Quelle: Archiv MG - USA AUSSENPOLITIK - 45 Jahre Weltherrschaft
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GEISELLEBEN NICHT UM JEDEN PREIS
Spätestens als er in Wiesbaden von seinen Landsleuten mit dem
Sprechchor "USA! USA" empfangen wurde, hätte noch der letzte der
52 heimkehrenden Amerikaner merken müssen, worum es während der
444 Tage seiner Gefangenschaft nie und nimmer ging: um sein Le-
ben. Hier stand das Staatsinteresse zur Debatte, und dieses hatte
sich die ganze Zeit über erlaubt, mit seinem Leben zu kalkulie-
ren. Insofern war der "glückliche Ausgang der Geiselaffäre"
zunächst einmal ein glücklicher Ausgang für den amerikanischen
Staat, der auch gleich jedem der Freigekommenen unmißverständlich
klar machte, daß nun - wo die zwischenzeitliche Konkurrenz zwi-
schen der iranischen und der US-Staatsgewalt über die politisch
nützliche Anwendung dieser 52 Leben entschieden war - erst mal
die Staatsbürgerpflicht Vorrang vor individuellen Freiheitsgelü-
sten zu haben hatte. Mit der unverschämten Lüge, man müsse das
"Privatleben" der 52 schützen, begründete der amerikanische Pres-
sesprecher ihre vorläufige Abkapselung, wobei niemandem auffallen
wollte, daß in den so geschützten Zimmern (mit "Telefon, Zimmer-
schmuck und Blumen ausgestattet" - toll!) ganz selbstverständlich
ein reges Kommen und Gehen von CIA und anderen Staatsschutzbeam-
ten herrschte.
Die E h r e d e r N a t i o n hatte es verboten, sie schon
früher freizukaufen, vielmehr mußte in ihrem Namen solange gewar-
tet werden, bis die Iraner weich genug waren, die Geiseln kosten-
los herauszurücken:
"Die USA haben für ihre Diplomaten keineswegs Lösegeld bezahlt;
sie haben vielmehr einen Teil der von Carter zehn Tage nach der
Geiselnahme durch eine Verordnung eingefrorenen i r a n i-
s c h e n Guthaben in den USA in London deponiert, von den
damals auf 12 Milliarden Dollar geschätzten Guthaben wird die Re-
gierung in Teheran im Endeffekt maximal nur ein Viertel einkas-
sieren können." (AP)
Sehr verfehlt wäre es zu behaupten, dem US-Staat sei es dabei um
das Geschäft gegangen - er hat einen politischen Sieg errungen,
der sich auch in der geradezu lächerlichen Schlußsumme ausdrückt.
Für diesen politischen Sieg wären die USA auch sehr wohl bereit
gewesen, bedeutend mehr Geld auszugeben - sie haben ja ohne wei-
teres die Möglichkeit einkalkuliert, mit dem Iran einen Krieg an-
zufangen -, und außerdem haben sie mit dem Geldausgeben für die-
sen politischen Zweck schon längst angefangen: Die Region um den
Iran herum und auch der Iran selbst sind seit einiger Zeit zum
amerikanischen Interessengebiet erklärt, und die für die militä-
rische Aufrüstung und Absicherung dieses Interesses ausgegebenen
Summen stehen in keine Verhältnis zu den berühmten 8 Mrd. Dollar.
Die seit Jesus Christus (30 Silberlinge!) gewälzte Frage, wieviel
ein Menschenleben wert sei, ist somit wieder mal sehr eindeutig
beantwortet worden: gar nichts und alles! Wenn es um die Münze
geht, die im Verkehr zwischen Staaten zählt, nämlich Macht, Dro-
hung, Einfluß, dann hängt der Wert eines Staatsmenschenbürgers
ausschließlich davon ab, was sein Staat davon hält - und mit nor-
malen Vorstellungen übers Geld kommt man da nicht weiter.
Ganz logisch, daß der "Durchbruch in den Verhandlungen" da er-
folgte, wo der noch nicht im Amt befindliche Ronald Reagan an-
kündigte, er werde den iranischen "Barbaren" keinen lumpigen Dol-
lar für das Leben der Geiseln geben. Die Alternative, die er da-
mit aufmachte, war gewaltsame Auseinandersetzung. So waren die
Geiseln 0 Dollar wert einerseits, andererseits aber auch einen
Krieg, in dem ihr Tod fest einkalkuliert war. Dieser Zuspitzung
hatte Präsident Carter vorgearbeitet, indem er die iranischen Po-
litiker mit Wirtschaftsboykott, militärischen Drohungen und Geld-
"Einfrieren" dahin gebracht hatte, aus der Reagan'schen Drohung
den einen Schluß zu ziehen: besser einen Teil des verlorenen
Geldes zurück und sich mit den USA wieder besser gestellt, als
gar nichts. Auch für die Herren Politiker dieses Landes geht es
nämlich um Macht und Ehre ihrer Nation - und diese zwei wert-
vollen Güter stehen zur Zeit vorrangig im Krieg mit dem Irak auf
dem Spiel, da wollen sie weitermachen können:
"Die USA werden dem Iran einen Teil der Waffen-Ersatzteile lie-
fern, die bereits vor der Geiselnahme bestellt und bezahlt wa-
ren." (AP)
"Frieden nicht um jeden Preis" (Haig, Außenminister der USA)
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Für Präsident Reagan ein verheißungsvoller Auftakt, zumal er sich
jetzt in aller Ruhe überlegen kann, ob er die Mullahs weiterhin
als "Terrorregime" behandelt, demgegenüber man Verträge nicht
einzuhalten braucht, oder ob er sie als "Bollwerk gegen die So-
wjetunion" umso mehr mit Waffen ausrüstet. Noch dem letzten Men-
schen auf der Welt ist unmißverständlich mitgeteilt, daß der
"amerikanische Traum", den Reagan in neuem Lichte erstrahlen las-
sen möchte, keine Halbheiten duldet. Es darf keinen Zweifel mehr
geben, daß Amerika die Nr. 1 unter den Staaten ist bzw. die ande-
ren Staaten sich unter die Nr. 1 zu stellen haben. Der Inhalt des
"amerikanischen Traums" ist schlicht und unumwunden die Weltherr-
schaft. Daß es da einen Staat gibt, dem das nicht nur nicht paßt,
sondern der dagegen auch etwas unternimmt, dieser leidige Umstand
hat beseitigt zu werden. Nicht, daß die USA jemals aufgehört hät-
ten, Weltmacht Nr. 1 zu sein, - aber die Tatsache, daß es eine
k o n k u r r i e r e n d e Weltmacht gibt, kann nicht länger
geduldet werden.
Schon vor dem ersten Tag der neuen Präsidentschaft sind alle Ent-
scheidungen gefallen:
- Aufrüstung und noch einmal Aufrüstung, damit "der Krieg wieder
f ü h r b a r wird" d.h. daß man ihn gewinnt und hintenach noch
soviel Staatsvolk beisammen hat, daß es sich ordentlich träumen
läßt.
Die Mitteilung an die Sowjets heißt, daß der Krieg auf der Ta-
gesordnung steht, d.h. daß ab sofort jeder Anlaß als Kriegsgrund
betrachtet werden kann. Also: Afghanistan war das letzte Mal.
Fairerweise sollte festgestellt werden, daß Reagan hier nur in
den Fußstapfen seines Vorgängers steht.
- Den Verbündeten wird an den Karren gefahren; alle Extra-Touren
hören sich auf. Gar nicht überraschend beeilt sich die gesamte
westliche Staatenwelt, ihre treue Gefolgschaft dem neuen Präsi-
denten zu Füßen zu legen und davon zu schwärmen, daß man endlich
wieder wüßte, woran man ist. Also militärische Überlegenheit und
Krieg ist jetzt beschlossene Sache? - Na, Gott sei Dank.
"Berechenbarkeit" nennt das der Helmut Schmidt.
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