrecht zum Martyrium --------------------------------------------------------- Die Niederlagen, die die offiziellen Staatsgewalten ihren inoffi- ziellen Konkurrenten bereitete, bringen es mit sich, daß deren terroristische Aktionen immer weniger Gelegenheit finden, sich überhaupt noch gegen die Macht zu wenden, die sie bekämpft. Des- wegen lassen die Verfechter unterdrückter nationaler Rechte aber keineswegs ab von dem Anspruch, einen Krieg zu führen. Ohne wei- tere Skrupel, wie Befehlshaber und Feldherrn eben, stellen sie mit ihren Aktionen reichlich undifferenziert jedermann, auch ihre "Basis", vor die A l t e r n a t i v e, die in ihrer in den un- terschiedlichsten Landessprachen immer gleich lautenden P a r o- l e formuliert ist: "P a t r i a o m u e r t e!" Diese Alternative, die keineswegs nur eine Spezialität von "Terrori- sten" darstellt - das deutsche Äquivalent "Lieber tot als rot" wärmt die Selbstverpflichtung ja nur antikommunistisch auf - bezieht ihren ganzen Stolz aus einem Gedanken: daß sich verschie- dene Wege des Opfers die Waage halten, was Sinn und Ehre angeht! Wie im richtigen Krieg kriegt jeder, der geplant oder zufällig dabei draufgeht, vorab mitgeteilt, warum und wozu: "Im Kampf zwischen uns und dem Imperialismus gibt es keine un- schuldigen Opfer" (Abu Jihad von der PLO). Umgekehrt beklagen auch die Freiheitskämpfer die unschuldigen Menschenleben, die ihre gerechte Bombe anstelle der zu bestrafen- den Staatsagenten getötet hat. Und mit dieser Heuchelei ist es ihnen genauso ernst: Sie töten ja aus höheren Motiven. Einig sind sie sich mit ihren erklärten Feinden allemal in der brutalen Sicherheit, mit der bürgerliche Politiker ihr Volk agi- tieren: nur G e w a l t stiftet Ü b e r z e u g u n g. "Die Welt erkennt nur die Starken an. Wir werden nicht stark mit Worten sein, sondern nur dadurch, daß wir unsere Forderungen in die Tat umsetzen. Wir entschuldigen uns bei der sportbegeisterten Jugend der Welt, wenn wir durch unsere Operation ihre Gefühle verletzt haben. Aber wir wollen, daß auch sie weiß, daß es ein Volk gibt, dessen Heimat seit 24 Jahren besetzt ist. Dieses Volk wird von einem Feind verfolgt, der sich mitten unter Ihnen, in München, aufhält" (Kommunique des Schwarzen September zum Massa- ker während der Olympischen Spiele). Von bloßer G e g e n gewalt, die "die Starken" gar nicht wirk- lich angreift, sondern nur ein symbolisches "als ob", ein bloßes Fanal nicht existierender staatlicher Gewalt setzt, läßt "die Welt" sich nun allerdings überhaupt nicht beeindrucken. Denn für die Erkenntnis, daß da keine Gewalt vorliegt, die sich praktisch Anerkennung verschafft, braucht es gar nicht erst den empirischen Nachweis, geführt durch ein paar Spezialabteilungen der zuständi- gen Polizei oder Armee. Das Programm selber ist eines der O h n m a c h t: Es ist gar nicht aufs G e w i n n e n berech- net, sondern auf einen Bonus von wegen der geschaffenen O p f e r. Und als solche präsentieren die Terroristen nicht bloß ihr Volk, auf dessen Leiden sie sich berufen und dem sie durch Leichen Gehör verschaffen wollen, sondern konsequenterweise auch sich selbst. 'Kämpfer' und 'Märtyrer' ist für sie ziemlich umstandslos dasselbe, und das Attribut 'heilig' ist ihnen sehr geläufig. Dementsprechend sieht das ganze Angebot aus, das sie denen zu ma- chen haben, für die sie stellvertretend kämpfen: Auch die sollen sich zum Opfer für die gute Volkssache machen und damit für die moralische Qualität eines auf kein Ende berechne ten Volkskrieges bürgen. Für den Nachschub an solcher kämpferischen Verzweiflung sorgen in manchen Weltgegenden die Lebensverhältnisse von allein. Niederlagen sind der Beweis für den ungebrochenen Widerstandswil- len; die PLO Anhänger verlassen Beirut zur Fahrt in ihre auslän- dischen Lagerghettos mit dem Victory-Zeichen. Entführungen und Geiselnahmen, mit denen allenfalls noch prakti- sche Erfolge erzielt, nämlich Machthaber zum Eingehen auf Forde- rungen der Täter gezwungen werden sollen, bestreiten gleich gar nicht mehr das Gewaltmonopol der anderen Seite, sondern setzen im Gegenteil auf dessen uneingeschränkte Geltung. Und sogar auf des- sen Ideale: Ausgerechnet d e m Staat, der ob seiner Volksfeind- lichkeit bzw. Kumpanei mit den Unterdrückern der eigenen Volks- rechte aufs Korn genommen wird, traut man zu, er ließe sich mit ein paar Menschenleben erpressen. Die Forderungen, die bei solchen Anlässen gestellt werden, sehen dementsprechend aus. Sie zielen nicht einmal entfernt auf eine Schwächung der anderen Seite, sondern nur noch auf das Überleben der eigenen. Radikale Schiiten, die nach weltöffentlicher Auffas- sung "Reagan selbst und die ganze amerikanische Nation in Geisel- haft genommen" haben sollen, als sie ein amerikanisches Flugzeug kaperten, verlangten nichts als die Freilassung inhaftierter Glaubensbrüder. Die "Befreiung des Volkes" kürzt sich zusammen auf das einzige Ziel, deren B e d i n g u n g zu retten: die Existenz einer Organisation, die ein freies Heimatland fordert. In solchen Versuchen, den geglaubten Respekt imperialistischer Staaten vor dem Leben ihrer Bürger für eine letzte Defensive aus- zunutzen, entdeckt die imperialistische Weltöffentlichkeit end- gültig nichts anderes mehr als ein "skrupelloses Spiel mit dem Leben Unschuldiger", als feige Barbarei. Ausnahmen bestätigen die Regel ------------------------------ Die mit Abscheu und Empörung registrierten Verbrechen, die sich der internationale Terrorismus hat zuschulden kommen lassen, rei- chen freilich nicht aus, um darin die Barbarei auszumachen, zu deren entschiedener Beseitigung die gesittete Menschheit aufgeru- fen ist. Immerhin gab es einmal auf ganzen Kontinenten Befrei- ungsbewegungen und die wurden von allen zivilisierten Staatsmän- nern im Namen der Entkolonialisierung mit Waffen ausreichend ver- sorgt. Freilich war daran nicht nur der Westen, der geborene Kämpfer gegen das Staatsverbrechen des Terrors, beteiligt. So er- gab sich die Notwendigkeit, die Landkarte neu nach Freund und Feind zu sortieren. Seitdem zeugt die Sicherheit in der Entdeckung des aller Zivili- sation abträglichen Terrors auch von einem großen Unterschei- dungsvermögen. Bei den Contras in Nicaragua weiß jeder, wer da- hinter steht, und amerikanische Flugzeuge brauchen sie nicht zu entführen; also ist "humanitäre Hilfe" das Mindeste, was sie verdienen. Bei anderen Gewaltaktionen beantwortet sich die Frage, wem sie nützen, andersherum; also sind sie garantiert sinnlos und ein Anschlag auf die "Ehre" bestimmter Nationen. Deren Wiederher- stellung wiederum ist so ziemlich dasselbe wie die Rettung von Menschenleben. Wo Staaten so weltweite Verantwortung tragen, da haben sie schon längst - bevor noch der erste Anschlag auf die obersten Werte des menschlichen Zusammenlebens gesichtet ist - vorgesorgt. Neben den nicht vernachlässigten normalen Posten im Staatsbudget ist da schon alles eingeplant, was den Staat vom "individuellen" Terror unterscheidet: Da gibt es Mittel für die richtigen "Freiheitskämpfer" gegen verbrecherische Regimes; der CIA wird für "verdeckte Maßnahmen" bezahlt, die manchmal nicht ganz legal abzuwickeln gehen; da werden "schnelle Eingreiftruppen" geschult. Die Peinlichkeit hält sich in Grenzen, wenn einmal in amerikani- schen privaten Camps für Guerillaausbildung die Falschen instru- iert worden sind. Im Falle der Sikhs, die nach einer solchen Aus- bildung ein Flugzeug in die Luft gesprengt haben sollen, äußerte sich der Sprecher des amerikanischen Justizministeriums recht ge- lassen: "Es ist nichts Gesetzwidriges, wenn erwachsene Männer im Kampfan- zug und mit geschwärztem Gesicht in den Wald ziehen und Krieg spielen". (FAZ, 2.7.) Der "linke" Terrorismus in der Demokratie - ------------------------------------------- Konkurrenz gegen das Gewaltmonopol ---------------------------------- In Westeuropa haben etliche Unzufriedene sich nationale Befrei- ungsbewegungen und "Stadt-Guerilla" in anderen Kontinenten für ihre politischen Aktivitäten zum Vorbild genommen, ohne sich groß an dem Nachweis abzumühen, daß der Umgang der Herrschaft mit ih- rem Volk in den Heimatländern der Demokratie ungefähr derselbe wäre wie in den Ländern der "3. Welt" oder wie das Verhältnis zwischen einer Besatzungsmacht und verhinderten Volksvertretern. Die Schlächtereien in den Hinterländern des Imperialismus und die dadurch bisweilen hervorgetriebene Gegenwehr wurde nachgemacht. "Kampf" hieß der Beschluß. Die unzufriedenen Linken, die da in den kämpfenden Untergrund ge- gangen sind, haben durchaus ihre theoretischen Berufungsinstan- zen. Soweit sie sich äußern, führen sie die Kritiken am bürgerli- chen Staat im Munde, die Anarchismus und revisionistischer Mar- xismus hervorgebracht haben. Den sehr moralischen Einwänden von dieser Seite gegen die kapitalistische Ausbeutung, den Forderun- gen nach Solidarität der und mit den "Entrechteten", "Erniedrigten" und "Beleidigten", entnehmen sie die gar nicht un- populäre Deutung allen Elends und aller Lasten als vorenthaltenes Recht, als Fall gewaltsamer Unterdrückung. Dieser bei gewöhnli- chen Leuten folgenlose Fehler, in den unübersehbaren Unverschämt- heiten der Macher des bürgerlichen Lebens "eigentlich Unerlaub- tes" zu erblicken, reicht ihnen, etwas "dagegen" zu unternehmen. Und damit hat jedes Bemühen um Erklärung und Argumente für sie ein Ende. Das "Dagegensein" und das Recht auf Gegenwehr ist ihnen so selbstverständlich, daß es ihnen höchst überflüssig erscheint, dafür auch noch gute Gründe mitzuteilen. Wer sich damit aufhält, beweist nur seine Feigheit vor dem erklärten Feind und lenkt ab vom überfälligen Krieg gegen das "Schweinesystem". Weil Kritik eben b l o ß Kritik ist und kein Stein, ein Flugblatt b l o ß Agitation und keine Fabrikbesetzung, sollen fortan T a t e n sprechen, und die sollen f ü r s i c h sprechen. Als Aufklä- rung der Massen nämlich, daß sie im Grunde das längst wollen, was entschiedenere Tatmenschen ihnen vormachen, und als Anleitung zu massenhafter Erhebung. Für eine Staatsgewalt, die dem unterdrück- ten und beleidigten Volk endlich Recht widerfahren läßt. In die- sem Ideal verstehen die Terroristen in der Demokratie sich ganz prächtig mit sämtlichen "antiimperialistischen Befreiungsbewegun- gen." Bomben ins Bewußtsein werfen... ------------------------------- Daß sie als Soldaten für einen künftigen gerechteren Staat im Staatsbewußtsein der Massen ihren entschiedensten Gegner haben, kümmert diese Aktivisten nicht weiter, obwohl sie es sehr wohl wissen und sich auf ihre Weise auch danach richten. So verliebt in ihre exotischen Vorbilder sind sie ja auch nicht, daß sie ihre Kriegserklärung an den bestehenden Staat gleich vollends für bare Münze nehmen und ihre Anschläge für eine Lahmlegung der staatli- chen Macht halten und sich selber schon für die siegreiche Armee der Zukunft. Wenn sie Agenten oder Symbolfiguren des verhaßten Systems "hinrichten" oder Sabotageakte inszenieren, dann ist das ihr Angriff auf die nicht zu übersehende Selbstverständlichkeit, mit der die Massen die "volksfeindliche" Staatsgewalt hinnehmen. Ihnen liegt an dem methodischen Beweis, den die Massen beherzigen sollen: daß W i d e r s t a n d m ö g l i c h ist. In diesem Beweisziel steckt keinerlei Kritik an den Herrschafts- methoden des demokratischen Klassenstaats, statt dessen eine ziemlich furchtbare Psychologie des Respekts, den moderne Bürger ihrem Staatswesen entgegenbringen. An deren Willen, mit den Ver- hältnissen, die Staat und Kapital setzen, zurechtzukommen und sie darin anzuerkennen, entdecken demokratische Terroristen nichts als Resignation, Ohnmachtsgefühle und Täuschung über die Volks- feindlichkeit des Rechtsstaats. Gegengewalt halten sie für per se befreiend, weil sie Resignation und Ohnmacht durch die Tat durch- bricht; außerdem e n t l a r v t sich an den staatlichen Reak- tionen die Gewaltnatur des Rechts ein schönes Eingeständnis, daß die von ihnen diagnostizierte Gewalttätigkeit des Staates keines- wegs so für sich spricht, wie sie es unterstellen; sie halten sich auf die Leistung viel zugute, Militär und Polizei erst so "richtig sichtbar" zu machen. Daß der Staat ihren Willen, sich über die Gebote des Rechts und das Verbot individueller Gewalt hinwegzusetzen, mit den ihm für die Verbrechensbekämpfung zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt, das soll die Massen davon überzeugen, daß ihr Staat sie gewalttätig unterdrückt. ...das Bewußtsein schlägt zurück -------------------------------- Deren Antwort läßt nicht auf sich warten: Die so Angesprochenen fordern von ihren Politikern einen Umgang mit den Terroristen, der bei "Niederschießen" anfängt und mit "Rübe ab" aufhört. Fana- tiker schrankenloser Gewalt stehen da auf beiden Seiten. Die einen wollen mit Stolz bemerken, daß sie als Deutsche einem Staat angehören der nach innen und außen Maßstäbe setzt denen nicht wi- dersprochen werden kann. Die anderen erklären die ihnen angetane staatliche Gewaltbeschränkung für ein Verbrechen, das sie nicht aushalten wollen, und schreiten zur Rache an den von ihnen ausge- machten Agenten des Unterdrückungsapparats. Natürlich bemerken auch die Terroristen, daß das "resignierte" Volk ihren befreien- den Terror keineswegs aufatmend begrüßt, geschweige denn nach- ahmt. Noch bei jedem Anschlag stellt es sich fanatisch hinter seine Politiker und muß dafür nicht einmal groß agitiert werden. Doch auch das gehört mit einer Beschimpfung entschuldigt: Die Leute sind eben z u t i e f s t verängstigt, oder auch korrum- piert und durch Konsum desorientiert. Man muß ihnen also noch mehr Eindruck machen, damit sie die Lektion vom möglichen Wider- stand begreifen. So entscheiden die Aktivisten des Untergrunds praktisch die falsche Frage einer frustrierten revisionistischen Linken: Warum folgen die Massen uns n i c h t, obwohl echt und Pflicht zum Dagegensein eigentlich platt auf der Hand liegen? Ihre Antwort ist sehr bürgerlich: Sie leben vor, was sie von ih- ren Mitmenschen wollen, und bauen auf den moralischen Effekt des Vorbilds. Dabei ist ihnen allerdings inzwischen längst scheißegal, ob ir- gend jemand ihnen auch folgt - außer dem organisationsmäßig unab- dingbaren Nachwuchs. Die Berufung aufs unterdrückte und belei- digte Volk ist kaum noch mehr als der Ehrentitel für ihren Ent- schluß zur Tat. Und der Tat selbst ist ihre Herkunft aus falscher linker Selbstkritik nicht mehr anzusehen; allenfalls in der Aus- wahl des Opfers - und die wird immer zufälliger, je besser die Staatsgewalt ihre Prominenz schützt. An der Aktion selbst kommt eben nichts anderes zum Ausdruck als der Wille zu unerlaubter Ge- walt - und das liegt nicht daran, daß Politiker und Öffentlich- keit bei terroristischen Anschlägen grundsätzlichen Abscheu vor Gewalt überhaupt heucheln. Überfälle der RAF und ähnlicher "Zellen" s i n d zu verwechseln mit Bomben rechtsradikaler Her- kunft, die die vorgebliche Schwäche des Staates, der nicht durch- greift, rächen soll an den Leuten, die sich vorgeblich zu viel herausnehmen. Die immer noch angestrebte Kundgabe des guten Grun- des, den die eigene Tat haben soll, ist gelaufen, wenn der Beken- nerbrief eine Zeitungsredaktion erreicht hat, und erschöpft sich nicht selten im Namen der Organisation, die sich verantwortlich erklärt. Die Rache des Rechts -------------------- Die Politiker, die sich bei jedem Verdacht einer terroristischen Straftat zu entschiedener Härte "bis an die Grenze des Rechts- staats" aufgerufen sehen, für den Schutz aller sorgen und darüber schon mal ein Geiselopfer zum Tod verurteilen, "weil der Rechts- staat sich nicht erpressen lassen darf", sehen das Verhältnis von Theorie und Praxis genau so wie die Verbrecher, denen sie mit al- len Mitteln staatlicher Hoheit nachstellen. Sie kennen und aner- kennen keine A r g u m e n t e, die gegen die Staatsgewalt sprechen könnten, sondern unterwerfen alle Meinungen dem Maßstab der Anerkennung ihrer Gewalt als Recht, dem sich jede staatsbür- gerliche Unzufriedenheit zu fügen hat. Sie wissen durchaus, daß ihre Taten manchen guten Grund zur Gegenwehr liefern - und unter- halten sich mit ihrer Öffentlichkeit darüber, daß bei allen Be- denken das Ja zu ihrem Gewaltmonopol im Vordergrund zu stehen hat. Der "Spiegel" macht sich Sorgen, ob nicht über die Raketen- aufstellung enttäuschte "Ränder" der Grünen in den Untergrund "abtauchen" könnten; der DGB weiß von den Arbeitslosen als "sozialem Sprengstoff" zu berichten. Das Demonstrationsrecht bleibt erhalten, und seine Erlaubnis wird mit dem Recht des Ver- fassungsschutzes verbunden, zu möglichst lückenlosen Erkenntnis- sen über alle potentiellen Gewalttäter zu gelangen, die sich da auf die Straße begeben. Die "Gewaltfrage", das unumwundene Be- kenntnis zur gebotenen Gewalt, darf sich jeder selbstkritisch stellen lassen. An den Stätten der geistigen Auseinandersetzung werden da manche Äußerungen als Gewalt entdeckt; und noch beim pfäffischsten Literaten fängt der Sumpf an. Wie mit Kritik, so gehen demokratische Staatsmänner selbstverständlich erst recht mit den Konkurrenten um ihr Gewaltmonopol um. Sie "widerlegen" den "befreienden" bewaffneten Kampf, indem sie sich auf den Standpunkt des geltenden Rechts stellen - praktisch und theore- tisch. "Die Vorstellung der Terroristen, sie führten einen 'Krieg' - wie sie sagen -, ist eine absurde Vorstellung. Die Bundesregierung will ihrer Überzeugung getreu das Recht bewahren. Sie will keine - wie sie es nennen - 'militärische' Lösung; sie will dem Auftrag dei Grundgesetzes gemäß das Recht bewahren und weiteres Blutver- gießen vermeiden". So SPD-Kanzler Schmidt zur Schleyer-Entführung. Dabei ist nur der Gegensatz zwischen Recht und Blutvergießen eine Lüge; die nach- folgende Entsendung der GSG 9 nach Mogadischu machte die nicht erpreßbare Rechtshoheit der BRD geltend und nahm dafür den mögli- chen Tod der Geiseln in Kauf. Mit Opfern an Menschenleben unter der eigenen nationalen Mannschaft ist ein Staat eben nicht zu er- pressen, der die Notwendigkeit seiner Aufgaben an den Opfern be- legt und feiert, die er dafür seinem Volk auferlegt. Der Schutz des menschlichen Lebens gilt dem Erhalt der Nation; die Entschei- dung über Leben und Tod obliegt der befugten Staatsgewalt das macht Politiker so unnachgiebig und die Taten der Geiselnehmer, die mit Menschenleben kalkulieren, so aussichtslos und so verbre- cherisch. Die Anerkennung als gleichberechtigter Verhandlungs- partner ist so im Leben nicht zu erzwingen. Da mögen die Terrori- sten auch die paar "Schuldigen", die sie im Namen des Volkes exe- kutieren, noch so sehr ins Verhältnis zu den Opfern setzen, die im Namen des staatlichen Rechts weltweit anfallen; das Gewaltmo- nopol des Staates, mit dem sie sich anlegen, geht als Recht im Namen und mit Zustimmung des Volkes gegen sie vor. Und dabei plagt keinen Staatsmann auch nur im entferntesten die Sorge, er könnte darüber den unterdrückerischen Charakter seines guten Rechts "entlarven". Unter reger Anteilnahme der ganzen Nation wird da zu Rache und Vergeltung aufgerufen; der Einsatz militäri- scher Eingreiftruppen auch außerhalb des eigenen Territoriums, Rasterfahndung, Polizeirazzien durch ganze Wohnviertel usw. usf. gehen allemal in Ordnung. Gewalt, auch wenn sie noch so unver- hältnismäßig ausfällt, ist bejaht als das Mittel des Rechts, das die Nation eint. Der Preis des moralischen Sieges -------------------------------- Die Deutung des Rechts als bloß unterdrückerische, ansonsten in- haltslose Gewalt" praktizieren demgegenüber tatsächlich nur die demokratischen Terroristen, und das geht nicht ohne eine gewisse Barbarei ab. Wo der Rechtsstaat seine Hoheit über das Leben an- meldet, indem er es zum von ihm gewährten Rechtsgut erklärt - was schon nicht das Angenehmste ist -, da kennen die Aktivisten des unkritischen Dagegenseins nur Rache und Strafe und vollstrecken gleich ihre Todesurteile. Nach den Vorstellungen, die sie sich vom Staat als Gewaltapparat machen, der keinen anderen Lebens- zweck als eben Gewaltausübung haben soll, richten sie ihre eige- nen Taten aus und bereichern die Welt als Beispiel für ihre "revolutionäre" Absicht ausgerechnet um "Volksgerichte" und "Volksgefängnisse". So liefern sie selbst ein weiteres Beispiel für den humanitären Chärakter des Rechtsstaats: "Immerhin" läßt der sie am Leben, und zwar ganz gewiß nicht aus Schwäche oder Vorsicht. Wie jeder staatsbürgerliche Rechtsfanatismus, so hat auch der der Terroristen seine psychologische Seite. Sie sind wirklich weit hinaus über jedes Interesse zu wissen, warum demo- kratische Staaten welche Großleistungen ihrer rechtmäßigen Ho- heitsgewalt täglich vollbringen, wenn sie die erreichbaren Urhe- ber mit Bomben und Erschießungskommandos bestrafen. Wenn sie einen NATO-General erschießen, stellvertretend für den "militaristischen Charakter" des "Imperialismus", dann wissen sie tatsächlich nicht, was die Gefährlichkeit der NATO ausmacht und daß mit diesem Bündnis ein Weltkrieg vorbereitet und in Gang ge- setzt wird. Durch alle Beispiele für die Wucht staatlicher Inter- essen der westlichen Nationen, durch Hunger, Armut und Leichen, für die das Reich der Freiheit verantwortlich zeichnet, wollen die Vertreter des "antiimperialistischen Kampfes in den Metropo- len" letztlich nur eines erfahren haben: ihre eigene Betroffen- heit. Die kümmert sich nicht weiter um die Zwecke der stattfin- denden staatlichen Gewalt. Diese wird darin für unmenschlich be- funden, daß sie gegen die eigene besondere Persönlichkeit vorgeht und sie daran hindert, ihren inhaltsleeren Willen zu "befreiender" Gegenwehr auszuleben. Der angestrengte Beweis, daß es trotzdem geht, "Widerstand" trotz aller staatlichen Brutalität "möglich" ist, treibt, als Lebens- zweck ernstgenommen, einen beträchtlichen Fanatismus für Gewalt, Disziplin, Strafe und Rache im internen Umgang der Untergrund- kämpfer miteinander hervor. Der jedem bürgerlichen Individuum wohlbekannte selbstkritische Verdacht: man meinte es nicht ernst mit den geglaubten Idealen, und zwar aus Feigheit, Materialismus oder sonstigen niedrigen Beweggründen, wird folgerichtig umge- setzt in ein System der Kontrolle, das mit den Notwendigkeiten der Abschirmung krimineller Aktivitäten nichts mehr zu tun hat. Verräter werden hinterichtet; persönliche Beziehungen spielen sich als Befehl und Gehorsam ab. Man braucht kein Verräter des Volkes zu sein, um das nicht mehr auszuhalten. Einige der 'Pentiti', mit deren Hilfe der italienische Staat gründlich mit den Brigate Rosse aufgeräumt hat, geben einen Einblick in diese Moral der Selbstzerstörung. "Macht kaputt, was euch kaputtmacht!" war die Parole, mit der die RAF zur militanten Gegengewalt angetreten ist. Ihre inhaftierten Mitglieder haben konsequent die letzte Folgerung aus diesem falschen Gegensatz "freie Willkür der Person gegen willkürliche Zwangsgewalt" an sich selbst wahrgemacht. Die Selbstzerstörung der eigenen Person sollte die Schuld der staatlichen Schweine vor Augen führen und das überlegene Recht der eigenen Person ab- schließend beweisen: So f r o m m führen demokratische Terrori- sten sich in letzter Konsequenz auf. Mit dem Hungerstreik sind BRD-Politiker allemal fertig geworden. An den alternativen Mitteln, den freien Willen der Person anzuer- kennen bis zum Verhungern oder den Schutz des Lebens durch Zwangsernährung gegen die Häftlinge durchzusetzen, ist jedes Mal der Beweis geführt worden, daß die staatliche Gewalt allemal men- schlicher ist als der unmenschliche Wille, sich durch ein Selbstopfer dem staatlichen Lebensrecht zu entziehen. So endet ein Kampf, der die Taten legitimer Gewalt weder kritisiert noch bekämpft, dafür aber den eigenen ohnmächtigen Willen feiert, der zu einem Vergleich mit dem staatlichen Gewaltmonopol moralisch befugt. *** "feige und heimtückisch" ------------------------ Solche Charakterzüge will Präsident Reagan an Leuten festgestellt haben, die seinen Soldaten irgendwo auf der Welt an den Kragen gehen. Der Mann kennt sich aus. Die Seinen sind ja mit dem höchst ehrenwerten Auftrag in aller Herren Länder unterwegs, der sich "Schutz und Sicherung der Freiheit" schimpft. Also können sie auch gar keinen moralischen Defekt aufweisen. Sie tun ja nach- weislich das Richtige, und sie morden und sterben gleichermaßen tapfer und redlich. Die gute Sache, der sie dienen, adelt ihre Werke. Ihre Absichten, die ganz und gar mit dem Dienst am politi- schen Programm ihrer Nation zusammenfallen, verbürgen jenen Un- terschied, der zwischen ihren H a n d l u n g e n und denen von Terroristen einfach nicht auszumachen ist. Umgekehrt, umgekehrt. Da mag sich ein Terrorist noch so todesverachtend in einen Laster mit Sprengstoff setzen und sein Leben wegwerfen, um ein gelunge- nes Attentat gegen eine US-Garnison im Nahen Osten zu vollführen, er ist "feige" - d e r Wert, dem er sich opfert, kommt nämlich in der offiziellen internationalen Werteskala gar nicht vor. Wer sich selbst aufgrund eines a l t e r n a t i v-nationalen Gewis- sens eine "license to kill" ausstellt, kriegt es mit der Macht der real existierenden Nationalisten zu tun. Und diese Humanisten aus den Hochburgen der NATO sind schwer darauf erpicht, die Glei- chung Gewalt = Recht = Moral verkehrt herum zu lesen. So fällt es den Anwälten des Guten, Wahren und Schönen auch nicht weiter schwer, die Verdammung der unerwünschten Gewalt, durch die sie sich in ihrer Freiheit immer wieder einmal ziemlich wehrlos vorkommen, in die totalitäre Benotung der G e w a l t t ä t e r zu übersetzen. Deren p s y c h o l o g i s c h e V e r f a s- s u n g kennzeichnet sie allemal am gründlichsten: da es berechtigte und notwendige Gewalt nur gibt, insofern sie den mit Ehre befrachteten Werten des eigenen politischen Handwerks "entspringt", ist die V e r - T e u f e l u n g von Feinden genau die richtige Lesart von deren "Motiven". Von Natur aus böse sind sie, deshalb nicht nur "feige und heimtückisch", sondern recht eigentlich nicht der Menschheit zuzurechnen: Mißgeburten und Geisteskranke *** Terrorismus ----------- "Methodisch ausgebildet, bestens bewaffnet, reichlich mit Geld versehen und von mächtigen Gönnern unterstützt, bewegen sie sich mit erstaunlichem Selbstvertrauen über die Grenzen hinweg von Rampenlicht zu Rampenlicht und können mit einer Handbewegung die gebannte Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen. Ein Flugzeug voll Passagiere, ein entführter Staatsmann, eine mit Waffengewalt besetzte Botschaft, eine in Besitz genommene und verbarrikadierte Kathedrale können ihnen Geld, Anerkennung, Immu- nität, Begnadigung einbringen, indem sie eine Regierung nach der anderen zum Einlenken zwingen. Aber auch die Regierungen haben gelernt, sie zu benutzen - als Werkzeuge der Diplomatie oder zum Führen von Stellvertreterkriegen, indem sie die Macht der Ohn- macht einsetzen, um die Ohnmacht der Macht bloßzustellen, wie ein westlicher Diplomat die iranische Geiselnahme in Teheran charak- terisierte." ( C. Sterling: Das internationale Terror-Netz. Der geheime Krieg gegen die westlichen Demokratien, 1981, S. 12) "US-Kongreß billigt Rahmen für Auslandshilfe Das Repräsentantenhaus hat ein Rahmengesetz für Auslandshilfe verabschiedet, das 1986 und 1987 Ausgaben in Höhe von jeweils 12,6 Milliarden Dollar (rund 36 Milliarden DM) vorsieht. Das Ge- setz richtet sich gegen den internationalen Drogenhandel und Ter- rorismus und erlaubt den USA ein stärkeres Engagement in Kam- bodscha, Angola und Nicaragua. ... In Zusätzen zu dem Rahmenge- setz beschloß das Repräsentantenhaus aber auch diesmal zum Bei- spiel Äthiopien jegliche Entwicklungshilfe zu versagen und den Handel einzustellen, falls Reagan zu dem Schluß kommen sollte, daß die kommunistische Regierung absichtlich versucht, ihr Volk hungern zu lassen. Die Wirtschaftshilfe für Mocambique von 15 Mio. Dollar soll so lange gesperrt werden, bis die Zahl der so- wjetischen Militärberater dort auf 55 Mann reduziert worden ist, weil die Amerikaner die Zahl ihrer Militärberater in El Salvador auf 55 Mann begrenzt haben. Israel soll mit 4,5 Milliarden Dollar den größten Teil erhalten, davon 1,8 Milliarden an Militärhilfe, Ägypten werden Schulden von zwei Milliarden Dollar erlassen. Zehn Mio. Dollar für den Libanon sollen solange eingefroren werden, bis sieben dort entführte US-Bürger wieder frei sind." (Süddeutsche Zeitung) *** Ali Agca - der unwürdige Kronzeuge ---------------------------------- Der Mann hat einen türkischen Paß und ist dabei erwischt worden, wie er den Papst fast erschossen hat. Ein Terrorist also, der die ungeheuerliche Tat in sein Programm nahm, den Vize Gottes mittels Handfeuerwaffe ins Jenseits zu schicken. Da man das nicht darf, lag für die irdischen Behörden ein klarer Fall vor. Allerdings ging es von Anfang an um mehr als eine gerechte Strafe. Solche Schandtaten sind immer auch ein Fall für die p o l i t i s c h e Justiz. Wer einem Würdenträger an den Kragen will, ist nämlich kein gewöhnlicher Verbrecher. Er vergeht sich nicht nur an einer Person, auch "Mensch" genannt, sondern an ei- nem Amt. Also lautet der Beschluß: Da steckt etwas dahinter, und unsere Ordnung, unsere Grundüberzeugungen usw. sind angegriffen, so daß sie sich wehren müssen. Juristisch gesehen kein einfacher Beschluß! Denn nach dem M o t i v für die Tat wird n i c h t g e s u c h t. Es steht vielmehr fest: "Gegnerschaft zu unserer Haupt- und Staatssache" allein kann den Vorsatz erzeugen, die geistige Führung zu meu- cheln. Mit der schlichten Einordnung der Tat unter ein paar Para- graphen ist es da nicht getan. Mit dem Verbrecher sitzt auch der F e i n d auf der Anklagebank. Dem Mann mit dem türkischen Paß hat das die Ehre eingebracht, auch als Kronzeuge vor Gericht gefragt zu sein. Der Muselman sollte beweisen helfen, daß sein Terrorismus der des organisier- ten Antichristen ist - daß er als W e r k z e u g d e r R u s s e n gehandelt hat. Da traf es sich erst einmal gut, daß der Mann vom Bosporus über Bulgarien angereist kam. Die demokra- tische Presse, die natürlich für die Wahrheitsfindung immer zu haben ist, verbreitete sich in Leitartikeln und Serien ausführ- lich über die "pista bulgara". Bulgarien gehört zum KGB, welcher hinter Terroristen auf aller Welt steckt, schon gleich hinter denen, die aus dem Nahen Osten kommen. "Ich bin ein Palästinen- ser, ein Genosse" - hat der festgenommene Türke auch gleich bei der ersten Vernehmung auf italienisch gestammelt. Seine Waffe, eine Browning, muß wohl in Bulgarien gekauft worden sein. Als über die dennoch unvermeidbaren Nachforschungen herauskommt, daß unser Kronzeuge schon seit längerem in ganz Europa unterwegs ist, und zwar in Sachen Drogen, galt es eine alternative Theorie zu verwerfen. Nein, von einem Krieg zwischen Heroinmafia und denen, die vom Vatikan aus den Handel mit Volksopium steuern, wollte man nichts wissen. Da sprach sich auch Ali dagegen aus und benannte einen Kontaktmann namens Celenk, der - obwohl auch Türke - in der Sofioter Unterwelt ein und aus geht. Und für seine römi- schen Umweltkontakte gab er einen Antonov an, den er auf einem Bild sichtete, das unmittelbar nach seiner Tat von dem Gewimmel um den Hlg. Vater gemacht worden war. So war wieder alles klar. Blieb noch das blöde Faktum, daß es sich bei Ali auch noch um einen "grauen Wolf" handelte, einen kleinasiatischen Faschisten also, der offen zugibt, für deren organisiertes Verbrechen tätig zu sein. Diese Kleinigkeit ward auch noch bereinigt. Drei Millio- nen Dollar für die Erledigung des Papstes haben die von der rus- sischen Botschaft in Sofia den grauen Wölfen gestiftet. Und der glaubwürdige türkische Geheimdienst hat davon gewußt und ihn ab- sichtlich aus dem Kerker entfliehen lassen, in dem er vor seinem großen Coup wohnte. Dem offiziellen Bulgarien war das alles nicht recht. Doch ihre Proteste schmetterte der Kronzeuge souverän ab - sogar in der Haft sei er von seinen Auftraggebern bedroht worden, ließ der gute Mann die aufgeregten Italiener wissen. Bis ihm einfiel, daß er außer vom halbwegs genesenen Papst im italienischen Knast auch noch anderen Besuch hatte. Nämlich von sauberen Kontaktleuten des italienischen Geheimdienstes und der Mafia. Die haben ihm nahege- legt, seine Aussagen am Bedürfnis nach der "pista bulgara" auszu- richten und ein paar slawische Namen zu nennen. Diese Aussagen über seine früheren Aussagen und ihr Zustandekommen machten sei- nen Freunden bei Gericht aber überhaupt keine Freude. Zum ersten Mal hatte der Türke ernste Probleme - mit seiner Glaubwürdigkeit! So kam es, wie es kommen mußte. Um sich als einer zu präsentie- ren, dem man glauben muß, behauptet der arme Ali jetzt schon seit Wochen, er sei kein bezahlter Killer, sondern Christus persön- lich. Mit dieser erwiesenermaßen falschen Einlassung - Christus war der vor etwa 2000 Jahren gekreuzigte Sohn Gottes - hat er aber keinen Stich machen können. Denn, so fragt sich der juristi- sche Sachverstand messerscharf, wo wäre für Christus ein Motiv gegeben, den Papst zu ermorden? Nein, gegen die wilden Ausflüchte dieses v e r r ü c k t e n Terroristen gilt es die einzig r a t i o n a l e Theorie hochzuhalten, die er von Anfang an selbst stützte. Die Spur führt ein für alle Mal zu den Russen. Weil die stecken hinter sowas im- mer. Und wenn dieser unwürdige Kronzeuge weiterhin Mätzchen macht, wird das Weiße Haus aus Washington in den Zeugenstand ge- rufen. zurück